Cover-Bild Übung in Gehorsam
Band der Reihe "Quartbuch"
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22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Wagenbach, K
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Seitenzahl: 208
  • Ersterscheinung: 20.03.2025
  • ISBN: 9783803133762
Sarah Bernstein

Übung in Gehorsam

Beatrice Faßbender (Übersetzer)

Eine junge Frau kündigt ihren Job in einer Anwaltskanzlei und zieht zu ihrem Bruder, der von Frau und Kindern verlassen wurde. In dem abgelegenen Dorf in einem nördlichen Land lebten schon die Vorfahren der Familie, es ist ihnen dort nicht gut ergangen. Als jüngstes von zahlreichen Geschwistern scheint es der jungen Frau nichts auszumachen, sich als Haushälterin des Bruders aufzuopfern. Doch nach einer Reise erkrankt er unter ihrer hingebungsvollen Pflege an einer mysteriösen Krankheit.
Von den Dorfbewohnern, deren Sprache sie nicht spricht, wird sie argwöhnisch betrachtet. Rätselhafte, beunruhigende Ereignisse häufen sich: Die Kartoffelernte verfault, eine Sau zerquetscht ihre Ferkel. Ein Gefühl wachsender Bedrohung stellt sich ein. Wer kontrolliert hier wen? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Und wofür?
Sarah Bernstein gilt dank ihres präzisen, geradezu kaltblütigen Stils als eine der aufregendsten und originellsten Stimmen ihrer Generation. »Übung in Gehorsam« ist in einer verstörenden Gegenwart angesiedelt und viel zu lebendig, um sich auf offensichtlichen Botschaften auszuruhen.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.06.2025

Vielschichtig und tiefgreifend

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Sie war das Vorausahnen von Bedürfnissen, durch die Pflege ihrer Geschwister, seit frühester Kindheit gewohnt.

Ich war das jüngste Kind, das jüngste von vielen, mehr als zu erinnern mir lieb ist. ...

Sie war das Vorausahnen von Bedürfnissen, durch die Pflege ihrer Geschwister, seit frühester Kindheit gewohnt.

Ich war das jüngste Kind, das jüngste von vielen, mehr als zu erinnern mir lieb ist. S. 11

Die totale Hingabe an die anderen, allen gerecht zu werden, machte es ihr nötig, sich selbst zu verkleinern und zu verringern.

In ihrem späteren Leben hatte sie keine Verpflichtungen. Das Leben war längst an ihr vorbeigezogen. Sie hatte eine Weile als Journalistin gearbeitet, die Nachrichtenagentur aber dann verlassen müssen, weil der unbefristete Arbeitsvertrag das so vorgab. In diesem kaum Vorhandensein, kaum Wahrgenommenwerden, rief ihr ältester Bruder sie an, um eine Bitte vorzutragen. Er hatte sich kürzlich von seiner Frau, den jugendlichen Kindern und deren wachsenden Forderungen getrennt. Da er sich jetzt inständiger um seine Geschäfte kümmern würde, brauchte er jemanden, der sein Haus betreute. Das großzügige alte Herrenhaus lag im Norden, in dem Städtchen, in dem schon der Großvater gelebt hatte, damals, bevor sich die Dinge zu seinem Nachteil veränderten. Frei jeglicher Verpflichtungen sagte sie zu, ihrem Bruder zu dienen.

Er erzählte ihr von der verheerenden Ehe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Sie hätten zu viel übereinander gewusst und das stillschweigende Gelübde gebrochen, einander nie zu erzählen, welche Scheußlichkeiten man im anderen erblickte. Sie sei heimlich eines Nachts mit den Kindern nach Lugano zu ihrer Familie verschwunden.

Sie verrichtete den Dienstplan ihres Bruders an Frau und Kindern statt und putzte, wusch, kochte, kaufte ein, heizte ein, hackte Holz und pflegte den Garten. An jedem Morgen weckte sie den Bruder mit dem Frühstückstablett, legte ihm die Kleidung heraus, ließ sein Bad ein und während er im Wasser lag, las sie ihm die neuesten politischen Skandale der Kreisstadt vor. Doch schon bald erkrankte der Bruder.

Fazit: Sarah Bernstein hat eine Geschichte von großer Tiefe und Tragweite geschaffen. Ihre Protagonistin, schon ganz früh aufs Kümmern getrimmt, muss sich den kleinen sadistischen Anfeindungen, vor allem des älteren Bruders aussetzen. Der Verlust der Kindheit und der Druck der Verantwortung lässt sie in devoter Unterwürfigkeit verharren. Im Erwachsenenalter hinterlassen mögliche Partner oder Partnerinnen eine tiefe Leere in ihr. Ihrem Bruder zu dienen, von ihm gebraucht zu sein, scheint ihr das sinnvollste. Sie sucht keinen Kontakt zur Dorfgemeinschaft, lernt, obwohl sprachbegabt, deren Sprache nicht. Sie genießt die Einsamkeit der Wälder jede freie Minute. Als sie das Dorf doch aufsuchen muss, um Vorräte zu besorgen, reagieren die Menschen verhalten bis abweisend auf sie. Man bekreuzigt sich, Mütter klappen die Verdecke ihrer Kinderwagen hoch und wenden sich ab. Seit sie in dem Herrenhaus aufgetaucht ist, ereignen sich allerlei Ungereimtheiten. Die Schweinepest, die Vogelgrippe und eine Kartoffelfäule. In ihrer grenzenlosen Unbeholfenheit mahnt sie sich zu mehr Verständnis und Einsicht zugunsten der Dorfbewohner. Bald wird klar, dass die Familie der Protagonistin jüdisch ist, die Dorfbewohner sind Christen. Der Anklang an Vertreibung und Heimatlosigkeit wird zart angedeutet. Die nebulöse Stimmung in der symbolträchtigen Geschichte lässt viel Interpretationsspielraum. Doch ich glaube zwei Deutugsstränge zu erkennen. Zum einen den machtausübenden Bruder und die opferbereite und damit manipulative Schwester, die den Bruder zuerst an unsichtbaren Zügeln führt und später offensichtlich übergriffig bedrängt. Zum anderen die unterdrückte Schwester mit der großen Opfer- ja fast Bußbereitschaft. Ein Leben, das mit so viel Scham und Schuld behaftet ist, wie es die Leben von traumatisierten Menschen oft sind. Außerdem die Feindseligkeit der Dörfler, die die grenzenlose Einsamkeit eines Menschen, der aus guten Gründen andere Menschen meidet, verstärkt. Jemand wird grundlos ausgeschlossen. Sie ordnet sich unter bis zur Unsichtbarkeit. Das klingt schon alles nach einem Jahrhunderte währenden jüdischen Leben, mit allen nicht zu rechtfertigen Konsequenzen von außen. Was für ein gelungenes Buch, das mich so sehr zum Nachdenken inspiriert hat. Toda raba

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Veröffentlicht am 05.04.2025

Ein namenloses Leiden an einem namenlosen Ort - nirgendwo und überall

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Übung in Gehorsam - das ist es, was die Ich-Erzählerin in Sarah Bernsteins Roman seit ihrer frühesten Kindheit erlebt. Als jüngstes Kind unter vielen Geschwistern wird sie von kleinauf zur Befriedigung ...

Übung in Gehorsam - das ist es, was die Ich-Erzählerin in Sarah Bernsteins Roman seit ihrer frühesten Kindheit erlebt. Als jüngstes Kind unter vielen Geschwistern wird sie von kleinauf zur Befriedigung der Bedürfnisse der Älteren herangezogen, eine Abhängigkeit, die sich bis ins Erwachsenenalter zieht, als ihr Bruder sie nach dem Verlassen von Frau und Kindern, bittet bei ihm Einzuziehen, um sich um Haus und Hof zu kümmern. Natürlich kommt die Ich-Erzählerin dem nach und berichtet aus dieser Position heraus von dem neuen Leben, dass sie bei ihrem Bruder, dem Ort der Vertreibung ihrer Vorfahren vorfindet, dabei rekurriert sie auch immer wieder auf die Vergangenheit, ihre eigene und im transgenerationalen Sinne, die ihrer Vorfahren.

Während zunächst die Beziehung zum Bruder in der Erzählung dominiert, verschiebt sich der Fokus im Laufe des Reports der Ich-Erzählerin hin zu nicht weniger als der Geschichte einer jüdischen Identität, die sicher nicht zufällig als weibliche im Roman gewählt ist, in all ihrer Schwere und Traumata - die Ich-Erzählerin und ihr Erleben dabei gleichsam als Symbol für die diversen (auch transgenerationalen) Traumata und auf gesellschaftlicher Ebene der Umgang mit Schuld und Verantwortung, sowie die Persistenz von Antisemitismus bis in die Gegenwart. Die gesellschaftliche Ebene wird dabei durch die Gemeinschaft des Städtchens repräsentiert, die der Ich-Erzählerin mit Skepsis, Vorbehalten bis hin zu offener Ablehnung begegnet. Im Fokus der Erzählung dabei immer das Bestreben der Ich-Erzählerin eine Erklärung, einen Sinn und einen berechtigten Grund in der Ablehnung ihrer Person zu finden.

Der Roman wiegt obgleich der wenigen Seiten unheimlich schwer. Jedes Wort, jede Zeile und jeder Raum dazwischen füllt sich beim Lesen mit Bedeutung, die nicht immer leicht zugänglich ist, es vielleicht auch nicht immer sein soll, gerade um sie in der Varianz der Interpretation noch einmal zu vervielfachen. Die Zugänglichkeit wird zudem durch die zahlreichen, klug konstruierten und platzierten religiösen und religionsgeschichtlichen, soziologischen, philosophischen und sozialpsychologischen Verweise erschwert. Der Text lädt aus meiner Sicht so vielmehr zum Entschlüsseln, statt dem klassischen Lesen ein. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem sprachlich ausgereiften, intelligent konstruierten Roman belohnt, der zum Nachdenken und Wiederlesen einlädt!

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Spannender und anspruchsvoller, allegorischer Roman

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Sarah Bernsteins „Study in Obedience“ stand 2023 auf der Shortlist für den Booker Prize und ist jetzt dank der Übersetzung von Beatrice Faßbender und der Verlegung durch den Wagenbach Verlag auch auf Deutsch ...

Sarah Bernsteins „Study in Obedience“ stand 2023 auf der Shortlist für den Booker Prize und ist jetzt dank der Übersetzung von Beatrice Faßbender und der Verlegung durch den Wagenbach Verlag auch auf Deutsch les- und erfahrbar.

Für mich war dieser sehr allegorische Roman eine große intellektuelle Herausforderung, der ich mich aber gerne aussetzt habe. „Übung in Gehorsam“ war für mich die Art von großer, klassischer Literatur, die beim Lesen Interpretationen und Assoziationen provoziert und auch benötigt.

Der Roman ist durchgängig aus der Ich-Perspektive in Form eines Berichts erzählt. Die Erzählerin ist eine alleinstehende, erwachsene Frau, die zu ihrem Bruder zieht, um ihn zu unterstützen, nachdem er von seiner eigenen Frau verlassen wurde.
Die Erzählerin versorgt ihm den Haushalt und kümmert sich um seine Bedürfnisse, während sie Remote weiter für eine Anwaltskanzlei als Schreibkraft arbeitet.

Bernsteins erzählendes Ich ist gekennzeichnet durch absolute Passivität und dem Fehlen eigener Wünsche.
Die Abwesenheit jeder eigenen Präsenz geht soweit, dass selbst die Sensoren von Schiebetüren sie nicht erfassen. Sie muss warten bis sie mit jemand anderen hindurch huschen kann.

„Sobald ich auf andere Menschen traf, jene, die stets eher die Oberhand gewinnen wollten, offenbarte sich mein Wille zur Ohnmacht, und ich neigte dazu, ehrerbietig zu sein, im Grunde sanftmütig, und den sprichwörtlichen Diener zu machen, bis mir der Rücken brach.“

Immer wieder beschreibt Bernstein die devote Haltung der Ich-Erzählerin, ihren Wunsch, völlig in den Bedürfnissen von anderen aufzugehen. Das Ich beschreibt, wie sie von Kindesalter an von der Gesellschaft und von ihrer Familie zu dieser Haltung geformt wurde. Ich lese hier die Beschreibung, wie die Erzählerin zu der perfekten Frau geformt wurde, die das Ideal unserer binären Geschlechterrollen vorgibt: ohne eigene Bedürfnisse, bescheiden, unsichtbar, dienstbar, fleißig, still, schwach und unterlegen.

Die Erzählerin schreibt von ihrem Wunsch und ihren Anstrengungen, diese Anforderungen zu erfüllen.

Und noch weitere Anstrengungen beherrschen den Alltag der Erzählerin. Um ihren Bruder zu unterstützen ist sie in eine andere Stadt, in ein fremdes Land gezogen, dessen Sprache sie nicht spricht.
Die „Städter“ lehnen sie trotz ihrer Anstrengungen zu Integration ab und grenzen sie aus.


„All diese Anstrengungen, stellte ich tieftraurig fest, waren vergeblich und wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Sie hatten mich nicht eingebürgert; ich blieb außen vor, was ich, wie ich inzwischen begreife, zwangsläufig immer bleiben werde.“

Mir kommen bei diesen Passagen sofort die Anstrengungen der türkischen Gastarbeiter*innen in den Sinn, wie sie beispielsweise Dinçer Güçyeter in „Unser Deutschlandmärchen“ beschreibt. Meine Gedanken zeigen allerdings nur, wie interpretationsoffen der Text von Bernstein ist, denn die weitaus globalere und naheliegendere Parallele ist die des immer wiederkehrenden und in unterschiedlicher Form auftretenden Antisemitismus.
Es finden sich viele Anspielungen darauf, dass das erzählende Ich als jüdisch gelesen werden kann und der Roman sowohl als Blick auf die Vergangenheit als auch Beitrag zum Leben mit jüdischer Identität in der Jetzt-Zeit diskutiert werden kann.

„So vieles ereignete sich auf einer zeitlichen und räumlichen Skala, die länger war als ein Leben, weitläufiger als ein Land, unermesslicher als die Exilgeschichte eines einzelnen Volkes.“

Bernsteins rätselhafter und düster-morbider Roman bietet unglaublich viele Ansaztstellen für eigene Gedanken und Interpretationen, doch ein immer wiederkehrendes Thema, das in der Person der Erzählerin liegt, ist die Frage nach Schuld und Verantwortung, Kontrolle und Macht. Denn auch wenn es so scheint, als wäre Bernsteins Ich ein ausgebeutetes Opfer, so bieten sich gerade am Ende auch komplexere Lesarten an.


„Die eigene Passivität, die eigene Mitschuld, die Grenzen waren nur scheinbar klar gezogen.“

Denn wie auf dem Klappentext steht: „Auch durch Unterwerfung kann Macht und Kontrolle erlangt werden.“


„Wir alle auf dieser ruinierten Erde bewiesen unseren lokalen Schwerkräften gegenüber perfekten Gehorsam, indem wir tagtäglich den Weg des geringsten Widerstands wählten, was zwar vollkommen und nachvollziehbar menschlich, zugleich aber auch das barbarischste, widerwärtigste Vorgehen war. Also, gut zuhören jetzt. Ich bin nicht unbescholten.
Ich habe meinen Teil dazu beigetragen.“

Die „Übung in Gehorsam“ ruft bei mir viele konzentrierte Gedanken hervor und auch jetzt arbeitet dieser zum Schluss hin immer abstrakter und surreal werdende Text noch in mir. Ich mag es sehr, mich tiefgründigeren und, ja, für mich auch anstrengenderen Romanen zu beschäftigen und meine Transferfähigkeit zu schulen. Allerdings weiß ich, dass mein nächster Roman dann wider eine leichtgängigere Lektüre sein wird.

Ich kann dir diesen Roman sehr empfehlen, wenn du bereit für eine kleines literarische Herausforderung bist, die dich auf Pfade jenseits der Autobahnen des Easy-Readings führt!

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Ein vieldeutiges Buch voller schwierig entschlüsselbarer Symbolik

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Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher ...

Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher oder sogar -Preisträger, denen das Kunststück gelungen ist, nicht nur anspruchsvolle Literatur in wunderschöner Sprache zu sein, sondern auch angenehm lesbar und zugänglich. Das kann man von diesem Buch nicht sagen.

Zwar hat das Buch nur um die 150 Seiten und man könnte meinen, es sei schnell gelesen... wer das denkt, täuscht sich aber. Es handelt sich hier um ein hochkomplex konstruiertes Werk voll von geheimnisvoller Symbolik, Metaphern und Hinweisen, die sich bei der ersten Lektüre zumindest ohne umfangreiches Vorwissen nicht so leicht erschließen, sodass es für das tiefere Verständnis dieses Buches auf jeden Fall eine sorgfältige Zweit- (und besser auch Dritt-, Viert- und Fünftlektüre) samt begleitender Konsultation weiterer Fachbücher zu jüdischer und anderer Symbolik, Notieren von unklaren Stellen und Suche nach Zusammenhängen und Diskussion mit anderen braucht.

Dann können sich immer mehr und tiefere Ebenen von dem, was möglicherweise die Aussagen des Buches sein könnten (sicher werden wir es - ohne die Autorin zu befragen - wohl nie wissen, dafür ist das Buch zu mysteriös) erschließen. Aber selbst dann wird wahrscheinlich einiges unklar oder zumindest mehrdeutig bleiben. Das Buch hat in sich eine Tiefe, mit der sich bestens ein semesterlanges, spezialisiertes Uniseminar füllen lassen könnte.

Das hier ist also definitiv kein Buch, das man zur Unterhaltung und Entspannung lesen kann. Und doch bin ich froh, es gelesen zu haben, denn horizonterweiternd, das ist es. Ich mag das Vielschichtige, Mehrdeutige und Mysteriöse durchaus gerne und liebe beispielsweise die geheimnisvoll-lyrische Musik von Leonard Cohen, an die mich dieses Buch erinnert... viele seiner Lieder sind ebenfalls voll von mystischen, religiösen und symbolischen Bezügen, die sich nur bei einem sehr guten Hintergrundwissen vollständig erschließen können, wenn überhaupt. Ähnlich ist es mit diesem Buch hier. Mögen könnten es auch alle, die vielschichtige und nicht eindeutig interpretierbare Kunst schätzen.

Worum geht es nun in diesem Buch? Das ist gar nicht leicht zu sagen. Ich kann ein paar Sätze zur Handlung im Vordergrund schreiben, doch diese stellt offensichtlich nur die Kulisse für ein tiefer liegendes Thema dar. Das Buch ist ausschließlich aus der Perspektive der Ich-Erzählerin erzählt, einer jungen Frau in der heutigen Zeit (das zeigt sich durch viele Bezüge zu moderner Technologie), die ein relativ isoliertes Leben führt und für eine Anwaltskanzlei Sekretariatsarbeiten erledigt.

Als ihr Bruder von Frau und Kindern verlassen wird und nach ihrer Unterstützung ruft, zieht sie bei ihm ein und erledigt nicht nur den Haushalt, sondern kümmert sich auch um die Körperpflege des (zumindest anfangs sehr fitten, vitalen und nicht kranken) Bruders und noch so einiges mehr, in absolutem Gehorsam. Man könnte glauben, dass es im Buch hauptsächlich um die Unterwerfung dieser Frau unter die Herrschaft dieses Bruders geht, so habe ich das aber nicht wahrgenommen. Über weite Strecken ist der Bruder nämlich nicht einmal da und auch sonst wirkte er auf mich weit weniger despotisch als vermutet.

Dahinter ist aber noch ein weiteres Thema, das sich etwa im Umgang mit der Umgebung des Hauses des Bruders und mit den dort lebenden Menschen zeigt. Von diesen ist die Ich-Erzählerin isoliert, sie spricht deren Sprache nicht, kann sie auch - obwohl sonst sprachbegabt und mehrsprachig - nicht lernen, wird von ihnen (zumindest aus ihrer Sicht, eine andere haben wir nicht) gemieden und diese misstrauen ihr. Wir erfahren auch, dass ihre Vorfahren in diesem, einem nördlichen Land, lebten und von dort wohl vertrieben wurden. Viele seltsame Dinge geschehen, z.B. die Begegnung mit einer Frau, von der nicht klar ist, wie sie überhaupt in den Garten des Hauses gekommen ist, die vorwurfsvoll erscheint und eine scheinträchtige Hündin mit sich führt.

Weiters gibt es immer wieder Bezüge zur jüdischen Religion, die klar machen, dass es hier offenbar um eine jüdische Familie geht, der sowohl die Schwester als auch ihr Bruder angehören. Implizit gibt es so einige Hinweise auf den Holocaust und auf die transgenerationalen und kollektiven Traumatisierungen, die sich bis heute und somit auch auf die Ich-Erzählerin auswirken. Es stellen sich Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach der Möglichkeit, sich dieser zu entziehen, nach Zugehörigkeit und Ausgeschlossen-Werden, nach Stigmatisierung, Geschlechterverhältnissen und nach vielem mehr.

Auch nach ausgiebiger Beschäftigung mit diesem Buch über mehrere Wochen vermute ich, dass ich mir maximal 10 Prozent des darin Verborgenen erschlossen habe. Es ist also durchaus eine lohnenswerte Arbeit für Geheimnissuchende, sich damit zu beschäftigen, aber eine, die viel Zeit, Energie, Austausch und die Bereitschaft zu anstrengender symbolischer Entschlüsselungsarbeit braucht. Leseempfehlung also nur für diesen Personenkreis.

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