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Veröffentlicht am 25.03.2025

Eine einfühlsame Entwicklungserzählung

Hunger und Zorn
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Der Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie ...

Der Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie die blauen Samtbänder kaufte, die Isor ausgesucht hatte und sie ihr in die Zöpfe flocht. Isor gibt sich ganz dem Schmerz hin und verwandelt ihn in Traurigkeit, aber auch in der Freude ist sie ganz präsent. Ihre Bewegungen sind linkisch und unbeholfen, sie macht alles auf ihre Weise.

Isor tanzt zur Musik in ihrem Kopf, findet Erfüllung in ihren Bewegungen. Der Tanz ist erst zu Ende, wenn sie auf dem Boden liegt mit einem Lächeln im Gesicht. Sie wollte nie lernen, nicht sprechen, nicht die Namen der Eltern. Nie hat sie sie aus der Wiege heraus angelächelt. Die Ärzte rieten von Schulbesuchen ab. Wenn die Eltern sie zu Hause unterrichteten, bekam sie Wutanfälle, die wie ein Unwetter über sie hereinbrachen.

Der Vater putzt die Fenster des 18. Arrondissements. Die Mutter ist bei der Feuerwehr, deshalb hat der Vater zu Anfang seine Stunden gekürzt und blieb bei Isor. Bis sie zwei war, gab es keine Auffälligkeiten, außer, dass sie unruhig war. Entspannen konnte sie sich erst, wenn sie die Übertragung einer japanischen Hockeymannschaft sah und die hysterischen Kommentatoren und der frenetische Jubel ertönten. Der Vater hatte das durch Zufall entdeckt. Eine erste Untersuchung ergab, dass sie Reize braucht, akustisch, sensorisch, visuell, ganz egal. Es muss Emotionen in ihr hervorrufen, dann beschäftigt sie sich Stunden damit.

Fazit: Wow! Alice Renard hat mich mit ihrem Debüt mitgenommen. Sie zeigt das Innenleben eines Mädchens, das frühkindlichen Autismus entwickelte. Ihre Protagonistin hat wenige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie spricht nicht und meidet Kontakt. Ihrer Überforderung macht sie durch Wut Luft. Die Geschichte ist klug aus Sicht der Eltern erzählt. In einzelnen Abschnitten lässt die Autorin – ähnlich eines Interviews – abwechselnd die Mutter oder den Vater zu Wort kommen. Wobei die Mutter die Eigenarten betont und träumerisch beschönigt und der Vater die mangelnde Leistungsfähigkeit moniert. Interessant ist auch die schulmedizinische Odyssee beschrieben. Alle Spezialisten tun so, als verstünden sie, welche Probleme Isor hat. Tatsächlich aber sind sie nach anfänglicher Euphorie bald ebenso ratlos und resigniert wie die Eltern. Als Isor den alten, einsamen Nachbarn kennenlernt, beginnt eine gegenseitige Akzeptanz und Bewunderung. Er lässt Isor, wie sie ist und freut sich über das, was sie ihm bietet. Durch Beobachten erkennt er, was Isor braucht und gibt es ihr. Für mich ist die Geschichte auch eine klare Ansage an unsere Leistungsgesellschaft über den angemessenen Umgang mit Neurodiversität. Muss man Menschen in eine Norm quetschen, nur weil die „meisten“ so funktionieren oder sollten wir Menschen individueller betrachten und eigene „besondere“ Fähigkeiten fördern oder wenigstens akzeptieren? Eine einfühlsame Entwicklungserzählung mit nicht zu erwartendem Ausgang, die ich sehr genossen habe. Die Geschichte wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Diese Dystopie hat mich geflasht

Schweben
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Sasha und Louis sind auf nächtlicher Patrouille, sie schützen die Grenzen der Siedlung vor möglichen Eindringlingen. Sie haben von weiteren Siedlungen gehört, aber keinen Kontakt. Das Klima war immer heißer ...

Sasha und Louis sind auf nächtlicher Patrouille, sie schützen die Grenzen der Siedlung vor möglichen Eindringlingen. Sie haben von weiteren Siedlungen gehört, aber keinen Kontakt. Das Klima war immer heißer geworden. In den Gegenden, die noch bewohnbar waren, ballten sich die Menschen und es kam zu Kämpfen und Kriegen. Danach organisierte man sich in kleineren Einheiten. Sasha sieht zwei Gestalten abhauen, ein anderer liegt auf dem Boden und blutet. Sasha nimmt ihr Gewehr und lässt den Kolben auf den Kopf des am Boden Liegenden krachen. Louis ist schockiert, doch Sasha redet auf ihn ein. Es sei nötig gewesen, sie habe verhindern müssen, dass der Junge redete, man hätte ihnen seine Verletzungen angehangen und möglicherweise exilliert. Es war ein Spiel unter den Jugendlichen, das sich durchgesetzt hatte, ein Nervenkitzel. Sie verletzten sich an Stellen, die sie verdecken konnten. Bis es aus dem Ruder lief.

Ona muss zu Emma werden, der Ehefrau von Gil, die verschwunden ist. Seit mehr als zehn Jahren nun verwandelt sie sich, nimmt die Identität anderer Frauen an. Bei Ona spielte sie den Mutter-Tochter Konflikt mit, bis die Mutter auf Versöhnung aus war, das war nicht abgesprochen und sie kündigte ihren Vertrag. Nun bleiben ihr noch drei Visitenkarten, von denen sie per se zwei Fälle ausschlägt. Der dritte Klient ist Gil, mit dem sie sich nun verabredet. Sie geht in die Bar, die er ausgewählt hat. Sie erkennt den stattlichen Mann sofort, geht auf ihn zu und als er sie ansieht, wirkt er, als wolle er aufspringen und wegrennen. Zur Zeit hat sie noch keinerlei Ähnlichkeit mit Emma. Sie hatte ja bis gestern Ona gespielt und die war mager und etwas ungepflegt. Sie setzt sich und sie kommen ins Gespräch.

Fazit: Amira Ben Saoud hat eine Dystopie geschaffen und ich muss gestehen, dass das Genre nicht so mein Metier ist, aber diese Geschichte hat mich geflasht. Die Autorin hat ein geschlossenes System kreiert, in dem Menschen nach wenigen, aber bestimmten Regeln leben. Außenkontakte gibt es keine und das Verlassen der Siedlung ist lebensgefährlich. Jugendliche langweilen sich in diesem Regelwerk und kommen auf dumme Ideen. Die Protagonistin verdient ihr Geld, indem sie in die Identität anderer Frauen schlüpft, die von ihren Männern oder Müttern vermisst werden. Die Beziehungen waren konfliktreich und die Beteiligten haben Interesse daran, diese Konflikte weiterzuführen. Die Hauptdarstellerin kann sich nicht an ihren Namen erinnern. Im Laufe der toxischen Beziehung, die sie mit Gil nachspielt, kommen ihr Erinnerungen an ihre eigene Herkunft, die sie verdrängt hatte. Die Atmosphäre zwischen ihr und Gil, aber auch innerhalb der Siedlung verändert sich spürbar wie die Ruhe vor dem Sturm. Manch einer nimmt die Entwicklung eher wahr, doch am Ende merken es alle. Die Autorin erzählt aus Sicht ihrer Protagonistin und wirft sie in eine gespielte Beziehung zu einem kontrollsüchtigen Mann und aus Spiel wird Ernst. Obwohl sie schon einiges erlebt hat und vorerst ziemlich abgebrüht wirkt, schafft es dieser Mann, ihr Angst zu machen. Alles wird zunehmend düsterer und verursacht mir Schnappatmung. Was für eine fesselnde Geschichte, die ich bis zur letzten Seite verschlungen habe.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Exzellente Unterhaltung

Alles, was du wolltest
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Sie frühstücken in der weißen Küche mit den Hochglanzfronten. Hinter Alex die Umzugskartons, vier Stück an der Zahl mehr hat sie nicht, braucht sie auch nicht. Viktoria schlägt vor, dass sie auspackt. ...

Sie frühstücken in der weißen Küche mit den Hochglanzfronten. Hinter Alex die Umzugskartons, vier Stück an der Zahl mehr hat sie nicht, braucht sie auch nicht. Viktoria schlägt vor, dass sie auspackt. Es dauert ihr zu lange, also greift Viktoria zum Messer und lässt es durchs Klebeband gleiten. Ein erster ernüchterter Blick auf die alte grün graue Decke, die Alex Lieblingsschwester ihr genäht hat, zündet ihr die Idee, alles in den Keller zu räumen, aber Alex braucht ihre Sachen um sich. Sie darf sie im Büro unterbringen, in einer eigens für sie erworbenen Kiste, versprochen.

Viktoria schenkt ihr ein Handy zum Einstand, fast so teuer wie ihres. Du bist verrückt, sagt Alex. Sie habe sich schon geschämt, wegen dem alten gammligen, meint Viktoria. Darüber ist Alex sauer, sagt aber nichts. Sie hüpft ein bisschen auf der Stelle und ruft Laute des Entzückens, das mag Viktoria.

Nach einigem Hin und Her und der Suche nach geeigneten Massageräumen für ihre Praxis schlägt Viktoria vor, dass sie ihr Poolhaus nutzt. Nach einigem Hin und Her lässt sich Alex darauf ein. Sie will Viktoria Miete zahlen, aber die will das nicht. Weil Viktoria gut in Innenausstattung ist -geschultes Auge durch ihre Hausverkäufe- richtet sie Alex das Massagestudio ein.

Viktoria lässt alle ihre Bekannten und Freundinnen wissen, dass ihre Geliebte nun Massagen anbietet. Sie hat ihre Webpräsenzfirma involviert, für Alex Außenwirkung zu sorgen. Alex massiert Viktoria, weil die sich steif fühlt und massiert werden möchte. Alex wird scharf, hält sich aber zurück, weil sie nicht den Eindruck vermitteln will, das passiere ihr bei ihren Kundinnen. Als sie zu Viktoria ins Bett kommt, schmollt die. Auf Alex Bohren sagt sie, sie fände es erstaunlich, dass sie nackt vor Alex rumlaufen könne, ohne sie zu erregen. Sie wittert, dass die Beziehung schon zu Anfang am Ende ist.

Fazit: Christina König hat ein Paar erschaffen, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Während Viktoria alles per Herkunft in die Wiege gelegt wurde, muss sich Alex alles selbst erarbeiten. Viktoria möchte sie unterstützen und fühlt sich auch ein bisschen geil dabei. Sie profiliert sich vor Freunden und Bekannten mit ihrer Errungenschaft, die sie wie ein Püppchen in Kleidchen steckt, die Alex nie tragen würde. Viktoria erschafft sich eine Frau ganz nach ihren Vorstellungen und kann sich dabei als Wohltäterin aufspielen. Alex gewöhnt sich an die Fülle, die ihr Leben erleichtert und spielt bis zu einem gewissen Dreh mit. Der Schreibstil ist so authentisch und modern, dass ich bei Alex Gedanken köstlich amüsiert bin. Die ganze Geschichte ist aus Sicht Alex im Präsens geschrieben. Die Autorin hat sich für eine Du-Erzählung entschieden und das macht es noch unterhaltsamer. Es liest sich, als wenn eine Freundin mit mir quatschen würde. Die Charaktere sind wirklich originell. Die ruhige Alex, die ziemlich cool wirkt und gerne erst mal Situationen aussitzt und die alles bestimmende, übergriffige und narzisstische Viktoria. Ein Träumchen. Solche Beziehungsmuster sind übrigens weit verbreitet. Das hat mich exzellent unterhalten. Eine 100 pro Empfehlung von mir.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Ein Denkmal für alle Frauen dieser Zeit

Schwebende Lasten
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Seit die Mutter tot ist, wächst Hanna Krause mit ihrer Schwester Liese bei ihrer halben Schwester Rose auf. Rose und die andere halbe Schwester Magarete sind deutlich älter. Deren Vater ist schon lange ...

Seit die Mutter tot ist, wächst Hanna Krause mit ihrer Schwester Liese bei ihrer halben Schwester Rose auf. Rose und die andere halbe Schwester Magarete sind deutlich älter. Deren Vater ist schon lange verstorben. Die Mutter hat dann wieder geheiratet, aber der Mann, den alle hinter vorgehaltener Hand Polacke nennen, ist zeitnah abgehauen. Auch Liesa und Hanna wurden von den Nachbarskindern Polackinnen gerufen und durften nicht mitspielen. Hanna kann sich kaum an die Mutter erinnern, sie war erst vier, als sie zu Boden stürzte und nicht wieder aufstand.

Die Magarete hat als Dienstmädchen bei dem Sauerkrautmogul gearbeitet. Der einzige Sohn Heinrich, heiratete sie dann. Weil Magarete kinderlos blieb, begann sie ein Verhältnis mit ihrem Gynäkologen. Die Rose hat einen Blumenladen gleich neben der Entbindungsstation, das ist wie ein Fünfer im Lotto. Hanna kümmert sich um Hund Harald, den sie Gurke nennt, der Kinderersatz für Rose und Walter, den findigen Herrenausstatter.

Hanna lernte Karl kennen, als sie Magarete in Magdeburg besuchte. Er war Versicherungsvertreter, führte Hanna zum Tanzen aus und machte schöne Augen. Zurück in Roses Blumenladen riet die ihr von Karl ab, aber der ließ nicht locker. Hanna wurde Mutter eines Jungen und heiratete Karl. 1933 eröffnete sie im Knattergebirge einen kleinen Blumenladen. Die Nachbarschaft bestand aus Luden und Dieben. Karl verlor seine Arbeit und wurde ihr Gehilfe, obwohl sie ihn nie so genannt hätte. Sie hatte im Garten von Karls Eltern Schnittblumen für ihre Sträuße gepflanzt und die holte Karl ihr bei Bedarf.

Fazit: Annett Gröschner erzählt das Leben ihrer Protagonistin und ich lausche ihr, als würde sie aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin mitten drin in Hannas Leben und in meinem Kopf entsteht eine Bilderflut. Ich stelle mir vor, dass Hanna eine Frau von so vielen ist, die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal teilen. Der erste Weltkrieg, der den Frauen Männer und Söhne entriss, der zweite Weltkrieg, der mit enormer Zerstörungswut ausgetragen wurde und ganze Städte zerstörte, wie selbstverständlich, mit Phosphatbomben, Luftminen und Sprengbomben. Dazwischen ein wenig leben in einer Zeit kurz nach der Industrialisierung und Ausbeutung der Arbeiter. Wie Hanna versuchte etwas auf die Beine zu stellen, um ihre Familie zu versorgen, alles verlor und wieder von vorne begann. Wie sie ihre Mädchen vor den alliierten Soldaten schützte und sich mit ihrem trinkenden Mann arrangierte. Sie schluckte ihre, durch Verluste entstandenen Traumen hinunter und erfand sich neu. Die Autorin hat mit dieser Geschichte allen Frauen dieser Zeiten ein Denkmal gesetzt. Was mich nach dem Lesen tief bewegte, war, wie Hanna ihr Leben lang kämpfte und stets das Beste draus machte und am Ende geht sie, verschwindet, als hätte es sie nie gegeben. Was für ein würdiges Zeitzeugnis! Mögen wir diese Frauen (meine und eure Omas) nicht vergessen und sie für ihre Kraft in Ehren halten. Leute, lest es.

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Wie Begehren geweckt wird

Die Verdorbenen
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Johann studiert in den 70er-Jahren Germanistik in Marburg an der Lahn. Von den dreihundert Mark seiner Eltern muss er das Zimmer zahlen und sich verpflegen. Doch dann kündigt sein Vater bei der örtlichen ...

Johann studiert in den 70er-Jahren Germanistik in Marburg an der Lahn. Von den dreihundert Mark seiner Eltern muss er das Zimmer zahlen und sich verpflegen. Doch dann kündigt sein Vater bei der örtlichen Redaktion und der Sohn ist auf sich allein gestellt. Ihr Verhältnis war bis dahin angestrengt, denn sie überboten sich im Besserwissen. Seine Mutter, die promovierte Literaturwissenschaftlerin, die nie gelehrt hatte, kam ursprünglich aus England. Johann bewirbt sich als Tutor, um die neuen Studenten einzuführen und verdient sich damit mehr dazu als er braucht. Sein Vater hatte ihn, als er sechs war, einmal gefragt, was sein Wunsch für ein ganzes Leben sei. Darüber musste Johann erst gründlich nachdenken und sie vertagten das Gespräch auf den nächsten Morgen. Johann blieb seinem Vater die Antwort schuldig, denn er würde in seinem Leben einmal einen Mann töten wollen, aber das konnte er seinem Vater ja nicht sagen und der fragte gott sei Dank auch nicht mehr danach. Seine Mutter traute ihm wenig zu, außer vielleicht ein guter Mensch zu werden.

Am Wochenende des Semesterendes war er mit seinen Studenten aufs Land, in ein Heim der Universität, gefahren. Ein Paar war dabei, das erzählte, schon seit der Volksschule zusammen zu sein. Er hieß Tommi, war dünn und groß und narbig im Gesicht, sprach sanft und leise. Sie gehörten einander, deshalb fanden sie innerhalb der Gruppe nicht recht ihren Platz, blieben außerhalb der Dynamik. Johann spazierte mit Tommis Christiane um den See, sie wäre ihm nicht groß aufgefallen. Sie sprachen über Belangloses.

Die Woche darauf bat das Paar ihn etwas mit ihnen trinken zu gehen. Nachdem sie einen Platz gefunden hatten, schwiegen sie lange. Dann sagte Christiane spontan, dass sie zu Johann ziehen werde. Er wohnte in einer Vierer WG und verstand nicht, was sie ihm damit sagen wollte. Als sie nach draußen gingen, war Johann kurz mit ihr allein und hakte nach. Sie werde sich von Tommi trennen und mit ihm zusammen sein. Johann sagte ihr, dass er das nicht wolle. Sie drehte sich um und rannte weg.

Fazit: Was für ein sonderbarer Anfang einer Geschichte, die sehr genau austariert ist. Michael Köhlmeier hat einen recht wankelmütigen Protagonisten geschaffen. Seit er von der augenscheinlichen Verliebtheit Christianes erfahren hat, lässt er seine Gedanken immer wieder um die Möglichkeit kreisen, eine Frau an seiner Seite zu wissen, obwohl er zuvor nie das Bedürfnis nach Zweisamkeit verspürte und Christiane auch nicht attraktiv findet. Die Aussicht auf eine Partnerschaft und auch darauf Tommi die Frau zu nehmen, beginnt ihn zu beherrschen. Der Autor zeigt, wie Begehren geweckt wird. Im Immergleichen jedoch wird die Gier fad und muss neu angefacht werden. Die Gratwanderung zwischen Neugier und Lust kann bald die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten und mehr als unangenehm werden. Ich mag die Schreibweise des Autors, die abstrusen Charaktere. Von mir eine Leseempfehlung für diesen Klassiker.

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