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Nell_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.03.2026

Auf dem Gedankenstrom

Grüne Welle
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Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert ...

Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert war und aus dem sie nun ausbrechen will, weg vor allem von ihrem Ehemann. Und so fährt sich immer weiter.
Esther Schüttpelzs „Grüne Welle“ rauscht im Gedankenstrom durch die 24 Stunden andauernde Flucht der Protagonistin und so manche Überraschung sitzt auf dem Beifahrersitz, wie man es bei einem Roadtrip erwartet. So tauchen zwei junge Frauen auf, und ein Reh spielt eine Rolle. Doch nicht nur „die Frau“ kommt zu Wort, sondern auch ihre beste Freundin, die ihr Verschwinden sogleich als Flucht erkennt, sie dafür feiert und eine weitere Perspektive eröffnet.
Durch den Gedankenstrom, den man wohl entweder liebt oder hasst, kommt der Roman unaufgeregt daher, was die Flucht und dessen Auslöser aber mitnichten schmälert. Viele kluge Gedanken werden verdichtet und rauschen gleichzeitig an einem vorbei, über das Leben, Feminismus und wie es so weit kommen konnte mit der Protagonistin.
Sprachlich ist es solide und eine wunderbare Abwechslung in der Literatur, auf die man sich allerdings einlassen muss. Wenn man es tut, bekommt man eine Woolfsche Erfahrung moderner Art. Außerdem kann ich mir diesen kurzweiligen, klugen Roman wunderbar als Film vorstellen, mit seinen absurden, manchmal sogar komischen Facetten. Er hat einen ganz besonderen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Veröffentlicht am 13.03.2026

Unzähmbare Wut

Gelbe Monster
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Charlie wird von ihrer besten Freundin Ella zum Antiaggressionstraining gezwungen, dabei ist sie doch das Opfer, äußerlich mit lädiertem Gesicht und gebrochenem Arm, aber auch innerlich. Was kann sie dafür, ...

Charlie wird von ihrer besten Freundin Ella zum Antiaggressionstraining gezwungen, dabei ist sie doch das Opfer, äußerlich mit lädiertem Gesicht und gebrochenem Arm, aber auch innerlich. Was kann sie dafür, dass ihr Ex Valentin sie so behandelt hat?
"Gelbe Monster" von Clara Leinemann ist wie ein Autounfall, von dem man nicht wegschauen kann. Es ist grausam und faszinierend und schmerzhaft und ich wollte nicht aufhören zu lesen. Ich musste wissen, wie Charlie so wütend wurde, was Valentin gemacht hat und später, wie es weiter und weiter eskalieren konnte, ohne die Möglichkeit sich dieser ungesunden Beziehung zu entziehen. Der Roman entwickelt einen ganz speziellen Sog, der mit der Protagonistin Charlie zusammenhängt, die mich manchmal nervte, mir manchmal leid tat und die ich doch auch verstehen konnte. Denn viele ihrer Gefühle hat wohl jede*r schon mal durchlebt. Clara Leinemann beherrscht es meisterlich zwischen den beiden Zeitebenen hin und her zu springen und so die Spannung immer weiter zu steigern.
Sprachlich ist es solide. Stilistisch hat es mich zwar nicht von den Socken gerissen, aber das hätte auch nicht gepasst, denn das Augenmerk liegt auf der Geschichte selbst und literarische Extravaganz hätte die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abgelenkt. Trotzdem ist es handwerklich sehr gut geschrieben und gerade als Debüt beeindruckend, auch wenn Clara Leinemann den nötigen Background mit ihrem Studium in Hildesheim und weitreichende Erfahrungen hat.
Und nun warte ich darauf, dass der Roman auf die Bühne kommt, oder verfilmt wird, denn das bietet sich geradezu an.

Veröffentlicht am 09.03.2026

Das Debüt einer großartigen Autorin

Prep
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Lee wollte unbedingt nach Ault, einem Elite-Internat nahe Boston. Zwischen den Reichen und Verwöhnten, fühlt sie sich mit ihrem Stipendium alles andere als wohl und schwimmt unter dem Radar, beobachtet ...

Lee wollte unbedingt nach Ault, einem Elite-Internat nahe Boston. Zwischen den Reichen und Verwöhnten, fühlt sie sich mit ihrem Stipendium alles andere als wohl und schwimmt unter dem Radar, beobachtet und urteilt. Erst als sie Martha kennenlernt, wird es besser, doch die Sehnsucht endlich gesehen zu werden, verschwindet nie.
„Prep“ ist Curtis Sittenfelds Debüt und da ich „Romantic Comedy“ so mochte, hatte ich gewisse Erwartungen, doch dieser Roman ist anders. Es ist eher ein Porträt einer Außenseiterin, weniger Plotdriven und eher beobachtend. Absurde Begebenheiten gibt es trotzdem, was bei dem Schauplatz nicht überraschend ist.
Anfangs fiel es mir schwer, in den Roman zu finden, der mit seinen fast 600 Seiten ziemlich umfangreich ist. Längen kommen da zwangsläufig, aber Lee, mit der sich wahrscheinlich jeder junge Mensch identifizieren kann, hat mich immer wieder abgeholt, vor allem mit ihrer Schwärmerei für Cross. Ich hab oft mitgefühlt, manchmal auch scharf die Luft eingezogen.
Sprachlich hat es mich nicht umgehauen, aber die Dialoge, die zwar nicht so perfekt wie in „Romantic Comedy“ waren, ließen bereits Tendenzen auf Curtis Sittenfelds späteres Schaffen erahnen.
„Prep“ zeigt ihren Ursprung und der Roman ist trotz mancher Schwäche ein Ausblick, was in der Autorin steckt. Es ist spannend, zu sehen, wie sie sich entwickelt hat, und bestärkt mich darin, noch mehr von ihr zu lesen.

Veröffentlicht am 28.02.2026

Ein Weg aus der Trauer

Grünes Licht
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Gesa existiert nur noch, seitdem sie ihren Mann plötzlich verloren hat. Erst die Freundschaft zur 50 Jahre älteren Therese lässt sie wieder Mut fassen. Therese wird nicht nur zu Gesas Lebensmittelpunkt, ...

Gesa existiert nur noch, seitdem sie ihren Mann plötzlich verloren hat. Erst die Freundschaft zur 50 Jahre älteren Therese lässt sie wieder Mut fassen. Therese wird nicht nur zu Gesas Lebensmittelpunkt, sondern schenkt ihr auch das Tagebuchschreiben. Als dann ihr Tagebuch verschwindet und Therese immer schwächer wird, droht Gesas Leben erneut auseinanderzubrechen.
„Grünes Licht“ von Corina Minzlaff kann ich nicht objektiv bewerten. Ich kenne diese beeindruckende Autorin und durfte sie auf ihrem Weg zum fertigen Roman und der Verlagssuche begleiten. Es ist also nicht verwunderlich, dass „Grünes Licht“ sofort den Weg in mein Herzen gefunden hat. Er vermittelt nicht nur die große Liebe und den Nutzen des Tagebuchschreibens, welches in meinem Leben ebenso einen Fixpunkt bildet, sondern zeigt auch einen Weg heraus aus der Trauer, die einen zu zerreißen droht und den Wert von Freundschaften, so ungewöhnlich diese sein mögen. Und gerade die Tagebucheinträge ließen mich oft schlucken, weil sie so direkt, pur und schmerzhaft waren. Trotzdem verliert Gesa die Hoffnung nicht und wenn, dann nur kurz, obwohl sie es wirklich nicht leicht hat.
Neben dem Thema Trauer und dessen Bewältigung spielt das Pflegesystem in Deutschland eine zentrale Rolle. Etwas, was wir oft von uns wegschieben. Auch das packt Corina Minzlaff behutsam und eindrücklich an.
Ein Roman der Hoffnung schenkt, und Mut für all jene die gerade am Hadern und Verzweifeln sind.

Veröffentlicht am 27.02.2026

Absolute Empfehlung

Kala
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Kinlough an der Westküste Irlands ist im Sommer ein Touristenhotspot. Die Menschen, die dort leben, sehen das anders, vor allem diejenigen, die dort aufwachsen. 2003 bilden Helen, Aoife, Mush, Joe und ...

Kinlough an der Westküste Irlands ist im Sommer ein Touristenhotspot. Die Menschen, die dort leben, sehen das anders, vor allem diejenigen, die dort aufwachsen. 2003 bilden Helen, Aoife, Mush, Joe und Aiden, um Kala herum eine eingeschworene Clique. Bis Kala verschwindet und alles auseinanderbricht. Als Helen und Joe 15 Jahre später zurückkehren und menschliche Überreste gefunden werden, knallt die Vergangenheit auf die Gegenwart.
Mit „Kala“ hat Colin Walsh ein auf vielen Ebenen faszinierendes Debüt abgeliefert, was meiner Meinung nach zu Recht hochgelobt wird. Er hat geschafft Plot und literarische Extravaganz zu verbinden, ohne das eines von beidem ins Hintertreffen gerät und das ist nicht das einzig bemerkenswerte. Er verleiht den drei Perspektiven Helen, Joe und Mush ganz eigene Erzählstimmen, springt gekonnt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und hält konstant die Spannung hoch. Cliffhanger setzt er gezielt ein und gibt uns nicht nur Einblick in die drei Protagonisten, sondern durch ihre Perspektiven auch auf alle anderen Beteiligten. Dabei zeichnet er lebensnahe und vielschichtige Charaktere, die man hassen oder lieben kann, manchmal sogar beides. Er taucht ein in die Jugend der 2000, die er gekonnt ins Bild setzt, aber auch in die Gegenwart und wie ein erschütterndes Ereignis das Leben und Sein von Menschen färben kann.
Durch Kalas Verschwinden kann man nicht anders als Mitzurätseln, aber auch das rutscht manchmal hinter die Psychologie der Figuren, was ich wahnsinnig interessant finde. Gekrönt wird das Ganze durch eine Sprache, die anschaulich, bildhaft und immer zur jeweiligen Erzählstimme passt, was mich wohl am meisten beeindruckt hat, auch wenn ich bei Joe erst hineinfinden musste.
Und so gut der Roman ist, so schmerzhaft ist er. Weil guten Menschen, unschuldigen Menschen, Schlimmes widerfährt, obwohl sie alles richtig zu machen scheinen.
Eine absolute Empfehlung.