Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.10.2025

Wie im Rausch

Alles ganz schlimm
0

Susanne dreht sich in ihrem Leben nur um sich selbst und alles ist immer ganz schlimm. Ihre Kindheit ist schwierig, ihr Vater, ihr Bruder, ihre Freundinnen, ihre Beziehungen - alles verlangt zu viel von ...

Susanne dreht sich in ihrem Leben nur um sich selbst und alles ist immer ganz schlimm. Ihre Kindheit ist schwierig, ihr Vater, ihr Bruder, ihre Freundinnen, ihre Beziehungen - alles verlangt zu viel von ihr. Und dann stiehlt die immer lügende Stella auch noch einen Text über eine prägende Zeit Susannes und gibt ihn als ihren aus. Alle glauben Stella, niemand Susanne und plötzlich steht sie allein da. Das bringt das Fass zum überlaufen.
„Alles ganz schlimm“ von Julia Pustet ist ein herausfordernder Roman und eine Lektüre, die viel verlangt. Als Erstes volle Konzentration und Aufmerksamkeit. Susannes Leben wird sehr verdichtet geschildert, sodass man regelrecht in einen Rausch gerät. Dabei verliert man sich aber mitnichten in der Sprache, dafür sind die Themen viel zu wichtig und schwerwiegen: Feminismus allem voran, aber auch Freundschaft und Familie; wie Traumata diese Beziehungen beeinflussen und wie sehr sie einen prägen.
Susanne als Protagonistin war mir nicht sympathisch, zu sehr kreiste sie um sich selbst. Oft habe ich ihr Verhalten nicht nachvollziehen, doch durchaus ihre Verzweiflung und den Schmerz nachfühlen können, den der Verlust ihrer eigenen Glaubwürdigkeit mit sich brachte. Manches war so schmerzhaft, dass ich in Etappen lesen musste.
Aber am meisten beeindruckt hat mich tatsächlich das sprachliche Talent von Julia Pustet. Ihre Direktheit, die Dichte, die präzisen Beobachtungen, die sie in passende Worte kleidet. Da kann man die ein oder andere Länge leicht verzeihen.
Nach dem Debüt bin ich gespannt, was noch folgen wird.

Veröffentlicht am 01.09.2025

Nicht aus der Haut

Gym
0

Das Gym wirkt wie der perfekte Arbeitsplatz für die Protagonistin. Kein Leistungsdruck, feministischer Chef, nette Kolleginnen, wäre da nicht die kleine Notlüge, dass sie gerade entbunden und deswegen ...

Das Gym wirkt wie der perfekte Arbeitsplatz für die Protagonistin. Kein Leistungsdruck, feministischer Chef, nette Kolleginnen, wäre da nicht die kleine Notlüge, dass sie gerade entbunden und deswegen noch nicht ihren Body zurück hat. Schon bald rutscht sie in alte Muster und verliert sich zusehends in einer neuen Obsession, aber mit dem altbekannten Ehrgeiz.
„Gym“ von Verena Kessler ist eine psychologische Studie, verpackt in einen Roman, der unfassbar unterhaltend ist. Dass etwas mit der Protagonistin nicht stimmt, wird schnell klar, immer wieder fallen in Nebensätzen kleinen Anspielungen, die stutzig machen. Immer wieder windet sie sich gekonnt aus Situationen, die durch ihre Notlüge mit dem Baby, das sie ausgerechnet Ferhat wie ihren Chef genannt hat, entstanden sind. Sie scheint Spaß daran zu haben, die Menschen um sich an der Nase herumzuführen, als sei es ein Spiel. Bis es das plötzlich nicht mehr ist und ihr Körper und das Training in den Fokus rutschen. Etwas, was sie zwar meint zu kontrollieren, sich aber schon längst verselbstständigt hat.
Wie Verena Kessler es schafft, so viel in die kurzen Kapitel und knappen Dialoge zu packen, ist bemerkenswert. Mühelos lässt sie die namenlose Erzählerin vor dem inneren Auge entstehen und eine Verbindung zur Leserschaft knüpfen. Ich selbst hätte oft anders gehandelt, das machte aber ihr Verhalten nicht unplausibler. Und dass ihre Obsession irgendwann die Grenzen der Legalität sprengt, ist anfangs vielleicht nicht absehbar, doch nach dem ersten Teil wartete ich nur darauf, denn es war klar, dass das Ende knallen wird.
Verena Kessler ist eine großartige Erzählerin, die jeden noch so alltäglichen Ort in eine besondere Bühne verwandelt und darauf eine Protagonistin platziert, die sich nicht mehr ihrer Rolle verschreiben könnte.
Ein Buch, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Veröffentlicht am 27.08.2025

Vergangenheit und Gegenwart

Adlergestell
0

Kurz nach der Wiedervereinigung wird die Erzählerin eingeschult und nicht neben hre Freundin Lenka, sondern neben Charline gesetzt, was das Duo automatisch zu einem Trio macht. Zwischen Aufbruch, Hausaufgaben ...

Kurz nach der Wiedervereinigung wird die Erzählerin eingeschult und nicht neben hre Freundin Lenka, sondern neben Charline gesetzt, was das Duo automatisch zu einem Trio macht. Zwischen Aufbruch, Hausaufgaben und Autobahndröhnen des nahen Adlergestells reizen sie die Grenzen der Freiheit aus.
„Adlergestell“ von Laura Laabs inhaltlich zusammenzufassen ist schwer. Es geht um die Vergangenheit, die nahe, aber auch ferne, und es geht um die Gegenwart; vor allem geht es um die vielen verschiedenen Leben, die sich in einer Reihenhaussiedlung bündeln. Es geht ums Kämpfen, ums Rebellieren, und um Freiheit.
Dabei folgen wir nicht nur dem Mädchentrio, sondern auch der erwachsenen Erzählerin. Außerdem kommen ausgewählte Bewohnerinnen der Siedlung zu Wort, unterbrochen von nostalgischer Fernsehwerbung. Das alles schafft eine ganz eigentümliche Stimmung, auf die man sich einlassen muss, was ich sehr gern getan habe. Und da ist eine Ahnung, dass da noch was kommen wird.
Laura Laabs verpasst nicht nur der Erzählerin ihre Eigenarten, auch Lenka und Charline stehen im Mittelpunkt, sowie die Dynamik der Freundinnen, die immer verehrende Ausmaße annimmt. Mit den anderen Figuren, die auch wenn sie nur kurz durchs Bild huschen, genug Fleisch bekommen, um im Gedächtnis zu bleiben, bindet sich ein bunter Strauß an besonderen Charakteren.
Verpackt ist es in eine grandiose Sprache, in Wortkombinationen, die mich aufhorchen ließen; Beobachtungen, die mich in meine Kindheit zurückversetzt haben. Man merkt, dass Laura Laabs vom Film kommt. Sie setzt optische Akzente und weiß, wie sie die Leserschaft bei Laune hält. Manchmal sah ich nur mit halbem Auge hin, wollte eigentlich nicht wissen, was für ein Abgrund sich da wieder im Bürgerlichen auftut. Sie beschönigt nichts, reißt aus der realen Welt, was sie zu packen bekommt und stopft es in den Roman, was es unglaublich authentisch macht und die Gegenwartsszenen an den Puls der Zeit setzt.
Ein Fundstück, dass unbedingt mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte.

Veröffentlicht am 17.08.2025

Wieder abgeliefert

Junge Frau mit Katze
0

Ela, aus "Lügen über meine Mutter" ist zurück. Für die inzwischen Frau, die frisch ihre Doktorarbeit abgeben hat, startet eine Odysse. Es beginnt mit Halsschmerzen und Ela verliert nun gänzlich das angeknackste ...

Ela, aus "Lügen über meine Mutter" ist zurück. Für die inzwischen Frau, die frisch ihre Doktorarbeit abgeben hat, startet eine Odysse. Es beginnt mit Halsschmerzen und Ela verliert nun gänzlich das angeknackste Vertrauen in ihren Körper. Außerdem kann sie es sich gar nicht erlauben, krank zu sein. Sie muss bald ihre Doktorarbeit verteidigen, durch Umstände Japanisch lernen, arbeiten. Über allem schwebt ihre Mutter, wie ein schwarzer Schatten.
Natürlich musste ich "Junge Frau mit Katze" von Daniela Dröscher lesen, nachdem mir der Vorgänger so gut gefallen hat und schon mal vor weg: man kann diesen Roman auch unabhängig lesen oder zu erst. Wie damals bin ich wieder begeistert.
Sprachlich, stilisitisch ist es wieder grandios. Ich liebe Danila Dröschers Art zu schreiben, nahbar, ehrlich, authentisch, komplex, aber gleichzeitig leicht und mit Witz. Das ist auch wieder so, allerdings begrenzt auf Ela, ihren Körper und vor allem auf ihre rätselhaften Krankheiten. Mitunter wurde das herausfordernd.
Ausgesprochen gut gefallen hat mir die Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, in die ein kranker Körper einfach nicht reinpasst. Es verdeutlicht, wie wichtig unserer Gesundheit ist und das Vertrauen in diese. Denn Ela hadert sehr, als das Misstrauen in die Medizin, die ihr nicht helfen kann, Überhand nimmt.
Die Mutter spielt augenscheinlich eine untergeordnete Rolle zu spielen, lauert aber immer im Hintergrund, mit ihrem eigenen Verhalten, das auf die Tochter abgefärbt hat und nicht einfach abzulegen ist. Ein wenig schimmert die Studie über Mutter-Tochterbeziehungen durch, allerdings ganz subtil.
Auch die schriftstellerischen Exkurse haben mir super gefallen.
Es ist also anders als "Die Lügen über meine Mutter", Hypohonder sollten es vielleicht mit vorsicht genießen, aber Daniela Dröscher Fans werden auf ihre Kosten kommen.
Nun ist natürlich klar, welches Buch von ihr als nächstes dran ist, nämlich das neu aufgelegte "Der falsche Japaner".

Veröffentlicht am 09.08.2025

Leider nicht meins

Onigiri
1

Aki möchte mit ihrer Mutter, die an Demenz erkrankt ist, nach Japan reisen.
So steht es im Klappentext von Onigiri von Yoku Kuhn. Da ich nur bis Seite 71 gekommen bin und dann etwas entnervt abgebrochen ...

Aki möchte mit ihrer Mutter, die an Demenz erkrankt ist, nach Japan reisen.
So steht es im Klappentext von Onigiri von Yoku Kuhn. Da ich nur bis Seite 71 gekommen bin und dann etwas entnervt abgebrochen haben, kann ich nicht sagen, wie die Reise verlaufen ist. Bis dahin war es eine schier endlose Aneinanderreihung von Erinnerungen und Beobachtungen von Aki, die meist völlig unzusammenhängend wirkten und die Reise hat noch nicht begonnen. Dies scheint auch der rote Faden zu sein, nur leider nicht eingebettet in einen Plot, der durchaus gegeben wäre, nämlich die Reise nach Japan, in die Vergangenheit der Mutter. Zunächst geht es nur um Aki und wie sie ihre Kindheit in Deutschland verbracht hat. Mal bei ihrer alleinerziehenden Mutter, mal bei ihren deutschen Großeltern. Irgendwann kommen auch Vater und Bruder vor, aber alles sprunghaft, oft gegenüberstellend, à la arm gegen wohlhabend. Gerade dieses hin und her Gehopse, fand ich sehr anstrengend und es hat mich nicht in die Geschichte finden lassen, sondern dazu verführt Passagen schon früh querzulesen.
Mit diesen 71 Seiten habe ich mehr als ein Drittel gelesen und da sollte, meiner Meinung nach, schon mehr passiert sein. Ich verstehe, dass man ein Setting entwerfen und eine Atmosphäre schaffen möchte, aber das kann man durchaus im Voranschreiten der Geschichte, aber vielleicht habe ich auch das Konzept des Romans nicht verstanden, oder es war einfach nicht meins.
Mich sprechen durchaus unaufgeregte Romane an, dann muss es aber sprachlich, also stilistisch abliefern. Doch auch hier hat es mich nicht beeindruckt. Es wirkt wie ein nüchterner, sehr detailreicher Bericht, der keine Emotionen bei mir weckte.
Ich finde es schade, dass der Roman mich nicht abholen konnte. Vielleicht habe ich auch was anderes erwartet. Als Migrantenkind spiegelt es in mancherlei Hinsicht meine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen wider; Japan und dessen Literatur habe ich in den letzten Jahren liebe gelernt, aber „Onigiri“ hat mich leider enttäuscht.