Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2025

Jahreshighlight

Bestie
2

Um bei Content Creatorin Anouk einzuziehen, wird Delia zu Lilly. Doch das alte Leben abzustreifen, ist nicht so leicht wie gedacht. Immer wieder rutscht sie ab und fällt in alte Unsicherheiten zurück, ...

Um bei Content Creatorin Anouk einzuziehen, wird Delia zu Lilly. Doch das alte Leben abzustreifen, ist nicht so leicht wie gedacht. Immer wieder rutscht sie ab und fällt in alte Unsicherheiten zurück, fühlt sie neben der perfekten Anouk erst recht minderwertig. Dass Anouks Leben nicht so schillernd ist, ahnt niemand, zu gut kann Anouk das verbergen, auch wenn das einen hohen Preis hat.
„Bestie“ von Joana June gehört definitiv zu meinen Jahreshighlights! Von Seite Eins hat mich ihr Debüt in den Bann gezogen. Nicht nur ist es sprachlich herausragend - so viele tolle Bilder und kluge Sätze habe ich mir angestrichen. Es ist auch szenisch, atmosphärisch und ich bin komplett ein- und erst mit dem Zuklappen des Buches wieder aufgetaucht. Selten habe ich eine so extreme Sogwirkung erlebt.
Das liegt vor allem an den beiden Protagonistinnen. Delia, die sich als Lilly neu erfinden will, schwankt auf ihrem wackeligen Lügenkonstrukt. Anouk hingegen hält sich selbst und ihre Außenwirkung im eisernen Griff. Beide sind so unterschiedlich und doch gleichermaßen verloren; mit beiden konnte ich mich in gewisser Weise identifizieren, auch wenn sie jünger sind als ich.
Und als wenn das noch nicht für ein grandioses Leseerlebnis ausreichen würde, enttarnt Joana June den Glanz von Social Media, ehrt Theater und Literatur und das Schreiben an sich, stellt Frauen in den Vordergrund, ohne ganz auf Männer zu verzichten, und finden gerade da eine wunderbare Balance.
Ich wollte diese Romanwelt nicht verlassen. Zu sehr sind Delia/Lilly und Anouk mir ans Herz gewachsen und für mich hätte es auch noch weitergehen können, denn das Ende kam nicht plötzlich, aber schnell. Zwar wurden alle wichtigen Fragen beantwortet, manche Ebenen hätten jedoch noch weitererzählt werden können (und das von einer, die offene Enden liebt).
Aber so hat Joana June hoffentlich bald Zeit, sich einem neuen Romanprojekt zu widmen und ich weiß jetzt schon, dass ich es lesen werde.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Themen
Veröffentlicht am 30.07.2025

True Crime Podcast trifft Demenz

Himmelerdenblau
0

Als sich Julies Verschwinden zum zwanzigsten Mal jährt, beschließt der Podcast Two Crime, aus dem Fall eine Reportage zu machen. Liv stürzt sich in die Recherche und kontaktiert Julies Vater Theo, der ...

Als sich Julies Verschwinden zum zwanzigsten Mal jährt, beschließt der Podcast Two Crime, aus dem Fall eine Reportage zu machen. Liv stürzt sich in die Recherche und kontaktiert Julies Vater Theo, der inzwischen an Demenz erkrankt ist. Früher war er Direktor an der Charité, heute haust er verarmt in einer kleinen Wohnung und hat nur noch seine Tochter Sophia, Julies jüngere Schwester. Mit Livs Hilfe hofft er, Julie endlich zu finden und sie nach Hause zu bringen. Und wieder gerät Julies Ex-Freund Daniel in den Fokus.
Romy Hausmann verbindet in „Himmelerdenblau“ True Crime Podcast und Demenz auf erstaunliche Weise. Gerade die Abschnitte aus Theos Perspektive sind herzzerreißen. Wie dieser intelligente, früher so erfolgreiche Mann um Worte ringt, sie verdreht, immer wieder nach Erinnerungen sucht und in solche fällt, die er nicht gebrauchen kann, schmerzt sehr. Sophia bekommt seine Wut, seinen Frust ab und will die Vergangenheit doch einfach nur ruhen lassen. Auch Daniel würde das am liebsten, aber die Rolle des Hauptverdächtigen wird er nicht los.
Gekonnt wechselt Romy Hausmann zwischen den Figuren, gibt jeder ihre eigene Stimme und steigert die Spannung bis zum Zerbersten. Dazu noch das Zwischenmenschliche, die Vater-Tochter-Beziehung und die Freundschaft zwischen Liv und Theo, welche dem Buch noch eine weitere Dimension verleiht. Ich rauschte durch die Seiten, bis kurz vorm Ende, da schlichen sich ein paar Längen ein, aber das sei der ausgiebigen Auflösung verziehen.
Es bleibt ein Thriller, der einer Krankheit, endlich die Bühne gibt, die sie benötigt, weil sie so viele Menschen betrifft, nicht nur als Erkrankte, sondern auch als Angehörige. Und so mancher True Crime Podcast sollte sich ein Beispiel an ihren Skripten nehmen, denn so soll ein Podcast sein. Ich bin gespannt, wie der begleitende Podcast von Romy und Mark Benecke sein wird, denn natürlich werde ich den auch hören. Und jeden weiteren Thriller aus ihrer Feder lesen.

Veröffentlicht am 15.07.2025

Leider nicht überzeugend

Die Probe
0

Als der junge Xavier die Erzählerin, eine gefeierte Schauspielerin, anspricht, ahnt sich nicht, dass er ihr Leben ins Chaos schubsen wird. Er behauptet, er sei ihr Sohn, was unmöglich ist und doch trifft ...

Als der junge Xavier die Erzählerin, eine gefeierte Schauspielerin, anspricht, ahnt sich nicht, dass er ihr Leben ins Chaos schubsen wird. Er behauptet, er sei ihr Sohn, was unmöglich ist und doch trifft sie sich mit ihm und verheimlicht es sogar ihrem Mann Tomas, der sie dann im Restaurant erwischt.
So beginnt „Die Probe“ von Katie Kitamura und wer meint nach so einem chaotischen Anfang, geht es nicht schlimmer, der hat weit gefehlt. Zunächst hatte ich mich sehr auf den neuen Roman von Katie Kitamura gefreut, denn der Vorgänger „Intimitäten“ hat mir vor ein paar Jahren ausgesprochen gut gefallen, aber das schlug schnell um.
Zunächst stolperte ich über zahlreiche Formulierungen, die teilweise nicht durchdacht, teilweise hölzern wirkten, was ich allerdings auf die Übersetzung schiebe, denn „Intimitäten“ wurde von Kathrin Razum übersetzt, „Die Probe“ von Henning Ahrens (und erneut stellt sich mir die Frage: Wieso muss ein Mann eine Autorin übersetzen?)
Trotzdem habe ich weitergelesen, denn ich war auch neugierig: wie geht es mit der Erzählerin, dem angeblichen Sohn und Tomas weiter? Erst lief es in geregelten Bahnen, aber dann kam Teil zwei und meine Verwirrung wurde übermächtig. Plötzlich ist Xavier tatsächlich der Sohn und zieht sogar bei der Erzählerin und Tomas ein. Und als ich mich gerade damit abgefunden hatte, stellt sich heraus, dass die Erzählerin absolut unzuverlässig ist. Normalerweise macht mir das nichts aus. Im Gegenteil: ich finde es spannend. Hier hat es mich gestört. Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, warum Xavier jetzt doch der Sohn ist. Und dann hat Tomas sich komplett anders verhalten als zu Anfang. Alles brach irgendwie auseinander.
Wahrscheinlich ist genau das gewollt, eine unzuverlässige Erzählerin, die eine Welt erschafft, die uneindeutig bleibt. Aber ich hatte das Gefühl, es ist nicht richtig durchdacht und zum Schluss wurde noch eine ganz neue Figur eingeführt, die wohl der Auslöser für das Ende sein soll. Die angepriesene Spannung basierte nur auf der herrschenden Verwirrung und die Auflösung des Ganzen habe ich so nicht in der Geschichte wahrgenommen.
Nun würde ich unter Umständen den Roman noch mal lesen, um zu schauen, ob ich diese Auflösung darin wiederfinde, doch dafür konnte es mich sprachlich nicht genug überzeugen.

Veröffentlicht am 26.06.2025

Zu Recht Spitzentitel

Im Leben nebenan
0

Gerade lebt Toni noch mit Jakob in der Stadt und verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich schwanger zu werden, im nächsten Moment wacht sie als Antonia mit einem Baby auf der Brust in ihrem Heimatdorf auf, ...

Gerade lebt Toni noch mit Jakob in der Stadt und verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich schwanger zu werden, im nächsten Moment wacht sie als Antonia mit einem Baby auf der Brust in ihrem Heimatdorf auf, mit Jugendliebe Adam. Zwei Leben, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Plötzlich hat Antonia das Kind, das sie sich immer gewünscht hat, nur mit dem falschen Mann in einem falschen Leben, während Toni droht sich und Jakob an ihrem Kinderwunsch zu verlieren.
Anne Sauers „Im Leben nebenan“ habe ich entgegengefiebert. Als Buchmensch hat sie mein Lesen so sehr bereichert, da ist ihr Debütroman ein Muss. Und ich wurde nicht enttäuscht. Für mich ist es zu Recht ein Spitzentitel geworden. 
Die Kinderfrage ist eine der Essenziellsten des Lebens und gerade Frauen scheinen nicht wirklich die Wahl zu haben. Anne Sauer stellt das Leben mit Kind und das mit unerfülltem Kinderwunsch gegenüber. Wie ist es plötzlich Mutter zu sein und mit dieser größten aller Veränderungen klarkommen zu müssen? Wie ist es andererseits, wenn der Wunsch nach einem Kind verblasst, weil es einfach nicht klappt und man an die Grenzen der Kapazitäten kommt?
Sie hat dabei nicht zwei gleiche Realitäten komponiert, sondern feine Stellschrauben verändert, die im ersten Moment irritieren, aber keinesfalls die Wahrhaftigkeit aushebeln. Sie vergrößern vielmehr das Spannungsverhältnis und ermöglichen ein Eintauchen in zwei ganz unterschiedliche Welten, gelebt von einer Figur, die sich den Gegebenheiten anpassen muss.
Doch nicht nur thematisch hat es mich auf vielfältige Weise abgeholt und emotional so sehr angefasst, dass ich es manchmal nur häppchenweise lesen konnte. Auch sprachlich ist es absolut gelungen, aber da habe ich nichts anderes erwartet. Anne Sauer ist eine grandiose Autorin, der man ihre ausgiebige und vielseitige eigene Lektüre anmerkt. Sie weiß, was funktioniert – sprachlich, aber auch, welche Geschichten wir noch brauchen – vielen Dank für diesen wunderbaren Roman.
Ich hoffe, dass noch viele weitere folgen.

Veröffentlicht am 29.05.2025

Schöne kleine Loser

Der Kaiser der Freude
0

Hai will von einer Brücke in East Gladness springen, doch Grazina hält ihn davon ab. Die an Demenz erkrankte Frau holt Hai in ihr Haus und sie gehen einen Deal ein: Er darf bleiben, muss sich aber um sie ...

Hai will von einer Brücke in East Gladness springen, doch Grazina hält ihn davon ab. Die an Demenz erkrankte Frau holt Hai in ihr Haus und sie gehen einen Deal ein: Er darf bleiben, muss sich aber um sie kümmern. Gemeinsam schaffen sie es ihren Alltag zu bestreiten: Hai kommt auf die Beine, sucht sich einen Job und hin und wieder steigt er mit Grazina hinab in ihre Vergangenheit.
Wenn Ocean Vuong ein Buch schreibt, muss ich es lesen, denn seit 2022 hallt sein Romandebüt „ Auf Erden sind wir kurz grandios“ nach. Bei „Der Kaiser der Freude“ wird es noch schlimmer sein, auf eine wundervolle Weise.
Wieder hat mich dieser junge Autor tief beeindruckt mit seiner Beobachtungsgabe und den Worten, die er aneinanderreiht wie Perlen auf einer Kette. Worte, die ein kaputtes Leben zeichnen, ein schmerzhaftes Leben, welches doch gelebt und durchgestanden wird. Nicht nüchtern, nicht einfach, aber weiterhin.
Dieser Roman wird bevölkert von Losern, die mir fast alles ans Herz gewachsen sind. Nicht nur Hai und Grazina, deren Freundschaft so liebevoll und einzigartig ist, sondern auch die ganze Belegschaft des HomeMarket, wo Hai arbeitet. Es sind alles Individuen, die meinen Kopf okkupiert haben und sie alle vereint ihr Versagertum. Sie gehören zu den Menschen, die nichts geschenkt bekommen und trotzdem weiter machen.
So verzaubernd die Sprache ist, so berührend die Charaktere sind, gibt es Stellen und Szenen, die mir einfach das Herz zerdrückt haben, die mich schwer schlucken ließen und die so wahr sind, als hätte Ocean Vuong in die Leben einzelner Personen geblickt. Aber natürlich gibt es auch absurde und komische Begebenheiten. Diese Kombination macht „Der Kaiser der Freude“ in meinen Augen zu großer Literatur. Das einzige Manko: Gelegentlich bin ich an Feinheiten in der Formulierung hängen geblieben, was wohl der Übersetzung geschuldet ist.
Ich sehne mich schon jetzt nach weiteren Worten aus Ocean Vuongs Feder.