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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.03.2025

Ein Jahreshighlight

Der Gott des Waldes
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1975 verschwindet die 13-jährige Barbara van Laar aus dem Camp Emerson, das ihrer Familie gehört und in dem sie zum ersten Mal einen Sommer verbringt. Besonders tragisch für die Van Laars, denn ihr Sohn ...

1975 verschwindet die 13-jährige Barbara van Laar aus dem Camp Emerson, das ihrer Familie gehört und in dem sie zum ersten Mal einen Sommer verbringt. Besonders tragisch für die Van Laars, denn ihr Sohn Bear ist vor 14 Jahren ebenfalls verschwunden, am selben Ort. Da drängt sich die Frage auf: Hängen die beiden Fälle zusammen?

„Der Gott des Waldes“ von Liz Moore auf wenige Worte runterzubrechen ist unmöglich, denn der Roman ist unglaublich komplex. Trotzdem kann man der Geschichte leicht folgen. Die verschiedenen Perspektiven ermöglichen es, sich selbst ein Bild von der ganzen Situation, die gewaltig scheint, zu machen: Bears und Barbaras Verschwinden, die Suchen und Ermittlungen, die Verdächtigen, aber auch die Familie Van Laar und ihre Angestellten, bis zu den Hewitts, die das Camp leiten. Dabei springt Liz Moore nicht nur zwischen den Perspektiven, sondern auch den Zeiten und setzt so Stück für Stück das ganze Bild zusammen.

Mich hat der Roman absolut begeistert, nachdem ich kurz mit der Übersetzung gehadert hatte. Aber die Geschichte ist zu spannend, um nur deswegen abzubrechen, und ich wurde belohnt: mit einem Pageturner, mit Plottwists und Cliffhängern vom Feinsten. Liz Moore beschränkt sich dabei nicht nur auf Spannung, sondern baut auch gesellschaftliche Missstände sehr eindrücklich ein. Besonderes Augenmerk hat sie auf das Verhältnis der reichen Van Laars mit dessen Freundeskreis und ihrem Umgang mit den Einheimischen, die nichts anderes als Angestellte sind, gelegt; sowie auf den Kampf, den Frauen ausfechten müssen, ob es nun Bears und Barbaras Mutter Alice ist, die nichts zu melden hat, Ermittlerin Judyta, die sich in einer Männerdomäne beweisen muss, oder Louise, die als Sündenbock herhalten soll. Sehr oft wurde ich wütend, was die Fragezeichen in meinem Kopf nur noch leuchtender hat werden lassen.

Am besten hat mir wohl gefallen, dass meine Spekulationen alle falsch waren und das Ende mich nicht nur überrascht, sondern auch versöhnt hat.

Jetzt schon ein Jahreshighlight.

Veröffentlicht am 18.03.2025

Der Long Island Kompromiss

Die Fletchers von Long Island
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Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle ...

Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle gehen verschieden damit um. Als Matriarchin Phyllis stirbt, stürzt das wackelige Konstrukt der Fletchers ein, denn nun ist auch noch das Geld weg und jeder Einzelne von ihnen muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen.
„Die Fletchers von Long Island“ von Taffy Brodesser-Akner beinhaltet eine ganze Familiengeschichte und erzählt nicht nur die Konsequenzen der Entführung, sondern auch wie die Fletchers zu einer der reichsten Familien Long Islands wurden. Das Augenmerk liegt jedoch auf der Katastrophe, die sich zwar lange anbahnt, doch dann trotzdem plötzlich hereinbricht.
Gerade der Anfang ist ziemlich stark, also der Anfang nach der Entführung. Taffy Brodesser-Akner betrachtet alle drei Kinder und deren Leben, der Reihe nach schonungslos unter dem Brennglas und ist dabei oft wunderbar überspitzt. Ihr jüdischer, schwarzer Humor hat mich oft auflachen lassen, denn gerade die Jungs sind alles andere als unversehrt und es driftet immer wieder ins Absurde. Sie schafft es, dass ich tatsächlich Mitleid mit diesen reichen Snobs hatte, die mit einem Platinlöffel im Mund geboren wurden, was gerade Jenny sehr bewusst ist.
Nach dem sehr starken Einstieg schleichen sich ein paar Längen ein, trotzdem wollte ich weiterlesen und erfahren, wie es mit den Fletchers endet, ob sie aus der Misere, eine Reiche-Leute-Misere, wieder rauskommen. Und auch wenn, die Lebensrealität dieser Superreichen nicht weiter von meiner entfernt sein könnte, waren sie mir teilweise sehr nah. Alles Übrige hat Taffy Brodesser-Akner mit ihrem wunderbaren Humor und ihrer Erzählweise aufgefangen.
Und ich kann mir vorstellen, dass auch dieser Roman wie ihr Debüt verfilmt wird.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Eine Achterbahnfahrt

Achtzehnter Stock
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Wanda will raus aus der Platte. Sie will ihrer Tochter Karlie ein besseres Leben bieten. Die Chancen stehen schlecht, denn eigentlich kommt niemand raus, im Gegenteil, man hat sich hier eingerichtet. Dann ...

Wanda will raus aus der Platte. Sie will ihrer Tochter Karlie ein besseres Leben bieten. Die Chancen stehen schlecht, denn eigentlich kommt niemand raus, im Gegenteil, man hat sich hier eingerichtet. Dann ruft Hollywood an. Wanda bekommt eine Rolle, lernt einen Schauspieler kennen, alles scheint sich zum Guten zu wenden. Doch so einfach lässt die Platte sie nicht gehen.
Zu „Achtzehnter Stock“ von Sara Gmuer hab ich wegen des Blurbs von Mareike Fallwickl gegriffen und wurde nicht enttäuscht. Der Roman ist unmittelbar und rau. Wanda ist ehrlich, nur nicht zu den Personen, auf die es ankommt. Sie sprintet durchs Leben, tanzt auf allen Hochzeiten und ist doch nie zufrieden. Sie will immer noch mehr, was mich auch als Leserin angestrengt hat. Irgendwann ging mir Wanda mächtig auf die Nerven, sie hat meine Sympathie verloren und ich muss zugeben, dass ich mir in ihrer Hochnäsigkeit gewünscht habe, dass sie scheitert. Das hat das Vergnügen am Lesen nur noch mehr gesteigert. Allerdings tat mir Karlie leid, sie bekommt Wandas Ambivalenz am deutlichsten zu spüren. Einerseits tut Wanda alles für ihre Tochter, andererseits schiebt sie sie immer wieder weg.
Der Roman schaut hinter die Scheinwerfer der Filmwelt und beleuchtet einen Teil des Lebens, der oft vernachlässigt wird. Er zeigt den Abgrund, ohne Geld, ohne Job, ohne Perspektive, und wie schnell sich alles wandeln kann, wenn man nur die richtigen Menschen kennt. Aber auch, dass man es innerhalb eines Fingerschnippens wieder verlieren kann. Ein steiles Auf und Ab eben.
Sara Gmuers Sprache hat mich dabei absolut gepackt. Sie ist direkt, ehrlich und subjektiv im besten Sinne. Sie hat eine Stimme, die man wiedererkennt. Und auch das Ende mochte ich sehr, denn bis zum Schluss wusste ich nicht, was kommt. Wird es ein Happy End für Wanda und Karlie geben?
Ein Buch wie eine Achterbahnfahrt.

Veröffentlicht am 13.02.2025

Was Pflege bedeutet

Halbe Leben
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Klaras Mutter Irene hatte einen Schlaganfall und benötigt Hilfe. Die kann Klara neben Karriere, Ehemann und Tochter nicht leisten, also kümmern sich Radek und Paulína im Zweiwochenrhythmus um Irene, die ...

Klaras Mutter Irene hatte einen Schlaganfall und benötigt Hilfe. Die kann Klara neben Karriere, Ehemann und Tochter nicht leisten, also kümmern sich Radek und Paulína im Zweiwochenrhythmus um Irene, die im Obergeschoss lebt. Radek wird zähneknirschend ertragen, Paulína dafür ausgenutzt. Bis sie merkt, dass ihr eigenes Leben wegdriftet und sie die Verbindung zu ihren Söhnen verliert - für eine Familie, die nicht ihre ist.
„Halbe Leben“ von Susanne Gregor ist ein heftiger Roman, was nicht an Klaras Sturz in den Tod am Anfang liegt, sondern an der feinen Erzählweise mit der Susanne Gregor zwei Welten aufeinanderprallen lässt. Erst glaubte ich noch, dass es nur um Klara geht und das tut es auch, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Nicht sie ist die Sympathieträger, sonder Paulína, die scham- und skrupellos ausgenutzt wird und darüber ihre eigenen Kinder, die sie mehr liebt als Klara ihre Tochter Ada, vernachlässigen muss, um ihre Pflicht zu erfüllen und die pflegebedürftige Irene nicht allein zu lassen, wie es Klara tut. Ich bin immer noch wütend auf Klara, die sich lieber noch in eine Schwangerschaft quatschen lässt und auf Paulína ausruht. Und auch auf Klaras Ehemann Jakob, der sich ebenfalls jeglicher Verantwortung entzieht und nicht mal in der Lage ist, mit dem Hund, den ER angeschafft hat, spazieren zu gehen.
Dieses zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht macht einen großen Teil des Romans aus, aber da ist auch Irene, die immer mehr abbaut und zwischen den Zeiten taumelt. Auch das schildert Susanne Gregor eindrücklich. Sie springt zwischen den Figuren und rast auf den jeweiligen Gedankenströmen. Nicht nur Paulína, Klara und Irene kommen zu Wort, sondern auch Rišo, Paulínas ältester Sohn, der zeigt, wie sehr es schmerzt, wenn die Mutter sich um eine andere Familie kümmern muss.
„Halbe Leben“ verdeutlicht, was es heißt Pflege zu brauchen, sie zu geben und sich ihr zu verweigern. Ein Buch, das noch lange nachhallen wird.

Veröffentlicht am 02.02.2025

Porträt einer Millennial

Dancing Queen
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Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos ...

Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos Aires, an ihren Ex-Freund Felipe, an ihre Kollegin und Freundin Maite und daran wie sie das Mädchen kennengelernt hat und wieso sie bei ihr im Auto sitzt.
„Dancing Queen“ von Camila Fabbri kommt wie ein Film daher, was nicht verwunderlich ist, denn die Autorin ist auch Regisseurin und das merkt man. In kurzen Rückblenden schildert sie das wichtigste aus Paulinas Leben, das geprägt ist von Einsamkeit, mit der sie sich abzufinden glaubt. Die zielsicheren Beobachtungen und der lakonische Stil stechen dabei heraus. Zwischendurch kommen immer wieder Szenen aus dem Auto, wie sie geborgen und ins Krankenhaus gefahren wird, doch ohne die Möglichkeit mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Paulina ist eine typische Millennial und natürlich konnte ich mich mit ihr identifizieren, auch wenn sie in Buenos Aires lebt, was ich durchaus interessant fand. Die anderen Figuren bleiben hingegen wage, obwohl auch Maite eine große Rolle spielt und eher ein Gegenentwurf zur abgeklärten Paulina darstellt.
Camila Fabbris Sprache ist keineswegs reduziert, wie es vielleicht bei einem Drehbuch gängig wäre, sondern sie nutzt Metaphern und Wortkombinationen, die mich aufhorchen ließen und mir gut gefallen haben. Das war die Stärke des Romans. Und auch wenn es einen roten Faden gab und sie auf ein Ziel hinschrieb, wurde es manchmal etwas langweilig. Da hat es mich sprachlich dranbleiben lassen, genauso wie die kurzen Kapitel. Fabbri zeichnet mit „Dancing Queen“ gekonnt ein Bild unserer Generation (der Millennials): witzig, manchmal auch nachdenklich und vor allem abgeklärt, und das in nur 170 Seiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Debüt verfilmt wird und es nicht ihr einziger Roman bleibt.