Wenn die Pflicht schwerer wiegt als das Kindsein
Der Junge, der im Dunkeln sah"Der Junge, der im Dunkeln sah" erzählt von Jēkabs, der in einem Umfeld aufwächst, das ihn früh zur Hilfe verpflichtet: Zwei blinde Eltern, eine strenge Mutter mit hohen Erwartungen, und ein Zuhause, in ...
"Der Junge, der im Dunkeln sah" erzählt von Jēkabs, der in einem Umfeld aufwächst, das ihn früh zur Hilfe verpflichtet: Zwei blinde Eltern, eine strenge Mutter mit hohen Erwartungen, und ein Zuhause, in dem Jēkabs so etwas wie Normalität erst definieren muss. Der Roman zeigt Stationen aus seinem Leben – erste Schule, Freundschaften, die erste Liebe – und daneben die Perspektive seiner Mutter, die mit ihrer eigenen Unsicherheit, Blindheit und dem Wunsch nach Kontrolle ringt.
In vielerlei Hinsicht ist das Buch gelungen: Die Autorin zeichnet ein sensibles Portrait eines Jungen, der durch seine Familie, seine Wahrnehmung und durch das Umfeld geformt wird. Die Themen Verantwortung, Unterschiedsein und Selbstfindung bekommen Raum, ohne plakativ zu sein. Es gibt schöne Szenen: die kleinen Momente, in denen Jēkabs sich selbst gegenüber ehrlich sein kann, Begegnungen, in denen andere Sinne wichtiger sind als das Sichtbare, und Momente von Empathie, die stark nachklingen.
Trotzdem fiel es mir schwer, so richtig eine emotionale Verbindung zu Jēkabs zu finden. Sein inneres Erleben bleibt oft in Bildern, in Andeutungen und in Reflexionen, was literarisch durchaus schön ist aber manchmal auch so distanziert, dass Mitgefühl nicht automatisch entsteht. Seine Mutter ist in vielen Szenen greifbarer; ihre Ängste und Unsicherheiten sind direkter spürbar. Damit wirkt das Gesamtbild stark intellektuell durchdacht, manchmal aber etwas zu vorsichtig.
Die Sprache ist klar und fein austariert. Erzählerisch ist der Aufbau solide: Die Entwicklung wird nicht künstlich beschleunigt, es gibt aber auch Stellen, an denen die Dynamik etwas abflacht, gerade wenn man mehr über Jēkabs’ Innenleben erfahren möchte. Manche Wendepunkte passieren, ohne dass man intensiv vorbereitet wird, sodass sie überraschend, aber nicht immer überzeugend wirken.
Mit 3,5 von 5 Sternen ist mein Urteil: Ein Buch mit vielen schönen, weisen Momenten und einer stimmigen Thematik, das aber nicht durchgehend mitreißt, weil die emotionale Nähe manchmal fehlt. Es lohnt sich besonders für Leserinnen und Leser, die feine Beobachtungen und leise Geschichten schätzen, weniger für diejenigen, die starke Heldenbindung oder dramatische Entwicklungen erwarten.