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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2025

Ein Mann, eine Zahl, ein Tag.

Das Fest
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“Das Glück war eine einfache, aber bedrohte Angelegenheit. Es hätte den Status eines immateriellen Kulturerbes verdient.” (S 21)
Jakob wird 50 Jahre alt und ihm ist weder nach Feiern, noch nach Reflektieren ...

“Das Glück war eine einfache, aber bedrohte Angelegenheit. Es hätte den Status eines immateriellen Kulturerbes verdient.” (S 21)
Jakob wird 50 Jahre alt und ihm ist weder nach Feiern, noch nach Reflektieren zu Mute. Er will den Tag einfach hinter sich bringen. Ellen, seine langjährige bekannte beginnt mit ihm den Tag und wie von Zufällen begleitet, trifft er über den Tag verteilt auf allerlei Menschen, die einst ein wichtiger Teil seines Lebens war. Es hinterlässt – im wahrsten Sinne des Wortes – Spuren bei ihm und trifft ihn tief in der Seele. Natürlich sind das alles nicht zufällige Begegnungen, aber lest selbst.
Ein Buch, dass ich wirklich gerne lesen habe. Ein schmaler Band mit feinen Formulierungen.
“Manches wurde in einer Beziehung zur Gewohnheit, obwohl man sich nie dafür entschieden hatte. Verschwiegenheiten und Lügen, beides schliff sich ein, bis man glauben konnte, die gesamte Konstruktion sei verfault.” (S 34)
Lucy Fricke erzählt wieder einmal unaufgeregt, dabei voller Leben mit Brüchen und Rückblicken. Eine Aufforderung an uns alle mit offenen Augen und großen Herzen durchs Leben zu gehen. Ich finde ihre Figuren sehr charakterstark gelungen. Ein Schreibstil dem ich viele Seiten sehr gerne folge.
“Wenn zu viele Fragen auf einen zu kurzen Moment trafen, verstrich er in aller Regel ohne jedes Ereignis. Das war bei ihnen nicht anders.” S 50

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Veröffentlicht am 18.02.2025

DDR Architektur lebendig gemacht

Die Allee
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Florentine Anders' Roman "Die Allee" ist eine faszinierende Familien- und Zeitgeschichte, die eng mit der Architektur der DDR verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht der visionäre Architekt Hermann Henselmann, ...

Florentine Anders' Roman "Die Allee" ist eine faszinierende Familien- und Zeitgeschichte, die eng mit der Architektur der DDR verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht der visionäre Architekt Hermann Henselmann, dessen Name untrennbar mit ikonischen Bauwerken wie der Stalinallee, dem Berliner Fernsehturm und dem Uni-Hochhaus Leipzig verbunden ist.
Gut an dem Roman ist, dass ich diesen Architekten nun mit diesen Gebäuden verbinde und die Historie besser kenne, auch wenn es fiktionalisiert wurde.
Der Preis für seinen Erfolg ist hoch: Ständig muss er zwischen seinen künstlerischen Idealen und den starren Vorgaben der sozialistischen Führung lavieren. Gleichzeitig kämpft seine Frau Isi, selbst talentierte Architektin, mit den Herausforderungen einer achtköpfigen Familie und einem Ehemann, der sich kompromisslos seinen beruflichen Ambitionen verschreibt. Ihre Tochter Isa schließlich geht ihren eigenen, von Widerstand und Emanzipation geprägten Weg.
Was "Die Allee" besonders lesenswert macht, ist die eindrückliche Schilderung der Aufbruchsstimmung in der DDR – einer Zeit voller Hoffnungen, ideologischer Kämpfe und architektonischer Visionen. Florentine Anders gelingt es sehr gut, die komplexe Atmosphäre dieser Epoche einzufangen und die Ambivalenz zwischen Idealismus und politischer Realität darzustellen. Die fundierte Recherche macht das Buch zu einer wahren Zeitreise, in der man nicht nur spannende Einblicke in die Baugeschichte erhält, sondern auch das gesellschaftliche Leben der DDR aus einer privilegierten, aber keineswegs sorgenfreien Perspektive erlebt.
Die wechselnden Erzählperspektiven von Hermann, Isi und Isa sorgen für eine vielschichtige Darstellung der Familie Henselmann. Besonders berührend ist der Kampf der beiden Frauen um Selbstbestimmung – ein Thema, das über die spezifische DDR-Konstellation hinaus universelle Gültigkeit besitzt.
Der Schreibstil ist ruhig, sachlich und dennoch mitreißend. Die kurzen Kapitel lassen die Lektüre angenehm fließen, und man fühlt sich schnell mitten im Geschehen.
Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass manche Aspekte der DDR-Realität, etwa die massiven Wohnungsengpässe für die nicht privilegierte Bevölkerung, nur am Rande gestreift werden. Dennoch überzeugt "Die Allee" als spannender Roman.
Fazit: Ein eindrucksvolles Buch über eine Familie im Spannungsfeld von Architektur, Politik und persönlicher Freiheit. 4 von 5 Sternen!

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Spannende historisch komplexe Welt

Der große Riss
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Cristina Henríquez' Roman Der große Riss entfaltet ein faszinierendes Panorama historischer Umbrüche und menschlicher Schicksale zur Zeit des Baus des Panamakanals. Besonders beeindruckend ist ihre Erkundung ...

Cristina Henríquez' Roman Der große Riss entfaltet ein faszinierendes Panorama historischer Umbrüche und menschlicher Schicksale zur Zeit des Baus des Panamakanals. Besonders beeindruckend ist ihre Erkundung der Frage, wie nah Fortschritt und Ausbeutung beieinanderliegen und wie tief soziale, ethnische und geschlechtsspezifische Gräben die damalige Gesellschaft durchzogen. Henríquez erzählt aus der Perspektive von Frauen und gibt damit jenen Menschen eine Stimme, die oft im Schatten der großen historischen Narrative stehen. Daher ist dieser Roman heutzutage sehr wertvoll!
Die poetische Sprache des Romans, die sich bereits in der atmosphärisch dichten Eröffnung zeigt, entfaltet eine beeindruckende Bildkraft. Francisco, der Fischer, und sein in handwerklicher Präzision gebautes Boot symbolisieren die alte Welt, die mit dem technokratischen Fortschritt der Kanalbauprojekte kollidiert. Henríquez fängt in ihren Naturbeschreibungen eine fast mythische Ruhe ein, die durch den Einbruch der Moderne zerstört zu werden droht. Diese Faszination für das Fremde, das Ursprüngliche und die natürlichen Rhythmen des Meeres und der Arbeit verleiht dem Roman eine zusätzliche, fast kontemplative Dimension.
Gleichzeitig verleiht die Autorin auch den Frauenfiguren eine erzählerische Tiefe, die ihre Rolle in der Gesellschaft infrage stellt. Marians Geschichte etwa, die auf erschütternde Weise von den Ungleichheiten zwischen Mann und Frau berichtet, zeigt, wie tief patriarchale Strukturen verwurzelt sind. Dabei wird deutlich, dass Henríquez nicht nur an historischen Fakten interessiert ist, sondern an den inneren Welten ihrer Figuren, an den oft unausgesprochenen Konflikten und der Suche nach Selbstbestimmung.
Der Roman gelingt als eindrucksvolle Verbindung von großem historischen Drama und intimen Einzelschicksalen. Er fängt die Ambivalenz eines gigantischen Projekts ein, das sowohl Hoffnung als auch Zerstörung brachte, und macht deutlich, dass die gesellschaftlichen Fragen von damals keineswegs ihre Relevanz verloren haben. Der große Riss ist damit nicht nur ein packender historischer Roman, sondern auch eine vielschichtige Reflexion über Machtverhältnisse, Widerstand und den Preis des Fortschritts.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Ein Balanceakt.

Halbe Leben
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Der Roman beginnt mit Klaras Tod, einem mysteriösen Absturz beim Wandern, der im Verlauf der Geschichte als unausgesprochener Katalysator wirkt. Dieser erzählerische Kunstgriff – die Umkehrung von Anfang ...

Der Roman beginnt mit Klaras Tod, einem mysteriösen Absturz beim Wandern, der im Verlauf der Geschichte als unausgesprochener Katalysator wirkt. Dieser erzählerische Kunstgriff – die Umkehrung von Anfang und Ende – verleiht dem Werk eine dichte Atmosphäre, die von Beginn an Spannung aufbaut. Susanne Gregor meidet spektakuläre Wendungen zugunsten eines subtilen Spiels aus Andeutungen, Rückblenden und leisen Beobachtungen, die viel Raum für eigene Deutungen lassen. Muss man nicht mögen, ich fand es super gemacht.
Die Stärke des Romans „Halbe Leben“ liegt in der psychologischen Ausgestaltung seiner Figuren. Klara und Paulína werden in all ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz gezeichnet. Klara, die in der Illusion lebt, alles unter Kontrolle zu haben, wirkt einerseits bewundernswert zielstrebig, andererseits distanziert und emotional unzugänglich. Paulína hingegen, die scheinbar selbstlos den Haushalt übernimmt, trägt eine Last, die in jeder Geste und jedem unausgesprochenen Gedanken spürbar wird. Es ist ein Gleichgewicht, das ständig zu kippen droht – zwischen Nähe und Abhängigkeit, Dankbarkeit und Ausbeutung. Ein Balanceakt.
Gregor seziert mit beeindruckender Präzision die soziale Ungleichheit zwischen den Frauen und deren Lebensrealitäten. Dabei stellt sie unbequeme Fragen: Was bedeutet es, wenn Fürsorge zur Dienstleistung wird? Welche emotionalen und gesellschaftlichen Kosten birgt ein System, das familiäre Verantwortung auslagert? Besonders eindringlich ist Gregors Blick auf die unsichtbaren Opfer dieses Arrangements – Paulínas Kinder, die von ihrer Mutter nur aus der Ferne betreut werden, während sie sich um Fremde kümmert.
Die Sprache des Romans ist unaufgeregt und prägnant, und gerade in ihrer Reduktion entfaltet sie eine enorme Intensität. Susanne Gregor gelingt es, ohne Pathos oder moralische Urteile die innere Zerrissenheit ihrer Figuren spürbar zu machen. Ihre Worte wirken wie feine Nadelstiche, die den Leser immer wieder zum Innehalten zwingen.
Halbe Leben ist ein Roman, der weit über die individuelle Geschichte hinausgeht und den Finger auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit legt: die Last und Verteilung von Care-Arbeit. Dabei bleibt das Buch wohltuend unsentimental, fast dokumentarisch, ohne dabei an Emotionalität zu verlieren.
Fazit: Mit ihrem Roman Halbe Leben legt Susanne Gregor ein vielschichtiges Werk vor, das sich der feinen Vermessung zwischenmenschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Verwerfungen widmet. In einer klaren, nüchternen Prosa erzählt sie von Klara, einer erfolgreichen Architektin, die für das Leben ihrer Mutter Irene nach deren Schlaganfall eine Pflegerin engagiert: Paulína, eine Frau aus der Slowakei, deren eigene Familie unter ihrer Abwesenheit leidet.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Berlin ~1913 – ein Einblick in damaliges Leben

Frau Hempels Tochter. Roman
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Habt ihr schon von Alice Berend gehört? Unfassbar, dass diese Schriftstellerin in Vergessenheit geraten ist, war sie doch zum Beginn des 20. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Autorinnen Deutschlands. ...

Habt ihr schon von Alice Berend gehört? Unfassbar, dass diese Schriftstellerin in Vergessenheit geraten ist, war sie doch zum Beginn des 20. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Autorinnen Deutschlands. Was geschah? Simple und niederschmetternd: Sie war Jüdin und ihre Bücher wurden unter den Nationalsozialisten verboten.
“Die besten und die schlimmsten Tage haben gemeinsam, dass man sie erst spürt, wenn sie vorüber sind.” (S 144)
‚Frau Hempels Tochter‘ wurde nun nach sachten Restaurationsarbeiten im Reclam Verlag erneut publiziert und ich danke dem Verlag für diesen Vorstoß! Dieses Buch bietet eine einfache Geschichte, aber ist ein historisches Dokument. Wenn die Portiersfrau den Kuchen zum Bäcker bringt zum Backen, weil es keinen eigene Ofen gibt. Heute erstaunlich zu lesen, damals scheinbar Gang und Gebe. Zuerst erschienen 1913, hat es eine immense Auflage, es war das zweite erfolgreiche Buch der Autorin Alice Berend.
“Die meisten Menschen reden zu viel. Sie vergessen, dass es beim Sprechen nicht auf die Masse ankommt. Die richtige Wahl der Worte ist alles.” (S 24)
Alice Berend, durch und durch Berlinerin, portraitiert das Leben im Moloch Großstadt gekonnt und wenn da Wörter wie „pletten“ (=bügeln) fallen, dann merke ich das sich ein wenig Heimat hier niederschlägt.
„Geflüsterte Worte sprechen doppelt laut im Gedächtnis.“ (S 38)
Es geht im Grunde um Frau Hempel, Portiersfrau, mitten in Berlin. Ihr Mann ist Schuster und ihre Tochter Laura ein entzückendes Wesen. Mutter möchte für das Kind eine bessere Zukunft und hofft auf einen Verehrer aus höherem Stand. Laura verliebt sich in einen Grafen, leider aus verarmtem Hause und mit einer Gräfinnen-Mutter, die davon wenig amüsiert ist, wem es ihrem Sohn angetan hat. Es folgen noch Wendungen, die scheinbar für alle die Karten neu mischen und die Geschichte nimmt seinen Lauf.
Wie erwähnt, die Geschichte ist nicht sonderlich trickreich, aber die erzählweise, auch wenn es ein Unterhaltungsroman zur damaligen Zeit war, ist historisch spannend und schön geschrieben. Eine Fülle an Aphorismen und Zitaten habe ich mir aufgeschrieben.
Der Mensch tastet in Lärm und Ungewissheit vorwärts, aber still und sicher geht die Zeit ihren Weg. (S 135)
Auf jeden Fall sollte man das sehr gelungene Nachwort von Marget Greiner lesen, das rundet das Lesevergnügen besonders ab und meine Neugier über die Schriftstellerin war (zum Teil) gestillt.
Nun – lieber Reclam Verlag, wann kommt den eines der anderen Werke von Alice Berend neu aufgelegt in die Buchhandlungen?

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