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Veröffentlicht am 07.05.2025

Zwischen Ebbe und Flut: Kristine Bilkaus „Halbinsel“ ist ein leiser Triumph der Literatur

Halbinsel
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Kristine Bilkau ist eine Meisterin des Unaufgeregten. Mit Halbinsel hat sie einen Roman geschrieben, der nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen. Er erzählt von einer Mutter und ihrer erwachsenen Tochter, ...

Kristine Bilkau ist eine Meisterin des Unaufgeregten. Mit Halbinsel hat sie einen Roman geschrieben, der nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen. Er erzählt von einer Mutter und ihrer erwachsenen Tochter, von Nähe, Entfremdung, von Lebensbrüchen, Hoffnungen und dem Versuch, in einer brüchigen Welt nicht den Mut zu verlieren. Und all das verwebt sie mit solcher Feinheit und sprachlichen Eleganz, dass einem beim Lesen manchmal der Atem stockt.
Wir sind an der Nordsee, irgendwo zwischen Husum und dem Horizont, wo das Wattenmeer bei Ebbe mehr vom Leben preisgibt, als einem manchmal lieb ist. Dort lebt Annett, Bibliothekarin, Anfang fünfzig, allein, verwitwet, geerdet. Die Tochter Linn, Mitte zwanzig, war immer ihr Leuchten: klug, engagiert, voller Weltveränderungshunger. Doch jetzt ist Linn zurück – erschöpft, leergebrannt, ausgelaugt vom Daueranspruch, die Zukunft retten zu müssen. Was als Erholungswoche beginnt, dehnt sich aus zu einem Sommer der Schonungslosigkeit – und des Verstehens.
Bilkau gelingt das Kunststück, große Themen – Klimakrise, Leistungsdruck, Mutterrolle, Selbstverwirklichung, Systemkritik – ganz klein zu erzählen. Nichts ist platt oder symbolisch aufgeladen, alles durchdrungen von Alltag, Zweifel, leiser Ironie. Ihre Sprache ist präzise, manchmal fast scheu, dann wieder überraschend scharf: „Als stünde ich an einer Bahnschranke und ein Zug rast vorbei“ – solche Bilder hallen wie ein Glockenton nach. Sie trifft genau den Ton, in dem sich das Innerste einer Figur äußert, ohne Pathos, aber voller Tiefe.
Was Halbinsel so außergewöhnlich macht, ist seine erzählerische Luftigkeit. Es ist ein Roman der Lücken, des Unausgesprochenen, der zarten Andeutung. Die Figuren sind keine Heldinnen, sondern Menschen. Zwischen Annett und Linn öffnet sich eine Kluft, aber keine unüberwindbare. Es gibt Streit, Schweigen, Verletzungen – aber auch ein tastendes Zugehen, ein zögerliches Wiederfinden. Die innere Bewegung, die beide durchmachen, ist berührender als jeder dramatische Plot es je sein könnte.
Die Halbinsel, auf der alles spielt, ist mehr als Kulisse – sie ist Resonanzraum. Ihre flache Weite, die ständige Nähe von Wasser und Horizont, das Kommen und Gehen der Gezeiten spiegeln die Gefühlslage der Figuren. Wer einmal dort war, spürt sofort: Dieser Roman riecht nach Salzwasser und stillstehenden Tagen, nach Sand in den Schuhen und alten Sommern, die nie ganz vergangen sind.
Bilkau schreibt gegen das Vergessen und gegen das Vereinfachen. Ihr Blick auf die Welt ist zugleich zärtlich und klar. Sie urteilt nicht, sie zeigt. Zeigt, wie Menschen sich verlieren – und wie sie vielleicht wieder zueinanderfinden können, wenn sie bereit sind, sich selbst zu hinterfragen. Dass dabei auch noch ein feiner Humor aufblitzt, leise und entwaffnend, macht die Lektüre umso beglückender.
Halbinsel ist ein Roman, der ruhig daherkommt und doch alles trifft. Ein literarisches Kleinod, das mit minimalen Mitteln maximal bewegt. Wer Kristine Bilkau liest, liest nicht nur eine Geschichte – er erlebt ein Lebensgefühl. Und das ist selten genug.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Gabriel Ward, der neue Sherlock Holmes, gelungen.

Der Tote in der Crown Row
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Mit Der Tote in der Crown Row entführt uns Sally Smith ins London des Jahres 1901, genauer gesagt in den traditionsreichen Temple-Bezirk, der als Zentrum der englischen Rechtswelt ein Ort der Gesetze, ...

Mit Der Tote in der Crown Row entführt uns Sally Smith ins London des Jahres 1901, genauer gesagt in den traditionsreichen Temple-Bezirk, der als Zentrum der englischen Rechtswelt ein Ort der Gesetze, aber nicht des Verbrechens sein sollte – bis ein Mord die Grundfesten erschüttert.
Wer klassische Detektivgeschichten liebt, wird sich hier sofort heimisch fühlen. Der Mord an Lordoberrichter Dunning sorgt für Aufruhr, und weil die Polizei im Temple-Bezirk keine Befugnisse hat, fällt die Aufklärung des Falls dem Anwalt Gabriel Ward zu. Als akribischer, analytischer Denker mit einer Prise Eigenbrötlertum erinnert Ward in seiner Herangehensweise an Sherlock Holmes – auch wenn er auf die legendäre Exzentrik verzichtet. Unterstützt wird er von einem Polizisten, mit dem er nicht immer einer Meinung ist, was für unterhaltsame Dynamik sorgt. Herrlich gut!
Die Ermittlungen sind klassisches Whodunit: Verdächtige gibt es reichlich, dunkle Geheimnisse schlummern hinter den ehrwürdigen Mauern, und die Leser;innen können wunderbar miträtseln. Sally Smith schafft es, Spannung aufzubauen, indem sie nach und nach Hinweise streut und dabei geschickt mit falschen Fährten arbeitet.
Ein Highlight ist das Setting. Smith gelingt es meisterhaft, das Flair des Temple-Bezirks einzufangen: altehrwürdige Bauten, verschlungene Gassen, eine von Regeln und Traditionen geprägte Gesellschaft. Ihre detailreiche Recherche zeigt sich nicht nur in der präzisen Beschreibung der Örtlichkeiten, sondern auch in der Darstellung der damaligen Zeit – von den sozialen Strukturen bis hin zu den Ermittlungspraktiken der Epoche, die noch weit entfernt von moderner Forensik sind.
Fazit: Der Tote in der Crown Row ist ein guter historischer Krimi mit klassischer Whodunit-Struktur, einem charismatischen Ermittler und einem wunderbar atmosphärischen Setting. Wer das Flair von Sherlock Holmes und das Miträtseln in einem gut konstruierten Fall liebt, wird hier bestens unterhalten. Hoffentlich bleibt es nicht der letzte Fall für Gabriel Ward!

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Eine Hommage an Magdeburg und wie es hätte kommen können

Schwebende Lasten
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Annett Gröschners Schwebende Lasten ist ein Roman, der auf weniger als 300 Seiten eine enorme Tiefe entfaltet. Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, eine Frau, die das 20. Jahrhundert in all seinen Umwälzungen ...

Annett Gröschners Schwebende Lasten ist ein Roman, der auf weniger als 300 Seiten eine enorme Tiefe entfaltet. Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, eine Frau, die das 20. Jahrhundert in all seinen Umwälzungen erlebt hat. Von der Floristin zur Kranführerin, vom Kaiserreich bis zur Nachwendezeit — Hannas Lebensweg ist geprägt von Brüchen, Verlusten und dem ständigen Versuch, in einer Welt voller Extreme anständig zu bleiben.
Gröschner gelingt es, historische Ereignisse und persönliche Schicksale auf eine Art zu verweben, die weder belehrend noch sentimental wirkt. Ihre Sprache ist klar und präzise, ohne dabei die Emotionalität der Figuren aus den Augen zu verlieren. Besonders beeindruckt hat mich, wie Gröschner die Perspektive einer ostdeutschen Arbeiterin authentisch einfängt und dadurch eine Geschichte erzählt, die oft im Schatten der großen Narrative bleibt.
Hannas Blick vom Kran auf die Fabrikhalle wird zu einem Sinnbild: eine Frau, die gezwungen ist, von oben auf die Welt zu schauen, distanziert und doch zutiefst verwoben mit den Schicksalen unter ihr. Diese Metapher verdeutlicht Hannas Lebenshaltung — pragmatisch, zäh, beobachtend, und dennoch voller Mitgefühl.
Die Stärke des Romans liegt für mich besonders in der stillen, unaufdringlichen Art, mit der Gröschner ihre Hauptfigur zeichnet. Hanna ist keine Heldin im klassischen Sinne, aber genau das macht sie so stark. Ihr Credo, "anständig bleiben", ist keine naive Floskel, sondern eine Haltung, die sie durch Diktaturen, Kriege und Enttäuschungen trägt.
Schwebende Lasten ist ein Buch für alle, die sich für die oft übersehenen Geschichten des 20. Jahrhunderts interessieren — für diejenigen, die mehr über das Leben derjenigen erfahren möchten, deren Stimmen im historischen Diskurs oft zu leise sind. Es ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt, lange nach der letzten Seite nachhallt und zeigt, dass auch das vermeintlich Unspektakuläre voller Kraft sein kann.

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Veröffentlicht am 21.04.2025

Band 1 einer neuen, spritzigen Reihe – Fortsetzung erwünscht!

Time Travellers - Nächster Sprung - Australien!
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Wer glaubt, eine Klassenfahrt in den Odenwald klingt nach Langeweile und Leberwurstbroten, der hat die 6G noch nicht erlebt! In „Time Travellers – Nächster Sprung: Australien!“ wird aus dem vermeintlich ...

Wer glaubt, eine Klassenfahrt in den Odenwald klingt nach Langeweile und Leberwurstbroten, der hat die 6G noch nicht erlebt! In „Time Travellers – Nächster Sprung: Australien!“ wird aus dem vermeintlich öden Schulausflug ein magisches Abenteuer auf der anderen Seite der Welt – inklusive Outback, Kängurus und jeder Menge Chaos.
Ganz plötzlich – zack! – landet die ganze Klasse nicht im Wald, sondern mitten in Australien. Und Referendarin Mayumi? Die macht sich alleine auf einer Insel breit. Das kann doch unmöglich mit rechten Dingen zugehen … oder steckt da vielleicht ein bisschen Zauberei dahinter? Grace und Rio, zwei Kids mit Köpfchen, fangen an zu ermitteln – während der Rest der Klasse die unerwartete Reise so richtig auskostet. Wenn man schon mal versehentlich nach Australien gesprungen ist, kann man ja auch gleich das Beste draus machen, oder?
Der Schreibstil ist locker-leicht, charmant und witzig – man fliegt förmlich durch die Seiten. Die Kapitel sind kurz, oft mit kleinen Zeichnungen geschmückt und enden nicht selten mit einem Cliffhanger, der einen ruft: „Nur noch eins!“ Besonders schön: Die Klasse besteht aus richtig unterschiedlichen Charakteren, die sich wie im echten Leben auch mal anzicken, aber am Ende zusammenhalten – Teamgeist mit Kakadu und Känguru!
Ob Uluru, Kings Canyon oder Sydney – Australien wird so lebendig beschrieben, dass man beim Lesen fast die Sonne auf der Haut spürt (oder den Sand in den Schuhen). Und trotzdem bleibt’s ein Kinderbuch durch und durch: spannend, lustig und manchmal auch ein kleines bisschen magisch.
Eine gute Lektüre für alle ab 10 Jahren!
Fazit:
Ein turbulenter Start in eine neue Abenteuerreihe, die voller Herz, Humor und Fantasie steckt. „Time Travellers“ ist alles andere als langweilige Schullektüre – das ist Lesevergnügen mit Jetlag-Garantie! Wir sind sowas von bereit für den nächsten Sprung … wohin geht’s wohl als Nächstes? 🌍📚✨
Unbedingt lesen – aber Fernwehgefahr ist hoch!

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Veröffentlicht am 21.04.2025

Witzig und wirklich eine gute Unterhaltung, auch wenn man noch selbst nicht in Rente ist!

Crime im Heim
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Was kommt dabei heraus, wenn eine Horde rüstiger Rentner beschließt, Hamlet aufzuführen, ein Mops auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet und ein pensionierter Zahnarzt zur Obduktionsbesteck-Garnitur ...

Was kommt dabei heraus, wenn eine Horde rüstiger Rentner beschließt, Hamlet aufzuführen, ein Mops auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet und ein pensionierter Zahnarzt zur Obduktionsbesteck-Garnitur greift? Richtig: ein kriminell komisches Abenteuer mit Herz, Hirn – und Hüftgelenkersatz! Ida Tannerts „Crime im Heim“ ist ein Fest für alle, die britischen Humor in deutscher Ausführung lieben, gern mal laut auflachen beim Lesen und keine Angst vor ergrauten Ermittlern haben, die mit Rollator und Restgehirnzellen dem Verbrechen auf die Spur kommen.
Im Zentrum des gepflegten Chaos steht das Seniorenstift »Silberblick«, das mit seinem gut gemeinten Kulturangebot irgendwo zwischen Akkordeonfolter und Bastelhölle angesiedelt ist. Friedhelm, ein abgehalfterter Feuilletonist mit Theaterfaible und galanter Großmanns-Geste, hat genug vom stillen Rentnerdasein. Er will die große Bühne – mit Shakespeare, Pathos und Puderperücke. Unterstützung bekommt er von Katia, Ex-Yogalehrerin, heimliche Herzensdame und baldige Hamlet-Darstellerin in Personalunion mit Miss Marple auf Kamillentee.
Doch bevor der erste Vorhang fällt, fällt der erste Hund: Ophelia, ein Mops mit Bühnenambitionen, segnet auf mysteriöse Weise das Zeitliche. Die Diagnose: Mord durch Projektil – Standesgemäß ermittelt per Zahnspiegel und Aristokraten-Nagelset. Und das ist nur der Anfang. Bald purzeln die Leichen (na gut, es sind nicht so viele), Geheimnisse kommen ans Licht, und die „Grauen Stars“ nehmen die Ermittlungen auf – mit mehr Grips als Gebiss und einer Prise Altersstarrsinn, die Sherlock Holmes vor Neid erblassen ließe.
Tannert (alias Tessa Korber) gelingt hier ein Geniestreich in Sachen Seniorenkrimi: Witzig, schräg, voller Wortakrobatik und mit einem liebevollen Augenzwinkern für all die Marotten, Zipperlein und Eigenheiten des Alters. Zwischen Theaterprobe und Täterjagd wird philosophiert, gezankt, geschmust und geschossen – und das alles mit einer solchen Lebensfreude, dass man das Gefühl hat, im Haus Silberblick steppt der Bär. Oder zumindest der Mops.
Besonders gelungen sind die Dialoge, sie knistern vor Sprachwitz, schräge Bilder und überraschende Bonmots pflastern die Seiten, und selbst die toten Vierbeiner haben mehr Charakter als so mancher Tatort-Kommissar. Die Senioren sind keine Abziehbilder, sondern echte Typen mit Vergangenheit, Ecken und Kanten – und einem gesunden Hang zum Drama, der der Shakespeare’schen Vorlage alle Ehre macht.
Fazit: „Crime im Heim“ ist wie ein spritziger Eierlikör mit Schuss – süffig, warm ums Herz machend und mit einem Nachklapp, der es in sich hat. Wer gern über Mord lacht, Rollatorenrennen spannend findet und Shakespeare in Badeschlappen schätzt, wird dieses Buch lieben. Ein Must-Read für alle Fans von Cosy Crime, gepflegtem Nonsense und der Frage: Was kann im Altersheim schon schiefgehen? Spoiler: Alles. Und das ist großartig so.

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