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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.12.2023

Absolut lesenswert!

Heimkehren
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Esi und Effia sind Schwestern in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Ghana, die einander nie treffen werden. Während Effia mit einem weißen Briten verheiratet wird, sitzt in den dunklen Eingeweiden der Festung, ...

Esi und Effia sind Schwestern in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Ghana, die einander nie treffen werden. Während Effia mit einem weißen Briten verheiratet wird, sitzt in den dunklen Eingeweiden der Festung, der er als Commandant vorsteht, ihre unbekannte Schwester Esi, um als Handelsware über den Atlantik nach Amerika verschifft zu werden.
Über die nächsten zwei Jahrhunderte und sieben Generationen verfolgt man die Wege von Effias und Esis Nachkommen.

Mehr möchte ich über den Inhalt gar nicht verraten - auf diese Geschichte, die so tausende Male passiert und tausende Male zuviel sein wird, muss man sich selbst einlassen. In jedem Kapitel erwartet einen ein Einblick in den Lebensweg eines weiteren Familienmitglieds der beiden Schwestern. Yaa Gyasi hat ihre Geschichte der Versklavung derart literarisch erzählt, dass ich gar nicht aufhören konnte zu lesen. Aus meiner Taschenbuchausgabe schauen viele Haftnotizen, die ich mir als Erinnerung hineingeklebt habe, um später Worte wie Fante, Asante, Akan, Twi und Bluthundgesetz zu recherchieren. Ich habe Heimkehren für den feministischen Buchclub gelesen und kann kaum erwarten, dort über das Buch zu sprechen.
Heimkehren als Familiengeschichte zu bezeichnen, wird diesem Werk nicht gerecht. Klar, es ist alles andere als ein Wohlfühlbuch. Es ist in jedem Fall eine Familiengeschichte, die mehr umfasst als Unterhaltung, eine Geschichchte, die sich zu lesen lohnt. 🔥

Veröffentlicht am 25.12.2023

Hochgradig erschreckend und deshalb so wichtig!

Alle drei Tage
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«Alle drei Tage» ist kein Buch für schwache Nerven, doch so wichtig, dass es gelesen werden sollte. Für mich muss der Satz mittlerweile nicht mal mehr vervollständigt werden, um mich auf die Gräuel vorzubereiten, ...

«Alle drei Tage» ist kein Buch für schwache Nerven, doch so wichtig, dass es gelesen werden sollte. Für mich muss der Satz mittlerweile nicht mal mehr vervollständigt werden, um mich auf die Gräuel vorzubereiten, die zwischen den Buchdeckeln beschrieben werden. Femizid, eine Tat, die allzu häufig vorkommt; ein Wort, das in der Berichterstattung noch zu selten verwendet wird. Denn es sind keine Beziehungstaten, keine Eifersuchtsdramen, keine Familientragödien - es sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, die sich von ihren Partnern nicht mehr kontrollieren lassen wollen. Die Deutsche Presseagentur (dpa), hat 2019 entschieden, nicht mehr in verharmlosender Weise zu berichten, sondern die Gewaltverbrechen auch als solche zu benennen. Immerhin ein Anfang.
Laura Backes und Margherita Bettoni haben das Ziel, den Inhalt des Buches auf die Überlebenden und Hinterbliebenen zu richten. Eine Aufgabe, die schwer genug ist, beginnt es doch mit dem Täter, ohne diesen es auch keine Opfer gäbe.
Nebst den vielen Literaturverweisen gibt es auch das 8-Stufen-Modell nach Monckton Smith, welches den Gefährdungsgrad einer Frau anzeigt, von ihrem (Ex-)Partner getötet zu werden und das Beispiel eines Mannes, der sich zwei Jahre lang einem Anti-Gewalttraining unterzogen hat, nach dem er gegen seine langjährige Freundin gewalttätig geworden ist.
Backes und Bettoni zeigen in ihrem Buch allerdings auch auf, dass Deutschland noch einiges aufzuholen hat, wenn sie die Vereinbarungen der Istanbul-Konvention einhalten will. Insbesondere die derzeitige Rechtssprechung, die von zu verständnisvollen Richter:innen ausgeht beim Ausschluss niedriger Beweggründe (die das Strafmaß des Verurteilten beeinflussen), bedarf dringend einer Verbesserung.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen bei meinem Fazit: Wichtiges Buch!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Eine herzzerreißende Geschichte zweier ungleicher Brüder

Sieben Tage Mo
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Mo ist wie ein Wirbelwind in Karls Leben. Mo sagt und tut immer, was er will, was es oft schwer macht, ihn zu bändigen. Manchmal wäre Karl selbst auch gern ein bisschen wie sein Zwillingsbruder in dessen ...

Mo ist wie ein Wirbelwind in Karls Leben. Mo sagt und tut immer, was er will, was es oft schwer macht, ihn zu bändigen. Manchmal wäre Karl selbst auch gern ein bisschen wie sein Zwillingsbruder in dessen Unbeschwertheit. Aber ab und zu wünscht Karl auch Mo einfach weg, wenn es ihm zu anstrengend wird. Denn Mo hat eine geistige Behinderung, und Karl muss sich sehr häufig um ihn kümmern und kann deshalb seine Freunde nicht so oft treffen.
Nida, die auf dieselbe Schule wie Karl geht, ist ihm vorher nie so aufgefallen. Aber jetzt interessiert sich Karl sehr für das Mädchen, und als sie sich nachmittags zum Schwimmen verabreden, freut Karl sich schon wie bolle sie zu treffen. Doch wieder einmal kommt Mo dazwischen. Karl möchte nicht schon wieder zurückstecken, und lässt seinen Bruder für ein paar Stunden alleine. Als er wiederkommt, ist Mo verschwunden. Karl bleibt das Herz stehen. Hoffentlich ist ihm nichts passiert! Wo kann Mo nur sein?

Ich bin über die Maßen begeistert von Mos und Karls Geschichte! Trotz der lediglich 170 Seiten entfaltet das Buch ein so großes Potential. Die beiden Brüder sind durch die berufstätigen Eltern häufig auf sich gestellt, dabei bleibt die Verantwortung überwiegend bei Karl hängen. Karl muss seine eigenen Bedürfnisse zu oft zurückstellen, dass es mir beim Lesen das Herz gebrochen hat. Dieses Buch presst selbst einem Stein Empathie ab - lest es und gebt es euren Kindern zu lesen!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Einsamkeit vereint

Zweckfreie Kuchenanwendungen
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Sukhin ist Mitte 30, Lehrer, und hat sich in seinem Leben zwischen Arbeit, Lesen und Besuchen bei seinen Eltern eingerichtet. Seine Eltern pflegen eine riesige Kartonsammlung, könnte es doch irgendwann ...

Sukhin ist Mitte 30, Lehrer, und hat sich in seinem Leben zwischen Arbeit, Lesen und Besuchen bei seinen Eltern eingerichtet. Seine Eltern pflegen eine riesige Kartonsammlung, könnte es doch irgendwann mal sein, dass nach 30 Jahren in derselben Wohnung diese Kartons für einen Umzug gebraucht werden. Regelmäßig entstaubt er die Kartons und stapelt sie sorgsam wieder auf. Eigentlich ist er ganz gerne alleine. Einzig Dennis, Mathelehrer aus dem Kollegium, sorgt dafür, dass Sukhin sich in seinem Alleinsein nicht zu sehr einrichtet, hat er ihn doch durch schiere Anhänglichkeit zu einer Freundschaft gezwungen.
Sukhins bequeme Routinen werden durcheinandergeworfen, als er an einem Tag seine alte Liebe Jinn wiedertrifft. Sie ist obdachlos, lebt in einer Behausung aus Kartonagen und scheint ein denkbar schlechtes Los im Leben gezogen zu haben. Aus diesem Grund will Sukhin helfen und sucht ihre Nähe. Natürlich möchte er auch wissen, warum sie ihn vor Jahren so plötzlich verlassen hat. Doch Jinn lässt sich bei aller Fröhlichkeit und allem Optimismus, den sie in ihrer Situation an den Tag legt, nicht in die Karten schauen, was ihr früheres Verschwinden angeht. Mit Kartons und zweckvollen Kuchenanwendungen will er Jinn eine Freude machen, sie ihrerseits zeigt Sukhin, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Wie Planeten auf Umlaufbahnen in gleicher Richtung kreisen diese Menschen umeinander herum und kommen sich dabei näher.

Mit «Zweckfreie Kuchenanwendungen» habe ich jetzt auch nach Singapur mal einen literarischen Ausflug gemacht. Dieser hat mich zu zwei einsamen Menschen geführt, die ihr Alleinsein erst als Einsamkeit erkannt haben, als sie sich wiedergetroffen haben. Besonders gefallen haben mir die Beschreibungen der multikulturellen, innovativen Stadt mit seinem Merlion, zudem Dennis resolut offener Art, Sukhin aus seiner Einsiedlerhöhle zu ziehen. Diese Geschichte ist angereichert mit liebenswerten Charakteren - auch der manchmal etwas arg grummelige Hauptcharakter, der seine Genervtheit von seinen Mitmenschen diese aber selten spüren lässt, sondern mit sich selbst (und selbstredend mit den Leser:innen) ausmacht.
Die Langatmigkeit mancher Passagen hat mich ein wenig gestört und die Geschichte für meinen Geschmack etwas zu verwässert, davon abgesehen aber ein warmherziges Buch!

Veröffentlicht am 01.11.2023

Witzige Geschichte über Familie mit durchaus ernsten Themen

Frankie und die Liste der unbezahlbaren Wünsche
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Als, dingdong, der Notar an der Haustür der Davenports klingelt, um Frankie zu offenbaren, dass seine Oma ihm eine halbe Million Pfund vererbt hat, ist er völlig aus dem Häuschen. Als das Testament offenbart, ...

Als, dingdong, der Notar an der Haustür der Davenports klingelt, um Frankie zu offenbaren, dass seine Oma ihm eine halbe Million Pfund vererbt hat, ist er völlig aus dem Häuschen. Als das Testament offenbart, dass es obendrauf einen Opa gibt, von dem er gar nicht wusste, dass er einen hat, ist er überglücklich! Frankies Dad und dessen Vater haben sich nämlich offenbar unbestreitbar zerstritten.
Voller Eifer macht er sich an die Anweisung seiner Oma sich um seinen Grandpa zu kümmern. Frankies Dad, der auch Frank heißt, wie sein Vater (eine Art Familientradition) ist davon überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss, denn das Geld stünde eigentlich ihm zu! Seine Eltern wollen, dass Frankie ihnen das Geld aushändigt. Der hat aber gar keine Lust, seinem Dad das Geld zu geben, zumal der ständig in zwielichtige Geschäfte verwickelt ist. Stattdessen schreibt Frankie eine Liste mit Aktivitäten, die ihn und seinen Grandpa näher zusammenbringen sollen - da dürfen natürlich Monstertruck-Fahren und Delfinschwimmen nicht fehlen!

Ein ganz wunderbar humoriges Kinderbuch hat Jenny Pearson (wie die Birne 🍐) da auf die Welt losgelassen! Bisschen musste ich schon lachen und sehr oft auch breit schmunzeln. Es kommt aber auch Familienzusammenhalt nicht zu kurz. Sagen wir's mal so: Wenn ich jemanden hätte, dem ich vorlese, wäre das ein Buch, das ich gerne vorlesen würde!