Profilbild von Paperboat

Paperboat

Lesejury Star
offline

Paperboat ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Paperboat über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2023

Selbstzweck Lüge

So schöne Lügen
0

Louises Leben kommt ihr allzu häufig zu langweilig vor. Ihre Ambitionen bleiben immer hinter ihren leeren Versprechungen sich selbst gegenüber zurück, dabei ist sie beinahe 30 und hat noch immer keine ...

Louises Leben kommt ihr allzu häufig zu langweilig vor. Ihre Ambitionen bleiben immer hinter ihren leeren Versprechungen sich selbst gegenüber zurück, dabei ist sie beinahe 30 und hat noch immer keine nennenswerte Karriere, dafür aber drei Jobs und dennoch eine ständig knappe Kasse. Ursprünglich wollte sie mal Schriftstellerin werden, aber zum Schreiben kommt sie nie, denn Entschuldigungen vor sich selbst sind der einfachere Weg als sich die Mühe zu machen. Selten gönnt sie sich das Vergnügen des teuersten Cocktails in einer Bar, bei dessen Genuss sie sich wünscht ein so bedeutsames Leben wie die Menschen um sie herum zu führen, die sich diesen Genuss so oft sie wollen leisten können.
Ihre Geldsorgen rücken vorübergehend in den Hintergrund, als sie auf eine Jobanzeige reagiert, die ihr 150 $ pro Stunde – für sie ein kleines Vermögen - bringen könnte. Sie lernt Lavinia kennen, die für ihre jüngere Schwester eine Tutorin für jenen Abend sucht, während sie auf eine Party irgendwo in New York geht. Als Lavinia am nächsten Morgen zurückkommt, freunden sie und Louise sich an und sind bald darauf unzertrennbar. Louise ist fasziniert von Lavinia, die sich offenbar um nichts Gedanken machen muss außer um ihren nächsten Beitrag auf Facebook. In Gesellschaft von Lavinia entflieht Louise der Unzulänglichkeit ihres eigenen Lebens auf angesagten New Yorker Parties, auf denen sie die verschiedensten Menschen kennenlernt, deren Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit ihr erst lange, nachdem sie diesen Menschen gefallen und ihnen nah sein möchte, klar wird. Aber alle lieben Lavinia, alle liken sie, und Louise sieht in ihr das, was sie selbst gerne hätte.
Kluge Menschen sind in diesem Roman rar. Ihr Potential erkennt Louise erst dann, als sie von einem bitteren Ereignis dazu gedrängt wird es zu entfalten oder in eine noch größere Bedeutungslosigkeit zu fallen als vor dem Kennenlernen von Lavinia.

Die Geschichte Louises dreht sich tatsächlich um Lügen; kleine Lügen, Notlügen, so schöne Lügen, große Lügen, ganze Lügengebilde. Jeder mit jedem, jeder gegen jeden, bloß gut dastehen wollen alle vor allen anderen. Louise ist fähig ihre Lage zu erkennen, nur entkommen kann sie ihr nicht, bis der Zufall ihr weitere Entscheidungen abnimmt.

Ich bin nur so durch diesen Roman geflogen, der Schreibstil hat mir sehr zugesagt, und ich wollte zu jeder Zeit wissen wie es weitergeht. Interessant stellt die Autorin dar, wie sich Beziehungen zu Menschen verändern mit den Ansichten, die man über sie hat und die Wahrheiten, die man von ihnen kennt. Man wird mit den dunklen Seiten underschiedlicher Charaktere konfrontiert und beobachtet sich als Leser dabei, wie auch man selbst seine Ansicht zu den Figuren verändert. Die Autorin hat da auf interessante Weise fast ein Psychogramm erstellt und in eine spannende Geschichte verpackt.

Veröffentlicht am 04.03.2023

Magisch und höchst witzig!

Die letzte Drachentöterin
0

Jennifer Strange, ihres Zeichens Findelkind im vierten Jahr ihrer Kontaktarbeit, die jeder Findling abzuleisten hat, leitet die heruntergekommene Zaubereiagentur Kazam. Magier, ehemals mächtige Menschen, ...

Jennifer Strange, ihres Zeichens Findelkind im vierten Jahr ihrer Kontaktarbeit, die jeder Findling abzuleisten hat, leitet die heruntergekommene Zaubereiagentur Kazam. Magier, ehemals mächtige Menschen, sind nur noch ein Abbild ihres früheren Glanzes, sie werden nur noch für niedere Aufgaben wie die Kanalreinigung, Pizza-Auslieferungen auf fliegenden Teppichen oder die Neuverkabelung alter Wohnhäuser angestellt und sind dabei derselben Feilscherei ihrer Kunden ausgesetzt wie viele gemeine Handwerker.

Die Welt ist eine Mischung aus Moderne und Mystik; Drachen existieren neben Autos, Magie ist ebenso Teil von Jennifers Alltag wie unbelehrbare Monarchen. Nur eins ist gleich: Die Habgier der Menschen. Diese versammeln sich vor dem Drachenland, das an das Königreich grenzt, das Jennifer ihr Zuhause nennt. Der Vorhersehung nach soll das Drachenland nach dem Tod des letzten Drachen frei zur Besetzung sein für jeden, der sich ein Grundstück absteckt, und so campiert sämtliches Pack an der Grenze zum Drachenland in Vorfreude auf den baldigen Tod des Drachen.

Eines Tages hat nicht nur ein Zauberer eine mächtige Vision, sondern die meisten Zauberer im ganzen Land; der Drache (letzter seiner Art) Maltcassion soll von der Hand der letzten Drachentöterin niedergestreckt werden. Und Protagonistin Jennifer Strange hat auch einen Part zu spielen.

Jasper Fforde kann auch in diesem Roman wieder absolut überzeugen. An diesem Autor schätze ich besonders den kreativen, intelligenten und quatschvollen Humor, der mich stark an Walter Moers erinnert. Jasper Forde zeichnet in den Büchern, die ich von ihm bisher gelesen habe, die Kreation alternativer Welt aus, die sich von unserer zwar unterscheidet, aber insgesamt sehr ähnlich ist und von Verrücktheiten wie dem gesellschaftlichen Problem der Marzipansucht erfüllt ist. Den Folgeband "Das Lied des Quarktiers" werde ich mir umgehend mit Wonne zulegen.
So großartig ich seine Bücher finde, so bedauerlich ist es, dass sie in Deutschland nicht bekannter sind. Ich kann nur jedem raten, der Moers Sprachwitz liebt, sich auch mal an Fforde zu wagen!

Veröffentlicht am 04.03.2023

Von der Ungeduld groß zu werden

Bist Du der Frühling?
0

Schon wieder gibt es in der Hasenfamilie Bucheckern zu essen. Buäh, immer dasselbe eintönige Abendessen! Die Mutter versucht zu beschwichtigen: Bald kommt doch der Frühling, dann gibt es andere, sehr leckere ...

Schon wieder gibt es in der Hasenfamilie Bucheckern zu essen. Buäh, immer dasselbe eintönige Abendessen! Die Mutter versucht zu beschwichtigen: Bald kommt doch der Frühling, dann gibt es andere, sehr leckere Dinge zu essen. Das kleinste Hasenkind hat den Frühling noch nie erlebt und ist neugierig, als seine Brüder, die auf einen Baum gesprungen sind und äußern, sie sähen von dort das Meer, was ein Zeichen dafür sei, dass der Frühling bald käme. Das kleinste Hasenkind schafft es nicht auf den Baum zu springen, von da an ist es aber sehr gespannt auf den Frühling. Als am nächsten Morgen das kleinste Hasenkind von einem Geräusch draußen geweckt wird, stürmt es raus, denn das muss ja wohl der Frühling sein! Draußen folgt es dem stapfenden Geräusch und steht bald einem Eisbären gegenüber. „Bist du der Frühling?“, fragt es den Eisbären. Der Eisbär zeigt dem Hasenkind das Meer und erzählt ihm, dass er woanders hingeht, denn es werde ihm bald zu warm hier im Wald werden. Der kleine Hase läuft nach Hause und berichtet seiner Mama, dass es den Frühling getroffen habe.

Es handelt sich hier um ein wirklich schönes Bilderbuch, das auf den wenigen Seiten subtile Botschaften von der Sehnsucht Erwachsen zu werden, Begegnung und Freundschaft, und eventuell auch Klimawandel in Bildern kommuniziert. Der Ärger der Hasenkinder über das immergleiche Essen, die Gemächlichkeit des Eisbären und die Quirligkeit und Neugier des kleinsten Hasenkinds sind ausdrucksstark illustriert.

Veröffentlicht am 04.03.2023

"I am woman, hear me roar"

Ihr mich auch
0

Meine Rezension läute ich ein mit der ersten Zeile aus Helen Reddys Song „I Am Woman“ ein, weil es mir für diese Story sehr passend erscheint!

„Ihr mich auch“, das geht Lu – eigentlich Luisa - sehr häufig ...

Meine Rezension läute ich ein mit der ersten Zeile aus Helen Reddys Song „I Am Woman“ ein, weil es mir für diese Story sehr passend erscheint!

„Ihr mich auch“, das geht Lu – eigentlich Luisa - sehr häufig durch den Kopf. Andere Jugendliche finden sie seltsam, und deshalb wird sie hier und da auch verspottet. Lu ist nicht in eine Schublade einzuordnen; Freche Schnute, pinke Haare, Jungsklamotten, Boxtraining. Lu ist meistens alleine, dabei wünscht sie sich schon Freunde. Aus diesem Grund wird sie seit ihrer Kindheit, die sie ohne Vater erleben musste, weil der schon früh abgehauen ist, von einem imaginären Freund begleitet. Rhys, den außer ihr niemand sehen oder hören kann, vertraut sie ihre Geheimnisse an.
Nicht nur die Schule nervt Lu, auch ihre Mutter geht ihr oft gehörig auf den Keks. Lu und ihre ewige Studentenmutter haben das Geld nicht so locker sitzen, weshalb Lu die getragenen Klamotten ihres Cousins trägt. Als ihre Mutter einen Job findet, dessen Aufgabe darin bestehen soll, die verzogene Tochter eines wohlhabenden Schnösels zu babysitten, kann Lu nur mit den Augen rollen. Viola, die seit einem Unfall für ihr Leben gezeichnet ist, kennt keinen Respekt. Lu ist es ein Gräuel, dass ihre Mutter für diese tyrannische kleine Prinzessin arbeiten soll. Als Viola bei der ersten Begegnung Lu ins Gesicht spuckt, lässt sie sich das nicht gefallen und knallt Viola eine, bevor Lu das Weite sucht. Ihre Mutter, von der sie eigentlich eine Strafpredigt erwartet, erzählt beeindruckt und überrascht Lu, dass Viola darauf besteht, Lu bei einem gemeinsamen Mallorca-Urlaub dabei zu haben. Was als Grauen für Lu beginnt, mündet in eine Freundschaft wie Lu sie noch nie erlebt und sich immer gewünscht hat.

Vom Cover leuchtet den Betrachter der rosafarbene Schopf von Lu entgegen. Das Buch wirkt visuell sehr mädchenhaft, aber was man beim Lesen präsentiert bekommt, ist gelinde gesagt richtige Power. Lu ist ein wirklich cooler Charakter, allein dass sie zum Boxen geht, um ihre Wut und überschüssige Energie loszuwerden, hat mir sehr imponiert. Lus Einsamkeit mag sich in der Erfindung eines unsichtbaren Freundes manifestieren, es ist aber auch ihre Ressource einen Weg zu finden mit Rhys nicht einsam sein zu müssen. Die Geschichte ist für mich pure jugendliche, weibliche Stärke und ich kann das Buch wirklich jedem nahelegen, der starke weibliche Charaktere mag!

Veröffentlicht am 04.03.2023

Terra, Mars & Luna

Terra
0

In Tom und Stefan Orgels erstem SciFi-Roman sind dies die drei bewohnten Himmelskörper in der Zukunft, da die Erde in der Zukunft etwa elf Millionen Menschen beherbergt. Der Mars ist noch nicht zur Gänze ...

In Tom und Stefan Orgels erstem SciFi-Roman sind dies die drei bewohnten Himmelskörper in der Zukunft, da die Erde in der Zukunft etwa elf Millionen Menschen beherbergt. Der Mars ist noch nicht zur Gänze erschlossen, und es werden nach wie vor viele Rohstoffe auf dem roten Planeten benötigt.
Als Leser wird man in die Geschichte eingeführt, als eine Frau im Weltall unter merkwürdigen Vorkommnissen ums Leben kommt. Man merkt schon hier, dass irgendwas nicht richtig ist.
Jak, einer der beiden Hauptcharaktere in „Terra“, fliegt beruflich Fracht wie seltene Erden, raffinierte Erze und ähnliche benötigte Materialien von der Erde zum Mars. Auf seiner aktuellen Tour stellt er fest, dass sich in einem seiner Container eine Ladung befindet, die dort nicht sein soll. Die Schiffe, mit modernster Hard- und Software ausgestattet, registrieren den Irrtum nicht. Und auch Jaks AVA Nina – ein assistierendes Computerprogramm, das jedem Piloten als persönlich modifiziertes Programm zur Verfügung steht – sieht erst durch Jaks Linse, dass die hinterlegten Daten für diesen Container falsch sind. In einem Gespräch mit den anderen Kapitänen des Convois, in welchem Jak fliegt, kommt heraus, dass in jedem Schiff eine ominöse Ladung steckt. Jak wird stutzig, vermutet Hehlerware oder gar Drogen und bittet seine Schwester Sal auf dem Mond um Hilfe bei der Lösung des Problems. Sal, die zweite Akteurin in dieser Story, ist genervt davon ihrem vorbestraften Bruder schon wieder helfen zu müssen, aber nach Durchsicht der Daten, die Jak ihr zu seiner Bitte sendet, erkennt auch sie, dass etwas ganz schön faul ist.
Sal und Jak finden heraus, was es mit der Ladung auf sich hat, und was sich offenbart, ist in höchstem Maße besorgniserregend.

Mehr werde ich nicht verraten, aber es hat mir Spaß gemacht zwischen Jak und Sal hin- und herzulesen. T.S. Orgels Roman ist wirklich gut recherchiert (ha, als ob ich das beurteilen könnte...) wie sie auch im Nachwort erklären. Dabei ist es nicht zu abgehoben und für jeden verständlich. Ich konnte mir die beschriebene Technik richtig gut vorstellen. Besonders toll fand ich die AVAs.