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Veröffentlicht am 10.02.2021

Ein Leben im goldenen Käfig

Unheimlich nah
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Inhalt: Nach der gut ausgegangenen Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996, ist das Leben für Johann nicht mehr so wie es einmal war. Die drei Familienmitglieder werden rund um die Uhr ...

Inhalt: Nach der gut ausgegangenen Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996, ist das Leben für Johann nicht mehr so wie es einmal war. Die drei Familienmitglieder werden rund um die Uhr bei jedem Schritt, den sie vor die Tür machen, von Personenschützern begleitet und überwacht. Besonders für den 14-jährigen Johann ist das eine große Belastung.

Meine Meinung: Ich habe bereits vor einiger Zeit das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer gelesen, in dem er auf eindringliche Weise über die 33 Tage erzählt, als sein Vater sich in den Händen der Entführer befand und sein Zuhause zu einer polizeilichen Einsatzzentrale wurde. In „Unheimlich nah“ berichtet er nun von den darauf folgenden Jahren. Sehr ehrlich, selbstkritisch und oft auch humorvoll schreibt er über das beklemmende Gefühl und die schwierigen Situationen, die durch eine permanente Begleitung / Überwachung während der prägenden Jahre der Pubertät entstanden sind. Die Personenschützer, von Johann ironisch„Die Herren“ genannt, sind wirklich überall dabei. Im Urlaub, auf Klassenfahrt, bei Treffen mit Freunden und bei Dates. Nichts bleibt unbeobachtet und leider auch nicht immer unkommentiert und häufig kommt es für Johann zu peinliches Situationen. Kaum vorstellbar, was das mit einem jungen Menschen macht. Es ist die Zeit des Erwachsenwerdens, der Abnablung von den Eltern und der ersten eigenen Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Johann ist die permanente Anwesenheit der stets bewaffneten und gut geschulten Personenschützer anderen Menschen gegenüber sehr unangenehm und er verstrickt sich aus diesem Grund immer häufiger in Lügen oder versucht, seine „Verfolger" abzuhängen. Doch andererseits beunruhigt ihn auch der Gedanke: (Zitat) „Wie übermächtig muss die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?“ Er führt ein Leben zwischen Angst, verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit und dem großen Bedürfnis nach Freiheit und Selstständigkeit.
Die meiste Zeit hat mich diese Geschichte sehr gefesselt, erst im letzten Drittel ließ mein Interesse etwas nach.
Einige Handlungen fand ich etwas unrealistisch,deshalb bin ich mir nicht sicher, ob der Autor zum Zweck der Unterhaltung noch fiktive Elemente hinzugefügt hat.

Fazit: „Unheimlich nah“ ist ein sehr berührender und selbstironischer Roman über das Erwachsenwerden unter extremen Umständen. Über den Wunsch eines Jugendlichen, einfach ein „normales“ Leben führen zu können.

Veröffentlicht am 03.02.2021

Mitreißende Familiengeschichte über vier Generationen

Wo wir Kinder waren
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„Man muss das lieben, was man hat"

Inhalt: Die Cousinen Eva und Iris und ihr Cousin Jan gehören zu einer mehr oder weniger zerstrittenen Erbengemeinschaft. Es gibt Unstimmigkeiten, was mit dem Wohngebäude ...

„Man muss das lieben, was man hat"

Inhalt: Die Cousinen Eva und Iris und ihr Cousin Jan gehören zu einer mehr oder weniger zerstrittenen Erbengemeinschaft. Es gibt Unstimmigkeiten, was mit dem Wohngebäude und der ehemaligen Spielzeugfabrik der Familie Langbein in Sonneberg, Thüringen, geschehen soll. Jan, dessen Vater als Letzter in dem Haus gewohnt hat, beginnt mit dem Ausräumen. Eva und Iris helfen ihm dabei und schon bald werden Erinnerungen wach…

Meine Meinung: Kati Naumann erzählt die fiktive Geschichte der Familie Langbein und ihrer Spielzeugfabrik auf zwei verschiedenen Handlungsebenen. Während in der Gegenwart Eva, Jan und Iris das alte Wohnhaus ausräumen, erzählen die Kapitel in der Vergangenheit vom Aufbau der Fabrik durch Albert Langbein im Jahr 1910 bis zur Einstellung der Produktion viele Jahre später. Die Vergangenheit und die Gegenwart werden dabei sehr geschickt miteinander verknüpft. Fragen, die in der Gegenwart aufkommen, werden meist schon im nächsten Kapitel der Vergangenheit geklärt. Dadurch erlangt der Leser wesentlich mehr Hintergrundwissen als Eva, Jan und Iris.
Die Autorin hat selber einen direkten Bezug zu Sonneberg, da ihre Urgroßeltern dort eine Puppenfabrik führten und sie selbst viel Zeit dort verbracht hat. Sehr anschaulich und detailliert beschreibt sie die Herstellungsschritte verschiedener Spielzeuge und den Wandel der Spielzeugindustrie in dieser ereignisreichen Zeit. Obwohl sich die Handlung des Romans insgesamt über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren erstreckt, wirkt sie nicht gehetzt. Die wichtigsten Ereignisse in der Fabrik werden genauso interessant erzählt, wie kleine, oft lustige Alltagsgeschichten, die die Familie betreffen.
Kati Naumann beschreibt die Familienmitglieder alle sehr authentisch und sympathisch und besonders Flora mochte ich richtig gern. Flora ist die Seele und der Anker der Familie. Sie handelt überlegt, findet meistens eine Lösung und weiß zu schätzen, was sie hat, bzw. was ihr bleibt: „Besser die Zuckerdose als das Leben“ ist einer ihrer häufigen Sprüche. Besonders gut gefallen hat mir, dass sich im Laufe der Geschichte geklärt hat, wie dieser Spruch entstanden ist.

Fazit: Eine mitreißende und sehr schön erzählte Geschichte über eine Spielzeugfabrik im letzten Jahrhundert, die viele Höhen und Tiefen erlebt hat. 5 Sterne.

Veröffentlicht am 12.01.2021

Schöne mystische Geschichte, leider auch mit Längen

Was der Fluss erzählt
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Inhalt: England, Ende des 19. Jahrhunderts. Es war die Nacht der Wintersonnenwende - die längste Nacht im Jahr, die Zeit in der Tag und Nacht verschwimmen und unerwartete Dinge geschehen können - als sich ...

Inhalt: England, Ende des 19. Jahrhunderts. Es war die Nacht der Wintersonnenwende - die längste Nacht im Jahr, die Zeit in der Tag und Nacht verschwimmen und unerwartete Dinge geschehen können - als sich die Tür des uralten Wirtshauses an der Themse öffnet und ein schwer verletzter Mann mit einem toten Kind auf dem Arm hineinstolpert. Schnell wird Rita, Hebamme und Krankenschwester, gerufen und kurze Zeit später lebt das Kind wieder. Ein Wunder? Zu wem gehört das Kind? Eine lange Spurensuche beginnt…

Meine Meinung: Die Geschichte hat mir von der Grundidee sehr gut gefallen, genauso wie die märchenhafte Erzählweise und die besondere Atmosphäre. Ich mag sehr gerne etwas mystische Geschichten, die einen Bezug auf alte Sagen und Legenden haben. Die Menschen in den Wirtshäusern erzählen gern alte Geschichte, so wie die von dem Fährmann Quietly, der die Menschen, die aus den verschiedensten Gründen im Fluss treiben, ans Ufer bringt. Entweder an die Seite der Toten oder an die der Lebenden. Mit dem Rätsel um das wiedererwachte Mädchen gibt es nun neuen Gesprächsstoff.
Es werden in diesem Buch die Geschichten von mehreren Menschen erzählt, die sich auf unterschiedlichste Art mit dem Kind verbunden fühlen und der Leser erfährt von Einzelschicksalen, die ans Herz gehen. Zu wem gehört das kleine Mädchen, das nicht spricht? Ist das Kind die entführte Tochter, die unbekannte Enkeltochter oder vielleicht die totgeglaubte Schwester? Warum fühlt die Kleine sich so sehr vom Fluss angezogen? Im Laufe der Geschichte wurde ich immer neugieriger und wollte unbedingt wissen, zu wem das Kind gehört. Erst gegen Ende des Buches laufen die Geschichten zusammen und alle Fragen werden restlos gelöst. Mit meinen Vermutungen lag ich völlig falsch.
Diane Setterfield hat alle Charaktere sehr sorgfältig ausgewählt. Sie sind alle interessant, vielschichtig und wirken authentisch. Besonders gut haben mir Rita und der Fotograf Daunt gefallen.

Fazit: Eine schöne mystische Geschichte mit einem tollen Schreibstil, die aber leider auch einige Längen hat, so dass mein Lesefluss häufiger ins Stocken geriet.

Veröffentlicht am 11.01.2021

Etwas zäher erster Teil

Das Unrecht der Väter
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„Das Unrecht der Väter“ der 1.Teil der Falkenbach-Saga (ich glaube, es soll insgesamt acht Teile geben) und genau das wird beim Lesen schnell deutlich. Alle wichtigen Charaktere - und das sind nicht wenige ...

„Das Unrecht der Väter“ der 1.Teil der Falkenbach-Saga (ich glaube, es soll insgesamt acht Teile geben) und genau das wird beim Lesen schnell deutlich. Alle wichtigen Charaktere - und das sind nicht wenige - werden ausführlich in eigenen Kapiteln vorgestellt, was die Handlung etwas zäh erscheinen lässt. Insgesamt wird die nur 342 Seiten lange Geschichte aus den Perspektiven von zehn verschiedenen Personen erzählt! Zudem ist das Ende offen, das heißt, das alte Geheimnis wird nicht restlos aufgeklärt und auch andere Handlungsstränge bleiben offen. Das hat mich persönlich ziemlich gestört. Wer aber ausführliche Familiengeschichten mit vielen Charakteren und Handlungssträngen mag und jetzt schon weiß, dass er die ganze Reihe lesen möchte, dem kann ich das Buch empfehlen.

Veröffentlicht am 30.12.2020

Wasja wird erwachsen...

Das Mädchen und der Winterkönig
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Inhalt: Durch einen Pakt mit dem Winterdämon Morosko kann Wasja zwar ihr Dorf retten, muss aber trotzdem ihr Zuhause verlassen, da sie nun für eine Hexe gehalten wird. Als Junge verkleidet reitet sie zunächst ...

Inhalt: Durch einen Pakt mit dem Winterdämon Morosko kann Wasja zwar ihr Dorf retten, muss aber trotzdem ihr Zuhause verlassen, da sie nun für eine Hexe gehalten wird. Als Junge verkleidet reitet sie zunächst ziellos durch die winterliche Landschaft von Rus. Nachdem sie ihrem Vetter Dmitri, dem Großfürsten von Moskau, dabei geholfen hat, eine Räuberbande zu besiegen, folgt sie ihm an seinen Hof in Moskau. Doch niemand darf erfahren, das Wasja ein Mädchen ist…

Meine Meinung: Nachdem ich fast ein Jahr auf diese Fortsetzung gewartet habe, war ich leider etwas enttäuscht von der Geschichte. Während der erste Teil noch voller Mystik der alten russischen Legenden war, erwartete mich im zweiten Teil eher eine Abenteuergeschichte, der der Zauber des Vorgängers zum größten Teil fehlt. Die Geschichte ist ganz sicher nicht uninteressant und es gibt immer wieder spannende Passagen, doch seitenweise plätschert die Handlung auch nur so dahin. Das ändert sich erst, als Wasja nach Moskau kommt. Endlich nimmt die Geschichte mehr Fahrt auf und wird auch wieder mystischer.
Mit Wasja hat Katherine Arden eine starke und interessante Protagonistin geschaffen, die mir gut gefällt. Wasja hat das zweite Gesicht und kann die alten Geister sehen und mit Ihnen sprechen, die für andere unsichtbar sind. Sie ist mutig, intelligent und eigensinnig und will sich nicht in die ihr als Mädchen zugedachte Rolle drängen lassen. Doch die beste Figur des Buches ist eindeutig Wasjas unsterblicher Hengst Solowej. Die Gespräche zwischen den beiden fand ich immer sehr unterhaltsam! Solowej ist stark, klug und steht in jeder Situation loyal an Wasjas Seite.
Der Schreibstil ist wie auch im ersten Teil sehr eindringlich und bildhaft, mit einer düsteren Atmosphäre, so dass man beim Lesen alles vor Augen sehen kann und fast die klirrende Kälte spürt.

Fazit: Mir hat es leider zu lange gedauert, bis die Geschichte mich packen konnte. Statt Abenteuer und Kampf hätte ich lieber mehr Mystik gehabt. Ich bin noch nicht sicher, ob ich den dritten Teil noch lesen möchte.