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Veröffentlicht am 01.11.2023

Eine reduziert aber unfassbar eindringlich erzählte Geschichte

Beinahe Herbst
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Inhalt:
1942, es wird Herbst in Oslo. Ilse Stern trifft sich immer öfter mit dem Nachbarsjungen Hermann. Obwohl eine Ausgangssperre herrscht, obwohl immer mehr Soldaten die Strassen bevölkern. In der Schneiderei ...

Inhalt:
1942, es wird Herbst in Oslo. Ilse Stern trifft sich immer öfter mit dem Nachbarsjungen Hermann. Obwohl eine Ausgangssperre herrscht, obwohl immer mehr Soldaten die Strassen bevölkern. In der Schneiderei von Ilses Vater bleibt es leer, die Schaufenster sind mit antisemitischen Parolen beschmiert und eines Tages wird Ilses Vater abgeholt. Ihre Mutter versinkt in Trauer, ihre ältere Schwester Sonja versucht, für die jüngste Schwester zu sorgen, während Ilse wieder einmal unterwegs ist und nicht mehr zurückkommt. In dieser Nacht fällt Schnee und am nächsten Morgen wird die Familie Stern abgeholt.

Meine Meinung:
Anfangs musste ich mich an den kühlen, distanzierten Schreibstil und die sehr ichbezogene Ilse gewöhnen. Ganz selbstverständlich überlässt sie ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester den Haushalt und die Arbeit in der Schneiderei des Vaters und kümmert sich nur um ihre eigenen Bedürfnisse. Naiv und unselbstständig lässt sie sich wieder einmal auf ein Treffen mit Hermann ein. So naiv und unselbstständig, wie Teenager eben sind. Und diese Gleichzeitigkeit eines normalen Teenageralltags, in dem es um die hübscheste Kleidung und den modischsten Haarschnitt geht, während die Nazis immer stärker und präsenter werden, ist unendlich schwer auszuhalten und gerade deshalb so authentisch, berührend und leider aktueller denn je.
"Beinahe Herbst" ist ein Jugendbuch, das vor keinem Thema Halt macht und das kindlich anmutende Cover täuscht. Einige der beschriebenen Szenen, wie der Transport der Familie Stern nach Auschwitz oder die Gefangennahme des Vaters, sind an einschneidender Tragik kaum zu überbieten.
Es zeigt sich aber auch in diesen Ausnahmesituationen, dass die Grenzen zwischen Freund und Feind immer mehr verschwimmen und dass man Menschlichkeit manchmal an den überraschendsten Orten und bei den zufälligsten Begegnungen antreffen kann.
Kaurins Schreibstil ist so reduziert, dass er enorm viel Handlung in wenigen Sätzen transportiert und ohne ausschweifende Beschreibungen auch kleinste Andeutungen und Stimmungen fassbar macht. Die melancholische Atmosphäre wird erst gegen Ende ein wenig hoffnungsvoller und die mitten aus dem Leben gegriffene Geschichte wird bei mir noch lange nachhallen.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch sollte Schullektüre sein und ich wünsche ihm viele weitere Leserinnen und Leser. Es scheint, als wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, genau solche Bücher zu lesen und Marianne Kaurin schafft es mit ihrer einzigartigen und äusserst eindringlichen Sprache, Geschichte lebendig zu machen. Mit diesem Romandebüt ist ihr zu Recht der Durchbruch gelungen.

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Veröffentlicht am 29.10.2023

Ein wenig verzettelter Aufbau aber viel Weihnachtsstimmung

Weihnachten kann kommen
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Inhalt:
Werbefachfrau Lucy lebt für ihre Arbeit und platzt dafür sogar mitten in die Weihnachtsfeier der berühmten Familie Miller, um dem bekannten Geschäftsmann Ross Miller eine Idee zu pitchen. Aufgrund ...

Inhalt:
Werbefachfrau Lucy lebt für ihre Arbeit und platzt dafür sogar mitten in die Weihnachtsfeier der berühmten Familie Miller, um dem bekannten Geschäftsmann Ross Miller eine Idee zu pitchen. Aufgrund einiger chaotischer Verwechslungen und dramatischer Wendungen wird sie für Ross' Freundin gehalten und ist gezwungen, über die Weihnachtstage bei Familie Miller zu bleiben. Bald stellt sich heraus, dass jedes Familienmitglied an einem persönlichen Wendepunkt steckt und inmitten des weihnachtlichen Getümmels kommen einige Emotionen und Geheimnisse ans Tageslicht.

Meine Meinung:
Das Buch habe ich gemeinsam mit Martina vom Blog Martinas Buchwelten gelesen und es hat mir grossen Spass gemacht, gemeinsam mit ihr in die winterlich verschneiten Highlands einzutauchen.
Von Sarah Morgan haben mich schon einige Weihnachtsbücher begeistert. Nur leider sind viele der neueren Cover in meinen Augen gar nicht mehr ansprechend gestaltet. Bei diesem Buch hat mich aber die Aufmachung begeistert und die Beschreibung klang sehr vielversprechend, weshalb ich die Geschichte unbedingt für mich entdecken wollte.
Ich wurde belohnt mit magischer Weihnachtsstimmung in einem warmen, traumhaft geschmückten Haus in den schottischen Highlands, mit zarter Romantik und ein wenig Tragik und mit einer liebevoll beschriebenen Familie (inklusive Familienhund Hunter).
Das Buch hat mich gut unterhalten und auch berührt. Vor allem Lucy und ihre Geschichte mochte ich sehr. Über sie und ihre Arbeit hätte ich aber gerne noch viel mehr erfahren. Auch Nanna Jean, die kein Blatt vor den Mund nimmt, sorgt für ordentlich Trubel, einige Lacher und versöhnliche, tröstende Unterhaltungen.

Schreibstil und Aufbau:
Obwohl der Klappentext so wirkt, als stünde die Geschichte zwischen Lucy und Ross im Mittelpunkt, werden mehr und mehr Figuren und ihre Liebes- und Lebensgeschichten beleuchtet. Der Fokus verschiebt sich und in der Mitte des Buches scheint sich die Autorin ein wenig zu verzetteln. Auch wenn ich es mag, wenn viele verschiedene Figuren und ihre Geschichten thematisiert werden, war mir dies ein wenig zu überladen. Keine einzige Beziehung kommt ohne Drama, Konflikt oder Ungewissheiten aus und Morgan liefert in diesem einen Buch Stoff für eine ganze Serie. Dies alles führt dazu, dass die einzelnen Figuren und Handlungsstränge, die erst am Ende aufgedröselt werden, ein wenig zu kurz kommen und dass es leider an vielen Stellen an Tiefgang fehlt, was der Geschichte aber gutgetan hätte.

Meine Empfehlung:
"Weihnachten kann kommen" beinhaltet eine sehr unterhaltsame, romantische Geschichte, wirkt aber ein wenig überladen, wodurch alles eher oberflächlich bleibt und vor allem Lucy, über die ich gerne mehr erfahren hätte, nicht so viel Platz in der Geschichte einnimmt, wie der Klappentext vermuten lässt. Dafür verbreitet das Buch sehr viel äusserst behagliche Weihnachts- und Winterstimmung und macht damit den ein wenig verzettelten Aufbau locker wett.

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Veröffentlicht am 26.10.2023

Kein Weihnachtsroman, aber nach trägem Start sehr unterhaltsam

Große Liebe im kleinen Trödelladen
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Inhalt:
Nach einem Schicksalsschlag zieht Hope zurück nach York, um einen Neubeginn zu wagen. Es gelingt ihr, eine Stelle im "Ever After Emporium", dem Antiquitätenladen, von dem sie als Kind schon begeistert ...

Inhalt:
Nach einem Schicksalsschlag zieht Hope zurück nach York, um einen Neubeginn zu wagen. Es gelingt ihr, eine Stelle im "Ever After Emporium", dem Antiquitätenladen, von dem sie als Kind schon begeistert war, zu bekommen. Als die kleine Brodie in einem alten Geheimnishüter ein kostbares ägyptisches Schmuckstück findet, möchte Hope mithilfe des Juweliers Will und des Archäologen Ciaran das Geheimnis des Schmuckstücks ergründen. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine tragische Liebesgeschichte aus vergangenen Zeiten, auch Hopes Herz wird gewaltig auf die Probe gestellt.

Meine Meinung:
Es ist kein Geheimnis, dass ich die Bücher von Holly Hepburn sehr gerne mag, "Süsse Träume im Cottage am Strand" hat uns sogar zum vergangenen Schottland-Urlaub inspiriert. Deshalb wollte ich Holly Hepburns Weihnachtsroman auch unbedingt lesen und war zuerst überrascht vom frühlingshaft/sommerlichen Setting. Ob es das war, was es mir ein wenig schwer gemacht hat, in die Geschichte zu finden? Oder ob es eher die anfänglich sehr langsame Entwicklung war? Ich weiss es nicht. Aber mehr und mehr bin ich mit Hope in die Welt der Antiquitäten und vergessenen Schätze eingetaucht und habe mich über die fortschrittliche Protagonistin, ihre tolle Freundin Iris und die sich langsam anbahnende Romanze gefreut. Mir hat gefallen, mit welcher Ehrfurcht und Liebe zum Detail Hope beginnt, die Geschichte des teuren ägyptischen Schmucksstücks zu ergründen. Auch wenn klar war, wie sich die Handlung entwickeln würde, habe ich die Figuren in mein Herz geschlossen und den Ausflug in die wunderschöne Stadt York geliebt.

Sprache und Aufbau:
Zauberhafte, liebevolle Beschreibungen sind definitiv Holly Hepburns Spezialität. Sie entführen in die magische Welt des "Ever After Emporium" in York und erwecken eine tragische Liebesgeschichte aus alten Zeiten wieder zum Leben.
Leider verbreiten nur die letzten fünfzig Seiten dieses Buches weihnachtliche Stimmung und somit ist dieses Buch definitiv kein Weihnachtsroman. Ich fühle mich sogar vom (wenn auch wunderschön glitzernden) Cover irregeführt. Auch der Klappentext beinhaltet keinen Hinweis darauf, dass dieses Buch in erster Linie mitten in einem Hitzesommer spielt...

Meine Empfehlung:
Ich habe dieses Buch trotz trägem Start sehr gerne gelesen, aber ich habe eine viel weihnachtlichere Geschichte erwartet. Und auch wenn Holly Hepburn auf den letzten fünfzig Seiten wirklich alle Register zieht, so sind meine Erwartungen nicht ganz erfüllt worden, was ich aber nicht der Autorin, sondern vor allem dem Verlag, der dieses Buch offensichtlich als Weihnachtsbuch vermarktet, ankreide.
Die Geschichte hat mir aber gut gefallen, weshalb ich euch dieses Buch gerne empfehle, wenn auch ich die bisher gelesenen anderen Bücher der Autorin lieber gemocht habe.

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Veröffentlicht am 21.10.2023

Frischer Wind im Moseltal

Die kleine Pension im Weinberg
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Inhalt:
Katie Sheridan wollte eigentlich nur über die Festtage in Wümmerscheid-Sollensbach bleiben, aber nach Silvester zieht sie nichts mehr nach London zurück. Also beschliesst sie, im beschaulichen ...

Inhalt:
Katie Sheridan wollte eigentlich nur über die Festtage in Wümmerscheid-Sollensbach bleiben, aber nach Silvester zieht sie nichts mehr nach London zurück. Also beschliesst sie, im beschaulichen Dorf zu bleiben und eine eigene Pension zu eröffnen. Als gelernte Köchin stellt dies für sie zumindest fachlich wenige Schwierigkeit dar. Doch sie hat nicht damit gerechnet, dass ihr ausgerechnet ihr Nachbar zuerst die Pläne vom Blumengarten und dann auch fast noch eine wichtige Kritik zerstört. Ausserdem kommen die Briefe, die sie an eine ganz bestimmte Person in England schreibt, immer wieder ungeöffnet zurück, was ihr zusätzlich Kopfzerbrechen bereitet.

Meine Meinung:
Erst gerade habe ich den letzten Band der Reihe um das kleine Café an der Mühle beendet und möchte darauf hinweisen, dass die Moselpension-Reihe lose an die Café-Reihe anschliesst. Es kommen also atbekannte Figuren vor und die Geschichte wird auch chronologisch weitererzählt. Man kann in beiden Reihen alle Bände unabhängig voneinander lesen, wer sich aber für längere Zeit so richtig heimisch fühlen will im fiktiven Doppeldörfchen, beginnt am besten mit "Das kleine Café an der Mühle".
Besonders gut gefallen hat mir der frische, moderne Wind, der durch die Moselpension-Reihe weht. In der Café-Reihe habe ich einige Male kritisiert, wie stereotyp und weltfremd die Figuren skizziert waren, in der Moselpension tauchen aber mehr und mehr Figuren auf, die sehr viel offener und vielschichtiger sind. So ist die Protagonistin Katie Sheridan eine unabhängige Frau, die sich ihre Träume erfüllt und sämtlichen Schwierigkeiten klug und überzeugt entgegentritt.

Schreibstil:
Besonders hervorheben möchte ich die beeindruckenden, gelungenen Naturbeschreibungen. Auch das Wissen rund um Blumengärten und Weinanbau (inklusive Gartentipps im Anhang des Buches) zeugen einmal mehr von den gründlichen Recherchen des Ehepaars Schulte (aka Barbara Erlenkamp). Auch die Einblicke in die Küche und die Bewirtschaftung einer Pension zeugen von viel Fachwissen und Liebe zum Detail.

Meine Empfehlung:
In Wümmerscheid-Sollensbach hat die Neuzeit Einzug gehalten und das steht dem sympathischen Dörfchen sehr gut. Denn an der Hilfsbereitschaft und Schrulligkeit der Figuren hat sich nichts geändert, aber sowohl sprachlich als auch vom Erzähltempo her wirkt der erste Band der Moselpension-Reihe sehr viel moderner, als die Café-Bände. Ich habe mich in Wümmerscheid-Sollensbach wohler denn je gefühlt und möchte dieses Buch für gemütliche Lesestunden in Blumengärten und an gut gedeckten Frühlstückstischen herzlich empfehlen.

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Veröffentlicht am 21.10.2023

Vom Menschsein und Mensch bleiben

Menschenwerk
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Inhalt:
Gwangju, Mai 1980, Studierende protestieren in den Strassen der Stadt und werden vom Militär brutal niedergeschossen. Der fünfzehnjährige Dong Ho und sein bester Freund geraten in eine Demonstration, ...

Inhalt:
Gwangju, Mai 1980, Studierende protestieren in den Strassen der Stadt und werden vom Militär brutal niedergeschossen. Der fünfzehnjährige Dong Ho und sein bester Freund geraten in eine Demonstration, wobei Dong Hos Freund getötet wird.
Dong Ho schliesst sich daraufhin den Freiwilligen an, welche die unzähligen Toten bergen, waschen und aufbahren, damit sie von ihren Angehörigen identifiziert werden können. Die Geschichte einiger Menschen, denen Dong Ho in diesen Tagen begegnet, wird in diesem Buch erzählt. Es sind Geschichten von Gewalt, Schmerz, Würde und Menschlichkeit.

Meine Meinung:
Nachdem ich im September so begeistert war von "Die Vegetarierin", wollte ich unbedingt weitere Bücher der Autorin lesen und weil mir "Menschenwerk" von einigen empfohlen worden ist, habe ich mich daran gewagt. Ich bin immer noch fassungslos und sehr mitgenommen von dieser intensiven Erzählung.
Schilderungen von brutalster Gewalt, Tötungen und Folter lassen den Mai 1980 und dessen Auswirkungen auf die folgenden Jahre und Jahrzehnte fassbar werden, bieten aber nicht viele Hintergrundinformationen, sondern laden zum selbstständigen Recherchieren ein. Han Kang beleuchtet stets den Überlebenswillen von Menschen, die nur noch Fleisch an einem Knochen sind, aber sich dennoch ihre Würde bewahren wollen oder von Menschen, die alles verloren haben. Sie zeigt aber auch auf, wie viele Menschen und ganze Familien an den Ereignissen, der darauffolgenden Gefangennahme oder dem Verlust ihrer Nächsten zerbrochen sind.

Schreibstil und Aufbau:
Han Kang schafft es, die sieben Kapitel jeweils einer Person, einem Schicksal zu widmen und dabei stets in loser Verbindung zueinander stehenzulassen. Sie entfernt sich zeitlich immer weiter vom Ereignis und kommt im letzten Kapitel in der heutigen Zeit an, in der sie von ihren eigenen Erinnerungen an die Stadt Gwangju erzählt
Dabei bleibt ihr Stil eher nüchtern beschreibend, ist aber den Figuren und ihrem Leid trotzdem so nahe. Besonders berührt hat mich der innere Monolog einer Seele, die sich nicht von ihrem verstorbenen Körper lösen kann und dabei eine unendlich schwere Traurigkeit verspürt.

Meine Empfehlung:
"Menschenwerk" erzählt vom Menschsein und Mensch bleiben. Es ist herzzerreissend, nur schwer ertragbar aber einfach grandios erzählt. Und es ist enorm wichtig, spannend und geschickt aufgebaut, weshalb ich es euch - gerade in Zeiten, in denen wir hinschauen und aushalten müssen, um zu verstehen und zu lernen - sehr dringend empfehle.

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