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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.10.2021

Berührend und unterhaltsam, mitten aus dem Leben gegriffen

Es wird Zeit
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Inhalt:
Judith steht in der Mitte ihres Lebens, hat drei Kinder, einen Mann und ein grosses Geheimnis. Aufgrund des Todes ihrer Mutter reist sie in ihre Heimat und trifft unerwartet nicht nur ihre ehemals ...

Inhalt:
Judith steht in der Mitte ihres Lebens, hat drei Kinder, einen Mann und ein grosses Geheimnis. Aufgrund des Todes ihrer Mutter reist sie in ihre Heimat und trifft unerwartet nicht nur ihre ehemals beste Freundin, die gegen eine schwere Erkrankung kämpft, sondern wird auch von einer grossen Leere und Unsicherheit heimgesucht. War es das jetzt schon? Oder was mag da noch kommen? Judith merkt, dass nur sie diese Fragen beantworten und ihr Leben in die Hand nehmen kann.

Meine Meinung:
Von Ildikó von Kürthy habe ich bereits drei Bücher gelesen hatte und weil mir dieses bunte Cover einfach gefällt, wollte ich dieses Buch auch schon länger einmal lesen. Ich wurde nicht enttäuscht und fühlte mich mit dem locker-flockigen Schreibstil sofort wieder angekommen. Ausserdem war ich ganz überrascht, im Buch Illustrationen aus der Feder von Peter Pichler zu finden. Bilder trifft man ja in Bücher für "Erwachsene" so oder so viel zu selten an, wenn sie aber noch so gelungen sind, macht das besonders viel Freude.
Seit der letzten Lektüre eines Buches von Ildikó von Kürthy bin nicht nur ich erwachsener geworden, auch Ildikó von Kürthy ist reifer geworden und schlägt ernste, melancholische Töne an, die mir sehr gut gefallen haben. Mitten im Leben angekommen zu sein, bedeutet auch, sich langsam aber sicher mit dem eigenen Altern, dem Sterben der Eltern und dem Frieden mit den eigenen Lebensentscheiden zu befassen, was sicher nicht immer einfach ist. Einfühlsam und sehr berührend erzählt von Kürthy die Geschichten von Judiths Abschied von ihrer Mutter und von Judith und ihrer besten Freundin Anne, die sich fast verloren hätten und nun von einer Krankheit auseinandergerissen werden. Die Autorin schafft es dabei, tief zu berühren, den ihr eigenen Witz und Humor aber nicht zu kurz kommen zu lassen und auch immer wieder für skurrile und herzerwärmend heitere Momente zu sorgen. Dafür sorgen vor allem Judiths Freunde - Martina, deren Sohn mit Judiths Zwillingen zur Schule gegangen ist, sowie Erdal, der Promi in seiner Glitzerwelt und Karsten, sein bodenständiger und ruhiger Mann - die Judith in jeder Lebenslage zur Seite stehen und sich alle wunderbar ergänzen.

Meine Empfehlung:
Vom Alltag auf der Onkologie, einer missglückten Beisetzung, einem sich anbahnenden Seitensprung und einer Freundschaft, die auch die dramatischsten Auseinandersetzungen überdauert bis hin zum Finden einer neuen, eigenen Bestimmung und einer Rache mit Kuhmist ist in diesem Buch einfach alles zu finden. Humorvoll aber auch tief berührend erzählt Ildikó von Kürthy mitten aus dem Leben und ja, das ist manchmal eine Spur zu abgedreht und manchmal ein wenig gar stereotyp, aber das ist auch schon die einzige Kritik, die ich anbringen kann, weshalb ich euch dieses Buch sehr herzlich empfehle.

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Veröffentlicht am 08.10.2021

Ein wenig überladen, insgesamt sehr bewegend

Sterne erben, Sterne färben
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Meine Meinung:
Marica Bodrožićs Erzählung von ihrem Ankommen in Deutschland, das sie sehr eng mit der Sprache, dem Verstehen und Erlernen neuer Wörter verknüpft, hat mich fasziniert. Einerseits habe ich ...

Meine Meinung:
Marica Bodrožićs Erzählung von ihrem Ankommen in Deutschland, das sie sehr eng mit der Sprache, dem Verstehen und Erlernen neuer Wörter verknüpft, hat mich fasziniert. Einerseits habe ich stets nachvollziehen können, welche Links und Verbindungen sie zu ihrer Muttersprache macht, andererseits beeindruckt es, wie deutlich sie sich in ihrer neuen, zweiten Sprache, ausdrücken kann. Das Gefühl, zwischen zwei Sprachen gefangen zu sein und sich irgendwann auch in der eigenen, ersten Sprache nicht mehr wirklich zu Hause zu fühlen, kennt mein Mann ebenfalls, weshalb ich diese Seite von Bodrožićs Erzählung als Beobachterin mitfühlen konnte.
Und trotzdem waren mir einige Abschnitte ein wenig zu künstlich, hochtrabend und gewollt poetisch erzählt. Einzelne Sätze triefen vor Schönheit und treffen mitten ins Herz, andere Sätze stolpern über eine Anhäufung intellektueller und beschreibender Worte. So, wie vielleicht die Autorin anfangs auch gestolpert ist? Es ist nicht möglich, in der Deutschen Sprache so zu erzählen, wie es Bodrožić aus dem südslawischen Raum gewohnt ist. Deshalb hat sie eine ganz eigene Art gefunden, ihre nicht nur geografische, sondern auch linguistische Reise zu schildern und dies ist ihr hervorragend gelungen. Insgesamt wäre wohl aber weniger mehr gewesen. Ein Minimum an Schlichtheit hätte einigen Passagen sehr gut getan, auch wenn ich weiss, dass es sehr schwierig ist, ein eigenes Erleben und Empfinden in schlichtere Worte zu packen.

Meine Empfehlung:
Meiner kleinen Kritik zum Trotz habe ich Marica Bodrožić für mich entdecken können und ich bin sehr neugierig auf weitere nicht autobiografische Bücher, die vielleicht mit ein wenig mehr Distanz und geradlinigeren Sprachkonstrukten erzählen. Von mir gibt es eine herzliche Empfehlung für dieses Buch.

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Veröffentlicht am 26.09.2021

Intensiv und unter die Haut gehend

Loyalitäten
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Inhalt:
Jugendliche, die sich unbeaufsichtigt treffen und dabei riskante Trinkspiele spielen, Erwachsene, die sich nicht um sich selber, geschweige denn um ihre Kinder kümmern, Menschen, die Geheimnisse ...

Inhalt:
Jugendliche, die sich unbeaufsichtigt treffen und dabei riskante Trinkspiele spielen, Erwachsene, die sich nicht um sich selber, geschweige denn um ihre Kinder kümmern, Menschen, die Geheimnisse voreinander haben, Gewalt und Alkoholmissbrauch erlebt haben, Selbstgespräche führen, aber nicht miteinander sprechen... Loyalitäten ist kein Buch für schwache Nerven und erzählt auf wenigen Seiten eine intensive Geschichte voller Traurigkeit und Schmerz.

Meine Meinung:
Daniela vom Blog readeatlive.wordpress.com hat mir dieses Buch geschenkt, weil ich nach dem Lesen ihrer Rezension so begeistert war und das Buch unbedingt ebenfalls lesen wollte. Heute Nachmittag habe ich mich auf unser Sofa gekuschelt und mich in diese intensive, manchmal unangenehme und unter die Haut gehende Geschichte verkrochen.
"Loyalitäten" wird einerseits aus der Sicht der Lehrerin Hélène und der Mutter Cécile, die beide keine einfache Kindheit hatten, erzählt und setzt andererseits die Jugendlichen Théo und Mathis ins Zentrum. So entspinnt sich nach und nach eine Geschichte, die ihren ganz eigenen Sog entwickelt und obwohl sie manchmal emotional ein wenig distanziert bleibt, werden doch äusserst intensive, brutale und schmerzhafte Szenen geschildert. Ich war aber beim Lesen äusserst froh, dass nicht auf die Tränendrüse gedrückt wird, sondern dass sich die Handlung auf natürliche Art und Weise nach und nach entblättert und dabei äusserst unschöne Seiten unserer Gesellschaft aufzeigt.
Neben dem kompletten Versagen von Eltern und Paaren hat mich vor allem Hélènes Sicht auf die Dinge fasziniert. Als Lehrerin bemerkt sie früh, dass es Théo nicht gut geht und setzt alle Hebel in Bewegung, um seinem Geheimnis auf die Schliche zu kommen und ihm zu helfen. Sie rennt dabei aber gegen Mauern und ihre Ohnmacht und die unsinnigen Regeln eines die Täter und Untätigen schützendes Systems sind kritisch und realistisch dargestellt.

Meine Empfehlung:
Ich bin komplett begeistert und immer noch total glücklich, dieses Buch bekommen zu haben. Es hat mir einen spannenden und intensiven Lesenachmittag beschert und ich lege es euch - inklusive Triggerwarnung - ans Herz.

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Veröffentlicht am 26.09.2021

Eine grosse Enttäuschung

Die Verlobten des Winters
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REZENSION FÜR DAS HARDCOVER-BUCH

Inhalt:
Die unsichere und unscheinbare Ophelia, die neben ihrer ungeschickten Art vor allem als äusserst begabte Leserin bekannt ist, also Gegenstände und ihre Geschichten ...

REZENSION FÜR DAS HARDCOVER-BUCH

Inhalt:
Die unsichere und unscheinbare Ophelia, die neben ihrer ungeschickten Art vor allem als äusserst begabte Leserin bekannt ist, also Gegenstände und ihre Geschichten und Gefühle lesen und zudem noch durch Spiegel reisen kann, soll mit einem Adligen namens Thorn verheiratet werden. Diese Verbindung soll einen Zweck erfüllen, den Ophelia erst nach und nach aufdeckt und ausserdem werden ihr nicht nur von Thorn und Thorns Familie, sondern auch vom eisigen Wetter am Pol, an dem ihr Verlobter wohnt, ordentlich zugesetzt. Nun muss sich die junge Frau behaupten und lernen, wem sie vertrauen und glauben kann.

Meine Meinung:
Eigentlich habe ich mit der Lektüre dieses Buches im Juli begonnen und wollte es im Rahmen des dicke-Bücher-Camps von Marina lesen. Marina selber hat die Reihe bereits gelesen und empfohlen, ausserdem habe ich bei diversen anderen Blogger:innen ebenfalls viele begeisterte Rezensionen und erst in den letzten Monaten auch ein paar kritische Stimmen gelesen, weshalb ich mir selber ein Bild machen und die Reihe für mich entdecken wollte. Ihr seht schon, es ist Ende September und ich habe mich nun drei Monate lang mit dem Buch befasst und mich streckenweise auch damit gequält und muss ganz ehrlich gestehen, dass ich den Hype um die Reihe so überhaupt rein gar nicht nachvollziehen kann. Nicht nur wird die Protagonistin Ophelia als unterwürfige, tollpatschige Person dargestellt und permanent bestraft, geschlagen und herabgewürdigt (und nicht zu vergessen zwangsverheiratet), was zwar im mittelalterlich anmutenden Setting durchaus passen würde, aber für eine Fantasywelt einfach nicht mehr zeitgemäss ist, sondern es kommt auch gar keine Spannung auf. Ganz, ganz, ganz am Schluss wird endlich ein wenig Tempo in die Geschichte gebracht, aber das ist bei mehr als 500 Seiten definitiv eine zu lange Durststrecke obwohl einzelne Szenen durchaus unterhaltsam erzählt und die zahlreichen Figuren äusserst anschaulich beschrieben sind. Ausserdem schlummert in der Grundidee einiges an Potenzial, das aber im verlauf der zäh dahinplätschernden Erzählung leider komplett verpufft und zwar spätestens bei der lahmen Beschreibung der Welt, in welcher die Figuren leben und agieren. Vor allem auf diese Welt war ich sehr gespannt, schliesslich schien sie etwas nie dagewesenes zu sein. Dem ist zwar so und die physikalischen Gesetze und auch die Gepflogenheiten innerhalb dieser Welt sind durchaus intelligent zusammengestellt, aber die Beschreibungen bleiben leider bis zum Schluss oberflächlich und aller Kreativität zum Trotz ein wenig nichtssagend. Ein grosser Wow-Effekt bleibt aus und stattdessen kommt Enttäuschung auf. Schade, schade, schade...

Fazit:
Wer mir sagen kann, was an diesem Buch und der Reihe zu finden ist, soll das gerne tun. Nach dem erneuten Lesen einiger Rezensionen habe ich das Gefühl, ein anderes Buch gelesen zu haben, als andere Rezensentinnen. Also macht euch gerne ein eigenes Bild und lest euch vor dem Buchkauf doch einfach eine Leseprobe durch.

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Veröffentlicht am 20.09.2021

Eine literarische Entdeckungsreise

FRAUEN LITERATUR
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Meine Meinung:
Mit grosser Spannung habe ich dieses Buch von Nicole Seifert (der ich seit Jahren bei Instagram folge) erwartet und nach den vielen positiven Rezensionen ist meine Vorfreude noch grösser ...

Meine Meinung:
Mit grosser Spannung habe ich dieses Buch von Nicole Seifert (der ich seit Jahren bei Instagram folge) erwartet und nach den vielen positiven Rezensionen ist meine Vorfreude noch grösser geworden. Ich wurde definitiv nicht enttäuscht und habe neben zahlreichen Argumenten für das diverse Lesen auch einige historische und gesellschaftliche Exkurse sowie Einblicke in das Verlagswesen und die Welt der Literaturkritik gewinnen können.

Dabei wird vor allem geschildert, wie es dazu gekommen ist, dass über Jahrzente Frauen, Autorinnen, gezielt von (meist männlichen) Kritikern, Verlegern und anderen Autoren missachtet und unterdrückt worden sind. Misogynie, aber auch Rassismus und Queerfeindlichkeit haben dazu geführt, dass viele Werke von Autorinnen in Vergessenheit geraten oder absichtlich klein gemacht worden sind. Wie dies - leider - in unserer Kultur verankert ist und was wir aktiv dafür tun können, unser Lesen diverser zu gestalten, dazu schreibt Nicole Seifert informiert, mit Quellen belegt und äusserst kritisch. Und dies auf knapp zweihundert Seiten. Die letzten dreissig Seiten dieses Buches sind nämlich ein wohlsortierter und aufschlussreicher Anhang, der diverse Zitate in ihren Kontext setzt und vor allem noch einmal alle im Buch erwähnten literarischen Werke zahlreicher Autorinnen detailliert auflistet.

Es klingt mittlerweile wie ein Klischee, weil es schon so oft erwähnt worden ist, aber meine Wunschliste ist wirklich sehr viel länger geworden und obwohl ich zeitenweise fast ausschliesslich Literatur von Frauen lese und generell sehr viel Wert auf Diversität lege (und dabei noch lange nicht an meinem Ziel angekommen bin), habe ich vor allem im Klassiker-Bereich zahlreiche blinde Flecken. Nicole Seifert hat auch diesbezüglich sehr viele Bücher entdeckt und zur Lektüre vorgeschlagen und ich freue mich schon auf meine literarischen Erkundungsreisen und darauf, mir bisher unbekannte Autorinnen kennenzulernen und mir selber eine Meinung zu ihren Werken zu bilden, die bereits zu oft absichtlich ignoriert worden sind.

Meine Empfehlung:
Ich kann euch allen dieses Buch nur mit vollster Überzeugung ans Herz legen. Es dient als Nachschlagewerk, als kleine Kulturgeschichte der Misogynie im Literaturzirkus (und unserer ganzen Gesellschaft) und als Plädoyer für das diverse Lesen und ist zudem sehr spannend und fundiert recherchiert geschrieben.

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