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Veröffentlicht am 03.11.2025

Geht unter die Haut.

Für euch würde ich kämpfen
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"Freiheit ist kein Geschenk, sie wird erkämpft. Ich hatte das verdrängt, weil ich es mir leisten konnte, in Sicherheit zu leben."

Anfang des Jahres 2014 überfiel Russland die ukrainische Krim und annektierte ...

"Freiheit ist kein Geschenk, sie wird erkämpft. Ich hatte das verdrängt, weil ich es mir leisten konnte, in Sicherheit zu leben."

Anfang des Jahres 2014 überfiel Russland die ukrainische Krim und annektierte diese. Im Februar 2022 startete Russland den Angriffskrieg auf den Rest der Ukraine. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die UkrainerInnen wehren sich standhaft. Derweil reden wir in Deutschland.

Wenn ich mich zwischen Krieg oder Frieden entscheiden müsste, würde ich mir natürlich Frieden wünschen. Die Idee des Pazifismus ist selbstverständlich wunderbar und ich kann verstehen, dass man sich selbst als Pazifist sieht. Jedoch - und das arbeitet Artur Weigandt in "Für euch würde ich kämpfen" auf sehr persönliche und gut nachvollziehbare Weise heraus - sind Frieden und Freiheit Privilegien und keine Selbstverständlichkeiten. Das bekommen in Europa gerade vor allem die UkrainerInnen zu spüren: Natürlich wollen sie auch in Frieden leben. Sie haben keinen Krieg begonnen. Sie wurden allerdings von Russland angegriffen und schon war es das mit dem Frieden und der Freiheit.

"Pazifismus bedeutete nicht nur, gegen Krieg und Gewalt zu sein - sondern auf der Seite zu stehen. Auf der Seite der Guten, der Verletzlichen."

Artur Weigandt erzählt aus seiner Sicht und sehr persönlich. Da gibt es nichts Abstraktes, sondern viel Handfestes - was die Erfahrungen, die Weigandt beschreibt, für uns LeserInnen sehr viel nachvollziehbarer macht. Er erzählt von seinem pazifistischen (jüngeren) Ich und ich würde wetten, dass sich viele Menschen, vor allem solche, die sich eher links positionieren, gerade diese Passagen sehr gut nachvollziehen können. Zumindest mir ging es so. Aber dann der Cut durch den russischen Angriff auf die Ukraine und damit einhergehend die Fragen: "Was würde ich tun? Würde ich kämpfen?"

Weigandt entschied sich, als Dolmetscher zu arbeiten, als Ukrainer in Deutschland an Panzern geschult wurden. Was er dort erlebt hat, hat offensichtlich Spuren hinterlassen. Er hat Bekanntschaften mit den Soldaten geschlossen, hat erlebt, wie sie mit der Bedrohung - keine abstrakte, sondern eine ganz konkrete - umgehen. Es sind diese Passagen - die Passagen, in denen die betroffenen Menschen dank Weigandt ein Gesicht bekommen -, die mir besonders nah gegangen sind. Denn es sind ganz normale, die einfach nur in Frieden leben woll(t)en, die durch Russlands Angriff aus ihrem "normalen" Leben gerissen wurden, die nicht mehr in Frieden leben können, sondern stattdessen in einem Krieg, den sie sich weder gewünscht noch begonnen haben. Menschen wie du und ich.

"Die Ukraine zeigt uns, was passiert, wenn ein Land keine Wahl hat. Sie kämpft, weil Kapitulation Auslöschung bedeutet."

Wie zynisch ist es, wenn selbsternannte PazifistInnen oder PolitikerInnen von der Ukraine fordern, doch bitte endlich aufzugeben, damit wieder Frieden einkehren kann? Ist das noch Pazifismus oder ist es nicht eher Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit unter dem Deckmantel des Pazifismus? Und was ist ein Frieden wert, der faktisch eine Kapitulation vor den Russen darstellt? Wollen wir wirklich, dass die UkrainerInnen einmal mehr der potenziell tödlichen Willkür russischer Besatzer ausgesetzt sind? Und selbst wenn man zynisch genug ist, dies zu bejahen, glaubt wirklich irgendjemand, dass Russland dann zufrieden wäre? Nach allem, was Putin und Konsorten geäußert haben, wird Russland NICHT aufhören, wenn es sich die Ukraine einverleibt hat.

Mir hat sehr gut gefallen, dass Artur Weigandt eben NICHT blinde Kriegstreiberei, sondern einen "wehrhaften Pazifismus" fordert. Soll heißen: Nein, wir wollen keine Kriege beginnen. Wir wollen Kriege verhindern. Aber wenn es darauf ankommt, verteidigen wir unsere Freiheit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln: mit Worten, mit Taten und - wenn es nicht anders geht - auch mit Waffen. Mehrfach weist Weigandt in seinem Buch darauf hin, dass Pazifismus vom lateinischen Pax (Frieden) und facere (machen) kommt, dass man also Frieden macht. Insofern ergibt die Idee des wehrhaften Pazifismus auch Sinn.

"Ich frage mich, ob er nicht recht hat - und ob das, was wir so oft als Friedensliebe bezeichnen, in Wahrheit oft nichts anderes ist als fehlende Verantwortung."

Am Ende geht es auch um Wertschätzung. Wie wichtig ist mir Freiheit? Wie wichtig ist mir Frieden? Ehrlich gesagt: Mir sind Freiheit und Frieden wichtig. Sie sind für mich nicht nur Worte, sondern sie sind für mich essentiell. Ich gönne jedem Menschen Frieden und Freiheit und ginge es nach mir, gäbe es keine Kriege (mehr). Nur manchmal ist es so, dass Worte mit Leben gefüllt werden müssen. Genau da setzt "Für euch würde ich kämpfen" an. Weigandt lässt uns teilhaben an seiner Suche nach Antworten, er erweckt die Menschen, denen er begegnet, zum Leben, macht sie und ihre Schicksale für uns nah- und erlebbar.

Wer nach der Lektüre dieses Buches immer noch meint, Pazifismus schließe (militärische) Unterstützung für die Ukraine aus, der hat meiner Meinung nach kein Herz, kein Mitgefühl und hat das Wesen des Pazifismus und der Freiheit nicht verstanden. Wer dem sich wehrenden Angegriffenen Kriegstreiberei vorwirft, weil dieser partout nicht aufgeben will, dem geht es nicht um die Sache (Frieden und Freiheit), sondern darum, die Augen zu verschließen, um weiter in seiner selbstherrlichen Blase schwimmen zu können.

Wir leben in schwierigen Zeiten. "Für euch würde ich kämpfen" ist ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt. Das Leben ist eine Reise. Manchmal muss man Überzeugungen (und ihre Motive) zumindest hinterfragen, gegebenenfalls anpassen oder sogar über Bord werfen. "Für euch würde ich kämpfen" ist eine Einladung, die Realität anzuerkennen. Man muss nicht zu den gleichen Schlüssen gelangen wie Artur Weigandt, aber zumindest mal nachzudenken, ob das, was in dem Buch geschrieben steht, nicht seine Berechtigung hat, ist meiner Meinung schon viel wert.

"Solange du noch entscheiden kannst, ob du kämpfst oder fliehst - bist du frei. Aber wenn du es nicht mehr kannst, wenn der Krieg dich einholt, egal wo du bist - dann bleibt dir nur noch eins: Dann kämpfst du für deine Freiheit."

CN: Tod, Vergewaltigung, Verstümmelung

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Veröffentlicht am 25.10.2025

Erhellend

Der 8. Oktober
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"Bis zum 7. Oktober 2023 glaubte ich, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien die letzten Ereignisse, die abweichende Überzeugungen und Meinungen in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls noch ...

"Bis zum 7. Oktober 2023 glaubte ich, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien die letzten Ereignisse, die abweichende Überzeugungen und Meinungen in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls noch zusammenbringen könnten."

Die Erschütterung, die Eva Illouz und Jüdinnen/Juden weltweit am 7. Oktober 2023 und vor allem in den Wochen danach - als Menschen weltweit das Massaker nicht nur rechtfertigten, sondern vielmehr bejubelten und feierten (darunter viele, die sich als progressive Linke identifizieren) -, kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen.

Eva Illouz nimmt die Mitleidlosigkeit insbesondere der progressiven Linken gegenüber den Opfern des Massakers zum Anlass, nach Gründen für die neue Form des Antisemitismus zu suchen, die sie unter anderem - meiner Meinung nach treffend - als einen "sich tugendhaft gebenden Hass" bezeichnet. Dabei bedient sie sich vor allem soziologischer, historischer und theoriegeschichtlicher Argumente.

Der Essay ist nicht ganz einfach zu lesen, aber ich habe die Ausführungen sehr spannend gefunden und das Buch geradezu verschlungen. Auch dank seiner Kürze hat man den Text schnell gelesen, aber er hallt im besten Sinne nach und ich werde das Büchlein sicher öfter in die Hand nehmen. Ich für meinen Teil hätte gefühlt jeden zweiten Absatz markieren können (würde ich Sätze oder Absätze markieren), um sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf mich wirken zu lassen.

"Leider haben wir keinen Grund zu der Annahme, die kulturellen und intellektuellen Eliten seien in Bezug auf sich selbst weniger selbstgefällig und blind als die wirtschaftlichen Eliten."

Wie das bei Essays oft der Fall ist, bleibt auch dieser teilweise oberflächlich. Ich hätte mir an einigen Stellen mehr Tiefgang gewünscht. Auch kann ich zwar Eva Illouz' rationalen Ansatz verstehen, sie wird dadurch aber meiner Meinung nach antisemitische Linke (oder generell Antisemiten) leider nicht überzeugen oder zumindest zum mehr Selbstreflexion animieren.

"Der Hass beschädigt und macht unglaubwürdig."

Alles in allem empfehle ich den Text sehr. Trotz der Kürze werden ungemein viele interessante Aspekte angesprochen, so dass ich ihn insgesamt als Bereicherung empfunden habe. Man muss nicht mit allen Schlussfolgerungen einverstanden sein, aber interessiert und offen an Illouz' Ausführungen heranzugehen, erweitert den Horizont allemal.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Gut geschrieben, unbequem, bereichernd

Freiheitsaufgaben
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Marko Martin war mir ehrlich gesagt - und es ist mir peinlich, das zugeben zu müssen - bisher kein Begriff. Klar, ich hatte mitbekommen, dass da ein Festredner am 7. November 2024 Bundespräsident Steinmeier ...

Marko Martin war mir ehrlich gesagt - und es ist mir peinlich, das zugeben zu müssen - bisher kein Begriff. Klar, ich hatte mitbekommen, dass da ein Festredner am 7. November 2024 Bundespräsident Steinmeier verärgert hatte. Aber ich schenkte der Berichterstattung und dem Namen des Redners keine große Beachtung.

Dann fiel mein Blick auf das Büchlein "Freiheitsaufgaben". Mir gefielen die Mehrdeutigkeit des Titels, aber mehr noch die Inhaltsangabe - und ich wurde nicht enttäuscht.

Ausgehend von seiner Rede am 7. November 2024 (auf die Marko Martin im Vorwort ausführlich eingeht) schreibt der Autor ein Essay, das im besten Sinne unbequem ist.

Mir hat die Mischung gefallen, denn Marko Martin schreibt nicht nur rein theoretisch über Freiheit, sondern greift immer wieder auf eigene Erlebnisse zurück, auf Einflüsse durch Dissidenten und Denker, so dass die Ausführungen auch für mich sehr erlebbar waren.

Seine Ausführungen sind teilweise unangenehm zu lesen, zumindest für diejenigen LeserInnen, die sich (möglicherweise) in seinen Ausführungen wiedererkennen. Mir ging es jedenfalls teilweise so. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen empfinde ich "Freiheitsaufgaben" als Bereicherung. Denn Martins Ausführungen mögen oberflächlich betrachtet einseitig wirken, aber im Verlauf des Essays werden so viele wichtige Dinge angesprochen, so viele Mechanismen, in denen wir es uns bequem gemacht haben, aufgearbeitet, dass am Ende ein sehr vielseitiges Essay abgeliefert wurde.

Das Wichtigste ist aber: Da schreibt ein Mann, dem Freiheit im besten Sinne des Wortes wichtig ist und der aus seiner persönlichen Erfahrung ausführt, was sie wert ist und wie sie verteidigt werden kann und muss. Man muss nicht nicht allem einverstanden sein, was Martin schreibt, lohnend ist die Lektüre allemal.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Wie immer toll

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Diese Serie hat es mir angetan. Die Mischung aus liebenswerten Charakteren, Humor, Tragik und interessanten Fällen ist Cody-Krimi auf höchstem Niveau. Ich lieb's!

Diese Serie hat es mir angetan. Die Mischung aus liebenswerten Charakteren, Humor, Tragik und interessanten Fällen ist Cody-Krimi auf höchstem Niveau. Ich lieb's!

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Spannende und gruselige Unterhaltung

Gänsehaut in Hovenäset 1. Flammenrad
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Kristina Olsson ist eine bereits etablierte Thriller-Autorin. Nun hat sie ihren ersten Kinder- bzw. Jugendroman geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Art Krimi-Spuk-Geschichte für Kinder ab einem ...

Kristina Olsson ist eine bereits etablierte Thriller-Autorin. Nun hat sie ihren ersten Kinder- bzw. Jugendroman geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Art Krimi-Spuk-Geschichte für Kinder ab einem Alter von 11 Jahren.

Vorweg: Ich rate Eltern, das Buch entweder vorab oder gemeinsam mit dem Kind zu lesen, denn es ist wirklich sehr spannend und streckenweise sehr gruselig. Eltern sollten also erst einmal schauen, ob das Buch für ihr Kind geeignet ist.

Ich habe den Roman gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn gelesen. Es war sein erster richtiger Spannungs-Grusel-Roman. Er hat ihn super gefunden, hat aber relativ früh entschieden, dass er ihn lieber nachmittags und nicht abends kurz vor dem Schlafengehen lesen möchte. Dazu war es dann doch zu aufregend.

Meinem Sohn und mir hat sehr gefallen, dass ganz viele Themen quasi nebenbei Eingang in die Geschichte finden: Die Protagonistin Heidi ist ein Scheidungskind, die neue Freundin/Frau ihres Vaters ist schwanger, ihre Mutter ist nach Deutschland gezogen und ihre Oma ist dement.

Die Geschichte beginnt damit, dass ihre Eltern einen Untermieter namens Bill bei sich aufnehmen. Der scheint ein netter Typ zu sein. Er hat ein Riesenrad dabei, das er auf dem Campingplatz aufbaut. Heidi freut sich sehr darüber, zumal sie dort auch ein bisschen helfen und Geld verdienen darf. Allerdings trübt sich bald der gute Eindruck, denn ihre demente Großmutter spricht kryptische Warnungen bezüglich des Riesenrads auf. Außerdem ereignen sich nachts unheimlich Dinge in Heidis Zimmer.

Unheimlich sind die Ereignisse in der Tat. Teilweise habe sogar ich mich ganz schön gegruselt. Mein Sohn war manchmal hin und her gerissen, ob er nun weiterlesen soll oder nicht. Letztlich hat immer die Neugierde gewonnen.

Mein Sohn konnte sich gut mit den Kindern des Romans identifizieren. Er fand es super dass sie gemeinsam daran arbeiten, die Rätsel rund um Bill und das Riesenrad zu lösen. Es gab ein paar Momente, in denen er die Spannung kaum aushalten konnte, Momente der Erleichterung, aber definitiv keine Langeweile!

Alles in allem ist der Roman für ihn eine mitreißende Erfahrung gewesen. Die Kombination aus Kinder-Detektiv- und Spukgeschichte hat ihm sehr gut gefallen.

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