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Veröffentlicht am 03.03.2021

Gwangju - Aufstand 1980

Menschenwerk
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Han Kangs „Menschenwerk“ spielt 1980 in Gwangju, Südkorea und berichtet vom Gwangju-Aufstand, bei dem Studentenproteste vom Militär niedergeschlagen wurden.
Der Junge Dong-ho versucht zunächst die Leiche ...

Han Kangs „Menschenwerk“ spielt 1980 in Gwangju, Südkorea und berichtet vom Gwangju-Aufstand, bei dem Studentenproteste vom Militär niedergeschlagen wurden.
Der Junge Dong-ho versucht zunächst die Leiche seines beim Aufstand getöteten Freundes zu finden. In den folgenden Kapiteln werden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven von unterschiedlichen Personen berichtet. Danach werden die weiteren Lebenswege der Menschen, die mit Dong-ho während des Aufstandes in Verbindung standen, erzählt. Nach und nach werden dadurch Teile der Geschehnisse offenbart und am Ende fügt sich ein schlüssiges Bild zusammen, was in den Tagen des Aufstandes genau passiert ist.

Han Kang gibt jeder Person mit einem Kapitel eine Stimme und schildert einfühlsam und überzeugend deren Geschichte und Gefühle. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und schildert detailliert und eindringlich Bilder von Leichenbergen und Foltermethoden. Sie geht auf Themen wie Schuld, Vergebung, Tod und Leben mit dem Tod von geliebten Menschen ein.
Mich machte hier Vieles fassungslos, immer wieder finde ich es unglaublich, wozu Menschen fähig sind. Die hier geschilderte Gewalt ist historisch belegt und damit ist dieses Buch ein Zeitzeugnis, eine Mahnung und ein Aufruf gegen die Gewalt und das Vergessen.

Der Roman lässt sich schnell und flüssig lesen, hinterlässt Eindruck und macht noch lange nach dem Lesen nachdenklich.
Mir hat auch gut gefallen, dass man als (westlicher) Leser/in nicht nur etwas über koreanische Geschichte, sondern auch über die koreanische Kultur lernt.

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Veröffentlicht am 03.03.2021

Wo ist Nina?

Nordwesttod (ungekürzt)
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Nordwesttod ist ein Regionalkrimi, der in St. Peter-Ording und Umgebung verortet ist. In dem Reihenauftakt werden die Ermittler sehr ausführlich vorgestellt, besonders das Privatleben von Hendrik Norberg, ...

Nordwesttod ist ein Regionalkrimi, der in St. Peter-Ording und Umgebung verortet ist. In dem Reihenauftakt werden die Ermittler sehr ausführlich vorgestellt, besonders das Privatleben von Hendrik Norberg, der kürzlich seine Frau verlor und nun alleine für die beiden Söhne sorgen muss, nimmt viel Raum ein. Er wird von Anna Wagner aus München unterstützt, die in eine schmutzige Scheidung hinter sich hat. In Kiel soll sie eine neue Vermisstenabteilung aufbauen. Die Beiden arbeiten zusammen, weil die Umweltaktivistin Nina Brechtmann vermisst wird. Diese wurde als Baby von einer führenden Hoteliersfamilie adoptiert, von der sie sich jedoch losgesagt hatte. Den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter hatte sie auch abgebrochen.
Viele verschiedene Verluste prägen diesen ersten Fall. Der Erzählstil ist ruhig, aber dennoch fesselnd. Lange Zeit weiß man nicht, was mit Nina geschehen ist, ob es überhaupt ein Verbrechen gab. Dennoch war es immer interessant, ein solider Krimi, der mich gut unterhalten hat. Julia Nachtmann liest sehr angenehm und ruhig vor, ihre Stimme transportiert die Stimmung gut.
Alle Befragten scheinen etwas zu verbergen, man tappt mit der Polizei im Dunkeln. Es gibt einige unvorhersehbare Wendungen.
Die Charaktere sind authentisch, auch die Nebenfiguren wurden durchdacht angelegt.
Die Orte SPO, Büsum, Friedrichskoog und Umgebung werden beschrieben, wer sich dort auskennt, wird das Eine oder Andere wiedererkennen. Der Umweltschutz wird über die verschwundene Nina immer wieder zum Thema. Die Handlung ist gut konstruiert.
Mir hat dieser Reihenauftakt gut gefallen, auch wenn da noch etwas Luft nach oben war. Ich bin schon gespannt auf Teil 2, der im Mai erscheinen soll.

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Veröffentlicht am 02.03.2021

letzte Freundschaftsdienste

Das Leben ist zu kurz für irgendwann
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„…ohne den Tod wäre das Leben nicht so kostbar. Dann würden wir wahrscheinlich einfach nur so…existieren.“

Terrys Vater hat Demenz, sie muss ihn überraschend ein paar Tage zu sich nehmen, da es im Heim ...

„…ohne den Tod wäre das Leben nicht so kostbar. Dann würden wir wahrscheinlich einfach nur so…existieren.“

Terrys Vater hat Demenz, sie muss ihn überraschend ein paar Tage zu sich nehmen, da es im Heim Schädlingsbefall gibt. So kommt es, dass sie ihn samt Gepäck bei sich hat, als sie ihre beste Freundin Iris mit einer Geburtstagstorte überraschen möchte. Doch Iris ist nicht da, ihr Haus ist untypisch ordentlich aufgeräumt. Terry stöbert herum und findet heraus, dass ihre an MS erkrankte Freundin auf dem Weg in die Schweiz ist, um ihrem Leiden ein Ende zu bereiten. Kurzerhand fährt sie hinterher, um sie aufzuhalten. Die Drei treffen sich an der Fähre und reisen schließlich gemeinsam weiter. Die stets sorgenvolle Terry, die noch nie spontan war, begibt sich mit ihrer besten Freundin auf die Reise, in der Hoffnung sie umzustimmen. Weder die behüteten Kinder noch der verwöhnte Ehemann oder der demente Vater im Schlepptau können sie aufhalten.

Die Drei fahren auf Umwegen von Dublin bis nach Zürich; sie erleben dabei Lustiges und Trauriges und lernen sehr verschiedene Menschen kennen, die für besondere und bleibende Erkenntnisse sorgen. So wird dieser Roadtrip für alle Drei zu einer außergewöhnlichen Reise. Während Iris das Leben in der für sie typischen Weise in vollen Zügen genießt, erlebt Terry einen ungewollten Selbstfindungsprozess. Die Frauen kennen sich aus der Alzheimer Gesellschaft und so schaffen sie es gemeinsam dem dementen Dad eine gute Zeit in der ungewohnten und wechselnden Umgebung zu bereiten.
Diese schöne emotionale Geschichte wird aus Terrys Sicht erzählt. Sie macht die größte Entwicklung durch und der Leser kann dies durch die Erzählperspektive hautnah miterleben. Die Charaktere sind sehr lebensecht angelegt und sympathisch. Die 34 Kapitel sind mit Verkehrsregeln übertitelt, die gut zum Inhalt passen und eine Hommage an Terrys Vater sind, der Taxifahrer war.
Die schweren Themen Demenz und Sterbehilfe werden hier liebevoll und berührend in die Geschichte integriert. Es driftet nicht in den Kitsch ab und verleiht dem Unterhaltungsroman einen angenehmen Tiefgang.

Demenz, Tod und Sterbehilfe werden gerne aus dem Alltag ausgeklammert, aber das sollte nicht so sein, es gibt viele Betroffene und Angehörige, die sich damit auseinandersetzen müssen. Diese Themen in den Alltag zu integrieren und die Fragen dazu mit Normalität auszustatten kann ein großer Gewinn sein. Terry und Iris geben hier ihr Bestes, es richtig zu machen.
Mich hat diese emotionale Geschichte sehr berührt, ich habe sie sehr gerne gelesen und empfehle sie weiter.


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Veröffentlicht am 28.02.2021

Eine dunkle Nacht: 16 Ermordete, kein einziger Mörder

Dunkelnacht
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Kirsten Boie hat in ihrem Buch Dunkelnacht die wahren Begebenheiten der Tage und Nächte 27.- 29. April 1945 in Pensberg in Bayern beschrieben.
In der Nacht, bevor die Amerikaner kamen, spielte sich Unglaubliches ...

Kirsten Boie hat in ihrem Buch Dunkelnacht die wahren Begebenheiten der Tage und Nächte 27.- 29. April 1945 in Pensberg in Bayern beschrieben.
In der Nacht, bevor die Amerikaner kamen, spielte sich Unglaubliches an diesem an sich beschaulichen Ort ab. Ein Endphasenverbrechen, das auf traurige Weise deutlich macht, wozu „durchschnittliche“ Menschen fähig sind.

Über den Reichssender verkündet die Freiheitsaktion Bayern, dass der Krieg vorbei ist. Einige Bürger der Stadt handeln beherzt, um zu verhindern, dass überzeugte Nazis den Nerobefehl umsetzen und z.B. das Bergwerk sprengen. Außerdem setzen sie den alten Bürgermeister wieder ein, den die Nazis nach Dachau geschickt hatten. Sie glauben sich sicher und denken das Richtige zu tun. Als sich kurze Zeit später das Blatt wieder wendet, ziehen Wehrmacht und Werwölfe diese Männer zur Verantwortung. Die Wehrmacht erschießt die Männer, die im Rathaus dabei waren und überlässt danach der Organisation Werwolf die Stadt. Diese hängt die Männer und Frauen, die auf der Liste stehen, die sie selber kurzerhand aus dem Stehgreif und auf Zuruf zusammenschreibt.
Die Jugendlichen Gustl, Marie und Schorsch stehen zwischen den Fronten und beobachten. Durch ihren Blickwinkel wird diese Nacht schmerzhaft lebendig. Diese drei Charaktere sind erfunden, aber: die Täter und Opfer sind es nicht.
Kirsten Boie schreibt knapp und übersichtlich, die kurzen Kapitel sind mit Daten und Personenangaben betitelt. Auch sprachlich scheint man sich in dem geschilderten Zeitraum zu befinden. Dadurch bekommt dieses Werk eine einmalige authentische Wirkung. Johann von Bülow liest das Buch in einer der Zeit üblichen kurzen und harten Sprechweise, die einen fassungslos lauschen lässt und in die Zeit zurückversetzt, die man zum Glück nicht erleben musste.
Die Autorin hat für dieses Werk intensiv recherchiert und das Grauen knapp aber genau geschildert, keine Nebenstränge lenken ab. Mit dem Abzug der Mörder endet dieses Buch. Im Nachwort schreibt Kirsten Boie noch zu ihrer Intention und auch darüber was danach in Pensberg geschah. Das es 16 Ermordete und keinen Mörder gab, macht fassungslos, gerade weil diese Fälle mehrfach verhandelt wurden.

Das Buch ist keine leichte Kost, aber ich kann es wirklich empfehlen. Da es immer weniger Zeitzeugen gibt, ist es wichtig, an diese Zeit zu erinnern, in der eine politische Führung das Schlimmste in den Menschen zu Tage förderte, auch in Denen, die glaubten sie wären unbeteiligt.



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Veröffentlicht am 27.02.2021

FBI Agent in Schweden

Der andere Sohn (ungekürzt)
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Ein spannender schwedischer Krimireihenauftakt von einem neuen Autorenduo, das von Götz Otto toll eingelesen wurde.
Hauptprotagonist ist John Adderley. Als 12-jähriger nahm ihn sein Vater mit in die USA, ...

Ein spannender schwedischer Krimireihenauftakt von einem neuen Autorenduo, das von Götz Otto toll eingelesen wurde.
Hauptprotagonist ist John Adderley. Als 12-jähriger nahm ihn sein Vater mit in die USA, zu der Mutter und dem Halbbruder Billy in Schweden brach der Kontakt ab. Viele Jahre später ist John ein erfolgreicher Polizist, der für das FBI undercover ermittelt. Nach dramatischen Ereignissen kommen er und ein Kollege ins Zeugenschutzprogramm. John wählt eine neue Identität in Schweden, denn seine Mutter hat bereits öfters versucht ihn zu kontaktieren, da Billy in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Sein Wunsch wird erfüllt, obwohl Probleme wegen der Familie vorprogrammiert scheinen, erhält er eine Stelle bei der Cold Case Abteilung in seinem alten Heimatort.
In Schweden wurde der Bruder vor 10 Jahren verdächtigt eine reiche Unternehmerstochter ermordet zu haben, dies konnte ihm nicht bewiesen werden, seither lebt er mit der Anschuldigung. Seine alkoholkranke Mutter glaubt fest an seine Unschuld, die John nun beweisen soll. Der Fall wird aktuell von der schwedischen Polizei als Cold Case Fall neu aufgerollt. John kann zunächst Erfolge erzielen und wichtige Aspekte in dem Fall aufdecken, da er nicht so einseitig ermittelt, wie die Polizei, die damals wie heute noch auf Billy als Täter sehr festgelegt ist und nicht in andere Richtungen ermittelte.
Aber er selber stolpert auch über familiären Verstrickungen und gerät in Gefahr.
Die Story wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt, sowie in zwei Zeitebenen. Zahlreiche kleine Cliffhanger und Wendungen halten die Spannung oben. Die verschiedenen Charaktere sind sehr gut angelegt, so dass man sie sich lebhaft vorstellen kann. Das Buch hat ordentlich Tempo und macht wirklich Spaß, ich konnte es kaum unterbrechen, obwohl es ein paar Mankos gab, wie die neue Identität in der alten Heimat, wo ihn Leute erkennen können, die sehr einseitigen Ermittlungen der schwedischen Polizei und ein paar Entscheidungen seiner schwedischen Bezugsperson im Zeugenschutz wirkten wenig glaubhaft. Aber Menschen handeln nun mal nicht immer regelkonform und so hat dies dem Unterhaltungswert des Buches nicht geschadet. Von mir gibt es 4 Sterne. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil, denn dieser hier endete für Johns Privatleben mit einem spannenden Cliffhanger, während der Kriminalfall ordentlich abgeschlossen wurde.

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