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Veröffentlicht am 24.04.2019

Die Geheimnisse jenes Sommers...

Das Leuchten jenes Sommers
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Zum Inhalt:

"August 1939: Auf dem malerischen Anwesen Summerhill in Cornwall lebt die junge Maddy zurückgezogen von der Welt und dem drohenden Krieg. Als ihre geliebte Schwester Georgiana von einer langen ...

Zum Inhalt:

"August 1939: Auf dem malerischen Anwesen Summerhill in Cornwall lebt die junge Maddy zurückgezogen von der Welt und dem drohenden Krieg. Als ihre geliebte Schwester Georgiana von einer langen Reise zurückkehrt, bringt sie ihren neuen Freund Victor mit. Maddy ist der düstere junge Mann auf Anhieb unsympathisch. Aber sie ahnt nicht, wie groß die Gefahr wirklich ist....

Sechzig Jahre später führt ein Auftrag die junge Fotografin Chloe nach Summerhill. Sie hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist. Eigentlich eine freudige Nachricht, aber Chloes Gefühle sind gespalten. In Summerhill stößt sie auf ein Geheimnis, das Jahrzehnte zurückliegt - und das die Kraft hat, ihr gesamtes Leben auf den Kopf zu stellen....

(Quelle: Buchrückentext)

Dieser berührende Roman von Nikola Scott, die mich bereits durch ihr Début "Zeit der Schwalben" begeistern konnte, steht dem Erstlingswerk in Nichts nach: In einer prägnanten und sehr gefühlvollen Sprache lernen wir zum einen Madeleine Hamilton, genannt Maddy, immer besser kennen (im Erzählstrang Ende der 30er Jahre kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges in Cornwall, England) - und zum anderen die Lebenswelt von Chloe MacAllister, die etwas beklemmend ist, da ihr Mann Aidan bereits früh den Unmut der LeserInnen auf sich zieht: Er lebt mit Chloe in einem sterilen weiß eingerichteten Haus, ist Arzt und zeigt seine Art von Liebe darin, dass er seine Frau am liebsten für sich alleine haben möchte. Eine äußerst subtile Form von Besitzanspruch kommt in der Beziehung immer stärker zum Tragen, woher verständlicherweise die gespaltenen Gefühle Chloe's herrühren.

Maddy, (16) die sich sehr auf ihre Schwester freut, begrüßt mit Georgiana auch eine illustre Gesellschaft junger Leute, die einige Zeit auf Summerhill verbringen möchten und gerne sowie ausgiebig feiern. Ihre Schwester Georgiana ist um die 20 und kehrt von einer Europareise zurück: Da beide elternlos sind; die Mutter die Familie früh verlassen hat und der Vater durch einen tragischen Unfall starb, haben die Geschwister eine sehr enge Beziehung zueinander.

Während Maddy immer mit dem Zeichenblock unterwegs ist, denkt sich Georgiana Geschichten zu den Bildern aus: So entstehen später einige berühmte Kinderbücher, in denen es meist um Tiere wie einen kleinen Fuchs geht und die Geschichten auf dem herrlichen Anwesen Summerhill "am Ende der Straße" verortet sind, das Maddy so sehr liebt.

Mit dem Erwachsenwerden Georgianas hinterfragt diese ihr Leben und ihre Beziehung zu Maddy: Sie ist in Victor verliebt und merkt leider nicht, welche üblen Spiele dieser mit den Schwestern treibt, auch bleibt sein Motiv lange verborgen, weshalb er mit nach Summerhill reiste...

Ob Maddy noch rechtzeitig ihre Schwester warnen kann?

Auf der Erzählebene der Gegenwart erscheint das Leben von Chloe wie ein Alptraum: Vortäuschend, dass Aidan ja genug Geld verdient und sie ihren Job als Fotografin nicht wirklich braucht, ist er dagegen, dass sie ein Angebot annimmt, Fotos der berühmten Kinderbuchautorin Madeleine Hamilton aufzunehmen: Wird Chloe es schaffen, dem umfassenden Besitzanspruch Aidans zu entkommen? Wird sie auch Danny, ihren kranken Bruder, den sie sehr liebt, vor Aidans Bevormundung retten können, als dieser auch in Dannys Leben vollmächtig eingreifen will?

Meine Meinung:

Der atmosphärische Roman, der Spannung bis zuletzt aufbaut, in dem die Zeiten der beiden Erzählstränge immer wieder wechseln, ist sehr emotional und wundervoll sowie nachvollziehbar geschrieben: Es geht um viele Themen, die hier nicht nur angerissen werden, sondern in die Tiefe gehen:

Geschwisterliebe, traumatische Erlebnisse, Verluste, Vertrauen, Eigenständigkeit, Schuld und Unschuld, Rollen, in die man zuweilen als Kind "hineingedrängt" wird und die einen das ganze Leben mitunter (auch unbewusst) begleiten und prägen (können); aber auch Mut zu Veränderungen, wenn Liebe erdrückt - nicht mehr atmen kann.

So hat sich die Autorin besonders dem Thema der psychischen Gewalt in Beziehungen gewidmet, was ihr anhand der beiden Figuren Maddy und Georgiana sowie besonders Chloe sehr gelungen ist. Besonders beeindruckt hat mich die Passage, als sich Chloe und Maddy kennenlernen - und miteinander anfreunden, sich eine große Hilfe sind, trotz ihres Altersunterschieds. Ein Kernthema dieses Romans ist für mich, wie man sich einander nah sein kann, ohne den anderen in seiner Eigenständigkeit und Freiheit zu beschneiden. Hier durchleben beide Charaktere eine positive Veränderung, wohingegen Aidan überhaupt nicht aufzufallen scheint, wie sehr seine "Liebe" erdrückt und jedes Gefühl in Chloe mehr und mehr im Keim erstickt wird. Bedrückend finde ich, dass psychische Gewalt (auch in einer Ehe) erst seit einigen Jahren strafbar ist und besonders Frauen zuvor oftmals hilflos dieser ausgesetzt waren.

Die Figuren sind sehr facettenreich gezeichnet und bis auf Aidan MacAllister und Victor Deverill sympathisch: Je weiter der Roman voranschritt, desto mehr hat er mich begeistert, was ich dem wirklich guten Schreibstil und Spannungsaufbau von Nikola Scott zuschreibe. Die Anmerkungen der Autorin hierzu im Anhang fand ich als Ergänzung sehr informativ und bemerkenswert.

Fazit:

Ein berührender, gefühlvoller Roman über die zerstörerischen - aber auch tröstenden Kräfte, die sich Liebe nennen. Nikola Scott hat wunderbare Figuren geschaffen, die in ihrem Lebensweg aufzeigen, dass es sich lohnt, Eigenständigkeit und Authentizität zu bewahren, ganz besonders auch in Liebesbeziehungen! Eine klare Leseempfehlung und 4,5* von mir sowie ein herzliches dankeschön an sowohl die Autorin als auch die Übersetzerin Nicole Seifert für berührende und ergreifende sowie sehr unterhaltsame Lesestunden.

Veröffentlicht am 08.04.2019

Ein ganz "besonderer" Tropfen - und eine kleine literarische Zeitreise ;-)

Ein Tropfen vom Glück
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"Ein Tropfen vom Glück" von Antoine Laurain erschien im Atlantik-Verlag (HC, gebunden, 2019) und ist eine wirklich lesenswerte humorvolle Zeitreise "retour" ins Jahr 1958: Das Ziel, die Stadt der Träume ...

"Ein Tropfen vom Glück" von Antoine Laurain erschien im Atlantik-Verlag (HC, gebunden, 2019) und ist eine wirklich lesenswerte humorvolle Zeitreise "retour" ins Jahr 1958: Das Ziel, die Stadt der Träume und der Liebe: Paris!


16.09.1954, Charmally-les-Vignes:

Pierre Chaveau, seines Zeichens Winzer, kehrt nach einem Zechgelage über die Weinberge nach Hause zurück, als er ein gleißendes Licht sieht - und fortan von keinem Menschen mehr gesehen wird....

2017, Paris:

"Nach einem Einbruch sitzen die Bewohner des Hauses bei einem Glas Wein zusammen. Eigentlich wollen die vier nur den Schreck verdauen, doch dann wird es ein sehr gemütlicher Abend. Ein Abend mit ungeahnten Folgen: Denn am nächsten Tag stellen Julien, Hubert, Magalie und Bob fest, dass sie im Jahr des Weins gelandet sind. Das Paris von 1954 hält für sie jedoch mehr als nur einige Überraschungen bereit: Die Reise in die Vergangenheit hilft ihnen auch, so manches in ihrem Leben klarer zu sehen. Bleibt nur die Frage, wie sie wieder in die Gegenwart zurückkehren können... Mit der charmanten Zeitreise erweckt Antoine Laurain das Paris der 50er Jahre zum Leben." (Quelle: Buchjournal, 01/2019)

Ausser den vier sehr sympathischen Hauptprotagonisten, allen voran Hubert Larnaudie, dessen Vorfahren das Haus erbauen ließen, in dessen Keller eingebrochen wurde und sich die Flasche "Chateau-Saint-Antoine, 1954, Domaine Jules Beauchamps" fand, die er gemeinsam mit Bob, dem Amerikaner (der leider ohne seine Frau die Reise nach Paris antrat, da sie unheilbar erkrankte), Magalie, von allen Abby genannt, einer jungen Frau, die nicht ohne Grund mit Vorliebe und hauptberuflich zerbrochene Gegenstände wieder zusammenfügt; und Julien, dem Enkel des entschwundenen Pierre Chaveau, der sich seit Kindertagen für UFO's interessiert und alles zusammenträgt, was es an Literatur dazu gibt (zum Unwillen seiner Familie, die der Ansicht ist, dass Pierre lediglich zuviel Wein getrunken habe, bevor er verschwand), spielt natürlich die genannte Flasche Wein die Hauptrolle in diesem "schelmischen Stück", für das Antoine Laurain, in Frankreich ein Bestseller- und Drehbuchautor, seine Feder mit Charme und Ironie, subtilem französischem Witz verantwortlich zeichnet.

Ausser Bob Brown, dem Harley-Davidson-Motorenentwickler aus Milwaukee, USA, begreift jeder der vier ZeitreisegefährtInnen, dass es nicht am "Tag des Kulturerbes" liegt, dass ihnen plötzlich Frauen mit Handkarren voller Gemüse begegnen, der Euro für Spielgeld gehalten wird (wir sind in Zeiten des FF ;) und Bob der einzige ist, der dafür sorgen kann, mit seinen schon damals harten Dollars die Drinks in Harry's Bar, in dem Julien arbeitet (und aushilfsweise auch in 1954, wobei er einen später berühmt gewordenen neuen Cocktail kreiert) - dass sie tatsächlich im Jahr 1954 gelandet sind. Julien ist schon längst in die bezaubernde Magalie verliebt, die ihn ihrerseits auch mag - ob die Zeitreise eine Annäherung der beiden mit sich bringt?

Während Hubert für nächtlichen Unterschlupf sorgt (bei seinem Großvater, die Larnaudies besitzen das Haus seit Generationen) und einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt, wundert sich Julien, dass in der Bar geraucht werden darf, Magalie lernt ihre (nun 31jährige) Tante kennen, die einen Stoff- und Garnladen führt und sie aufgezogen hat), Bob besucht den Eiffelturm und geht in eine Kirche, in der Wunder geschehen sollen und Julien überlegt, ob Professor Arpochon ihnen helfen könnte, wieder in ihre Zeit zurückzukehren....

Nicht nur unsere 4 Zeitreisenden, auch der Leser wird vom Autor ins Paris der 1950er Jahre zurückversetzt und es ist ausgesprochen amüsant und unterhaltsam, jene Epoche wieder auferstehen zu sehen: Salvador Dalí, Jean Gabin, Audrey Hepburn, Francois Truffaut sind nur einige der Berühmtheiten, die unsere Freunde persönlich treffen; es gibt auch 3 Hunde, die eine stilistisch gesehen ausdrucksstarke Rolle spielen: "Sieg"(der von der SS vergessen wurde und Pierre Chaveau nicht von der Seite weicht; "Schnell", die Tochter von Sieg - und "Ausweis", der Enkel - damit , dass Sieg immer einen Schluck Wein mitschlürfen durfte, geht natürlich einher, dass er die Zeitreise mit seinem Herrchen antreten durfte... Mit einem Augenzwinkern in vielen humorvollen Dialogen, aber auch mit politischen Seitenhieben etwas zum Ende des Romans, als ein "Ewig Gestriger" freiwillig das Abteil verließ, in dem unsere Reisegefährten saßen bis hin zu philosophischen Betrachtungen über den Angelbau und die Menschheit an sich - für jeden Leser ist dieser "Tropfen des Glücks" sehr gehaltvoll!

Werden Hubert, Bob, Magalie und Julien es schaffen, in die richtige Zeit zurückreisen zu können? Das sollte der geneigte Leser dieses sehr unterhaltsamen, geistreichen, nostalgiegetränkten und mit subtiler Ironie abgefüllten Roman, der überdies eine Hymne auf die Stadt Paris ist, selbst herausfinden!
Von mir gibt es eine Leseempfehlung und 4* auf dem Etikett - nein, am literarischen Firmament ;)

Veröffentlicht am 24.03.2019

Zauberhafter Roman um den bunten Reigen des Lebens

Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta
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Das bezaubernde Cover konkurriert bei diesem Roman des spanischen Autors Máxim Huerta mit dem nicht weniger zauberhaften Inhalt: Verlegt wurde der Roman, erstmals ins Deutsche übersetzt von Anja Rüdiger, ...

Das bezaubernde Cover konkurriert bei diesem Roman des spanischen Autors Máxim Huerta mit dem nicht weniger zauberhaften Inhalt: Verlegt wurde der Roman, erstmals ins Deutsche übersetzt von Anja Rüdiger, im Thiele-Verlag, München (HC, gebunden, 2019).

Es geht thematisch in "Der Blumenladen der MademoiselleVioleta" um alles, was das Leben ausmacht: Um Freundschaft und Liebe, Vertrauen, Verlust und Trauer, aber auch um Trost; um Alter und Jugend; um Einsamkeit und Vergänglichkeit; aber auch um neue Wege und Mut haben und vor allem um Glück und glücklich sein sowie die Frage, wie gut man den anderen kennt - kurzum, es handelt sich hier um das Eintauchen in eine Geschichte, die in Paris spielt und eigentlich das ganze Spektrum menschlicher Gefühle in Form eines riesigen und prall gefüllten literarischen Blumenbouquets darzustellen vermag.


Monsieur Dominique Brulé führt einen Blumenladen im schönen Stadtteil St.-German-des-Prés in Paris und besitzt einen untrüglichen Instinkt für die Ereignisse im Leben seiner Kunden; er möchte jeden mit der richtigen Blumenauswahl glücklich machen; ist seit Jahren Witwer und hat zwei Stammkundinnen: Dona Mercedes und Dona Tilde; beides Spanierinnen, die seit Jahrzehnten in Paris leben, ihre Einsamkeit miteinander teilen und ihre Rituale haben: Die beiden kennen sich lange und sehr gut: Aber kennen sie sich wirklich? Wieso durchbricht Dona Mercedes eines Tages das Ritual, sich im Blumenladen mit Dona Tilde zu treffen, hat es eilig und sogar ein Buch unter dem Arm? Um diese Geheimnisse geht es ebenfalls im Roman, dies ist nur zu lüften, indem man ihn liest. Da Dominique alt geworden ist und die Kräfte nachlassen, sucht er eine Aushilfe und wünscht sich Bewerberinnen mit einem Blumennamen: Violeta kommt genau zum richtigen Zeitpunkt - und erfüllt ihre Aufgaben mit Bravour. Doch der empathische und selbstlose Dominique spürt schnell, dass die junge Frau Sorgen hat: Was belastet sie und weshalb fühlt sich Violeta, die aus Madrid stammt, ebenfalls einsam?

Die ProtagonistInnen wachsen dem Leser schnell ans Herz, sie sind allesamt sympathisch und ihre jeweilige Lebenssituation sehr fein gezeichnet: So "zwinkert" das Glück auf vielen Seiten und es gibt ständig kleine "Begebenheiten" in Form von wundervollen Dialogen, die das Herz erwärmen, zum Lächeln anregen: Der Roman ist auch eine Hommage an die Stadt der Träume und der Liebe, an Paris! In poetischen Dialogen versteckt sich so manche Wahrheit und Weisheit, die diesen leicht und flüssig zu lesenden Roman auszeichnen; eine "Dame mit weißem Haar" nimmt eine Sonderrolle ein, die ich sehr mochte: Mit der Weisheit ihres Alters gehen ihre Sätze besonders in die Tiefe der Seele und bereichern den Text, der durchaus zum Wohlfühlen einlädt. Diese Figur bringt den Hauch eines Märchens mit in die Geschichte ein, die eine Geschichte mit "glücklichen Enden" ist (wozu jedoch, auch wenn es manchem der schönen Färberei evtl. etwas zuviel des Guten ist, die einzelnen Protagonisten ihren Teil beitragen, aktiv beitragen!

Fazit:

Eine ganz zauberhafte Geschichte, mit poetischer und leichtfüßiger Feder erzählt - und dennoch sehr emotional und mit ungeheurem Tiefgang; nach dem Lesen verwundert es wenig, dass "no me dejes", so der Originaltitel (eine Anspielung auf das wundervolle Chanson "ne me quitte pas" von Jaques Brel) von "Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta", in Spanien lange Zeit auf der Bestsellerliste stand: Hier würde ich dem Roman mit Wohlfühlcharakter und "glücklichen Enden" dasselbe wünschen und empfehle ihn sehr gerne weiter! 4*

Veröffentlicht am 09.03.2019

Die Erben der Mine - eine dramatische Familiengeschichte mit Sprengkraft

Niemals ohne sie
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Auf den zweiten Roman der außergewöhnlichen, mich durch ihren Schreibstil sehr beeindruckenden kanadischen Autorin Jocelyne Saucier war ich sehr gespannt. "Niemals ohne sie" (Les Héritiers de la mine" ...

Auf den zweiten Roman der außergewöhnlichen, mich durch ihren Schreibstil sehr beeindruckenden kanadischen Autorin Jocelyne Saucier war ich sehr gespannt. "Niemals ohne sie" (Les Héritiers de la mine" im Originaltitel) erschien 2019 (HC, gebunden) im Insel-Verlag. Übersetzt wurde er von Sonja Finck und Frank Weigand.


Ein Familientreffen der Großfamilie Cardinal steht beim Kongress der Erzsucher an, da Vater Cardinal (zeitlebens Erzsucher) mit einer Medaille ausgezeichnet werden soll. Wir sind im Jahre 1995. 1944 hatte der passionierte Erzsucher ein gigantisches Zinkvorkommen entdeckt, um dessen Gewinn er jedoch geprellt wurde. Somit wurde nichts aus dem Traum eines durchaus luxuriösen Lebens; die große Familie Cardinal mit 21 Kindern lebte in eher ärmlichen Verhältnissen fort....

Die Cardinals treffen also nach 30 Jahren erstmals wieder zusammen, da sie es alle vermieden haben, sich in ihrer Gesamtzahl wiederzusehen - um den Grund dafür geht es in dieser Geschichte, die von Matz, dem 21. und damit letzten Kind erzählt wird, von "Jeanne d'Arc", der Ältesten, die sich um ihre jüngeren Geschwister von kleinauf kümmern musste (alle Kinder haben Spitznamen und anfangs ist es nicht leicht, sie auseinanderzuhalten); Lucien (El Toro), der später Journalist wurde, da er die Diskussionen in der großen Familie sehr liebte, kommt ebenso zu Wort wie Geronimo, ein Chirurg in Kriegsgebieten dieser Welt; als Jugendlicher der "engste Vertraute" des Vaters, der sich mit ihm oftmals in den Keller zurückzog, wo er seine Steine lagerte und den Sohn in die Erzsuche einweihte, seine Kenntnisse, auch der von Sprengungen, weitergab....

Man erlebt als Leser den Niedergang eines kleinen kanadischen Dorfes mit, dessen Mine geschlossen wird - und die Cardinals, die - sich oft prügelnd mit den sog. "Landeiern" - die Szene beherrschen, sich nichts bieten lassen und wohl von den anderen Dorfbewohnern gefürchtet werden. Eine kleine Schar bleibt übrig, die meisten Familien suchen das Weite (und ihr Glück woanders).

Saucier beschreibt nun die verschiedenen Wege und rückblickend das Geschehen in der Familie der inzwischen längst erwachsenen Kinder: Von der Mutter (21 Kindern) ist man mehr als beeindruckt, die den ganzen Tag mit den Kochtöpfen klappert, nachts jedoch als Hüterin des Hauses um die Betten streicht und jedes ihrer Kinder im Schlaf beobachtet; der Vater tritt (leider) nur sporadisch auf, meist ist er in der Wildnis oder in seinem Gesteinskeller beschäftigt und wird als eher "verlegen" beschrieben, wenn er - was selten vorkommt - in die Welt seiner Kinder eintritt. Diese prügeln sich in ständig wiederkehrendem familiären Ritual so ziemlich um alles; um das Sofa, um den besten Schlafplatz, um Klamotten... Eine besondere Stellung in diesem Roman mit dem deutschen Titel "Niemals ohne sie" nehmen Angéle und Tommie ein - die eine liebt rosa, Puppen und Spitzenkleidchen, die andere lässt kein Abenteuer aus und prügelt sich ebenso durch ihre Kindheit wie ihre Brüder.

Alles verändert sich, als ein Unglück in der Mine geschieht, das besonders für einige der Älteren als auch für Tommie, die als Letzte zu Wort kommt, das weitere Leben bestimmen sollte...

Zum Ende des Romans wird der kollektive Schmerz der Erinnerungen der Geschwister Cardinal immer spür- und nachvollziehbarer; die Spannung dieses familiären Dramas steigt konstant.... Die Autorin schreibt mit einer hochemotionalen und sensiblen Feder, die das seelische Innenleben der zu Wort kommenden ProtagonistInnen sehr klar ausleuchtet; jedoch hinterfragte ich hier (im Gegensatz zu den Figuren in "Ein Leben mehr", die mich allesamt überzeugten und lange nachhallten) kritisch, weshalb eine solch große Familie sich 30 Jahre (!!!) meidet - und fand es mehr als tragisch, dass das bis dahin Unausgesprochene nicht bereits vorher besprochen werden konnte. Interessant und sehr realistisch ist natürlich, dass jedes Familienmitglied seine eigene Sicht der Dinge darstellt, die sich nicht selten von anderen unterscheidet. Insofern ist dies durchaus übertragbar auf Konflikte, die "totgeschwiegen werden" in vielen Familien. Dies ist für mich auch die Kernaussage des Romans, in dem es um Schuldgefühle und Schmerzen geht; Unausgesprochenes, das im Raume steht und zuweilen Verheerendes anrichtet, sich durch ein ganzes Leben ziehen können, es beeinflussen können: Ist es nicht besser, Wahrheiten auszusprechen (auch wenn sie weh tun), als sie "totzuschweigen"?

Fazit:

Die tragische Geschichte einer außergewöhnlichen Großfamilie im Bergarbeitermilieu Kanadas in den späten 50er Jahren bis heute, die keine leichte Kost ist, jedoch eine durchaus lesenswerte. Besonders ein Zwillingsmädchen der Familie Cardinal hat mich tief berührt, da sie ganz besonders die größte Last ihres Lebens, die ihr von der Familie aufgebürdet wurde und gegen die sie sich am Ende wehrt, zu tragen hatte. Der Schreibstil und die psychologische Tiefe von Jocelyne Saucier haben mich in diesem Roman jedoch mehr überzeugen können als die Handlung selbst, daher von mir 3,5 Sterne.

Veröffentlicht am 06.03.2019

Das dunkle Geheimnis alter Briefe....

Das Haus der Verlassenen
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"Das Haus der Verlassenen" von Emily Gunnis ist im Heyne-Verlag (HC, gebunden; 2019) erschienen. Es handelt sich um den Debutroman einer englischen Autorin (Originaltitel: The Girl in the Letter), die ...

"Das Haus der Verlassenen" von Emily Gunnis ist im Heyne-Verlag (HC, gebunden; 2019) erschienen. Es handelt sich um den Debutroman einer englischen Autorin (Originaltitel: The Girl in the Letter), die ich mir sehr gerne merke, da mich dieser Roman sehr berührt hat. Übersetzt vom Englischen ins Deutsche wurde er von Carola Fischer.


Sussex, 1956.

Im Prolog kommt Ivy zu Wort: Eine verzweifelte junge Frau, die - schwanger und unverheiratet, daher gegen die damaligen Moralvorstellungen der Gesellschaft verstoßend - entführt den Leser in eine düstere Welt der späten 50er Jahre nach St. Margaret's, einem Heim für ledige Mütter. Für sich selbst sieht Ivy keine Zukunft mehr, aber Elvira, ein 8jähriges Mädchen, will sie retten, ihr die Flucht ermöglichen...

60 Jahre später, 2017:

Sam , alleinerziehend, eine Journalistin, findet bei ihrer Großmutter, die ihre Tochter oft betreut, während sie arbeitet, durch Zufall einen Brief von Ivy, der an den Vater ihres Kindes gerichtet ist und ihn anfleht, sie abzuholen aus St. Margaret's... Auf Nachfrage Sam's zögert die Großmutter (Nana), weist jedoch darauf hin, dass sich auf dem Dachboden noch mehr Briefe Ivy's finden, die sich wohl im Nachlass des Großvaters, seines Zeichens Antiquitätenhändler und vor 2 Jahren verstorben, befunden haben. Wie sind die Briefe dort hin gekommen? Was hat Ivy mit ihrer eigenen Familie zu tun? Um diese Recherche, die in dunkle Abgründe führt, die auch den Leser nicht unberührt lassen, geht es in diesem gefühlvoll und spannend geschriebenen Roman von Emily Gunnis.

"Die 50er Jahre waren keine gute Zeit für unverheiratete Mütter", so die Großmutter von Sam. Diese Tatsache hat sowohl mein Interesse geweckt als auch mich aufhorchen lassen: Es gibt zum einen einen spannenden Einblick in die Recherchearbeit von Sam, die hier wahrlich dunklen Geheimnissen auf der Spur ist und durch ihren journalistischen Instinkt auch auf merkwürdige Todesfälle stößt, zum anderen erlebt man die Zeit in St. Margaret's mit den jungen Frauen mit, die in einer unmenschlich harten, lieblosen Atmosphäre leben mussten, ihre Kinder gebaren - und sie zur Adoption freigeben mussten. Doch damit nicht genug, viele mussten jahrelang "angeblich" dafür arbeiten, dass sie dort ja ein Dach über dem Kopf und einen Kanten Brot zu essen hatten (oder eine dünne Suppe). Wenn ich von "Barmherzigen Schwestern" höre oder lese, stellen sich mir also nicht ganz ohne Grund die Nackenhaare angesichts dieser grausamen Behandlung und dem Missbrauch junger schwangerer Frauen, die selbst entweder Missbrauch in der Familie erleben mussten - oder selbst nichts Böses taten, die nur liebten - und dafür verachtet wurden und bestraft.

In den Roman eingebettet ist ein familiäres Drama, dessen Auflösung man mit Spannung verfolgt; um einen Kampf ums Überleben und um ein altes Herrenhaus, das möglichst bald abgerissen werden soll, um alte, unangenehme Spuren für immer zu verwischen. So fragt sich Sam, welche Rolle z.B. Pater Benjamin spielte und ob die Oberin des Grauens noch lebt?
Daneben ist sie selbst Mutter, von dem Vater Emmas, ihrer Tochter, getrennt lebend, dem harten Erfolgsdruck im Journalismus/Zeitungswesen ausgeliefert und fragt sich nicht nur einmal, ob sie eine gute Mutter ist, auch wenn Emma oft von einer Freundin oder der Großmutter betreut wird; dieses sehr aktuelle Zeitgeschehen besonders Alleinerziehender in all ihren erschöpfenden Ausmaßen wird sehr authentisch von der Autorin beschrieben, auch wenn es solche "Mutter-Kind-Heime", wie sie auch wohlwollend hießen, heute nicht mehr gibt; die letzten (besonders in Irland gab es viele, auch in England) schlossen erst Mitte der 70er Jahre ihre (höllischen) Pforten, dazu gibt die Autorin in ihren Anmerkungen viele Informationen.

Sowohl Ivy als auch Sam sind sehr sympathische, emotionale und authentische Figuren, die Emily Gunnis hier detailliert zeichnet: Dies gilt auch für die Nebenfiguren wie z.B. Nana und den Kollegen von Sam: Der Autorin gelang es, all den Frauen (und auch den zwangsadoptierten Kindern) die großes Leid und Unrecht erfahren mussten, stellvertretend in Ivy eine Stimme zu geben, den Leser nachspüren zu lassen, welche Demütigungen, harte Arbeit, Verachtung und Missbrauch jene erduldeten, die sich nicht wehren konnten. Und dies jahrelang. Ein Einblick in die Heime, in denen (oft im Namen Gottes) malträtiert, schikaniert, gequält und misshandelt wurde. Ein weiteres Thema sind grausame Versuche an Kindern, die zu Testern von Medikamenten degradiert wurden und nicht selten dabei ihr Leben ließen. Ebenfalls eine grausame Tatsache: Die Verantwortlichen wurden allzu oft niemals zur Rechenschaft gezogen; Beweise vernichtet - Häuser abgerissen wie jenes "St. Margaret's".....

Fazit:

Ein sehr gelungener und spannend geschriebener literarischer Einblick in sog. "Mutter-Kind-Heime" der 50er und 60er Jahre, der vielen vergessenen jungen Frauen eine Stimme gibt. Dafür danke ich der Autorin, die es verstanden hat, diesen Frauen und Kindern in Ivy ein "Gesicht" zu geben, sie nicht in der Vergangenheit und Vergessenheit zu belassen, sondern ihr ungerechtes, hartes und unmenschliches Schicksal in Romanform den LeserInnen näher zu bringen. Auch die Anmerkungen (Quellenangaben, Bücher und Filme) zum Thema kann ich ebenso empfehlen wie das Lesen dieses wundervollen Romans. Daher von mir die volle Punktezahl und 5*.