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Veröffentlicht am 13.03.2021

Ein gelungenes Porträt einer außergewöhnlichen Frau

Elisabeth Petznek
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Michaela Lindinger nimmt sich in ihren Büchern der Biografien interessanter Frauen an. Für die Reihe aus dem Verlag Molden hat sie zunächst ein Buch über Hedy Lamarr und nun eine über Elisabeth etznek ...

Michaela Lindinger nimmt sich in ihren Büchern der Biografien interessanter Frauen an. Für die Reihe aus dem Verlag Molden hat sie zunächst ein Buch über Hedy Lamarr und nun eine über Elisabeth etznek geschrieben.

Viele werden sich fragen: Elisabeth Petznek? Wer zur Hölle ist diese Frau? Nie gehört!
Nun, dieses Rätsel kann gelöst werden: Elisabeth Petznek wurde am 2. September 1883 als Elisabeth Marie Henriette Stephanie Gisela von Österreich, also als Erzherzogin von Österreich geboren. Sie war das einzige Kind von Kronprinz Rudolf und der belgischen Prinzessin Stepanie.
„Erzsi“, wie sie in der Familie genannt wurde, war fünf Jahre alt, als ihr Vater Rudolf seine Geliebte Mary Vetsera und anschließend sich selbst tötete. Als Tochter des Kronprinzen war sie in der Thronfolge die nächste und wurde ursprünglich als Nachfolgerin von Franz Joseph vorgesehen. Doch als sie sich mit knapp 17 Jahren in den nicht ebenbürtigen Otto von Windisch-Graetz verliebt und auf eine Heirat besteht, muss sie aus dem Haus Habsburg-Lothringen
ausscheiden und auf die Thronfolge sowie alle Ansprüche verzichten.

Der weitere Lebensweg gleicht einer Hochschaubahnfahrt. Die Ehe mit Otto, aus der vier Kinder hervorgehen, scheitert spätestens während der Ersten Weltkriegs. Das Paar liefert sich einen Rosenkrieg. Eine Scheidung ist erst 1924 möglich. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg kommt sie mit der Sozialdemokratie in Berührung, öffnet ihren Schlossgarten in Schönau für die Kinder der Arbeiterinnen und unterstützt die Menschen in ihrer Umgebung. Nun wird sie, manchmal despektierlich, manchmal respektvoll die „rote Erzherzogin“ genannt.

Sie wird Leopold Petznek, einen sozialdemokratischen Politiker heiraten, nach Wien ziehen, den Ständestaat, die NS-Diktatur und die Delogierung aus ihrem Anwesen am Wolfersberg durch die französischen Besatzer überstehen. Erst mit dem Staatsvertrag von 1955 erhält sie die Villa wieder zurück. Leopold Petznek stirbt 1956, Elisabeth 1963. Auf eigenen Wunsch wird die Grabstätte keinen Namen tragen. Sie verfügt also eine „damnatio memoria“ über sich. Wahrscheinlich hätte sie sich auch gegen die Benennung der „Elisabeth-Petznek-Gasse“ gewehrt. 1963 hat sie einen großen Teil ihres Anwesen an die Stadt Wien verkauft und verfügt, dass dort Sozialwohnungen errichtet werden.

Diese ungewöhnliche Frau hat zu guter Letzt ihren Kindern und anderen Verwandten, die sie der Habgier bezichtigt, einen Strich durch die Erwartungen zum Erbe gemacht: Sie hat Folgendes verfügt: „Kaiserlicher Besitz soll nicht Ausländern zukommen und darf nicht in Auktionen versteigert werden.“

Fazit:

Ein gelungenes Porträt einer interessanten Frau. Wer noch mehr über die 1,90 große Erzherzogin lesen möchte, dem empfehle ich Friedrich Weissensteiners Biografie „Die rote Erzherzogin“ und den biografischen Roman von Martin Prinz „Die letzte Prinzessin“.

Veröffentlicht am 10.03.2021

Medizingeschichte spannend erzählt

Die Heilung der Welt
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Autor und Arzt Roland Gerste erfreut seine Leser wieder mit einem penibel recherchierten Buch über die Medizin und ihre Geschichte. Diesmal beschäftigt er sich mit dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ ...

Autor und Arzt Roland Gerste erfreut seine Leser wieder mit einem penibel recherchierten Buch über die Medizin und ihre Geschichte. Diesmal beschäftigt er sich mit dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Medizin. Es sind dies die Jahre zwischen 1840 und 1918, in denen die Medizin rasante Fortschritte macht, und alle jene Errungenschaften erfindet, die aus der heutigen Medizin nicht mehr wegzudenken sind: Hygiene, Anästhesie, Schmerzmittel oder Prothesen.

Diese Entwicklungen sind sehr gut in den historischen Hintergrund eingebettet. Manchmal verliert sich der Autor in den historischen Details. So begeben wir uns mit Florence Nightingale und Henry Dunant auf die Schlachtfelder des Krimi-Krieges und von Solferino. Wir schlagen uns die Köpfe ein und die Gliedmaßen im amerikanischen Bürgerkrieg ab.

Wir blicken Ignaz Semmelweis und Joseph Lister über die Schulter. Wir staunen mit Wilhelm Röntgen über das Bild der Knochen und legen uns bei Sigmund Freud auf die Couch.

Natürlich darf ein Blick auf die aktuelle Covid-19-Pandemie und ein Vergleich zur Spanischen Grippe nicht fehlen.

Fazit:

Als Fan von medizin-historischen Büchern sind mir nahezu alle Persönlichkeiten und ihre Errungenschaften bekannt. Roland Gerste erzählt die Medizingeschichte kurzweilig und gibt einen Abriss des gesellschaftlichen Umfeldes. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 05.03.2021

Hat mich nicht vollends überzeugt

Als wir uns die Welt versprachen
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Romina Casagrande erzählt die Geschichte von Edna Weiss, deren Eltern, bitterarmer Bergbauern, sie als Verdingkind nach Deutschland verkauft haben.

Wir lernen die neunzigjährige Edna kennen, die zurückgezogen ...

Romina Casagrande erzählt die Geschichte von Edna Weiss, deren Eltern, bitterarmer Bergbauern, sie als Verdingkind nach Deutschland verkauft haben.

Wir lernen die neunzigjährige Edna kennen, die zurückgezogen in ihrem Häuschen in Südtirol lebt. Nur der Papagei Emil leistet ihr Gesellschaft. Einziger Luxus ist die Zeitschrift „Stern“, die sie aufmerksam liest und aufbewahrt. Als sie eines Tages von einer Unwetterkatastrophe in Ravensburg liest und auf einem der Fotos ihres Leidensgefährten Jacob aus der „Schwabenkind“-Zeit entdeckt, beschließt sie, eine alte Schuld einzulösen.

Sie packt ein paar Habseligkeiten sowie Emil in dessen Transportkiste und macht sich zu Fuß auf, Jacob im Krankenhaus von Ravensburg zu besuchen. Dabei geht sie den Weg zurück, den Jacob als Fluchtweg aus dem Sklavendasein aufgezeichnet hat.

„Was zählten schon die Träume zweier Kinder, denen man ihre Welt genommen hatte, um sie hinter die Berge auf einen alten Bauernhof zu verbannen?“

Meine Meinung:

Die Idee zu diesem Roman hat mir sehr gut gefallen. Nur wenige Menschen wissen von den Schicksalen der bitterarmen Bergbauernkinder, die, um die Not der Daheimgebliebenen ein wenig zu lindern, in die Fremde - vor allem nach Baden-Württemberg - verkauft wurden. Viele dieser Kinder stammen ursprünglich aus dem Vinschgau (Südtirol), der Schweiz, Vorarlberg, Tirol, der Steiermark oder aus Liechtenstein. Die meisten dieser Verdingkinder wurden als Arbeitssklaven körperlich und seelisch missbraucht. Ihnen eine Stimme zu geben, ist eine gute Idee. Leider ist die Umsetzung nicht so gut gelungen.

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Zu Beginn wirkt Edna etwas verwirrt. Die Nachbarn wollen sie deshalb in einem Altenheim unterbringen.
Während der beschwerlichen Reise gibt sich Edna ihren Erinnerungen hin und so erfahren wir Leser, was sie erlebt und erlitten hat.

Der Entschluss, den schwer verletzten Jacob zu besuchen und ihm Emil zurückzugeben, scheint wie ein Bußgang zu sein. Denn aus Ednas Verschulden (zumindest glaubt Edna das), ist Jacob die Flucht nicht gelungen. Daher geht Edna die Fluchtroute in entgegengesetzter Richtung zu Fuß. Die Strecke von rund 240km, die mit dem Auto in rund drei Stunden zu bewältigen ist, führt Edna über Landeck, den Reschenpass, den Arlberg, an den Bodensee und weiter. Dabei nimmt sie nicht die gut ausgebauten Straßen, sondern die alten Wege durchs Gebirge.
Auf ihrem Weg verliert sie Ausweis, Geld und einen Teil ihres Gepäcks. Doch sie findet immer wieder Personen, die ihr helfen. So erhält sie zum Beispiel von einem Motorradfahrer eine Lederjacke, die ihr später noch einmal gute Dienst leistet, weil sie sie als Mitglied einer Gruppe ausweist.
Allerdings und das ist für mich ein ziemlicher Widerspruch, vertrödelt sie viel Zeit mit Zufallsbekanntschaften. Edna sollte, wenn schon quasi auf dem persönlichen Jakobsweg, zügig (soweit das für eine 90-Jährige möglich ist) weiterkommen. So wiederholt sich ihre Trödelei, ihre Unpünktlichkeit, die damals Jacob zurückbleiben ließ.

Fazit:

Ein Roman von Schuld und Sühne sowie von Leid und schlechtem Gewissen, der mich leider in seiner Umsetzung nicht ganz überzeugt hat. Daher kann ich nur 3 Sterne vergeben.

Veröffentlicht am 28.02.2021

Joseph Melzer (1907-1984) - eine Biografie

"Ich habe neun Leben gelebt"
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Wer eine Biografie verfasst, erklärt Joseph Melzer (1907-1984) im Prolog, sollte bei der Wahrheit bleiben. Andernfalls wäre es besser, einfach einen Roman zu schreiben.

Wer ist dieser Joseph Melzer, ...

Wer eine Biografie verfasst, erklärt Joseph Melzer (1907-1984) im Prolog, sollte bei der Wahrheit bleiben. Andernfalls wäre es besser, einfach einen Roman zu schreiben.

Wer ist dieser Joseph Melzer, der erst wenige Monate vor seinem Tod seine Biografie aufgeschrieben hat?

Geboren wird der leidenschaftliche Buchhändler und Verleger 1907 in Kuty, Galizien, das damals noch Bestandteil von Österreich-Ungarn ist und heute zur Ukraine zählt, in eine jüdische Familie.

In neun Kapiteln, die er Jahreszahlen zuordnet, erzählt er seine Lebensgeschichte.

1907-1918
1918-1933
1933-1936
1936-1939
1939-1941
1942-1945
1946-1948
1948-1958
1958-1984

Jedes Kapitel endet mit einem Bruch, mit einem Ortswechsel und dem eisernen Willen, wieder von vorne zu beginnen.

Sein Leben in einem Satz zusammengefasst: „Zwei Kaiserreiche zerfallen gesehen, zwei Weltkriege erlebt, die Nazis überlebt, ihretwegen unfreiwillig Zionist geworden, den Kommunismus überlebt und den Sozialisten geholfen“.

Obwohl in seinem Umfeld schon vor der NS-Diktatur viele nach Palästina auswandern wollen, sind die Zionisten nicht seine Freunde - zu radikal in dem Bemühen um einen eigenen Staat. Mit einem Freund diskutiert er Theodor Herzls Werk „Der Judenstaat“ und kommt zu folgendem Schluss „Die Zionisten sprechen uns die Existenzberechtigung in Deutschland ab. Da sind sie sich mit den Antisemiten einig.“ (S.82)

Auch, dass viele Juden, es bedauern, nicht der NSDAP beitreten zu dürfen, denn sie sind ja in erster Linie Deutsche, fasziniert und stößt ihn gleichermaßen ab.

Nach dem Ende des NS-Regimes ist es für Joseph Melzer keine Frage, wieder nach Deutschland zurückzukehren, auch wenn die Anfänge mehr als beschwerlich sind. Im Gegensatz zu seiner Ehefrau, deren gesamte Familie bis auf eine Schwester dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen ist, hat Melzer keine Berührungsängste. Er teilt allerdings das Schicksal vieler Juden, die nicht glauben können, dass aus den Deutschen, dem Volk der Dichter und Denker, ein Volk der Richter und Henker werden konnte. Erst als er 1946 eine „Führung“ durch ein KZ erhält, kann er den Erzählungen anderer Juden, die ihm von den Massenvernichtungen erzählen, Glauben schenken.

Als Resümee über sein Leben schreibt Joseph Melzer: "Ich bin jetzt am Ende meines Lebens. Es war wie das Leben vieler anderer Juden meiner Generation. Ein gewöhnliches jüdisches Schicksal."

Das kann ich so nicht unterschreiben, denn sechs Millionen ermordete Juden sprechen eine andere Sprache.

Fazit:

Eine sehr detaillierte, manchmal auch humorvolle Biografie, eines Mannes der sowohl die Nazis als auch die Kommunisten überlebt hat. Gerne gebe ich für dieses Zeitdokument 5 Sterne.

Veröffentlicht am 28.02.2021

NIcht einfach zu lesen, aber wichtig

Condorcets Irrtum
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„Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!“ Dieser häufig zitierte Ausspruch, dem man Johann Wolfgang von Goethe nachsagt, ist heute aktueller denn je. Die meisten von uns kennen nur die ...

„Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!“ Dieser häufig zitierte Ausspruch, dem man Johann Wolfgang von Goethe nachsagt, ist heute aktueller denn je. Die meisten von uns kennen nur die Demokratie, auch wenn sie Schwächen hat. Es soll sich nur niemand wirklich eine Diktatur herbei wünschen. Die Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, das steter Pflege bedarf.

Wer zur Hölle ist oder war Condorcet? Nur den wenigsten unter uns ist der Name Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet (1743-1794) bekannt. Condorcet war ein überzeugter Aufklärer, ein Liberaler, ein Erneuerer Er trat 1790, kurz nach der Verkündung der Menschen- und Bürgerrechte trat er vehement dafür ein, diese auch den Frauen zu gewähren. Denn „Liberté, Égalité et Fraternité“ galt nur für Männer. Seine Forderungen nach Abschaffung der Sklaverei und für den Freihandel klingen sehr modern.

Condorcets wird Mitglied der Nationalversammlung während der Französischen Revolution. 1794 frisst ihn die Revolution. Er wird verhaftet und stirbt wenig später unter ungeklärten Umständen. Immerhin bleibt ihm das Fallbeil erspart.

Der schwedische Autor und Mathematiker Per Molander liefert uns in 13 Kapiteln einen interessanten Abriss historischer Abläufe und philosophischer Betrachtungen sowie die Sichtweise von Religionsgemeinschaften in den jeweiligen Zeitabschnitten.

Worin bestand nun Condorcets Irrtum? Dass er ein unverbesserlicher Optimist war?
Condorcet hat die Beharrlichkeit der herrschenden Systeme sträflich unterschätzt. Klingt irgendwie bekannt, oder?
Er erkannte die Bedeutung einer allgemeinen Bildung als wesentlich für eine Demokratie. Wo stehen wir heute? In zahlreichen Ländern schicken Eltern ihre Kinder in teure Privatschulen, um der nach unten nivellierten Bildung zu entgehen. Es entwickeln sich Parallelgesellschaften, die kaum in den Griff zu bekommen sind.

Condorcet war seiner Zeit weit voraus. Manche seiner Ideen hallen bis heute nach. Doch wo sind heute Menschen vom Schlage Condorcets? Wo sind sie, die Vordenker?

Am Ende seines Buches sendet uns Per Molander einen Hoffnungsschimmer, wenn er sagt „Condorcets Traum können wir weitertragen, aber zugleich müssen wir die Warnung des Doktor Rieux aus dem Motto zu diesem Buch in Erinnerung behalten und beherzigen – dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jederzeit seine Ratten aufwecken und zum Sterben in die Stadt schicken kann.“ (S. 270)

Fazit:

Ein wichtiges Buch, das nicht unbedingt einfach zu lesen ist. Gerne gebe ich hier 5 Sterne. Pflegen wir das zarte Pflänzchen Demokratie!