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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.03.2025

Eine sehr deutsche seichte Unterhaltungsliteratur mit einigen Schwächen

Geheimnisvolles La Rochelle
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Für mich war es der erste Roman aus dieser Reihe, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Buch bis zum Ende nicht wirklich warm geworden bin.

Was habe ich erwartet? Einen spannenden Kriminalfall, ...

Für mich war es der erste Roman aus dieser Reihe, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Buch bis zum Ende nicht wirklich warm geworden bin.

Was habe ich erwartet? Einen spannenden Kriminalfall, Familiengeheimnisse und Einblicke in die Cognac-Welt, das alles vor einer traumhaften Urlaubskulisse. Leider wurden meine Erwartungen nur zum Teil erfüllt.

Als "Quereinsteigerin" hat mich anfangs die Vielzahl der auftretenden Personen schlichtweg erschlagen. Tatsächlich habe ich nach 100 Seiten nochmal von vorne angefangen, weil ich nicht mehr mitkam, und mir dann ein Personenregister angelegt. Ich habe Nebenfiguren weggelassen und trotzdem standen am Ende mehr als dreißig Namen auf meinem Zettel. Das ist zu viel für 138 Seiten, zumal zumeist nur die Namen erwähnt werden, ohne dass die Personen wirklich vorgestellt werden,. Erst auf S. 118 erfährt man etwa den Vornamen des Kommissars. Dass es sich bei Adrien und Moreau um ein und die selbe Person handelt, wurde mir auch erst spät in der Handlung klar.

Es ist ja bei Büchern dieser Art üblich, dass der deutsche Autor sich hinter einem französischen Pseudonym verbirgt. Französisch vom Stil her wird das Buch dadurch allerdings nicht. Besonders anregend fand ich die Geschichte bis zum Ende nicht. Sie bewegt sich auf dem Level einer deutschen Fernsehproduktion. Die Handlung plätschert vor sich hin. Stereotype aller Art werden bedient, der miese Chef, der teekochende Maghrebiner, der maffiöse Italiener, die zickige Upperclass-Tussie,. die Gauloise-rauchende Lesbe etc. etc. Männer werden tendenziell eher mit ihrem Nachnamen genannt, Frauen mit ihrem Vornamen. Ich habe keine der Figuren als charakterlich tiefgehend beschrieben wahrgenommen. Stattdessen werden Klischees bedient.

Passend dazu verbreitet der Autor eine Familienidylle rund um den Kommissar, die mich nicht überzeugen konnte. Das Geheimnis um seine Mutter könnte spannend sein, wird aber nur am Rande erwähnt, und lässt sich für Quereinsteiger nicht gut nachvollziehen.

Besser gefallen haben mir die Landschaftsbeschreibungen und die enthaltenen Informationen zur Cognac-Herstellung.

Absolut ärgerlich, dass der Klappentext ja schon nahegelegt hat, dass es um die Cognac-Familie und ihre „dunklen Geheimnisse“ geht. Somit war klar, dass die erste Spur sich als Irrweg erweist. Dem Autor ist das nicht zwingend anzulasten, wohl aber dem Verlag. Zudem hätte ein ordentliches Lektorat dem Buch gut getan. So enthält es zahlreiche Rechtschreib- und Grammatikfehler, die vermeidbar gewesen wären.

Die Handlung hat mich nicht wirklich überzeugt, und ab einem gewissen Punkt war die Auflösung absehbar.

Fazit: eine sehr deutsche seichte Unterhaltungsliteratur für zwischendurch mit ein bisschen Frankreich-Feeling

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  • Spannung
Veröffentlicht am 16.02.2025

"Die Stille, die eintritt, wenn der Besuch gegangen ist"

Flusslinien
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Berührender Generationenroman mit der Elbe als stiller Akteurin

Flusslinien von Katharina Hagena kommt eher unscheinbar daher. Der Schutzumschlag zeigt eine Flusslandschaft, leicht verschwommen, etwas ...

Berührender Generationenroman mit der Elbe als stiller Akteurin

Flusslinien von Katharina Hagena kommt eher unscheinbar daher. Der Schutzumschlag zeigt eine Flusslandschaft, leicht verschwommen, etwas melancholisch. Der Einband ist lindgrün, das Vorsatzblatt passend zum Titel von feinen Linien durchzogen. Einen optischen Akzent setzen das Kapitalband und das Leseband in pink. Wer in Zeiten auffälliger Covergestaltung mit grellen und aufwändigen Farbschnitten zu diesem eher schlichten Buch greift, wird mit einem wunderbaren Leseerlebnis belohnt.

Im Mittelpunkt des Buches stehen drei Akteurinnen, die wir an zwölf Tagen durch ihr Leben an der Elbe begleiten dürfen. Die hochbetagte Margit wohnt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Ihre Sinne lassen nach, doch manches scheint die ausgebildete Stimmbildnerin dadurch noch viel bewusster und sensibler wahrzunehmen. Ihr Erinnerungen, die bis in ihre Kindheit zurückreichen, sind anrührend und erzeugen einen Leseeindruck, der gut mit dem Coverbild harmoniert; während manches verschwommen bleibt, treten andere Ereignisse deutlich hervor. So erfahren wir durch Margits Erinnerungen von der Landschaftsgärtnerin Elsa Hoffa, der Gestalterin des Römischen Gartens in Hamburg. Zauberhaft beschreibt Hagena dieses Kleinod, ebenso wie die Landschaft der Elbe, die Bedrohung und bedroht zugleich sein kann. Der Naturschutz spielt eine unaufdringlich Rolle. Arthur, der am Fluss wohnt und in der Seniorenresidenz als Fahrer arbeitet, ist engagiert beim Nabu, rettet Kröten, ist ein Sondengänger und erfindet Sprachen. Dabei sucht er Halt nachdem er einen Schicksalsschlag erlitten hat. Und dann ist da noch Luzie, Margits Enkelin, die mit ihren gerade 18 Jahren versucht, ein Trauma zu überwinden und den Weg zurück ins Leben zu finden. All dies erzählt Hagena in undramatischer Weise, einfühlsam und manchmal humorvoll. So entsteht ein Raum, in dem wir nach und nach Einblick erhalten, in das, was die Protagonistinnen bewegt.

Flusslinien ist ein wundervoll geschriebenes, feinfühliges und poetisches Buch, vielschichtig und absolut lesenswert!

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Veröffentlicht am 08.02.2025

Sag die Wahrheit! – Psychothriller um verlorengegangene Erinnerungen

Haltlos
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»Ich brauche die Psyche der Figuren, nicht ihr Blut.« Sarah Nisi

Emilys Freundin Liv ist tot. Sie stürzte auf die Gleise der Londoner U-Bahn und Emily hat es mit angesehen. Doch sie erinnert sich nicht ...

»Ich brauche die Psyche der Figuren, nicht ihr Blut.« Sarah Nisi

Emilys Freundin Liv ist tot. Sie stürzte auf die Gleise der Londoner U-Bahn und Emily hat es mit angesehen. Doch sie erinnert sich nicht daran. Diese Story hat mich direkt gepackt. Emilys Amnesie wird so realistisch geschildert, dass ich geradezu mit ihr mitfühlen konnte. Auch ihre Alpträume und Panikattacken sind gut nachvollziehbar. Wie furchtbar muss es sein, sich nicht erinnern zu können, ob es ein Suizid war, ein Unfall oder gar ein Mord. Oder ist die Amnesie ein Schutz, um das schreckliche Ereignis nicht immer wieder erinnern zu müssen?

Schauplatz des Buches ist vor allem das Barbican Estate, eine in den 1980ern entstandene Wohnanlage aus einer Zeit, in der Beton-Brutalismus als futuristisch galt. Als Handlungsort eines Thrillers eine großartige Szenerie. Auch es gibt nur wenige Protagonist*innen. Da sind Emily, der merkwürdige Nachbar Shakes, Emilys Exfreund Alex, der U-Bahnwärter Paul und die Tote Liv, die wir durch ihr Tagebuch näher kennen lernen. Sarah Nisi reduziert durch diese Kargheit der Handlungsorte und der Personen den Thriller auf das Wesentliche, nämlich auf die Frage, was wirklich passiert ist in der Holborn Station, Gleis 3. Emily sucht nach der Wahrheit und Sara Nisi bereitet uns damit eine spannende Lesezeit, bei der meine Nackenhaare sich aufgestellt haben. Eine tolle Geschichte mit genialen Plot-Twists!

„Haltlos“ von Sara Nisi ist ein echter Hingucker. Ein heller Blauton dominiert das Äußere – Farbschnitt, Titel und der Name der Autorin sowie die Umrandung des Titelbildes sind in diesem Blau gehalten. Das Titelbild – es könnte einen Flur im Barbican Estate zeigen – ist beinahe monochrom, schlicht und gerade dadurch entsteht eine Atmosphäre der Verlorenheit. Cover und Titel passen großartig zur Story. Eine posttraumatische Amnesie ist ja tatsächlich wie ein leerer Gang mit verschlossenen Türen.

Fazit: Ein brillanter Psychothriller, der ohne reißerische Szenen auskommt, und gerade dadurch überzeugt.

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Veröffentlicht am 25.01.2025

Abrechnung mit Hollywood

Not your Darling
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Hollywood 1950 – die Stadt der großen Träume. Margaret aus Morecombe ergaunert sich unter falschem Namen eine illegale Einreise in die USA. Das Seebad im Nordwesten Englands ist ihr nicht mehr groß genug. ...

Hollywood 1950 – die Stadt der großen Träume. Margaret aus Morecombe ergaunert sich unter falschem Namen eine illegale Einreise in die USA. Das Seebad im Nordwesten Englands ist ihr nicht mehr groß genug. Sie hegt das Ziel, Maskenbildnerin in Hollywood zu werden. Wen oder was die junge Frau dabei hinter sich lässt, erfahren wir lange nicht. Für ihren großen Traum geht sie - unbekümmert und voller Abenteuerlust - allerlei Risiken ein. Der amerikanische Kleinkriminelle Jimmie kann gar nicht so schnell gucken, wie sie ihn zum Werkzeug ihrer Träume macht. Dabei wollte er doch nur Seidenstrümpfe schmuggeln. Wunderbar! Angekommen in Hollywood lernt Margret, die sich mittlerweile Loretta nennt, die Prostituierte Primrose kennen, die zu einer Freundin wird. Mit dem Nachwuchsschauspieler Raphael hat sie weniger Glück. Er ist ein rücksichtsloser Blender und sie geht ihm auf den Leim.

Ein Oscar Wilde zugeschriebenes Zitat zu Beginn des Buches lässt aufmerksame Lesende vermuten, dass es in diesem Buch nicht bei frechen Dialogen und einer Geschichte über den American Dream bleiben wird. Die Schattenseiten der Traumfabrik lernt Loretta schneller kennen, als ihr lieb ist. Intrigen und Klatsch, menschliche Abgründe und toxische Männlichkeit weißer heterosexueller Männer prägen ebenso die Filmszene, wie vordergründig Glanz und Glamour es tun. Als Maskenbildnerin wirkt Loretta erfolgreich am schönen Schein mit, doch durch die Erzählung demaskiert die Ich-Erzählerin schonungslos die Welt der Studios und ihre Protagonistinnen.

Katherine Blake lenkt mit NOT YOUR DARLING (Originaltitel: The Unforgettable Loretta, Darling) den Blick auf Missstände im Filmgeschäft, die damals als normal angesehen wurden. Hollywood war das Sinnbild der Verruchtheit, sexuelle Freizügigkeit wurde erwartet (solange sie heterosexuell ausgerichtet war und keine vermeintlichen Rassenschranken übertreten wurden), und wenn sexualisierte Gewalt stattfand, dann konnte der Täter eigentlich nichts dafür, denn dann griff die Schuldumkehrung:

Er hat gesagt, das ist alles völlig normal und liegt nur am – wie hieß das doch? Testosteron. Ein Mann hätte eben Bedürfnisse, die er nicht kontrollieren kann, und darauf sollte ich mehr Rücksicht nehmen. (S. 298)

NOT YOUR DARLING ist aber auch ein Roman über eine junge Frau, die in dieser Welt unbeirrt ihren Weg geht, nicht nur ein loses Mundwerk hat, sondern auch großartige Talente und Kenntnisse, die ihr helfen sich zu behaupten und sich gegen Männer zur Wehr zu setzen. Es ist ein Buch über Frauenfreundschaften, frech und witzig und wenn die Sprache manchmal holprig wirkt, dann muss das nicht zwingend am englischen Originaltext liegen.

Und doch bleibt die Geschichte zu oft an der Oberfläche. Die Charaktere sind meist klischeehaft gezeichnet, die Stadt an sich, ihre außergewöhnliche Architektur, bleibt seltsam unbeschrieben. Auch der zeitliche Ablauf bleibt weitestgehend unerwähnt. Der Schreibstil ist unterhaltsam und lädt zum schnellen Lesen ein, aber es ist keine große Literatur. Der Blickwinkel richtet sich konsequent von Lorettas Gegenwart aus in die Zukunft, es bleibt kaum Raum für einen Blick zurück. Das Ende kommt mir zu abrupt und könnte ein Hinweis auf einen Folgeband sein.

Zusammenfassend ein gutes Buch zu einem wichtigen Thema. Ich spreche eine Leseempfehlung aus und vergebe 4 Sterne .

Abspann:*
Ich erinnere mich an dich, Loretta. (…) Du bist das Lip Girl! Lässt dir nichts gefallen, machst die schönsten Lippen. Das weiß jeder! (S. 202)

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Veröffentlicht am 19.01.2025

Zauberhaft und berührend - eine Geschichte über die Musik und über die Liebe

Für Polina
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Was für wunderbare Worte, aneinandergereiht zu einer großartigen Geschichte. Takis Würger ist ein Meister der Sprache. Einmal begonnen zu lesen, konnte ich dieses Buch nicht aus der Hand legen.

Die Geschichte ...

Was für wunderbare Worte, aneinandergereiht zu einer großartigen Geschichte. Takis Würger ist ein Meister der Sprache. Einmal begonnen zu lesen, konnte ich dieses Buch nicht aus der Hand legen.

Die Geschichte des Hannes Prager hat mich tief berührt. Sie beginnt mit den Umständen seiner Zeugung, herrlich beschrieben und so typisch für diesen Roman. Takis Würger begegnet seinen Protagonist*innen mit Respekt. Sie sind realistisch beschrieben, alles andere als eindimensional. Sie haben Ecken und dunkle Seiten, aber genauso Stärken, Talente, Wünsche und Hoffnungen.

Es wäre zu einfach FÜR POLINA einen Liebesroman zu nennen, auch wenn es ein wunderbarer Roman über die Liebe ist. Und zugleich ein Roman über Freundschaften, Hoffnungen, Verluste, Missverständnisse, ein Coming-off-Age-Roman und ein Buch über die wunderhafte Wirkung von Musik.

Takis Würger zeigt uns, dass das Leben aus Momenten der Entscheidung besteht – aber auch, dass eine einmal getroffene Entscheidung uns nicht für immer und ewig bindet.

Ich bin dankbar für dieses wunderschöne Leseerlebnis.

Zum Cover, da bin ich ehrlich; ohne den Namen Takis Würger hätte ich nicht danach gegriffen. Und trotzdem gefällt es mir auf eine besondere Weise. Aber so geht es mir immer mit Diogenes. Wahrscheinlich habe ich deshalb schon viele großartige Bücher verpasst.

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