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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.10.2025

Ehrlich, authentisch, gut

Die Träume anderer Leute
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Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel ...

Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel mir die Biografie von der damaligen Lead-Sängerin Judith Holofernes.

In "Die Träume anderer Leute" schreibt Holofernes über sich und ihr Leben als Sängerin, erst bei den Helden, später als Solo-Musikerin. Sie reflektiert ihren Spagat zwischen Tourbus, Familienleben, künstlerischer Kreativität und den Mechanismen des Musikbusiness. Sie schreibt über ihre Schwächen, ihre psychische Gesundheit, über Erwartungen von anderen, übers Frausein und Älterwerden im Musikbetrieb. Und über ihre Versuche, sich nach den Helden und dem großen Ruhm selbstbestimmt und authentisch neu zu erfinden und musikalisch kreativ zu arbeiten. Es war kein leichter Weg.

Meiner Meinung nach kann, ja sollte, jeder, der in den 90ern und 2000ern groß geworden und musikinteressiert ist oder sich selbst in einer Umbruchphase befindet, diesen Roman lesen. Er ist toll geschrieben, lehrreich, ehrlich, herzlich. Innehalten oder Loslassen ist manchmal eben einfach besser als sich zu verbiegen oder um jeden Preis durchzuhalten. Das hat Judith Holofernes hier wunderbar vermittelt.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Atmosphärisch, still, wunderbar

Halbinsel
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Das Buch ist für mich kein klassischer Pageturner. Und dennoch hat mich die Geschichte in vielerlei Hinsicht bewegt und gepackt. "Halbinsel" ist leise. Und dabei so wunderbar intensiv. Atmosphärisch. Thematisch ...

Das Buch ist für mich kein klassischer Pageturner. Und dennoch hat mich die Geschichte in vielerlei Hinsicht bewegt und gepackt. "Halbinsel" ist leise. Und dabei so wunderbar intensiv. Atmosphärisch. Thematisch tief. Kristine Bilkau erzählt die Geschichte von Annett, die nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan ihre Tochter Linn allein großziehen musste. Linn, inzwischen eine junge Erwachsene, ist beruflich im Umweltbereich tätig, und kehrt nach einem Zusammenbruch zurück in ihr Elternhaus auf einer abgelegenen Halbinsel in Nordfriesland. Zurück zu ihrer Mutter. Dauer des Aufenthaltes unbekannt.

Diese neue, fragile Nähe steckt voller Distanz, Generationskonflikten, Konfrontation, Missverständnissen, innerer Zerrissenheit. Auch der Wunsch nach Verständnis und Neuorientierung ist groß. Annett reflektiert - ihre Vergangenheit und auch die Bindung zu ihrer Tochter. Linn sucht ebenso den Sinn und ihren Platz im Leben, ist erschöpft von dem unbändigen Druck und den Miseren dieser Welt. Gesellschaftliche Themen wie die Klimakrise und die eigene Verantwortung werden hier ebenfalls aufgezeigt - ohne den moralischen Zeigefinger zu sehr zu erheben. Das gefällt mir.

Die Beziehung der beiden wird ganz fein gezeichnet. Die Spannung des Buches, die durch die Spannung zwischen Mutter und Tochter entsteht, finde ich wunderbar eingefangen. Es sind die Worte, die zwischen den Zeilen liegen, das Zwischenmenschliche, das Ungesagte, was den Roman zu etwas Großem machen. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Wichtig, aber zu wenig Tiefgang

Heimat
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Hannah Lühmann skizziert das Leben von Jana, aktuell mit dem dritten Kind schwanger. Sie lebt seit kurzem mit ihrer Familie auf dem Land, vorrangig aufgrund der finanziellen Lage. Sie lernt Karolin kennen ...

Hannah Lühmann skizziert das Leben von Jana, aktuell mit dem dritten Kind schwanger. Sie lebt seit kurzem mit ihrer Familie auf dem Land, vorrangig aufgrund der finanziellen Lage. Sie lernt Karolin kennen und taucht in ihr Leben als Hausfrau mit konservativem Familienmodell ein. Immer mehr ist sie von ihr fasziniert, ja sogar beinahe besessen. Karo lebt nicht nur konservativ, sondern ist auch stark empfänglich für Verschwörungstheorien und rechtspopulistische Meinungen. Sie inszeniert sich und ihre Ideologie gern in den Sozialen Medien, schließt sich mit Frauen im Ort zusammen.

Der Roman steckt den Finger in unsere aktuelle, politische Wunde, zeigt gesellschaftliche (Rück-)Entwicklungen und die Macht der Identitätssuche auf. Es regt zum Nachdenken an - blieb mir im Nachgang dennoch nicht wirklich im Gedächtnis. Warum? Bevor die Geschichte eigentlich so richtig durchstartet, Entwicklungen, Lösungen, komplexe Auseinandersetzungen liefert, ist sie eigentlich auch schon wieder zu Ende. Inhaltliches Potenzial ist definitiv gegeben, leider geht mir der Roman zu wenig in die Tiefe. Ich vermute, dass Hannah Lühmann dies bewusst so gewählt hat, damit die Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen, das Gelesene ausgiebig auf sich wirken lassen. Für mich persönlich war die Protagonistin jedoch zu blass, ich hätte mir einfach mehr kritische Auseinandersetzung mit den Themen gewünscht.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Sehr spannendes Gedankenexperiment

Im Leben nebenan
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"Im Leben nebenan" war thematisch Neuland für mich. Ein Gedankenexperiment: Wie könnte unser Leben aussehen, wenn wir an manchen Kreuzungen anders abgebogen wären? Zentraler Schwerpunkt: ein Leben mit ...

"Im Leben nebenan" war thematisch Neuland für mich. Ein Gedankenexperiment: Wie könnte unser Leben aussehen, wenn wir an manchen Kreuzungen anders abgebogen wären? Zentraler Schwerpunkt: ein Leben mit bzw. ohne Kind. Die Thematik ist dabei jedoch um ein Vielfaches vielschichtiger, als es hier zunächst den Eindruck macht. Welche Erwartungen führen zu unseren Entscheidungen? Und, sind es unsere eigenen Wünsche oder eher die der anderen, die wir erfüllen wollen? Wie tief sind Rollenbilder verankert? Welcher Lebensentwurf ist für uns der Richtige? Dürfen wir zweifeln? Und, an welchem Punkt sind wir ehrlich genug zu uns selbst und treffen die für uns richtige Wahl?

Protagonistin Toni passiert genau das. Sie wacht in einem anderen Leben auf. Als Mutter eines Kindes, verheiratet mit ihrer Jugendliebe. Ein spannendes Szenario, da wir zwei unterschiedliche Versionen kennenlernen. Zwei Leben. Die selbe Frau. Ich finde es bemerkenswert, dass die Geschichte, auch wenn sie Toni gehört, genug Platz zum Nachdenken bietet. Raum bleibt, um all das, was zwischen den Zeilen liegt, auf sich wirken zu lassen.

"Im Leben nebenan" - ein Buch, das ich gern weiterempfehle und welches definitiv ein dauerhaftes Plätzchen in meinem Bücherregal gefunden hat.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Direkt in meine Top-Lieblingsbücher aufgestiegen

Die Nacht der Bärin
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Dieser Roman ist krass. Und gut. Richtig gut. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen und habe es innerhalb weniger Stunden gelesen. Eine Geschichte, die sich mit den familiären Schattenseiten und ...

Dieser Roman ist krass. Und gut. Richtig gut. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen und habe es innerhalb weniger Stunden gelesen. Eine Geschichte, die sich mit den familiären Schattenseiten und generationsübergreifenden Traumata beschäftigt. Intensiv. Emotional. Auf den Punkt.

Kira Mohns "Die Nacht der Bärin" behandelt dabei zwei Zeitebenen: die Gegenwart, in der Jule nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund Zuflucht bei ihren Eltern sucht. Und: Wir blicken in die tiefen Abgründe der Vergangenheit ihrer Mutter, Tante und Oma, die massive häusliche Gewalt erleben mussten. Diese psychischen Spuren sind eng mit Jules Lebensrealität verbunden.

Der Roman ist direkt in meine Top-Liste der Lieblingsbücher eingestiegen. Warum bin ich so begeistert? Die Autorin hat Bilder in meinem Kopf gezeichnet, ohne plakativ zu sein. Feinfühlig. Eindringlich. Sie deutet an, überlässt jedoch meist den LeserInnen die Übersetzung in die heftige Realität. Große literarische Kunst.

Viel mehr möchte ich an dieser Stelle nicht hinzufügen. Lest selbst! Ich freue mich in jedem Fall schon auf das neue Buch von Kira Mohn, das am 27. Januar 2026 erscheint und den Titel "Alle glücklich" trägt. Auch hier wird es wieder um Familienpsychologie gehen.

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