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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.10.2025

Atmosphärisches Buch mit Tiefgang

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Es ist ein kompaktes, mit etwas unter 200 Seiten recht kurzes Buch mit knappen Kapiteln. Es liest sich schnell weg, lässt sich aber ganz bestimmt nicht ganz so schnell verdauen. Dank der Ich-Erzählperspektive ...

Es ist ein kompaktes, mit etwas unter 200 Seiten recht kurzes Buch mit knappen Kapiteln. Es liest sich schnell weg, lässt sich aber ganz bestimmt nicht ganz so schnell verdauen. Dank der Ich-Erzählperspektive sind die Zeilen intim, ehrlich, intensiv. Ich kann daher sehr gut nachvollziehen, weshalb es für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominiert wurde. 

Das Leben der Protagonistin Motte war und ist von jeher von Alkohol geprägt. Die Sucht ist allgegenwärtig. Trinkende Ehemänner und Väter, über Generationen hinweg. Sie blickt auf ein Leben mit einem abhängigen Vater zurück, der zwei Gesichter hat: liebevoll und fürsorglich, aber im anderen Moment selbsvergessen und zerstörerisch. Dennoch ist der Familienzusammenhalt groß. Auch Mottes Freund trinkt. Sie selbst trinkt. Um (sich) zu vergessen. Frei zu fühlen. Gleichgültig. Wie in Watte. 

Ich fand "Das Schwarz an den Händen meines Vaters" sehr eindrücklich und bewegend. Viele Zitate habe ich mir markiert. Weil sie so schlimm und gleichzeitig so wahr sind. In den Zeilen steckt viel Schwere und Traurigkeit. Ein im Inneren immer klein gebliebenes, zerstörtes Mädchen, das ihren Papa liebt und vermisst. Es ist irgendwie gut, dass das Buch kurz und prägnant ist. Es lebt von der Atmosphäre, welche Lena Schätte anhand von Mottes Innenleben entstehen lässt. Es wäre jedoch definitiv auch Raum für mehr (Handlung) gewesen. Fazit: Ihr solltet es lesen, defintiv.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Feinfühlig, poetisch, großartig

Sonnenaufgang Nr. 5
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Ich würde behaupten, dass ich zu 95 Prozent Romane von Autorinnen lese. Das hat sich irgendwie in den vergangenen Jahren so ergeben. Ich mag den Schreibstil, und die Themen sowie Sichtweisen sind - für ...

Ich würde behaupten, dass ich zu 95 Prozent Romane von Autorinnen lese. Das hat sich irgendwie in den vergangenen Jahren so ergeben. Ich mag den Schreibstil, und die Themen sowie Sichtweisen sind - für mich persönlich - oftmals passender. Darum habe ich mich riesig gefreut, dass ich bei Vorablesen ein Exemplar von Carsten Henn's neuestem Roman ergattern konnte und so mal wieder ein Buch eines Autoren in den Händen hatte. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert.

In "Sonnenaufgang Nr. 5" lernen wir Jonas, einen jungen und noch unerfahrenen Ghostwriter mit familiären und unverarbeiteten Wunden, kennen, der die Memoiren der etwas verschrobenen Filmdiva Stella Dor verfassen soll. Tief in ihr drin ist sie jedoch eine einsame, traumatisierte Frau, die sich den Schrecken ihres Lebens nie wirklich stellen konnte. Es entsteht eine besondere Verbindung zwischen den beiden. Jonas nimmt ihr Leben genauer unter die Lupe, als es der Dame lieb ist. Daneben entspinnen sich noch weitere zwischenmenschliche Schauplätze, die die ganze Geschichte rund machen. 

Es ist ein warmherziger, tiefsinniger, ja poetischer Roman, der so viele wunderbare Zeilen enthält, dass ich es in zwei Tagen durchgelesen hatte. Henn hat mich mit seiner Art zu erzählen, dieser Feinfühligkeit und dem genauen Blick für die kleinen Dinge sehr berührt. Er sorgt dafür, dass zwischen den Zeilen philosophische Fragen aufgeworfen werden, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Über (verzerrte) Erinnerungen. Verdrängte Vergangenheiten. Ehrlichkeit zu sich und anderen. Verlust. Vergebung. Selbstfindung. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Ehrlich, authentisch, gut

Die Träume anderer Leute
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Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel ...

Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel mir die Biografie von der damaligen Lead-Sängerin Judith Holofernes.

In "Die Träume anderer Leute" schreibt Holofernes über sich und ihr Leben als Sängerin, erst bei den Helden, später als Solo-Musikerin. Sie reflektiert ihren Spagat zwischen Tourbus, Familienleben, künstlerischer Kreativität und den Mechanismen des Musikbusiness. Sie schreibt über ihre Schwächen, ihre psychische Gesundheit, über Erwartungen von anderen, übers Frausein und Älterwerden im Musikbetrieb. Und über ihre Versuche, sich nach den Helden und dem großen Ruhm selbstbestimmt und authentisch neu zu erfinden und musikalisch kreativ zu arbeiten. Es war kein leichter Weg.

Meiner Meinung nach kann, ja sollte, jeder, der in den 90ern und 2000ern groß geworden und musikinteressiert ist oder sich selbst in einer Umbruchphase befindet, diesen Roman lesen. Er ist toll geschrieben, lehrreich, ehrlich, herzlich. Innehalten oder Loslassen ist manchmal eben einfach besser als sich zu verbiegen oder um jeden Preis durchzuhalten. Das hat Judith Holofernes hier wunderbar vermittelt.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Atmosphärisch, still, wunderbar

Halbinsel
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Das Buch ist für mich kein klassischer Pageturner. Und dennoch hat mich die Geschichte in vielerlei Hinsicht bewegt und gepackt. "Halbinsel" ist leise. Und dabei so wunderbar intensiv. Atmosphärisch. Thematisch ...

Das Buch ist für mich kein klassischer Pageturner. Und dennoch hat mich die Geschichte in vielerlei Hinsicht bewegt und gepackt. "Halbinsel" ist leise. Und dabei so wunderbar intensiv. Atmosphärisch. Thematisch tief. Kristine Bilkau erzählt die Geschichte von Annett, die nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan ihre Tochter Linn allein großziehen musste. Linn, inzwischen eine junge Erwachsene, ist beruflich im Umweltbereich tätig, und kehrt nach einem Zusammenbruch zurück in ihr Elternhaus auf einer abgelegenen Halbinsel in Nordfriesland. Zurück zu ihrer Mutter. Dauer des Aufenthaltes unbekannt.

Diese neue, fragile Nähe steckt voller Distanz, Generationskonflikten, Konfrontation, Missverständnissen, innerer Zerrissenheit. Auch der Wunsch nach Verständnis und Neuorientierung ist groß. Annett reflektiert - ihre Vergangenheit und auch die Bindung zu ihrer Tochter. Linn sucht ebenso den Sinn und ihren Platz im Leben, ist erschöpft von dem unbändigen Druck und den Miseren dieser Welt. Gesellschaftliche Themen wie die Klimakrise und die eigene Verantwortung werden hier ebenfalls aufgezeigt - ohne den moralischen Zeigefinger zu sehr zu erheben. Das gefällt mir.

Die Beziehung der beiden wird ganz fein gezeichnet. Die Spannung des Buches, die durch die Spannung zwischen Mutter und Tochter entsteht, finde ich wunderbar eingefangen. Es sind die Worte, die zwischen den Zeilen liegen, das Zwischenmenschliche, das Ungesagte, was den Roman zu etwas Großem machen. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Wichtig, aber zu wenig Tiefgang

Heimat
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Hannah Lühmann skizziert das Leben von Jana, aktuell mit dem dritten Kind schwanger. Sie lebt seit kurzem mit ihrer Familie auf dem Land, vorrangig aufgrund der finanziellen Lage. Sie lernt Karolin kennen ...

Hannah Lühmann skizziert das Leben von Jana, aktuell mit dem dritten Kind schwanger. Sie lebt seit kurzem mit ihrer Familie auf dem Land, vorrangig aufgrund der finanziellen Lage. Sie lernt Karolin kennen und taucht in ihr Leben als Hausfrau mit konservativem Familienmodell ein. Immer mehr ist sie von ihr fasziniert, ja sogar beinahe besessen. Karo lebt nicht nur konservativ, sondern ist auch stark empfänglich für Verschwörungstheorien und rechtspopulistische Meinungen. Sie inszeniert sich und ihre Ideologie gern in den Sozialen Medien, schließt sich mit Frauen im Ort zusammen.

Der Roman steckt den Finger in unsere aktuelle, politische Wunde, zeigt gesellschaftliche (Rück-)Entwicklungen und die Macht der Identitätssuche auf. Es regt zum Nachdenken an - blieb mir im Nachgang dennoch nicht wirklich im Gedächtnis. Warum? Bevor die Geschichte eigentlich so richtig durchstartet, Entwicklungen, Lösungen, komplexe Auseinandersetzungen liefert, ist sie eigentlich auch schon wieder zu Ende. Inhaltliches Potenzial ist definitiv gegeben, leider geht mir der Roman zu wenig in die Tiefe. Ich vermute, dass Hannah Lühmann dies bewusst so gewählt hat, damit die Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen, das Gelesene ausgiebig auf sich wirken lassen. Für mich persönlich war die Protagonistin jedoch zu blass, ich hätte mir einfach mehr kritische Auseinandersetzung mit den Themen gewünscht.

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