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Veröffentlicht am 14.02.2026

Dieses Buch hat mich für die Thematik sensiblisiert!

Please unfollow
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"Please unfollow" handelt von Sherry, die als Baby von zwei Influencern adoptiert wurde und die sie für Familycontent ausnutzen, um reich und berühmt zu werden. Dadurch opfern sie nicht nur ihre, sondern ...

"Please unfollow" handelt von Sherry, die als Baby von zwei Influencern adoptiert wurde und die sie für Familycontent ausnutzen, um reich und berühmt zu werden. Dadurch opfern sie nicht nur ihre, sondern auch Sherrys Privatsphäre vollständig.

Sherry ist gefangen zwischen der Liebe zu ihren Eltern und dem Wunsch, auszubrechen, dem Drang nach Freiheit. Nach einem Ereignis, von dem man als Leser*in erst kurz vor dem Ende erfährt (was die Spannung für mich ausgemacht hat), wird sie in ein abgeschiedenes, idyllisches Hotel gebracht, in dem sie mit anderen straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet und unterrichtet wird. Dort bekommt sie die Chance auf einen Neustart: niemand kennt Sherry, sie geht zur Therapie und findet echte Freunde, deren Zusammenhalt und Abenteuer sehr süß sind!
Diese Entwicklung hat mich sehr berührt und ich wollte Sherry die ganze Zeit in dem Arm nehmen und vor der Welt beschützen.

Zwischen der Handlung gibt es immer wieder Rückblenden in Sherrys Kindheit, die wie Youtube Videos aufgemacht sind. Mitsamt Clickbait-Titel und (widerlichen) Kommentaren am Ende. Das war für mich unangenehm und erschreckend zu lesen, aber leider sehr authentisch. In diesem Augenblick erleben sooo viele Kinder genau das: im Internet von ihren eigenen Eltern bloßgestellt werden.

"Please unfollow" hat mich für diese Thematik sensibilisiert, weil ich mich durch die großartige Recherchearbeit der Autorin Basma Hallak sehr tief in Sherrys Emotionen einfühlen konnte und alles, was mit ihrer Situation in irgendeiner Weise einhergeht, weitreichend aufgezeigt wurde.
Trotz der harten Thematik gelingt es Hallak, das Buch nicht schwer wirken zu lassen, sondern immer wieder durch schöne, lustige Momente aufzulockern, ohne die Schwere zu verwässern, also eine gelungene Balance!
Dieses Buch sollten definitiv alle lesen, die in sozialen Netzwerken Family Influencern folgen und generell jede Person auf dieser Welt!

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Starke Kritik, aber mir fehlt etwas Tiefe...

Monstergott
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"Monstergott" handelt von den Geschwistern Ben und Esther, die in einer Freikirche aufwachsen und ihren Struggles damit. Nach außen wirkt ihre Fassade perfekt, aber innerlich bröckelt alles.
Die Problematik ...

"Monstergott" handelt von den Geschwistern Ben und Esther, die in einer Freikirche aufwachsen und ihren Struggles damit. Nach außen wirkt ihre Fassade perfekt, aber innerlich bröckelt alles.
Die Problematik wird sehr eindrücklich rübergebracht und ich habe sehr mit den Figuren mitgefühlt.

Esther kämpft um eine höhere Stellung für sich als Frau in ihrer Kirche und ich bewundere ihre Berharrlichkeit, dass sie nicht aufgibt. Sie ist für mich sehr nachvollziehbar und nahbar, wie sie sich zwar immer mit der Gemeinde anlegt und zweifelt, aber sehr lange nicht ihre Mitgliedschaft darin grundsätzlich hinterfragt. Ihr Zwiespalt wird gut deutlich.
Ihr Bruder Ben ist etwas verschlossener, aber auch zu ihm findet man Zugang. Aufgrund der religiösen Doktrin verdammt er sich für seine Identität und leidet extrem. Er tut mir unfassbar leid.
Das Umfeld der beiden und ihre Kirchengemeinde mit ihrer Abgeschiedenheit und trügerischen Harmonie werden sehr gut dargestellt.

Ich habe dieses Buch an nur einem Nachmittag komplett verschlungen, weil ich so in die Geschichte eingesogen wurde und durch den angenehmen Schreibstil gut durchgekommen bin.

Allerdings hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Dadurch, dass das Buch nur knapp 270 Seiten hat, bleibt vieles oberflächlich und die Identitätssuche von Ben und Esther fühlt sich sehr gerafft an.

Auch die Figur des Pastors hat mit nicht so gut gefallen. Natürlich ist er ein furchtbarer Mensch, aber meiner Meinung nach hat die Autorin mit einem Plottwist versucht, ihn um jeden Preis so darzustellen, was ihn als ROMANFIGUR (als Mensch ist er das sowieso) unglaubwürdig macht. Diesen Plottwist hätte es für mich nicht gebraucht, er ist auch so schon ein schrecklicher Heuchler.

Alles in allem hat mir "Monstergott" mit seiner validen Kritik an freikirchlichen Strukturen gut gefallen und ich kann es empfehlen, auch wenn ich mir 50 bis 80 Seiten mehr gewünscht hätte!

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Veröffentlicht am 05.11.2025

Bewegend!

Good Girl
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"Good Girl" von Aria Aber (übrigens von der Autorin selbst aus dem Englischen ins Deutsche übertragen) ist ein sehr bewegender Roman über Scham, das Nichtzugehörigfühlen und die Techno-Szene in Berlin.

Seit ...

"Good Girl" von Aria Aber (übrigens von der Autorin selbst aus dem Englischen ins Deutsche übertragen) ist ein sehr bewegender Roman über Scham, das Nichtzugehörigfühlen und die Techno-Szene in Berlin.

Seit 9/11 traut sich die 19-jährige Nila nicht mehr, anderen Menschen zu erzählen, dass sie aus Afghanistan kommt und verschweigt das "b" das eigentlich zu ihrem Namen Nilab dazugehört. Ihre Eltern, angesehene Ärzte, sind in den späten 80ern bzw frühen 90ern nach Deutschland geflohen, bekamen keine Arbeitserlaubnis, weshalb die Familie in Armut und Perspektivlosigkeit in Gropiusstadt lebt. Ihre Mutter ist inzwischen verstorben und Nila hat große Träume, viel Talent und noch mehr unverarbeitete Generationentraumata. Sie rebelliert gegen die strengen Regeln ihrer Familie und flüchtet sich in Techno-Clubs und Drogen. Sie ist voller Scham, Unsicherheit und Verzweiflung und trifft auf den älteren Schriftsteller Marlowe, mit dem sie eine toxische Beziehung eingeht und in emotionale Abhängigkeit gerät. Er offenbart ihr eine völlig neue Welt...

Nilas Geschichte geht unter die Haut! Sie war für mich sehr schwer und ich bin beim Lesen angesichts der Gewalt, die Nila widerfährt und der Drogen, die sie und ihre Freunde nehmen, irgendwann "abgestumpft", so wie Nila, für die all das alltäglich ist. Das Buch sollte man nur lesen, wenn man in der richtigen Verfassung dazu ist.

Aber dann ist es unfassbar gut! Von der Lebensrealität einer jungen afghanischen Frau im Deutschland der 2010er zu lesen, hat meinen Horizonz erweitert. Die Autorin lässt viel des damaligen Weltgeschehens in die Geschichte mit einfließen, nicht nur 9/11, sondern bspw auch die NSU-Morde. All das, um die Angst von migrantischen Personen spürbar zu machen. Daher lege ich "Good Girl" einigen Politikern (hust hust), die dringend mehr Empathie benötigen, sehr ans Herz.

Nila ist eine spannende Figur. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen und ich habe mit ihr gelitten, auch wenn ich viele ihrer Handlungen nicht gutheißen, aber nachvollziehen konnte. Denn angesichts ihrer Lebensrealität, die meiner ziemlich fern ist, ist es Aria Aber gelungen, einen so tiefen Einblick in Nilas Leben zu geben, dass ich sie gut verstehen konnte. Nila macht eine große Entwicklung durch, die ich als authentisch empfinde und die mich berührt hat. Auch viele ihrer Freund*innen sind sehr vielschichtig und coole Charaktere (nicht immer unbedingt sympathisch, aber mit viel Tiefe). Nur Marlowe konnte ich nichts abgewinnen!

Nila träumt von einer besseren Welt und viele ihrer Gedanken haben mich sehr bewegt. Der Schreibstil ist gewaltig, wunderschön und zeugt von einem gewissen Weltschmerz und ich habe mir viele Stellen darin markiert. Nila ist Fotografin und beim Lesen dieses Buches habe ich oft Fotos der Szenen vor meinem inneren Auge gesehen, weil Nila ihre Welt durch die Kameralinse wahrnimmt, spiegelt sich das in der Erzählweise wider. Ein schönes Detail, was die harten Themen auflockert und Nila noch viel nahbarer wirken lässt.

"Good Girl" ist ein Roman, von dem ich nicht ganz sagen kann ob er ein Lieblingsbuch ist, weil er sehr wehtut, aber er wird noch lange in mir nachhallen und ich kann ganz pathetisch sagen, dass ich nach dem Lesen ein anderer Mensch bin! Da bleiben mir nur 5 Sterne übrig...

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Veröffentlicht am 13.08.2025

Berührend, rätselhaft und wunderschön!

Bestie
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„Bestie" von Joana June hat mich direkt angesprochen, weil ich Bücher über Freundinnenschaft liebe und den pola-Verlag für mich entdeckt habe. Der nicht ganz eindeutige Titel ist sehr faszinierend und ...

„Bestie" von Joana June hat mich direkt angesprochen, weil ich Bücher über Freundinnenschaft liebe und den pola-Verlag für mich entdeckt habe. Der nicht ganz eindeutige Titel ist sehr faszinierend und perfekt gewählt. Geht es in diesem Buch um Besties oder Bestien? Dieser Interpretationsspielraum zieht sich durch das ganze Buch, nicht nur im Titel, sondern durch viele detailverliebte und experimentelle Spielereien! Das war absolut nicht das, was ich erwartet hatte und es hat mich komplett begeistert!

Die Figur Delia zieht nach Hamburg und bei der Influencerin Anouk ein. Sie möchte einen Neuanfang, sich komplett neu erfinden und gibt sich selbst den Namen „Lilly". Im Fokus der Handlung steht weniger die Freundschaft zwischen den beiden Frauen, sondern vielmehr ihre individuelle Entwicklung und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Diese Entwicklung fand ich großartig und sehr berührend!
Delia ist mir etwas unheimlich, da sie Anouk gegenüber sehr obsessiv ist. Solche Charaktere liebe ich!
Anouk mag ich auch sehr gerne, wie sie zwischen perfekter Außendarstellung um Selbstverwirklichung ringt.
Beide Figuren sind sehr vielschichtig und nuanciert, was sie authentisch macht. Sie fühlen sich wie echte Personen an!

Meine Highlights waren vor allem die „Spielereien" in der Erzählweise! Eine Art „Traum" von Bestien(?) und der theatralische Handlungsaufbau mit Interludes als Höhepunkt, die wie ein Drama geschrieben sind, sind unfassbar originell und passen perfekt zur Geschichte! Diese Parts zeichnet aus, dass sie sehr surreal und schwer zu greifen sind, da sie ebenso wie der Titel uneindeutig sind. Gleichzeitig fühlten sie sich beim Lesen bedrohlich und lebendig an!

„Bestie" ist defintiv ein Buch, das man mehr als nur ein Mal lesen kann! Ein großartiges Debüt von Joana June und eine sehr große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 03.07.2025

Ein perfekter Schreibstil trifft auf eine schwierige Protagonistin

Nowhere Heart Land
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„Nowhere Heart Land“ erzählt die Geschichte von Rosa Konert, die lost im Erwachsensein ist. Und weil die Dinge immer anders laufen als erwartet, landet sie auf einmal wieder in der deutschen Kleinstadt, ...

„Nowhere Heart Land“ erzählt die Geschichte von Rosa Konert, die lost im Erwachsensein ist. Und weil die Dinge immer anders laufen als erwartet, landet sie auf einmal wieder in der deutschen Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist. Hier brechen alte, nicht geheilte Wunden wieder auf und Rosa versucht ihre chaotischen Erinnerungen, die in ihre Gegenwart gespült werden, vergeblich zu ordnen.

Der Schreibstil ist perfekt für diese Art von Geschichte! Assoziativ, fragmentarisch und teilweise willkürlich mit vielen Streams of Consciousness wird der Gemütszustand Rosas auf der Erzählebene abgebildet. So habe ich direkt ein Gefühl für ihren mentalen Zustand bekommen. Das ist die Art von Schreibstil, die ich liebe! Sehr nah an der Protagonistin und an vielen Stellen in dem Chaos wunderschön, aber auch nachdenklich stimmend.

Es gibt häufig Rückblenden in die Vergangenheit am Internat, wenn Rosa sich zurück erinnert. Diese sind teilweise sehr willkürlich oder leicht deplatziert, vermitteln jedoch ein gutes Gefühl für Rosas Aufwachsen und ihre Art, daran zurückzudenken.

Leider hatte ich so meine Probleme mit Rosa. Ich empfand sie an einigen Stellen als sehr anstrengend. Ich verstehe genau, warum sie so ist, wie sie ist. Sie agiert sehr kindisch, weil sie nicht erwachsen sein möchte, ist impulsiv, hat viele (Generationen-)Traumata, gerade was ihre Mutter und Großmutter betrifft, nicht verarbeitet und sehnt sich nach ihrer Internatszeit zurück, die sie wieder in die Gegenwart zu holen versucht. Dennoch ging sie mir oft auf die Nerven und ich finde ihr Verhalten anderen Personen gegenüber unfair und kopflos. In mancher Hinsicht ist sie unvorhersehbar, weil mir trotz des Schreibstils nicht ganz einleuchtete, was genau in Rosas Kopf vorgeht. Das hat mein positives Leseerlebnis etwas eingeschränkt, weil ich an bestimmten Stellen einfach nur den Kopf geschüttelt habe und mir ihr Verhalten nicht mehr erklären konnte.

Nichtsdestotrotz hat „Nowhere Heart Land“ meine vorherige Erwartungshaltung erfüllt und obwohl ich Rosa so schwierig finde, macht gerade das das Buch so besonders. Auch wenn es nicht mein liebstes Buch ist, kann ich es empfehlen, weil es definitiv außergewöhnlich ist und wunderschön geschrieben! Allein für den Schreibstil lohnt es sich!

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