Diese Kurzgeschichtensammlung ist das erste Buch, das ich von de Beauvoir gelesen habe und es hat mir gut gefallen.
Die erste Geschichte mit einem älteren verheirateten Paar war einfach nur wholesome, ...
Diese Kurzgeschichtensammlung ist das erste Buch, das ich von de Beauvoir gelesen habe und es hat mir gut gefallen.
Die erste Geschichte mit einem älteren verheirateten Paar war einfach nur wholesome, die zweite Geschichte mit einer verbitterten Frau in gewisser Weise unterhaltsam und die dritte Geschichte mit einer Frau, die betrogen wird, hat mich komplett gebrochen (letztere ist im Übrigen auch die titelgebende Story).
In meiner Wunschvorstellung, verlässt die dritte Frau ihren Mann und zieht zu der zweiten Frau in die Wohnung, wo die beiden einfach ihre Ruhe bekommen. In diese WG könnten sie dann auch de Beauvoir mit aufnehmen, damit sie von Sartre loskommt. ;)
Aber zurück zur Handlung: all diese Kurzgeschichten unterscheiden sich im Stil sehr voneinander und das bringt beim Lesen Abwechslung. Gleichzeitig konnte ich mich in jede der drei Frauen und ihre Situation gut einfühlen und etwas für mich daraus mitnehmen. De Beauvoir schreibt voller Gefühl und Empathie und mit schonungsloser Ehrlichkeit. Diese Frauen sind alle nicht perfekt, aber verdienen trotzdem die ganze Welt!
"Wild wuchern" handelt von der verwöhnten Marie, die verzweifelt ihr Leben hinter sich lässt und sich in der abgeschiedenen Hütte ihrer Cousine Johanna in den Alpen versteckt. Wir erfahren lange nicht, ...
"Wild wuchern" handelt von der verwöhnten Marie, die verzweifelt ihr Leben hinter sich lässt und sich in der abgeschiedenen Hütte ihrer Cousine Johanna in den Alpen versteckt. Wir erfahren lange nicht, warum genau, nur dass sie große Angst davor hat, gefunden zu werden. Die Auflösung am Ende war sehr befriedigend, hat allerdings einige Fragen offen gelassen, was jedoch sehr gut zum Konzept des Buches passt.
Während Marie dort verletzt und angeschlagen ihr bisheriges Leben hinterfragt und nicht so recht weiß, wohin mit sich, will Johanna sie nicht dort haben und ist sehr abweisend gegenüber Marie, die sich Zuneigung wünscht. Die Dynamik zwischen den unterschiedlichen Frauen ist unfassbar spannend, weil beide nicht wissen, wie sie miteinander umgehen und kommunizieren sollen. Das hat mich sehr gefesselt, denn die Cousinen sind das komplette Gegenteil voneinander. Beide sind nicht unbedingt die sympathischsten Menschen, Johanna ist abweisend und Marie ist ich-bezogen, aber genau das sorgt dafür, dass ich die beiden und ihre Eigenheiten ins Herz geschlossen habe. Ich hätte mir allerdings mehr zu Johanna gewünscht, ihren Gedanken und Gefühlen aus ihrer Sicht, aber das hätte vermutlich nicht zum Konzept des Buches gepasst.
Auf Handlungsebene passiert kaum etwas, stattdessen bekommen wir viele Naturbeschreibungen und tiefe Einblicke in Maries Gedanken, die den Großteil des Buches füllen. Man ist die ganze Zeit in ihrem Kopf und bekommt nicht so viel mehr mit, was ich als sehr passend empfinde, da Marie an einem Punkt in ihrem Leben ist, an dem sie viel nachdenkt und zweifelt.
Abgerundet wird die Geschichte von einem interessanten Schreibstil. Ich habe noch nie ein Buch im Wiener Dialekt gelesen, das hat die Handlung für mich aufgelockert und unterhaltsam gemacht. Es ist leicht verständlich, macht den Zugang zur Erzählerin Marie einfacher und ist mal was komplett anderes!
"Please unfollow" handelt von Sherry, die als Baby von zwei Influencern adoptiert wurde und die sie für Familycontent ausnutzen, um reich und berühmt zu werden. Dadurch opfern sie nicht nur ihre, sondern ...
"Please unfollow" handelt von Sherry, die als Baby von zwei Influencern adoptiert wurde und die sie für Familycontent ausnutzen, um reich und berühmt zu werden. Dadurch opfern sie nicht nur ihre, sondern auch Sherrys Privatsphäre vollständig.
Sherry ist gefangen zwischen der Liebe zu ihren Eltern und dem Wunsch, auszubrechen, dem Drang nach Freiheit. Nach einem Ereignis, von dem man als Leser*in erst kurz vor dem Ende erfährt (was die Spannung für mich ausgemacht hat), wird sie in ein abgeschiedenes, idyllisches Hotel gebracht, in dem sie mit anderen straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet und unterrichtet wird. Dort bekommt sie die Chance auf einen Neustart: niemand kennt Sherry, sie geht zur Therapie und findet echte Freunde, deren Zusammenhalt und Abenteuer sehr süß sind!
Diese Entwicklung hat mich sehr berührt und ich wollte Sherry die ganze Zeit in dem Arm nehmen und vor der Welt beschützen.
Zwischen der Handlung gibt es immer wieder Rückblenden in Sherrys Kindheit, die wie Youtube Videos aufgemacht sind. Mitsamt Clickbait-Titel und (widerlichen) Kommentaren am Ende. Das war für mich unangenehm und erschreckend zu lesen, aber leider sehr authentisch. In diesem Augenblick erleben sooo viele Kinder genau das: im Internet von ihren eigenen Eltern bloßgestellt werden.
"Please unfollow" hat mich für diese Thematik sensibilisiert, weil ich mich durch die großartige Recherchearbeit der Autorin Basma Hallak sehr tief in Sherrys Emotionen einfühlen konnte und alles, was mit ihrer Situation in irgendeiner Weise einhergeht, weitreichend aufgezeigt wurde.
Trotz der harten Thematik gelingt es Hallak, das Buch nicht schwer wirken zu lassen, sondern immer wieder durch schöne, lustige Momente aufzulockern, ohne die Schwere zu verwässern, also eine gelungene Balance!
Dieses Buch sollten definitiv alle lesen, die in sozialen Netzwerken Family Influencern folgen und generell jede Person auf dieser Welt!
"Monstergott" handelt von den Geschwistern Ben und Esther, die in einer Freikirche aufwachsen und ihren Struggles damit. Nach außen wirkt ihre Fassade perfekt, aber innerlich bröckelt alles.
Die Problematik ...
"Monstergott" handelt von den Geschwistern Ben und Esther, die in einer Freikirche aufwachsen und ihren Struggles damit. Nach außen wirkt ihre Fassade perfekt, aber innerlich bröckelt alles.
Die Problematik wird sehr eindrücklich rübergebracht und ich habe sehr mit den Figuren mitgefühlt.
Esther kämpft um eine höhere Stellung für sich als Frau in ihrer Kirche und ich bewundere ihre Berharrlichkeit, dass sie nicht aufgibt. Sie ist für mich sehr nachvollziehbar und nahbar, wie sie sich zwar immer mit der Gemeinde anlegt und zweifelt, aber sehr lange nicht ihre Mitgliedschaft darin grundsätzlich hinterfragt. Ihr Zwiespalt wird gut deutlich.
Ihr Bruder Ben ist etwas verschlossener, aber auch zu ihm findet man Zugang. Aufgrund der religiösen Doktrin verdammt er sich für seine Identität und leidet extrem. Er tut mir unfassbar leid.
Das Umfeld der beiden und ihre Kirchengemeinde mit ihrer Abgeschiedenheit und trügerischen Harmonie werden sehr gut dargestellt.
Ich habe dieses Buch an nur einem Nachmittag komplett verschlungen, weil ich so in die Geschichte eingesogen wurde und durch den angenehmen Schreibstil gut durchgekommen bin.
Allerdings hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Dadurch, dass das Buch nur knapp 270 Seiten hat, bleibt vieles oberflächlich und die Identitätssuche von Ben und Esther fühlt sich sehr gerafft an.
Auch die Figur des Pastors hat mit nicht so gut gefallen. Natürlich ist er ein furchtbarer Mensch, aber meiner Meinung nach hat die Autorin mit einem Plottwist versucht, ihn um jeden Preis so darzustellen, was ihn als ROMANFIGUR (als Mensch ist er das sowieso) unglaubwürdig macht. Diesen Plottwist hätte es für mich nicht gebraucht, er ist auch so schon ein schrecklicher Heuchler.
Alles in allem hat mir "Monstergott" mit seiner validen Kritik an freikirchlichen Strukturen gut gefallen und ich kann es empfehlen, auch wenn ich mir 50 bis 80 Seiten mehr gewünscht hätte!
"Good Girl" von Aria Aber (übrigens von der Autorin selbst aus dem Englischen ins Deutsche übertragen) ist ein sehr bewegender Roman über Scham, das Nichtzugehörigfühlen und die Techno-Szene in Berlin.
Seit ...
"Good Girl" von Aria Aber (übrigens von der Autorin selbst aus dem Englischen ins Deutsche übertragen) ist ein sehr bewegender Roman über Scham, das Nichtzugehörigfühlen und die Techno-Szene in Berlin.
Seit 9/11 traut sich die 19-jährige Nila nicht mehr, anderen Menschen zu erzählen, dass sie aus Afghanistan kommt und verschweigt das "b" das eigentlich zu ihrem Namen Nilab dazugehört. Ihre Eltern, angesehene Ärzte, sind in den späten 80ern bzw frühen 90ern nach Deutschland geflohen, bekamen keine Arbeitserlaubnis, weshalb die Familie in Armut und Perspektivlosigkeit in Gropiusstadt lebt. Ihre Mutter ist inzwischen verstorben und Nila hat große Träume, viel Talent und noch mehr unverarbeitete Generationentraumata. Sie rebelliert gegen die strengen Regeln ihrer Familie und flüchtet sich in Techno-Clubs und Drogen. Sie ist voller Scham, Unsicherheit und Verzweiflung und trifft auf den älteren Schriftsteller Marlowe, mit dem sie eine toxische Beziehung eingeht und in emotionale Abhängigkeit gerät. Er offenbart ihr eine völlig neue Welt...
Nilas Geschichte geht unter die Haut! Sie war für mich sehr schwer und ich bin beim Lesen angesichts der Gewalt, die Nila widerfährt und der Drogen, die sie und ihre Freunde nehmen, irgendwann "abgestumpft", so wie Nila, für die all das alltäglich ist. Das Buch sollte man nur lesen, wenn man in der richtigen Verfassung dazu ist.
Aber dann ist es unfassbar gut! Von der Lebensrealität einer jungen afghanischen Frau im Deutschland der 2010er zu lesen, hat meinen Horizonz erweitert. Die Autorin lässt viel des damaligen Weltgeschehens in die Geschichte mit einfließen, nicht nur 9/11, sondern bspw auch die NSU-Morde. All das, um die Angst von migrantischen Personen spürbar zu machen. Daher lege ich "Good Girl" einigen Politikern (hust hust), die dringend mehr Empathie benötigen, sehr ans Herz.
Nila ist eine spannende Figur. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen und ich habe mit ihr gelitten, auch wenn ich viele ihrer Handlungen nicht gutheißen, aber nachvollziehen konnte. Denn angesichts ihrer Lebensrealität, die meiner ziemlich fern ist, ist es Aria Aber gelungen, einen so tiefen Einblick in Nilas Leben zu geben, dass ich sie gut verstehen konnte. Nila macht eine große Entwicklung durch, die ich als authentisch empfinde und die mich berührt hat. Auch viele ihrer Freund*innen sind sehr vielschichtig und coole Charaktere (nicht immer unbedingt sympathisch, aber mit viel Tiefe). Nur Marlowe konnte ich nichts abgewinnen!
Nila träumt von einer besseren Welt und viele ihrer Gedanken haben mich sehr bewegt. Der Schreibstil ist gewaltig, wunderschön und zeugt von einem gewissen Weltschmerz und ich habe mir viele Stellen darin markiert. Nila ist Fotografin und beim Lesen dieses Buches habe ich oft Fotos der Szenen vor meinem inneren Auge gesehen, weil Nila ihre Welt durch die Kameralinse wahrnimmt, spiegelt sich das in der Erzählweise wider. Ein schönes Detail, was die harten Themen auflockert und Nila noch viel nahbarer wirken lässt.
"Good Girl" ist ein Roman, von dem ich nicht ganz sagen kann ob er ein Lieblingsbuch ist, weil er sehr wehtut, aber er wird noch lange in mir nachhallen und ich kann ganz pathetisch sagen, dass ich nach dem Lesen ein anderer Mensch bin! Da bleiben mir nur 5 Sterne übrig...