Profilbild von bobbember

bobbember

Lesejury Star
offline

bobbember ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bobbember über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.02.2026

irre und liebenswert

Die Enthusiasten
0

Die Enthusiasten ist ein großartiges, völlig verrücktes und dabei unglaublich liebenswertes Buch. Eines von denen, bei denen man als Leser:in irgendwann merkt: Entweder man lässt sich darauf ein – oder ...

Die Enthusiasten ist ein großartiges, völlig verrücktes und dabei unglaublich liebenswertes Buch. Eines von denen, bei denen man als Leser:in irgendwann merkt: Entweder man lässt sich darauf ein – oder man scheitert. Ich habe mich sehr gern darauf eingelassen.

Im Zentrum steht eine höchst ungewöhnliche Familie, in der Sprache, Geschichten und Bücher nicht einfach wichtig sind, sondern alles bedeuten. In diesem Haushalt hängen Bücherkonstruktionen von der Decke, Geschichten werden nicht nur erzählt, sondern gelebt, und Regeln der Realität gelten höchstens eingeschränkt. Drei Geschwister verbindet eine enge, fast symbiotische Beziehung, die von einem schmerzhaften Verlust überschattet wird – ein emotionaler Kern, der dem ganzen erzählerischen Wahnsinn Halt gibt.

Der Roman springt mit Begeisterung zwischen Figuren und Ideen: Ein fanatischer Laurence-Sterne-Leser begibt sich auf die absurde Suche nach einem angeblich verschollenen Band von Tristram Shandy, eine Teilchenphysikerin lauscht tief unter der Erde auf die leisesten Spuren Dunkler Materie, ein Filmbegeisterter tüftelt an radikalen Experimentalfilmen. Dazu kommen eine geheimnisvolle Thailänderin, eine verschwundene, buchverliebte Mutter und ein Vater, der ausschließlich auf Fragen antwortet, die noch nie gestellt wurden. Klingt wild? Ist es auch.

Und genau das ist die große Stärke dieses Romans: Markus Orths feiert Sprache, Erzählen und menschliche Obsessionen mit einem spürbaren Enthusiasmus. Die vielen Sprachspiele, gedanklichen Schleifen und erzählerischen Experimente machen ungeheuren Spaß. Man merkt auf jeder Seite, wie sehr hier jemand Sprache liebt – und das steckt an. Wäre Markus Orths mein erklärter Lieblingsautor, ich hätte vermutlich genauso fanatisch, verspielt und kompromisslos gehandelt wie seine Figuren.

Gleichzeitig ist Die Enthusiasten kein leichtes Buch. Es fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf Chaos einzulassen. Nicht jede Idee zündet sofort, nicht jede Abschweifung fühlt sich notwendig an. Aber selbst dann bleibt das Gefühl: Hier passiert etwas Besonderes.

Unterm Strich ist Die Enthusiasten ein Roman für Menschen, die Bücher lieben, Sprache feiern und Freude daran haben, wenn Literatur ihre eigenen Grenzen infrage stellt. Großartig, mutig, ein bisschen irre – und genau deshalb so lesenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2026

Männer sind nicht überzeugend

Les Bouttiers – Wir sind jetzt
0

Les Bouttiers von Antonia Wesseling hat mich mit seiner Grundidee sofort abgeholt: Paris, Mode, Familiengeheimnisse und eine Heldin, die mit alten Träumen und neuen Herausforderungen konfrontiert wird. ...

Les Bouttiers von Antonia Wesseling hat mich mit seiner Grundidee sofort abgeholt: Paris, Mode, Familiengeheimnisse und eine Heldin, die mit alten Träumen und neuen Herausforderungen konfrontiert wird. Elodie kehrt nach Jahren in die Stadt zurück, die sie nach dem tragischen Tod ihrer Mutter verlassen hat. Ihr Wunsch, Designerin zu werden, schien lange begraben – bis ihr Großvater die Familie zusammenruft, um das traditionsreiche Modehaus Bouttier vor dem Untergang zu bewahren. Zwischen glitzernden Laufstegen, Machtspielen und Intrigen wird schnell klar, dass Paris für Elodie nicht nur beruflich, sondern auch emotional zur Zerreißprobe wird.

Besonders spannend fand ich das Setting und die Atmosphäre in Frankreich, was einfach nur nach Mode schreit. Die Umsetzung hat mich allerdings nicht durchgehend überzeugt. Die Beziehung zu Adam blieb für mich leider zu stark auf das Körperliche reduziert – mir fehlte hier die emotionale Tiefe und echte Chemie, die über Anziehung hinausgeht. Umso irritierender fand ich die angedeutete Anziehung zu Gabriel, Elodies Cousin, was bei mir eher Fragezeichen als Herzklopfen ausgelöst hat.

Trotz dieser Kritikpunkte hat mich das Buch gut unterhalten. Die Mischung aus Modewelt, Familiendrama und verbotenen Gefühlen funktioniert größtenteils, auch wenn nicht jede romantische Entscheidung für mich nachvollziehbar war. Insgesamt ein lesenswerter Roman mit viel Glamour und Drama, der mich neugierig gemacht hat – auch wenn noch Luft nach oben bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2026

Wieder so toll wie "Klapper"

Salto
0

Mit Salto hat Kurt Prödel für mich wieder einen Volltreffer gelandet. Schon Klapper war damals eines meiner absoluten Jahreshighlights – ein Buch, das mich emotional komplett abgeholt hat. Und ich hätte ...

Mit Salto hat Kurt Prödel für mich wieder einen Volltreffer gelandet. Schon Klapper war damals eines meiner absoluten Jahreshighlights – ein Buch, das mich emotional komplett abgeholt hat. Und ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass mich ein weiterer Roman von ihm noch einmal genauso erwischen könnte. Aber genau das ist passiert.

„Salto“ ist wieder ein Coming-of-Age-Roman, der sich nicht in schönen Momenten verliert, sondern das Erwachsenwerden so zeigt, wie es ist: kompliziert, schmerzhaft, ungerecht – und trotzdem voller Hoffnung. Die Schule ist vorbei, Marko hat das beste Abi seines Jahrgangs – und trotzdem reicht es nicht für seinen Traum vom Medizinstudium. Allein das ist schon so bitter und so realistisch. Wie oft denkt man, Leistung müsse automatisch zum Ziel führen? Und dann kommt das Leben dazwischen.

Auch seine Beziehung zu Claire zerbricht. Während sie nur noch raus will aus der Enge der Kleinstadt, hinein ins große, echte Leben, bleibt Marko zurück – gefangen zwischen Zukunftsangst, Social-Media-Ablenkung und dem grauen Alltag im Wohnblock. Diese Orientierungslosigkeit nach der Schule ist so treffend beschrieben, dass es fast weh tut. Die Wege trennen sich, obwohl man sich doch eigentlich gemeinsam alles ausgemalt hat.

Ein Hoffnungsschimmer scheint sich aufzutun, als sein Vater ihm ein Medizinstudium in Ungarn ermöglicht – finanziert von allem, was die Familie hat. Dieser Gedanke, dass Eltern wirklich alles geben, damit ihr Kind eine Chance bekommt, hat mich unglaublich berührt. Doch statt eines gemeinsamen Aufbruchs rennen Marko und Claire immer weiter auseinander. Und je weiter sie sich entfernen, desto mehr geraten die Dinge außer Kontrolle – bis plötzlich alles auseinanderfliegt und nichts mehr ist wie zuvor.

Besonders stark fand ich, wie ehrlich Prödel Themen wie erste Liebe, Diabetes und finanzielle Sorgen miteinander verwebt. Der Körper spielt nicht mit, die Gefühle spielen verrückt, das Geld ist knapp – und trotzdem muss man funktionieren. Oder eben lernen, dass man nicht immer funktionieren kann. Diese körperliche Dimension, dieses „Rebellieren“ gegen die eigenen Pläne, macht den Roman so intensiv. Nichts ist einfach, wenn man erwachsen wird. Träume haben ihren Preis. Und manchmal spielt das Leben einem einen gesundheitlichen Streich, der alles infrage stellt.

Was „Salto“ für mich so besonders macht, ist diese radikale Ehrlichkeit. Nichts wird beschönigt, nichts wird künstlich dramatisiert. Es fühlt sich echt an. Zerbrechlich. Nah. Und gerade deshalb so kraftvoll.

Für mich steht fest: Nach „Klapper“ ist auch „Salto“ ein absolutes Highlight. Eine große, ehrliche Liebesgeschichte – aber auch ein Roman darüber, wie man weitermacht, wenn die eigenen Pläne in der Luft zerplatzen. Fünf Sterne. Ohne Zweifel.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.01.2026

zum Nachdenken

Der unsichtbare Elefant
0

Der unsichtbare Elefant. Chronik eines Falls ist ein Buch, das man nicht einfach nur liest, sondern das einen begleitet und noch lange nach der letzten Seite im Kopf bleibt. Ich habe es wirklich gemocht, ...

Der unsichtbare Elefant. Chronik eines Falls ist ein Buch, das man nicht einfach nur liest, sondern das einen begleitet und noch lange nach der letzten Seite im Kopf bleibt. Ich habe es wirklich gemocht, auch wenn es eher leise erzählt ist und mehr zum Nachdenken als zum Mitfiebern einlädt.

Alles beginnt an einem Winterabend in Düsseldorf: Der Anwalt Thomas Siebenmorgen stürzt sich vor den Augen seiner Kollegin María in den Tod und reißt dabei ein wertvolles Kunstwerk mit sich. Zurück bleiben Fassungslosigkeit, Fragen und das Gefühl, dass hinter dieser Tat viel mehr steckt als ein Moment der Verzweiflung. María kann nicht glauben, dass sie Thomas so falsch eingeschätzt hat – und auch Viktor vom Kriseninterventionsteam beginnt, Spuren zu suchen, die erklären könnten, was Thomas zu diesem Schritt getrieben hat. Parallel dazu wird der junge Staranwalt Simon beauftragt, intern zu ermitteln, und auch er stößt auf Dinge, die besser verborgen geblieben wären.

Besonders gelungen fand ich, wie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Nach und nach entstehen Risse in der glatten Fassade einer internationalen Top-Kanzlei, und gleichzeitig öffnet sich der Blick auf eine Vergangenheit, die weit über Thomas hinausreicht. Der „unsichtbare Elefant“ – das, worüber niemand spricht – wird langsam, aber eindringlich sichtbar und verbindet persönliche Schuld, Verdrängung und europäische Geschichte auf eine sehr intensive Weise.

Das Buch ist ruhig, stellenweise schwer, aber sehr klug und feinfühlig geschrieben. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt aber mit Tiefe und Bedeutung. Für mich ein starkes, nachhallendes Leseerlebnis – 4 Sterne für einen Roman, der mehr Fragen stellt als Antworten gibt, und genau darin seine Stärke hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.01.2026

fesselnd

The Woman in Suite 11
0

The Woman in Suite 11 hat mich von der ersten Seite an vollkommen in seinen Bann gezogen. Die Geschichte ist unglaublich spannend, atmosphärisch dicht und genau die Art von Thriller, bei dem man ständig ...

The Woman in Suite 11 hat mich von der ersten Seite an vollkommen in seinen Bann gezogen. Die Geschichte ist unglaublich spannend, atmosphärisch dicht und genau die Art von Thriller, bei dem man ständig das Gefühl hat, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Lo Blacklock wagt einen Neuanfang: Nach den traumatischen Ereignissen, die sie auf einer Kreuzfahrt erlebt hat, ist die Einladung zur Eröffnung eines Luxushotels in der Schweiz für sie die perfekte Chance, wieder als Reisejournalistin Fuß zu fassen. Das Hotel am Ufer des Genfer Sees wirkt nach außen wie ein Ort voller Eleganz, Ruhe und Schönheit – doch genau hier beginnt das Unheil.

Als Lo eines Nachts in die Suite des exzentrischen Hotelbesitzers Marcus Leidmann gebeten wird, ahnt sie noch nicht, dass dieser Moment alles verändern wird. Statt ihm begegnet sie einer fremden Frau, die behauptet, seine Geliebte zu sein – und die panisch um ihr Leben fürchtet. Von da an entwickelt sich ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Wahrheit und Täuschung immer schwerer zu unterscheiden sind.

Ich fand das Buch durchgehend spannend, mit einer langsam, aber stetig steigenden Spannung, die sich unaufhaltsam zuspitzt. Die luxuriöse, abgeschottete Hotelkulisse sorgt für eine großartige, fast schon beklemmende Atmosphäre, und Ruth Ware versteht es meisterhaft, Misstrauen, Angst und Unsicherheit auf den Leser zu übertragen. Jeder neue Hinweis wirft mehr Fragen auf, und man kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen.

Für mich ein absoluter Pageturner, der bis zum Schluss fesselt

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere