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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.02.2026

es ist nicht leicht, Mensch zu sein

Wiederholung
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Der Roman wirkt sehr lebensnah und deutlich, es könnte sich auch um eine Aufarbeitung von tatsächlich erlebten Verletzungen aus der Vergangenheit sein. Die Autorin spricht unangenehme Themen an, sie ist ...

Der Roman wirkt sehr lebensnah und deutlich, es könnte sich auch um eine Aufarbeitung von tatsächlich erlebten Verletzungen aus der Vergangenheit sein. Die Autorin spricht unangenehme Themen an, sie ist direkt, ehrlich, aber sie lässt dennoch viel Raum, um zwischen den Zeilen zu lesen, die Gedanken schweifen zu lassen und das unausgesprochene zu verarbeiten. Die Erzählperspektive der Ich-Erzählerin wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit, ausgelöst durch eine Beobachtung von ihr und dort bleibt sie hängen und arbeitet die schwierige und bedrückende Jugendzeit auf. Die erste Liebe, die eigentlich eine schöne Erfahrung sein sollte, wird überschattet vom Kontrollzwang der Mutter, von Lügen, Familiengeheimnissen, Missbrauch steht ungesagt im Raum, wird nie direkt angesprochen, aber ist dennoch präsent, nur nicht in Worten. Das Vertrauen in die eigene Familie ist zerstört, nach außen hin spielt man die Rolle der funktionierenden Familie. In Gedanken und im Tagebuch wird festgehalten, dass das „was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann, als das, was wahr ist“. Auch dass „Aussage gegen Aussage“ gegenüberstehen, eindeutige Beweise gibt es nicht und wem wird man trauen? Dem Familienvater, der das Geld verdient und die Ehefrau und Geschwister hinter sich hat oder der pubertierenden Tochter mit blühender Fantasie? Das Buch ist emotional herausfordernd und nicht einfach zu verarbeiten und ist einprägsam und bewegend. Es wirkt auch lange nach dem Lesen noch nach, wiederholend und wiederholend.

Veröffentlicht am 23.02.2026

genetische Identität

Real Americans
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Das Cover ist ästhetisch und beeindruckend, es hat mich sofort angesprochen, ebenfalls der kurze, prägnante Titel, auch wenn dieser nicht viel über den Inhalt verrät. Der Roman begleitet eine chinesisch-amerikanische ...

Das Cover ist ästhetisch und beeindruckend, es hat mich sofort angesprochen, ebenfalls der kurze, prägnante Titel, auch wenn dieser nicht viel über den Inhalt verrät. Der Roman begleitet eine chinesisch-amerikanische Familie über mehrere Generationen und über verschiedene zeitliche Epochen von China bis nach Amerika. Die einzelnen Teile werden aus der Perspektive von Lily, dann von ihrem Sohn Nick erzählt und zum Schluss rückblickend aus der Sicht von Lilys Mutter May. Inhaltlich ist man als Leserin somit zuerst in den aktuelleren Geschehnissen involviert und erfährt am Ende die Hintergrundgeschichte, wie alles begann und wohin die Reise hätte gehen können oder sollen, wenn alles nach Plan verlaufen wäre.
Man braucht als Leser
in Zeit um sich in die Familiengeschichte einzulesen und in die unterschiedlichen historischen und zeitlichen Dimensionen hineinzuversetzen, man kann nicht durch die Kapitel rauschen, ohne nachzudenken und mitzufühlen. Es geht um zentrale Themen wie Identität und Zugehörigkeit. Was macht es aus „echte Amerikaner“ zu sein und warum ist es gesellschaftlich so wichtig? Gesellschaftliche Normen, Rasse und Herkunft und der „American Dream“ stehen im krassen Gegensatz zueinander. Geld beeinflusst, wer sich durchsetzt und wer es leichter hat im Leben. Am meisten beeindruckt hat mich der wissenschaftliche Aspekt, den schon Lilys Mutter May und ihre Forschungskolleg*innen damals verfolgten, wenn auch noch mit einfacheren Methoden, so haben sie dennoch einen Meilenstein in der Genforschung und in der Veränderung von Erbgut ermöglicht. Wie dies etisch vertretbar ist, ist ein weiterer Diskussionspunkt, der zwar nur kurz angeschnitten wird, der aber im Nachhinein zum Weiterdenken anregt. Dürfen nur die gesunden, starken, perfekten Menschen überleben? Geht dadurch nicht die Vielfalt verloren? Wir sind weit mehr als die Summe unserer Teile. Wie weit können wir wirklich frei Entscheidungen treffen oder sind wir nicht immer in gewisser Weise beeinflusst? Die Gabe die Zeit anhalten zu können, finde ich beeindruckend. Die Zeit anzuhalten und die Zeit kontrollieren zu können.

Veröffentlicht am 23.02.2026

Solidarität unter Frauen

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Der Roman startet kraftvoll und mit anschaulichen Beschreibungen, sodass man sich als Leser*in sehr gut in die vier Hauptcharaktere Linn und Matze sowie Eva und Felix hineinversetzen kann. Gemeinsam befinden ...

Der Roman startet kraftvoll und mit anschaulichen Beschreibungen, sodass man sich als Leser*in sehr gut in die vier Hauptcharaktere Linn und Matze sowie Eva und Felix hineinversetzen kann. Gemeinsam befinden sich die vier Erwachsenen sowie die zwei Kinder von Eva und Felix auf Urlaub abseits der Saison in einem Ferienhaus, wo sich mit der Zeit ein immer intensiver werdender Austausch über Weiblichkeit und das Muttersein entwickelt.
Schön zu beobachten ist, dass die Aktivitäten zu Beginn fast komplett den Kindern angepasst waren, die Gespräche belanglos und an der Oberfläche blieben, aber mit der Zeit entsteht vor allem zwischen den beiden Frauen eine emotionale Nähe und Verbundenheit und die Gespräche werden ehrlicher, authentischer. Eva und Linn zeigen sich von ihren verletzenden Seiten, während Eva unerwünscht zum dritten Mal schwanger ist, kann Linn trotz intensiver Kinderwunschbehandlung keine Kinder bekommen. Zentrale Themen wie die weibliche Selbstbestimmung und die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen über Mutterschaft bekommen Platz und Raum und werden ausführlich von mehreren Seiten betrachtet. Die Männer hingegen bringen ihre Zusammengehörigkeit mit gemeinsamen Aktivitäten, wie Angeln oder Ausflügen zum Ausdruck. Die Sprache ist bildhaft, beobachtend und durch die wechselnden Perspektiven sowie durch die räumliche Abgeschiedenheit ist es gelungen tiefgreifende Betrachtungsweisen zu ermöglichen. Dies hat mir sehr gut gefallen und es regt zum Nachdenken an, auch noch im Nachhinein. Es wird nicht moralisiert oder verurteilt, sondern alle Gefühlslagen werden zugelassen und sind in Ordnung, das finde ich gut. Was mir weniger gut gefallen hat, dass die Situationen an manchen Stellen ins symbolische, surreale abdriften. Die Situation mit dem Freilassen des Kanarienvogels und den Wahrheit- oder Pflichtspielen war noch nachvollziehbar, aber als dann plötzlich ein Nashorn ins Spiel kam und die Situation am Ende komplett eskalierte, war es mir zu unwirklich. Hier hätte ich mir einen emotionalen, tiefgreifenderen Abschluss gepasst, der das Thema um die Selbstbestimmung von Frauen besser würdigt.

Veröffentlicht am 13.02.2026

Waschbär mit Tollwut

Wir Freitagsmänner
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Der Roman ist in thematische Kapitel eingeteilt mit aussagekräftigen Überschriften, sodass man sich beim Lesen auf das jeweilige Thema einstellen kann. Der Schreibstil ist locker, humorvoll, aber trotzdem ...

Der Roman ist in thematische Kapitel eingeteilt mit aussagekräftigen Überschriften, sodass man sich beim Lesen auf das jeweilige Thema einstellen kann. Der Schreibstil ist locker, humorvoll, aber trotzdem steckt eine Prise Wahrheit in den Aussagen. Man hat nicht das Gefühl, einen Roman über das Älter werden von Männern und ihre Midlife Krisen und Wechseljahresbeschwerden zu lesen, es fühlt sich eher an, wie ein Gespräch unter Freunden. Im Zentrum des Geschehens steht Henri, ein Mittfünfziger, bei dem sich erste Beschwerden einstellen und ihn dann dazu verleiten, sein gesamtes Lebenskonstrukt zu reflektieren, die momentane Situation in Frage zu stellen und zaghaft mit den ersten einschneidenden Veränderungen zu beginnen. Seine Ehe ist geschieden, die Kinder sind erwachsen, er begibt sich auf Dating-Plattformen und begegnet eher zufällig einer Mental-Coach-Frau, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Interessant finde ich ihre Sichtweise das Leben als Woche zu betrachten und Henri sieht sich hier selbst schon bei Freitag angelangt, ohne konkrete Pläne für das bevorstehende Wochenende. Es besteht nicht mehr genügend Zeit, um alles zu verändern und auszuprobieren, aber dennoch noch ausreichend Zeit, um vieles nachzuholen und zu ändern. Zu Beginn war die Grundstimmung melancholisch, nachdenklich, mit der Zeit ändert sich die Stimmung und wird hoffnungsvoller und positiver in der gesamten Lebenseinstellung. Insgesamt lässt sich der Roman leicht und flüssig lesen, er ist pointiert und unterhaltsam, hat aber auch ein paar wenige ernste Momente. Er besteht hauptsächlich aus Alltagsanekdoten kombiniert mit Fragen nach dem Lebenssinn, Krankheit, Freundschaft, Beziehung und hat eine gewisse Selbstironie.

Veröffentlicht am 12.02.2026

besessen

Das Signal
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Der Thriller hat mir aufgrund der aktuellen Thematiken angesprochen und sehr gut gefallen. Es werden verschiedenste Inputs eingebracht, von Kryptowährung und die Verwaltung dieser, über Ortungssysteme ...

Der Thriller hat mir aufgrund der aktuellen Thematiken angesprochen und sehr gut gefallen. Es werden verschiedenste Inputs eingebracht, von Kryptowährung und die Verwaltung dieser, über Ortungssysteme mittels Tracker und gleichzeitig auch traumatisierende Erlebnisse, wie etwa dass Viola bei einem Unfall ihr Bein verliert und damit klarkommen muss, psychisch und physisch. Dadurch dass die Anzahl der Charaktere stark eingeschränkt ist und auch die Örtlichkeiten nicht häufig wechseln, hat man als Leser*in die Möglichkeit Viola besser kennenzulernen, ihr Charakter erhält durch die vielen Situationen, in denen sie beobachtet und begleitet wird, durch ihre Interaktionen, vor allem aber dadurch, dass sie uns an ihren Gedankengängen und Ideen teilhaben lässt, an Tiefe. Sie geht mit dem Verlust ihres Beines erstaunlich positiv um und ist schon bald in Kampfmodus, lässt sich nichts gefallen und versucht ihr Umfeld zu kontrollieren. Violas Gedächtnisbrücken finde ich gelungen, ebenfalls die Art und Weise, wie sie ihre Tracker symbolisch und akustisch den einzelnen Personen zuordnet. Sie misstraut mit der Zeit allen Personen in ihrem Umfeld, ihrem Mann Adam, ihrer Pflegerin Otilia und sogar bei ihren beiden besten Freundinnen wird sie skeptisch und vorsichtig. Verwundert hat mich, dass sie ihre Schwester, zu der sie einen guten Bezug hat und der sie vertraut, nicht schon vorher Bescheid gegeben hat, und sie zu sich eingeladen hat. Die Verdächtigungen kreisen in Violas Alltag und verstärken sich von Tag zu Tag, sodass sie schon nahezu besessen davon ist, was sich allerdings positiv auf ihre Motivation auswirkt, schnell wieder mobil zu werden. Am Ende werden alle Verdachtsmomente aufgelöst, alle unangenehmen Situationen gelöst, auch wenn dies für meinen Geschmack etwas zu schnell und zu glatt erfolgt.