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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.03.2026

Irgendwie von allem zu viel und gleichzeitig zu wenig, dennoch unterhaltsam

Die Unbußfertigen
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Rank 10! Leute, könnt ihr das glauben?! Rank 10! I mean: RANK 10!

Rank 10: Das ist die digitale Eintrittskarte, um an der höchst rätselhaften Veranstaltung in einem abgelegenen Herrenhaus teilnehmen zu ...

Rank 10! Leute, könnt ihr das glauben?! Rank 10! I mean: RANK 10!

Rank 10: Das ist die digitale Eintrittskarte, um an der höchst rätselhaften Veranstaltung in einem abgelegenen Herrenhaus teilnehmen zu dürfen. Und nur zehn Personen haben es geschafft, diesen geheimnisvollen medialen Höchstrang zu erreichen. Und sie könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Was sie indes eint, ist ihre nahezu unvermeidbare Präsenz auf Social Media. Sei’s als Influencerin, sei’s als Kommentarspalten-Troll. Doch anstelle des erwarteten Mega-Events inklusive gebührender Hofierung werden sie mit ihren schmutzigen kleinen Geheimnissen konfrontiert – und verschwinden nacheinander, während parallel eine eigenartige TV-Show ihren Lauf nimmt …

Die Lektüre hat bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Einerseits habe ich den Roman als aufmerksamen, klugen und hinreißend giftigen Blick auf das allgegenwärtige Phänomen selbsternannter Social-Media-Personalitys wahrgenommen. Auf eine Welt, in der Selbstdarstellung, Likes und das immerwährende Heischen nach Aufmerksamkeit wichtiger ist als Vernunft und Menschlichkeit. Andererseits war er mir inhaltlich etwas zu überfrachtet, dadurch wurde mir das Erzählziel, so es denn eines gab, nicht wirklich klar: Satire, Dystopie, Gegenwarts- und Medienkritik, Feminismus – es findet sich von allem etwas, und damit gleichzeitig von allem zu viel und zu wenig.

Gleichwohl hat der Roman mich exzellent unterhalten, sodass ich ihn durchaus weiterempfehlen kann.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Ein durch und durch außergewöhnliches Werk

Schamrot
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„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales ...

„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales Buch schreibt (oder vielmehr erschafft) – dann kann daraus nur etwas ganz Besonderes werden. Und es ist mir beinahe unmöglich, eine Rezension zu verfassen, die diesem einzigartigen Werk gerecht wird. Doch ich will es wenigstens versuchen.

Stellt euch ein Kind vor, das feinsinnig und sensibel ist, gesegnet mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe und einem unbändigen Staunen über die Welt, durch die es wandelt, tänzelt, manchmal auch mit den Füßen stampft oder der großen Schwester wie ein Schatten folgt. Ein Kind, das Wörter sammelt. Ein Kind, das Angst vor dem frühen Tod hat.

„Wenn es zu dunkel wird, fehlen der Nacht die Sterne. Sie landen auf dem Teppich vor dem Bett.“

Und nun stellt euch vor, wie dieses Kind in den Fünfziger-, Sechzigerjahren am Niederrhein aufwächst, an einem Ort und zu einer Zeit, als Frauen und Mädchen im Haus Schürzen trugen und montags „große Wäsche“ war. Wo Streitereien zwischen den Eltern wortlos ausgetragen wurden. Und Söhne wertvoller waren als Töchter. Ländliche Idylle und verkrustete Ansichten – und gleichzeitig ein Ort, an dem Träume und Fantasien gedeihen können. Zur Not kann man immer noch im Märchen leben ...

„Schamrot“ ist ein durch und durch ungewöhnliches Buch – wobei der Terminus „Buch“ ungeachtet seiner physischen Gestalt zu kurz greift. (Und schon gar nicht ist es ein Buch, das man „mal eben nebenher“ liest.) „Schamrot“ ist ein eigener Kosmos, in den ich hineingezogen wurde; eine wort-, bild- und wortbildgewaltige Collage, die mich vollkommen gefangen genommen, bisweilen sanft belustigt und mitunter zu Tränen gerührt hat. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Das Leben erklärt am besten das Leben

Ausgewechselt
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Zweiunddreißig Jahre Seite an Seite. Vier gemeinsame Kinder. Und dann verlässt ein Mann seine Frau. Wegen einer anderen. So weit, so alltäglich, möchte man seufzen. Ein typischer Fall von Midlife-Crisis, ...

Zweiunddreißig Jahre Seite an Seite. Vier gemeinsame Kinder. Und dann verlässt ein Mann seine Frau. Wegen einer anderen. So weit, so alltäglich, möchte man seufzen. Ein typischer Fall von Midlife-Crisis, klar. Da wird die Ehefrau kurzerhand – nun ja, „ausgewechselt“ …

Dass dieses Phänomen zur Lebensmitte, das man landläufig „Midlife-Crisis“ oder (weitaus profaner) „Wechseljahre“ nennt, existiert, daran dürfte kaum jemand zweifeln. Viel interessanter ist indes: Wie erleben die Betroffenen diese Phase, die sie mal mehr, mal weniger stark trifft, die das bisherige Leben durcheinanderwirbelt und mitunter erbarmungslos über den Haufen wirft?

Dieser Frage geht Doreen Mechsner in „Ausgewechselt. Gespräche über die Lebensmitte“ nach. Dort kommen acht Männer und acht Frauen zu Wort, die jeweils ihre eigene buchstäblich wechselvolle Geschichte erzählen, die ihre Gedanken und Gefühle, ihre Hoffnungen und Ängste mitteilen. Dass die sehr persönlichen Erlebnisse nicht in – pardon – Betroffenheitskitsch oder Selbsthilfequark abgleiten, ist der stilistischen Souveränität und sprachlichen Versiertheit der Autorin zu verdanken, die den Erfahrungen ihrer Gesprächspartner:innen ebenso behutsam wie feinsinnig Form verleiht. Alle Berichte könnten von einem selbst, der eigenen Schwester, dem besten Freund stammen. Und genau darin liegt die Stärke des Buches, denn es zeigt: Das Alltägliche ist nicht banal. Es ist traurig und freudvoll, berührend und erhellend, bewegend und ermutigend. Und das Leben erklärt am besten – das Leben selbst.

Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Ein wunderbarer, überraschend tiefgründiger Roman

Liaisons
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Lauren und Jean sind … sagen wir: grundsätzlich glücklich verheiratet. Das Appartement in Paris ist elegant und wohnlich zugleich, die Karrieren solide, das Leben hat es alles in allem gut mit ihnen gemeint. ...

Lauren und Jean sind … sagen wir: grundsätzlich glücklich verheiratet. Das Appartement in Paris ist elegant und wohnlich zugleich, die Karrieren solide, das Leben hat es alles in allem gut mit ihnen gemeint. Was Lauren indes nicht davon abhält, eine Affäre mit ihrem jüngeren Kollegen Maxime einzugehen. Maxime wiederum ist mit der rundum perfekten Nadia verheiratet, die schön ist und intelligent und sexy. Und die ihr Leben absolut im Griff hat, n’est-ce pas?! Und dann ist da noch Emma: Studentin und Freigeist, ungebunden und auf ebenso ungezwungene wie unvermeidliche Weise betörend.

Dieses Figurentableau begegnet uns in dem hinreißenden Roman „Liaisons“ von Céline Robert (übersetzt von Alexandra Baisch). Er beginnt leichtfüßig und subtil-klug ironisch, und er könnte durchaus so bleiben und wäre ein charmanter, verführerischer Roman über das Leben, Lieben und ein bisschen Leiden kapriziöser Großstädter:innen. Ein bisschen Coco Chanel, ein bisschen Annie Hall. Doch darin erschöpft sich – und man möchte ausrufen: „Gott sei Dank!“ – Céline Roberts Erzähltalent keineswegs. Denn was als luftiger, nonchalanter Liebesreigen beginnt, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Roman, der die psychologischen Tiefen (und Untiefen) seiner Figuren auslotet. Der ihnen in ihre komplizierten Seelen blickt, ihre Verletzlichkeit und Unvollkommenheit offenlegt – ungeschminkt und liebevoll. Nachsichtig und pointiert.

Ein wundervoller Roman über dieses komplexe Geflecht, das man Liebe nennt. Oder menschliche Beziehungen – eben: „Liasons“. Wunderschön. Und sehr französisch.
Und mit einem der besten Romananfänge, den ich seit Langem lesen durfte:

„Jean sitzt auf dem grauen samtbezogenen Sofa vor dem Fenster. Es ist Abend geworden und das Wohnzimmer wird von kleinen Lampen erhellt, die den Perserteppich und die historischen Karten an den Wänden in gedämpftes Licht tauchen. In das Bücherregal mit den Hunderten chaotisch aufgetürmten Büchern sind Lautsprecher mit Holzgehäuse eingepasst, aus denen ‚Porgy and Bess‘ von George Gershwin ertönt. ‚Müssen wir wirklich in so einem Scheiß-Woody-Allen-Film leben?‘, fragt sich Lauren.“

Sehr, sehr große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Ein sensibler, kluger Roman

Wovon wir leben
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„… alles, was uns nicht umbringt, ist nicht der Rede wert.“ (58)

Was ist es, wovon wir tatsächlich leben – Luft und Liebe? Wasser und Nahrung? Ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf? Freunde und Familie? ...

„… alles, was uns nicht umbringt, ist nicht der Rede wert.“ (58)

Was ist es, wovon wir tatsächlich leben – Luft und Liebe? Wasser und Nahrung? Ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf? Freunde und Familie? Oder vielleicht müsste man die Frage anders stellen: Was macht das Leben, das wirkliche, echte Leben eigentlich aus? Diese Fragen und noch viele mehr begleiteten mich nach der Lektüre von Birgit Birnbachers klugem, sensiblem Roman „Wovon wir leben“.

Der Inhalt ist rasch erzählt: Julia verliert wegen eines aus Unachtsamkeit begangenen Fehlers ihren Job, um ihre Gesundheit steht es nicht zum Besten, und ihre Liebesbeziehung ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt. In dieser desolaten Lage kehrt sie zurück in ihr Heimatdorf (ausgerechnet!), zurück ins Elternhaus, zum wortkargen Vater und zu grau getünchten Erinnerungen. Von der Mutter ist keine Unterstützung zu erwarten, sie hat sich kürzlich emanzipiert und ist auf und davon. Einzig Oskar, der Kurgast, der ebenso versehrt zu sein scheint wie Julia, vermag ihr ein wenig Trost zu spenden. Und vielleicht auch mehr?

Zugegeben: Es könnte der Plot einer jener pastelligen, zuckerverkrusteten Romane sein, in denen die Protagonistin sich aus den Unbilden herauskämpft, um mit strahlenden Augen und erhobenen Hauptes einem goldglänzenden Neuanfang entgegenzuschreiten – wenn die Geschichte nicht von einer so überragenden Autorin wie Birgit Birnbacher erzählt würde. Unaufgeregt und mit großer Klarheit zeigt sie ebenso subtil wie eindringlich, was das Leben als solches ausmacht. Es sind die vielstimmigen Zwischentöne, die die Melodie der Erzählung tragen. Es geht um Freiheit und Verantwortung, um Würde und Selbstbestimmung – kurz: Es geht um nicht weniger als das Leben und was es ausmacht.

„Wovon wir leben“ ist ein Roman, der gerade durch seine Stille lange nachklingt. Große Leseempfehlung!

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