Wem kannst du trauen, wenn du das Haus nicht verlassen kannst?
Das SignalUrsula Poznanski hat mit „Das Signal“ mal wieder bewiesen, dass sie ein absolutes Händchen für beklemmende Atmosphäre hat, die ganz ohne großes Blutvergießen auskommt. Im Zentrum steht die Innenarchitektin ...
Ursula Poznanski hat mit „Das Signal“ mal wieder bewiesen, dass sie ein absolutes Händchen für beklemmende Atmosphäre hat, die ganz ohne großes Blutvergießen auskommt. Im Zentrum steht die Innenarchitektin Viola Decker, deren Leben nach einem schweren Unfall völlig aus den Fugen geraten ist. Sie hat nicht nur ein Bein verloren, sondern auch die Erinnerung daran, wie es überhaupt zu dem Unglück in ihrem eigenen Keller kommen konnte. Zurück in ihrem alten, abgelegenen Haus fühlt sie sich wie eine Gefangene im eigenen Erdgeschoss. Ihr Mann Adam gibt sich zwar nach außen hin als der aufopferungsvolle Partner, doch sein Zögern beim barrierefreien Umbau und die wortkarge Pflegerin Otilia, die er ihr vor die Nase gesetzt hat, lassen bei Viola schnell die Alarmglocken schrillen. Um in dieser Isolation nicht völlig den Verstand zu verlieren und die Kontrolle zurückzugewinnen, greift sie zu einer technologischen List: Sie nutzt kleine GPS-Tracker, um ihre Mitmenschen zu überwachen und herauszufinden, wo sie sich wirklich herumtreiben, wenn sie angeblich bei der Arbeit oder beim Einkaufen sind.
Was mir an dem Buch besonders gut gefallen hat, ist die Art und Weise, wie Poznanski das Misstrauen schleichend wachsen lässt. Man taucht so tief in Violas Gedankenwelt ein, dass man irgendwann selbst beginnt, an jedem Wort von Adam oder der kühlen Pflegerin zu zweifeln. Es ist faszinierend und gleichzeitig erschreckend zu beobachten, wie die Tracker eine Realität offenbaren, die so gar nicht zu den Erzählungen ihrer Liebsten passt. Die Spannung wird dabei meisterhaft oben gehalten, weil man als Leser ständig zwischen „Ist sie einfach nur paranoid durch das Trauma?“ und „Hier geht etwas ganz furchtbar schief!“ schwankt.
Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich vielleicht, dass man Adam zeitweise wirklich sehr schnell zu hassen beginnt, was die Sympathien recht einseitig verteilt, auch wenn Viola selbst keine klassische, nur „gute“ Heldin ist. Aber genau das macht es auch wieder spannend.
Das Cover passt übrigens hervorragend zur Stimmung. Das knallige Lila in Kombination mit der Wendeltreppe, die fast wie ein Strudel wirkt, und dem Standort-Pin in der Mitte fängt das Thema der räumlichen Einschränkung und der digitalen Überwachung perfekt ein. Man bekommt schon beim Ansehen ein leicht schwindeliges Gefühl, das sich im Buch durch die vielen Wendungen fortsetzt.
Besonders hervorzuheben ist, dass das Ende nicht überhastet kommt, sondern sich die Auflösung im letzten Drittel klug anbahnt und mich trotzdem mit offenem Mund zurückgelassen hat, weil ich diese Richtung absolut nicht habe kommen sehen.
Mein Fazit fällt daher durchweg positiv aus. „Das Signal“ ist ein fesselnder Psychothriller, der zeigt, wie dünn das Eis der Wahrheit sein kann, wenn man sich nicht mehr auf die eigenen Sinne verlassen kann. Wer Lust auf ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel hat, das mit der Angst vor Kontrollverlust und den dunklen Seiten moderner Technik spielt, kommt hier voll auf seine Kosten. Das Buch ist ideal für Leser, die subtile Spannung und raffinierte Plots lieben, bei denen man bis zur letzten Seite miträtselt und am Ende doch wieder von der Autorin aufs Glatteis geführt wird. Ein echtes Muss für Fans von Domestic Noir, die es nervenaufreibend, aber unblutig mögen.