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Veröffentlicht am 09.05.2020

Recht brutale, aber spannende Neuinterpretation der Artussage

Cursed - Die Auserwählte
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Als Germanistikstudentin war die Artussage Teil meines Studiums, da diese in der Mediävistik in der mittelhochdeutschen Fassung eine große Rolle gespielt hat. Zwar habe ich mich immer um die ältere deutsche ...

Als Germanistikstudentin war die Artussage Teil meines Studiums, da diese in der Mediävistik in der mittelhochdeutschen Fassung eine große Rolle gespielt hat. Zwar habe ich mich immer um die ältere deutsche Sprache gedrückt, um lieber die neuhochdeutsche Fassung zu lesen, aber so oder so, die Artussage mit all ihren Facetten, unterschiedlichen Rittern und sonstigen Figuren war immer schon eine gewisse Faszination, die sich auch daran zeigt, wie oft dieser Stoff bis heute adaptiert wurde. Sei es für Bücher, Film und Fernsehen, aber natürlich auch in der Kunst. Eine weitere Neuinterpretation kommt nun mit "Cursed" hinzu, die in Buchform aber auch in Serienform (Start im Sommer bei Netflix) mehr oder weniger parallel entstand. Autor Tom Wheeler hatte die Idee hierzu, die sofort begeisterte Anhänger gefunden hat, so dass der Deal mit Netflix schon sehr früh abgeschlossen werden konnte. Comiczeichner Frank Miller, der eine große Reputation genießt, hat die Zeichnungen beigesteuert.

Buch und Serie "Cursed" haben ihren Schwerpunkt auf der Sagengestalt Nimue, die hier eine Hauptrolle zugeteilt bekommt. Sie bekommt von ihrer Mutter ein besonders Schwert übergeben, das sie Merlin bringen soll und das schnell als Excalibur zu erkennen ist. Von dieser Ausgangslage aus entwickelt sich eine Geschichte, die noch recht wenig mit der eigentlichen Artussage gemein hat, aber doch zig daraus bekannte Figuren in ihren vermeintlichen Anfängen begleitet. Zudem steht dahinter die Idee, dass es "Kirche gegen Fey" heißt. Fey sind hier als mythologische Wesen gemeint, die menschenähnlich sind, aber doch ganz anders sind und sich noch einmal in verschiedene Gattungen aufteilen. Hiermit steht das fantastische Grundkorsett, das man sich vorher durchaus bewusst machen sollte, denn die Geschichte hält sich nicht wirklich damit auf, den Leser behutsam in die Gegebenheiten einzuführen.

Die Geschichte beginnt mittendrin und das auch wahrlich nicht zimperlich. Man hat sich noch gar nicht richtig an alles gewöhnt, da stapeln sich bereits die Leichen, deren Tötung in aller epischer Breite ausgeführt wird. Auch im weiteren Verlauf wird deutlich, dass brutale Darstellungen Teil des Stils sind. Möglicherweise ist das auch der Tatsache geschuldet, dass Serie und Buch nahezu parallel entstanden sind, denn das sind eben die Momente, die auf dem Bildschirm ihre größte Wirkungskraft entfalten werden. Ein solcher Einstieg ist sicherlich ein Paukenschlag, andererseits macht es das doch schwierig, sich in die Geschichte wirklich hineinzubegeben und ein Gefühl für die Charaktere zu bekommen. Anfangs war ich somit als Leserin ganz schön aufgeschmissen.

Je mehr die Geschichte aber voranschreitet, je mehr bekannte Figuren auftauchen, je mehr verschiedene Erzählperspektiven vorangetrieben werden, umso mehr kristallisieren sich die tatsächlichen Charakteristika von "Cursed" heraus. Es ist kein Fantasyepos, der in die Tiefe gehen will, der Charakterstudien anbieten will, stattdessen ist es eben eine richtige Unterhaltung, in der sich eine spannende Szene und Enthüllung an die andere reiht, denn man soll als Leser und als der Zuschauer den Mund offen stehen haben. Zudem wird auffällig auf starke, weibliche Figuren gesetzt. Sei es Nimue selbst, aber auch ihre treuste Anhängerin Morgan, eine Kämpferin namens Kaze, die bekannte Guinevere, aber auch die weibliche Antagonistin Ines. Da sich hier nicht an der Vorlage entlanggehangelt wird, ist das sicherlich ein Ansatz, der dem Trend der heutigen Zeit nachgeht und der in dieser Version auch funktioniert, weil alles in sich schlüssig ist.

Die Frage ist nur, wie es mit "Cursed" weitergehen wird. Es ist klar, dass es bei diesem einen Buch nicht bleiben wird, vor allem der Serie wird man bei einem Erfolg möglichst viele Staffeln mitgeben. Irgendwann wird man dann aber an der eigentlichen Artussage ankommen, die eben männlich durch und durch ist. Ob hier die Grenzen der weiblichen Perspektive unendlich ausgeweitet werden können, wird sich dann erst noch zeigen müssen, aber für diese Geschichte ist es ein wahrer Hit und ich habe mich wirklich gut unterhalten gefühlt. Es war spannend, wenn nach und nach die bekannten Figuren auftauchen und andere Geschichten bekommen, die aber dennoch an den Ursprung erinnern und kreativ zum Bekannten zusammengeführt werden können.

Fazit: Vom Beginn mal abgesehen hat sich "Cursed" als eine extreme spannende und brutale Geschichte herausgestellt, die durch ein brachiales Erzähltempo vorangetrieben wird. Die weibliche Perspektive passt hier hervorragend, weil es die Geschichte, die zur bekannten Artussage erst noch hinsteuert, flexibel, aber auch wirklich neu macht. Dann als Vertraute der Artussage so viel Bekanntes in doch anderem Gewand zu entdecken, ist ein großer Spaß. Zudem ist das Buch insgesamt so geschrieben, dass man die gleichnamige produzierte Netflix-Serie bereits vor Augen sehen kann.

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Veröffentlicht am 04.05.2020

Stilistische Entscheidungen besiegeln Schicksal

Forever Free - San Teresa University
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Kara Atkin hat bereits unter K. C. Atkin bei Lyx veröffentlicht, nämlich die „New York Bastards“-Reihe, die erwachsener und düsterer war. Die „San Teresa“-Reihe ist dagegen klassisch dem NA-Genre zuzuordnen, ...

Kara Atkin hat bereits unter K. C. Atkin bei Lyx veröffentlicht, nämlich die „New York Bastards“-Reihe, die erwachsener und düsterer war. Die „San Teresa“-Reihe ist dagegen klassisch dem NA-Genre zuzuordnen, denn es geht um Collegeabsolventen, die die Liebe finden. In diesem Genre bin ich seit einigen Jahren zuhause und auch wenn hier kaum noch jemand das Rad neu erfindet, entdecke ich immer wieder gerne neue Autoren, denn niemand ist wie der andere, auch wenn es ähnlich ist. Es gibt immer wieder unterschiedliche Schwerpunkte, sei es in der Thematik oder in der Stilistik und manchmal macht es klick, manchmal eben nicht.

Ich habe sehr gut in die Geschichte hineingefunden, da Protagonistin Raelyn gerade zu Beginn sehr viel Raum bekommen hat, wo man ein sehr gutes Gefühl für ihre schüchterne, sozial isolierte Persönlichkeit bekommen hat. Da ich selbst ganz eindeutig eher introvertiert bin, konnte ich viele ihrer inneren Kämpfe gut nachvollziehen können und habe mich dementsprechend mit ihr identifiziert. Aufgrund dieser sehr gemächlichen Einführung hat die Geschichte aber an anderer Stelle wenig anbieten können. Die erste Begegnung zwischen dem Protagonistenpärchen ist in der Regel einer der wichtigsten Schlüsselstellen im gesamten Buch, daher war ich doch sehr überrascht, wie lange es tatsächlich bis zu diesem Moment gedauert hat. Da man eben auf diese Stelle hinfiebert, hat sich vieles davor wie ein Vorgeplänkel angefühlt, das abseits der Charakterstudie nicht zielführend wirkte.

Zudem zeigt sich im weiteren Verlauf, dass die authentische Zeitdarstellung über das gesamte Buch hinweg nicht ganz einheitlich ist. Während es zu Beginn eher zäh wie Kaugummi ist, wird es später eher überhastet. Ich würde die Liebesgeschichte zwar nicht als überstürzt bezeichnen, aber viele Zwischenmomente werden schlichtweg ausgelassen. Es wird von Szene zu Szene gesprungen und manchmal habe ich mich gefragt, was ich nun in der Zwischenzeit verpasst habe. Stilistisch gestaltet es sich auch schwierig, dass so viel mit Geheimnissen gearbeitet wird. Die habe ich zwar gerne bei NA, da sie einen gewissen Reiz ausmachen, aber hier werden sie mit aller Verzweiflung verborgen, was dann auf Kosten der Charakterarbeit geht.

Das kann man vor allem an Raelyns Mutter und leider auch an Hauptfigur Hunter sehr gut festmachen. Die Mutter wirkt in sich nicht konsequent. Vom Prolog bis zum Epilog habe ich tausend verschiedene Gesichter von ihr gesehen, was aber der echte ist, das kann ich nicht abschließend beurteilen. Bei Hunter wiederum ist das letztliche Bild absolut klar, aber wie wir an diesen Punkt gekommen sind, war sehr, sehr holprig. Zu Beginn haben wir ein paar Mal seine Perspektive, später nur noch sehr vereinzelt. Das wird bewusst so gewählt, damit wir Leser nicht zu früh hinter sein Geheimnis kommen. Dadurch wirkt Hunter aber auch nicht so, wie er es vermutlich sollte. Zudem ist die endgültige Erklärung für ihn so faszinierend, dass ich mich frage, warum man nicht von Anfang an mit offenen Karten gespielt hat (zumindest für den Leser), um daraus eine wunderbare Charakterarbeit zu machen, die möglicherweise sogar Aufklärungsarbeit hätte leisten können. So war er zwischendurch leider ein paar Mal der Idiot und am Ende die Erklärung angeboten zu bekommen, war dann zu beliebig und schlichtweg zu spät.

All diese Kritik bricht mir tatsächlich das Herz. Ich lese oft genug Bücher, wo es nicht Klick macht, wo ich das Kapitel Verbindung zum Autor dann auch einfach abhake. Aber hier gab es zig Ansätze, die wunderbar geklappt haben. In der Stilistik sind ein paar grundlegende Fehler gemacht worden, die unweigerliche das gesamte Buch beeinflussen, aber die grundsätzliche Erzählkunst, der ermöglichte Schreibfluss, der Wortschatz, hier hat man deutlich gemerkt, dass keine Anfängerin am Werk ist. Deswegen ist für mich jetzt schon klar, dass ich die Serie weiterverfolgen werden. Im Auftakt ist den meisten Figuren der nächsten beiden Bände genug Zeit eingeräumt worden, so dass ich bereits angefixt bin. Wird hier nämlich alles grundlegend richtig gemacht, dann macht es wahrscheinlich explosionsartig klick.

Fazit: Kara Atkin ist ohne Frage eine talentierte Erzählerin, doch „Forever Free“ hat in den Grundlagen Schwächen, die sich zwangsweise auf das Gesamtwerk auswirken. Die Erzählgeschwindigkeit stimmt nicht durchgängig und die Geheimniskrämerei beeinflusst zu sehr eine logische Charakterarbeit. Das sind aber Aspekte, die sich beheben lassen, wenn man sich denn auf die Kritik der Leser einlässt. Daher gehe ich für ein durchschnittliches Buch sogar sehr positiv aus der Lektüre, denn es geht weiter in der Reihe und ich habe meine Hoffnung noch nicht aufgegeben.

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Veröffentlicht am 25.04.2020

Liebesgeschichte mit Ode an die Musik

Fallen Dreams - Endlose Sehnsucht
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Eine lange Phase, in der es Samantha Young nicht mehr mit Veröffentlichungen auf den deutschen Buchmarkt geschafft ist, ist zum Glück vorbeigegangen. Zwar bin ich bei ein paar wenigen Büchern auf das englische ...

Eine lange Phase, in der es Samantha Young nicht mehr mit Veröffentlichungen auf den deutschen Buchmarkt geschafft ist, ist zum Glück vorbeigegangen. Zwar bin ich bei ein paar wenigen Büchern auf das englische Original ausgewichen, aber Mira hat sich dankenswerterweise für die Autorin erwärmt, so dass nun wieder regelmäßig Werke von ihr übersetzt werden und sogar ältere werden ins Programm aufgenommen. So auch „Fallen Dreams“, das im Original unter dem Titel „As Dunst Dances“ erschienen ist und als Standalone funktioniert.

Young war für mich immer schon eine Autorin, die auf den ersten Seiten abholt. Während sich andere Autoren erst noch einspielen müssen, packt sie die Leser gleich auf den ersten Seiten. Bei „Fallen Dreams“ ist es nun speziell so gut gelungen, da ich solch dramatische Einstiege von Young nicht kenne, die oft lieber über Spielerische kommt. Hauptfigur Skylar ist aber ein geflüchteter Rockstar aus den USA, der sich nun in Schottland als Straßenmusikerin durchschlägt und des Nachts in einem Zelt auf einem Friedhof schläft. Diese Situation und ihr ganzer innerer Kampf wurden direkt von Anfang wunderbar ergreifend dargestellt. Über allem steht stets die Liebe zur Musik, die in so vielen Details wunderbar widergespiegelt wird. Da ich selbst eine musikalische Ausbildung genossen habe, leider aber nicht zu den begabten Talenten gehöre, fasziniert es mich dennoch immer, wenn irgendwo richtige Begabung dabei ist und man es mit jeder Faser spürt.

Ebenso löblich war die sich sehr ungewöhnlich aufbauende Beziehung zwischen dem Pärchen des Buches, Skylar und Killian. Natürlich ist dem Leser von Anfang an klar, dass die beiden letztlich zusammenkommen, dennoch war es zu Beginn überhaupt keine Geschichte nach Schema F. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick und überraschenderweise auch nicht Anziehung auf den ersten Blick. Die ersten Begegnungen waren von ehrlicher Abneigung geprägt, darunter war kein „Was sich liebt, das neckt sich“ zu bemerken. Das ist für so einen Roman wirklich ungewöhnlich, hat mich die Geschichte aber noch mehr lieben lassen, denn so war man hautnah dabei, wie sich langsam eine Beziehung aufbaute, die erst in einem zweiten Schritt dann körperlich wurde. Über die Musik hat alles begonnen und dieses wunderschöne Bild wurde exzellent rübergebracht.

Nicht ganz so wunderbar fand ich dagegen die Blicke in die Vergangenheit. Ich habe nachvollziehen können, dass diese wichtig waren, um ein vollständiges Bild von Skylar zu zeichnen, um so auch ihre Lebensentscheidungen nachvollziehen zu können, doch vom Stil her wirkte es immer wie ein Bruch, denn die junge Skylar, die eine große Karriere startet und in eine kindische Beziehung mit ihrem Bandkollegen Micah verwickelt ist, hat wenig mit der deutlich gereifteren Skylar gemein. Gerade die Beziehung zu Micah habe ich als anstrengend empfunden und seine ganze Figur hat in jeder Szene genervt, wo er dabei sein durfte. Dieser Teil hat gerade zum Ende hin ja total abgenommen, weswegen es kaum ins Gewicht fällt. Dadurch ist am Ende Platz geschaffen worden für eine rund erzählte Dramatik. Young übertreibt es mit dem Drama gerne mal. Auch wenn ich die Rationalität von Skylar nur ganz wenigen Menschen auf dieser Erde zutraue, war das Bild in der Gesamtsicht rund und stimmig.

Fazit: Was bin ich froh, dass ich Young wieder regelmäßig genießen darf, denn die Autorin trifft einfach einen Nerv bei mir, es passt zwischen uns. Auch hier hat sich eine wunderbare Geschichte rund um die Musik aufgebaut, die ungewöhnlich dramatisch für die Autorin aufgebaut wurde und auch nicht direkt mit dem Sex-Zaunpfahl winkte. Eine sehr erwachsene Geschichte, die dennoch nicht ins Erotikklischee abgerutscht ist, sehr gut!

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Veröffentlicht am 09.04.2020

Handlungstechnisch viel besser als Band 1

Never Too Late
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Ich fand es im letzten Jahr schön, mit Morgane Moncamble und „Never Too Close“ mal eine französische Vertreterin im New Adult Genre zu haben. Ich fand es sehr interessant, dass es sich trotz des gänzlich ...

Ich fand es im letzten Jahr schön, mit Morgane Moncamble und „Never Too Close“ mal eine französische Vertreterin im New Adult Genre zu haben. Ich fand es sehr interessant, dass es sich trotz des gänzlich anderen Settings dennoch so vertraut anfühlte. Offenbar sind unsere Nachbarländer kulturell doch nicht so weit voneinander entfernt, wie es oft suggeriert wird. Dennoch hat mich „Never Too Close“ nicht restlos überzeugt, denn vor allem inhaltlich hat mich dieser Auftakt zu einer Dilogie echt an eine Grenze gebracht, denn die Beziehung von Vio und Loan hat Grenzbereiche ausgetestet, die ich in solchen Geschichten nicht so gerne erlebe. Dennoch hat man gemerkt, dass die junge Französin erzählen kann und das ist nach einem Debüt ohnehin die wichtigste Nachricht.

Mit „Never Too Late“ steht nun also die Fortsetzung und gleich auch wieder der Abschluss an. Ich bin doch etwas skeptisch an die Lektüre gegangen, denn die Hauptfiguren Jason und Zoe kennen wir schließlich schon. Meistens freue ich mich darauf, den eventuellen Paarungen wieder zu begegnen, da über sie meist so viel schon verraten wurde, dass man einfach Lust hat, die Figuren einmal näher zu erleben. Jason und Zoe dagegen wirkten in „Never Too Close“ aber sehr dramatisch, überdreht und ich habe mich echt gefürchtet vor dem, was dort vielleicht passieren könnte. Das war aber völlig zu Unrecht, denn Jason und Zoe haben mich völlig überrascht und im Sturm mein Herz erobern können. Vor allem Jason war ein echtes Goldstück, der auch in seinen Fehlern und seiner ganzen Art, die ich mir für persönlich nicht vorstellen könnte, so echt und lebendig wirkte. Dennoch wirft das natürlich Fragen auf, warum die die Außen- und Innenwahrnehmung der Figuren so gravierend voneinander abweicht. Auch Vio und Loan habe ich hier nicht wirklich als die beiden Figuren wiedererkannt, die ich in „Never Too Close“ kennengelernt habe.

Zurück nun aber zu Jason und Zoe, deren Geschichte wirklich ungewöhnlich angegangen wird. Gleich zu Beginn landen sie im Bett, aber dennoch war es für beide nicht die Nacht ihres Lebens, da sich eine Panne an die andere gereiht hat. Das war so herrlich authentisch, dass man beim ersten Sex nicht gleich alle in himmlische Sphären entschweben. Daher war ich sofort bei den beiden drin, denn mir war klar, es wird nicht die typische Liebesgeschichte werden und das war mit den beiden außergewöhnlichen Figuren auch gar nicht möglich. Zudem muss man hervorheben, dass trotz der Figuren, die viele Dinge oftmals nicht ernstgenommen haben, dennoch eine Geschichte mit vielen wichtigen Themen entstanden ist. Häuslicher Missbrauch, Essstörungen und die unterschiedlichen Facetten von Sexualität wurden interessant angepackt. Es war vielleicht nicht gerecht gewichtet, da Zoe alles auf ihren Schultern tragen muss, während Jason vermeintlich das perfekte Leben führt, aber dass die Themen überhaupt da waren, ist mir da doch wichtiger.

Die Chemie zwischen Jason und Zoe war wie angedeutet hervorragend und es hat viele echte Hinschmelzmomente gegeben, die ich genauso mir auch gewünscht habe. Dennoch ist die Geschichte auch hier wieder nicht perfekt, diesmal aber weniger auf der inhaltlichen Ebene als viel mehr vom technischen Handwerk her. „Never Too Late“ läuft zeitlich parallel zu „Never Too Close“, was ich nicht ganz so ideal finde. Man wusste an vielen Stellen schon, was passieren würde und ich hatte auch den Eindruck, dass die Geschichte viel mit Zeitsprüngen gearbeitet hat, um schnell an die entscheidenden Momente zu kommen. Und ob die beiden Geschichten wirklich kongruent miteinander sind, ist die andere Frage. Diese enge Zusammengehörigkeit schadet dem Eindruck leider etwas, da „Never Too Late“ inhaltlich besser alleine dagestanden hätte.

Fazit: „Never Too Late“ ist mein persönlicher Favorit bei der Dilogie von Moncomble, da sie es geschafft hat, aus den verrückteren Figuren die bessere Liebesgeschichte mit vielen ungewöhnlichen Aspekten und mehr Tiefgang zu erschaffen. Vor allem Jason wird mir als Figur noch lange in Erinnerung bleiben. In den handwerklichen Aspekten ist diese Dilogie leider zu gewollt aneinander angepasst worden, aber das Lesevergnügen ist dennoch mehr als da.

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Veröffentlicht am 31.03.2020

Qualitativ extrem unterschiedlich

Wir sind das Feuer
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Neuen AutorInnen muss immer eine Bühne bereitet werden, denn wie sonst sollen sie überhaupt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken? Dennoch ist es auch stets schwierig, nach dem ersten veröffentlichten ...

Neuen AutorInnen muss immer eine Bühne bereitet werden, denn wie sonst sollen sie überhaupt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken? Dennoch ist es auch stets schwierig, nach dem ersten veröffentlichten Titel eine abschließende Bewertung über die Fähigkeiten des Schreibers abzugeben, denn je mehr man schreibt, umso mehr stellt sich eine Routine ein, desto mehr kann man Feedback berücksichtigen und verarbeiten. Demnach ist aller Anfang schwer und so würde ich es auch für Neuling Sophie Bichon zusammenfassen. Ihre Dilogie ist bei Heyne erschienen und nachfolgend kommt die Bewertung des Auftakts „Wir sind das Feuer“.

Da ich im NA-Genre so belesen bin, ist natürlich nicht zu leugnen, dass hier ein Schema F oft nicht zu leugnen ist. Daher sind eher ungewöhnliche Stilelemente sicherlich keine schlechte Idee. Bichon arbeitet hier mit schnellen Perspektivwechseln innerhalb eines Kapitels. Sowas habe ich gerne in Krimis oder Thrillern, da so ein schnelles Lesetempo gefördert wird und auch die Spannung ins Unermessliche gesteigert wird. Diese Anforderungen stelle ich an einen Liebesroman nun mal nicht, deswegen hat sich mir auch schnell gezeigt, dass mir diese Stilistik für die Geschichte nicht gefällt. Die Wechsel kamen oft auch zur völligen Unzeit und haben Gedankengänge unterbrochen. Wechsel sogar mitten im Satz sollten wohl raffiniert wirken, mir haben sie aber den Lesefluss behindert.

Insgesamt wurde im gesamten Buch auf Schnelligkeit gesetzt: schnelle Wechsel, schnelles Vorantreiben von Handlung und schnelle Charakterentwicklungen. Auch wenn Schnelligkeit nicht generell falsch ist, so gibt es in diesem Genre gewisse Kernpunkte, in denen Schnelligkeit völlig fehl am Platz ist. Das ist zum einen in den Momenten, wo es intensiv und gefühlvoll zugehen muss. Dort lässt man einfach etwas liegen, wenn man zehn Zwischenschritte überspringt. Und auch die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren muss dem Leser so transportiert werden, dass er die Anziehung zwischen ihnen nachvollziehen kann. Das gelingt aber nicht, wenn jetzt auf gleich von Liebe die Rede ist und sich nach diesem Liebesgeständnis noch nicht mal sicher ist, ob man ein Paar ist. Für mich hat es demzufolge zwischen Paul und Louisa nicht gefunkt. Das ist für eine Liebesgeschichte aber der entscheidende Punkt und der wurde eben nicht erfüllt.

Das ist besonders schade, weil man eben zwischendurch immer wieder merkt, dass die Autorin erzählen kann. Gerade gegen Ende des Buchs hin gibt es viele tolle Momente und die vor allem auf der Ebene der Freundschaft. Gerade die Szenen auf der Hütte waren gesellig, spaßig, rund und berührend. Auch die Fokussierung auf die Sprache zeugt von einer Sprachaffinität, die immer für sich spricht. Hier blitzte eben durch, was sein kann. Aber wie erwähnt darf man bei einem Debüt die Schwächen nicht zu hochhängen und sich stattdessen auf die Stärken konzentrieren. Die gibt es und das muss man am Ende mitnehmen.

Fazit: „Wir sind das Feuer“ kann mich leider in den zentralen Aspekten nicht überzeugen, da der Erzählstil in weiten Teilen und die Schnelligkeit und damit verbundene Oberflächlichkeit der Erzählung nicht für eine gefühlvolle Erzählung passen. Dennoch sind Aspekte zu erkennen, die Bichon als eine vielversprechende Autorin einordnen lassen. Hier macht Übung sicherlich den Meister.

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