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Veröffentlicht am 21.01.2023

Historischer Roman und literarischer Adventskalender zugleich

Vierundzwanzig Türen
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Inhalt: Weihnachten hat im Haus des Erzählers Einzug gehalten. Und zwar in Form eines Adventskalenders, der so ganz anders ist als gewohnt. Nicht Schokolade verbirgt sich hinter jedem Türchen, sondern ...

Inhalt: Weihnachten hat im Haus des Erzählers Einzug gehalten. Und zwar in Form eines Adventskalenders, der so ganz anders ist als gewohnt. Nicht Schokolade verbirgt sich hinter jedem Türchen, sondern ein – auf den ersten Blick nichtssagendes – Bild. Doch je näher der 24. Dezember kommt, desto deutlicher wird: Der Adventskalender erzählt eine ganz eigene Geschichte.

Persönliche Meinung: „Vierundzwanzig Türen“ ist ein literarischer Adventskalender von Klaus Modick.
Erzählt wird der Roman in zwei Handlungssträngen. In der Gegenwart, die gegen Ende der 1990er-Jahre spielt, steht die Vorweihnachtszeit im Hause des Ich-Erzählers im Fokus. So werden hier familiäre Weihnachtstraditionen, Vorbereitungen auf das Fest, aber auch Dispute innerhalb der Familie thematisiert. Denn: Der Erzähler verliert immer mehr den Draht zu seinen beiden jugendlichen Töchtern und kann sich nicht recht damit abfinden, dass sie bald erwachsen sind. Auch ihre „neumodischen“ Wünsche stoßen bei ihm auf Ablehnung (Da der Roman ursprünglich im Jahr 2000 erschien, ist er mit all seinen Dingen aus den 1990er-Jahren eine schöne Zeitkapsel für dieses Jahrzehnt). Der zweite Handlungsstrang wird durch die Bilder des Adventskalenders erzählt: Von einer personalen Instanz wird hier von einem Kriminalfall berichtet, der sich in der Nachkriegszeit zugetragen hat – und der ganz anders endet, als man vermutet. Die Entbehrungen und Schwierigkeiten der Nachkriegszeit werden in diesem Handlungsstrang detailliert beschrieben, sodass „Vierundzwanzig Türen“ auch Züge eines (zeit)historischen Romans erhält. Die beiden sich abwechselnden Erzählstränge verschränken sich in der Perspektive des Ich-Erzählers: Immer wieder wird der Ich-Erzähler durch die Bilder des Adventskalenders an seine eigene Jugend in der Nachkriegszeit erinnert, weshalb er über diese nachdenklich monologisiert und sie in Bezug zu der Kindheit seiner Töchter setzt. Oftmals schweift der Erzähler dabei auch in philosophische und entwicklungstheoretische Überlegungen ab. Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen, besitzt aber einen literarischen Anspruch, der sich in Wortwahl und Satzbau zeigt. Insgesamt ist „Vierundzwanzig Türen“ ein unaufgeregt erzählter Roman, der einerseits weihnachtliche Stimmung aufkommen lässt, andererseits eine Reise in die Nachkriegszeit sowie in die 90er-Jahre ist.

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Veröffentlicht am 21.01.2023

Eine schaurige und humorvolle Fantasylektüre

Wilde Reise durch die Nacht
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Inhalt: Unversehens findet sich der 12-jährige Gustave in einer gefährlichen Situation wieder: Er ist der Kapitän eines Schiffes, der „Aventure“, die von einem Siamesischen Zwillingstornado angezogen wird. ...

Inhalt: Unversehens findet sich der 12-jährige Gustave in einer gefährlichen Situation wieder: Er ist der Kapitän eines Schiffes, der „Aventure“, die von einem Siamesischen Zwillingstornado angezogen wird. Dies kann nur mit dem Tod enden – was es auch tut. Denn plötzlich steht der Tod vor Gustave, der mit seiner Schwester Dementia um Gustaves Seele würfelt. Der Tod gewinnt, doch durch einen Einwurf der Dementia erfährt Gustave, dass es noch eine Möglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen: Er muss die sechs Aufgaben des Todes bewältigen – und zwar in einer Nacht. Ein wilder Ritt beginnt.

Persönliche Meinung: „Wilde Reise durch die Nacht“ ist ein Fantasyroman von Walter Moers. Anders als man vielleicht beim Namen „Walter Moers“ vermutet, handelt es sich nicht um einen Zamonien-Roman. Das Konzept von „Wilde Reise durch die Nacht“ ist aber nicht minder interessant. Der Protagonist des Romans, der 12-jährige Gustave, ist jener Gustave Doré, der später zahllose Werke der Weltliteratur illustrieren wird. Einige dieser Illustrationen, die unheimlich detailliert und schaurig gestaltet sind, finden sich auch in „Wilde Reise durch die Nacht“ abgedruckt Denn: Walter Moers wählte 21 Illustrationen aus dem umfangreichen Œuvre Dorés aus und bildete mit ihnen das Grundgerüst der Handlung. Anders formuliert: Die Illustrationen werden aus ihrem ursprünglichen Kontext entnommen und in einen neuen Zusammenhang gefügt. Auf diese Weise erschafft Moers eine abwechslungsreiche Handlung, die zudem an Gothic Novels des 19. Jahrhunderts erinnert. In „Wilde Reise durch die Nacht“ spielt der Humor allerdings eine größere Rolle als in den klassischen Gothic Novels: Neben dem Moers-eigenen Wortwitz handeln die z. T. skurrilen Figuren auch mal unkonventionell, wodurch die Handlung insgesamt an Unvorhersehbarkeit gewinnt. Der Erzählstil von Walter Moers ist gewohnt detailliert, sodass zügig ein schönes Kopfkino entsteht. Ergänzt wird die Romanhandlung durch einen Essay von Walter Moers, der die Entstehungsgeschichte von „Wilde Reise durch die Nacht“ skizziert und in Leben und Werk von Gustave Doré einführt. Insgesamt ist „Wilde Reise durch die Nacht“ eine fesselnde und schaurige Fantasylektüre, die auch mal unkonventionelle Wege geht.

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Veröffentlicht am 20.01.2023

Ein traumhafter Fantasyroman

Das Kaufhaus der Träume
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Inhalt: Eifrig bereitet Penny sich auf das Vorstellungsgespräch für ihren Wunschjob vor: Im „Kaufhaus der Träume“, in dem Schlafende ihre Träume aussuchen können, ist eine Stelle freigeworden. Doch: Dallergut, ...

Inhalt: Eifrig bereitet Penny sich auf das Vorstellungsgespräch für ihren Wunschjob vor: Im „Kaufhaus der Träume“, in dem Schlafende ihre Träume aussuchen können, ist eine Stelle freigeworden. Doch: Dallergut, der Leiter des Kaufhauses, ist sehr eigen; dementsprechend unvorhersehbar ist das Bewerbungsgespräch. Penny verzweifelt bei der Vorbereitung – bis ihr ein guter Freund einen entscheidenden Tipp für das Bewerbungsgespräch gibt. Und tatsächlich: Penny erhält die Stelle und darf das sagenumwobene „Kaufhaus der Träume“ kennenlernen…

Persönliche Meinung: „Das Kaufhaus der Träume“ ist ein Fantasyroman der koreanischen Autorin Lee Mi-ye. Erzählt wird der Roman aus der personalen Perspektive von Penny. Die Handlung ist in Episoden eingeteilt, in denen wir gemeinsam mit Penny verschiedene Facetten des Kaufhauses, der Traumproduktion und der Träume kennenlernen. So besucht Penny unterschiedliche Abteilungen des Kaufhauses, die jeweils für verschiedene Träume zuständig sind, sie trifft Traumproduzenten, die gewissermaßen wie Filmemacher Träume erstellen, und sie lernt die Eigenheiten einzelner Traumarten kennen. Innerhalb der Episoden wird zudem immer mal wieder die Perspektive der Träumenden eingenommen: Wenn Penny bspw. den Liebestraum kennenlernt, erfahren die Lesenden die Wirkung dieses Traumes anhand von zwei Träumenden, die (heimlich) ineinander verliebt sind. Auf diese Weise werden in „Das Kaufhaus der Träume“ auch viele Gefühle thematisiert (neben Liebe u.a. auch Trauer und Angst). Die „Brüche“ zwischen den Episoden sind nicht groß: Penny und einige andere Figuren kommen in jeder Episode vor, sodass man sich immer zügig einfindet. Die einzelnen Episoden sind also nicht voneinander unabhängig, sondern immer aufeinander bezogen; es gibt nur keine kontinuierliche, bruchlose Handlung. Sehr gut haben mir auch die vielen phantastischen und originellen Gadgets gefallen, die innerhalb der Handlung vorkommen (z. B. die Art und Weise, wie die Kaufhausmitarbeiter den Müdigkeitszustand ihrer Kunden einsehen können). Nicht alle Figuren besitzen in „Das Kaufhaus der Träume“ eine trennscharfe Kontur, auch wird die Funktions- und Arbeitsweise des Kaufhauses/der Träume nicht bis ins kleinste Detail erklärt (tendenziell bleiben sie eher unbestimmt). Das hat mich allerdings wenig gestört: Der gesamte Roman hat einen leichten, vagen – ja: irgendwie traumhaften – Zug, der mir sehr gut gefallen hat. Luftig locker ist auch der Schreibstil von Lee Mi-ye, sodass sich der Roman flüssig lesen lässt. Insgesamt ist „Das Kaufhaus der Träume“ ein eingängig geschriebener und origineller Fantasyroman über Träume.

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Veröffentlicht am 12.01.2023

Eine Lektüre, die perfekt auf das Weihnachtsfest vorbereitet

Der gestohlene Weihnachtsbaum
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„Der gestohlene Weihnachtsbaum“ versammelt vier weihnachtliche Erzählungen von Hans Fallada. Den Beginn macht die titelgebende Geschichte „Der gestohlene Weihnachtsbaum“: Da das Geld knapp ist, versuchen ...

„Der gestohlene Weihnachtsbaum“ versammelt vier weihnachtliche Erzählungen von Hans Fallada. Den Beginn macht die titelgebende Geschichte „Der gestohlene Weihnachtsbaum“: Da das Geld knapp ist, versuchen die Kinder der Familie Rogge auf eigene Faust einen Tannenbaum im Wald zu schlagen – was eigentlich verboten ist. Es folgt „Familienbräuche“. Ein Ich-Erzähler erzählt hier retrospektiv von den (vor-)weihnachtlichen Bräuchen seiner Familie (ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass in dieser Geschichte auch autobiographische Elemente einfließen). Diese Geschichte ist für mich das Highlight des Bandes: Die erzeugte Atmosphäre ist heimelig und stimmungsvoll, die Bräuche liebevoll und die Sehnsucht des Ich-Erzählers nach den Weihnachtsfesten seiner Kindheit ist ebenso greifbar wie die Freude und das Gespanntsein seines kindlichen Ichs. In „Lüttenweihnacht“ bereiten die Kinder des Ortes Baumgarten ein besonderes Fest vor: Ein Weihnachtsfest für die Tiere, wofür sie (im Geheimen) einen Tannenbaum besorgen müssen. Die vierte Geschichte „Fünfzig Mark und ein fröhliches Weihnachtsfest“ handelt von einem frisch verheirateten Ehepaar, das mit wenig Geld versucht, ein schönes Weihnachtsfest zu feiern. Abgerundet wird der Band durch stimmige Illustrationen von Ulrike Möltgen. Insgesamt sind die vier Geschichten, die in „Der gestohlene Weihnachtsbaum“ abgedruckt sind, atmosphärisch und stimmungsvoll erzählt, sodass sie perfekt auf das Weihnachtsfest vorbereiten.

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Veröffentlicht am 12.01.2023

Eine Sammlung unkonventioneller Weihnachtsgeschichten

Der Tannenbaum des Todes
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„Der Tannenbaum des Todes“ ist eine Sammlung verschiedener Weihnachtsgeschichten von Markus Heitz. Der Band umfasst knapp 40 Texte. Geeint werden die Texte durch die Weihnachtsthematik: Wir treffen auf ...

„Der Tannenbaum des Todes“ ist eine Sammlung verschiedener Weihnachtsgeschichten von Markus Heitz. Der Band umfasst knapp 40 Texte. Geeint werden die Texte durch die Weihnachtsthematik: Wir treffen auf den Weihnachtsmann, begeben uns in den weihnachtlichen Kaufrausch, besuchen Weihnachtsmärkte, bewundern Tannenbäume und gehen auf Weihnachtsfeiern. Allerdings: Die Herangehensweise an das Thema ist eher unkonventionell. Nikolaus und Weihnachtsmann sind selten nette Zeitgenossen, wenig funktioniert am Weihnachtsfest perfekt, die Weihnachtsfeiern enden in einem Desaster, oftmals kommt es zu Mord und Totschlag, immer sind die Geschichten mit einer Prise dunklem Humor gewürzt. Auch gattungsmäßig könnten die Geschichten kaum unterschiedlicher sein: So finden sich neben thrillerartigen Geschichten und Krimis auch Fantasyerzählungen und Gruselgeschichten. Ich kann im Folgenden natürlich nicht auf alle Geschichten eingehen. Ein paar werde ich euch aber vorstellen, damit ihr euch ein besseres Bild der Anthologie machen könnt (alle Geschichten lassen sich übrigens sehr angenehm und flüssig lesen). In „Das Weihnachtsmannkostüm“ sucht Wilfried Pappenheimer ein Kostüm für die anstehende Familienfeier – doch das Kostüm, welches er ausleiht, scheint von einem bösen Geist besessen zu sein. Die Geschichte „Böse Gewürze“, gemeinsam mit Christoph Marzi geschrieben, handelt von dem bestgehütetsten Geheimnis von Frau N: Ihr Rezept für den Gewürz-Lebkuchen, für das mancher töten würde. Das Schneeräumen wird in „Räumpflicht“ humorvoll aufs Korn genommen. In „OVP“ wird aus einem original verpackten Produkt ein Kriminalfall und in „Die unglaublichen Abenteuer von Advent-Man“ wird die Origin-Story eines neuen, längst benötigten (Ironie off) Superhelden erzählt. Wie gesagt: Der Inhalt von „Der Tannenbaum des Todes“ ist vielfältig: Aber: Der Humor und das „Böse“ stehen im Vordergrund; wer besinnliche oder gemütliche Weihnachtsgeschichten sucht, wird hier nicht fündig.

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