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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.04.2019

Frederikas persönlichster Fall

Sündengräber
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Sehr gespannt war ich auf den sechsten Band rund um die Reihe von Fredrika Bergman und Alex Recht, nachdem ich alle Vorgängerbände gelesen habe. Im Gegensatz zur Dilogie der Autorin um "Schwesterherz" ...

Sehr gespannt war ich auf den sechsten Band rund um die Reihe von Fredrika Bergman und Alex Recht, nachdem ich alle Vorgängerbände gelesen habe. Im Gegensatz zur Dilogie der Autorin um "Schwesterherz" und "Bruderlüge", die ich furchtbar fand (Band 2 habe ich gar nicht mehr gelesen), sind mir Fredrika und Alex mittlerweile richtig ans Herz gewachsen.

Der erste Mann schreibt mit der Gewissheit, dass er bald sterben muss sein Testament und gesteht eine verjährte Tat. Der zweite Mann mietet ein Haus für eine Familie, das zur Festung wird. Niemand kommt rein und niemand kommt raus. Der dritte Mann fühlt sich verloren und beschließt die Welt auf seine Art besser zu machen.
So beginnen die ersten Kapitel des voraussichtlich letzten Teils dieser Reihe, die anfangs ganz schön verwirrend sind und dem Leser völlig zusammenhanglos vorkommen. Lange versucht man die Verbindungen der Handlungsstränge zu finden, doch dies dauert und ist auch gewollt. Einzig den ersten Mann hatte ich bald entlarvt.... Danach wird es aber richtig spannend und der erste Mord lässt auch gar nicht lange auf sich warten. Und mitten drinnen Fredrika und Alex, deren letzter großer Fall der Salomon-Gemeinde ihnen noch in den Knochen sitzt. Nun sind sie am Schauplatz eines neuen Mordes, der wie eine Hinrichtung wirkt. Seltsamerweise hat das Mordopfer den Ehering seiner toten Tochter am Finger. Soll dies ein Hinweis sein? Und was will der Täter damit sagen?
Dies ist erst der Beginn einer Mordserie, bei der die Ernittler allerdings keine Gemeinsamkeiten erkennen können. Lange Zeit tappen sie im Dunkeln und der Täter ist ihnen immer um eine Nasenlänge voraus. Nur langsam ist das Motiv ersichtlich, welches jedoch nicht zum Täter führt....bis es fast zum spät ist und Fredrika und Alex den Mörder überführen können.

Auch dieser Thriller der Autorin ist wieder äußerst komplex aufgebaut. Dadurch ist man zwar von Anfang an gespannt, was sich hinter all den Handlungssträngen verbirgt, jedoch ist es zu Beginn etwas verwirrend. Bald war ich jedoch gefangen von der Story und dem langsam aufkommenden furchtbaren Verdacht, der sich Gott sei Dank als falsch herausgestellt hat und den ich auch immer wieder in die Ecke meiner Gedanken stellen wollte.
Die Atnosphäre ist diesmal ziemlich düster. Gefallen hat mir die abwechselnde Sicht auf die zukünftigen Opfer oder wie sich langsam ein Puzzleteilchen ums andere zusammensetzt. Mehr möchte ich diesmal zum Inhalt gar nicht verraten.....

Die persönlichen Probleme, vorallem von Fredrika, sind auch im voraussichtlich letzten Band der Reihe wieder ein zentrales Thema neben der Ermittlungsarbeit. Und diesmal hat es die Ermittlerin wirklich nicht leicht.
Den Spannungsbogen fand ich durchgehend hoch und ich hatte das Buch wirklich schnell durchgesuchtet. Trotzdem ist es für mich nicht das Beste der Reihe. Mein Lieblingsbuch bleibt "Himmelschlüssel", aber ich denke jeder Leser der Reihe hat seinen eigenen Lieblingsband.

Ich finde es schade, dass wir uns von diesem Ermittlerung nun tatsächlich verabschieden müssen...

Fazit:
Der voraussichtlich letzte Band der Reihe rund um Fredrika Bergman und Alex recht ist ziemlich düster und sehr komplex. Anfangs etwas verwirrend entwickelt er sich zu einer spannenden Story, die so einige Überraschungen bereit hält. Obwohl es nicht der beste Band der Reihe ist, finde ich es schade, dass

Veröffentlicht am 06.04.2019

Bezaubernder Roman um eine große Liebe

Das schönste Mädchen Havannas
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Was für ein bezauberndes Cover! Und gleich vorab...auch der Inhalt kann damit mithalten! Es ist das erste Buch der spanischen Autorin, welches auf deutsch übersetzt wurde und ich hoffe es wird nicht das ...

Was für ein bezauberndes Cover! Und gleich vorab...auch der Inhalt kann damit mithalten! Es ist das erste Buch der spanischen Autorin, welches auf deutsch übersetzt wurde und ich hoffe es wird nicht das letzte sein!

Patricio kommt 1947 mit großen Erwartungen auf die Karibikinsel. Der spanische Bürgerkrieg und die Not seiner Familie lassen ihn hoffen auf Kuba ein neues und vorallem besseres Leben zu beginnen. Er ist bezaubert von den Farben und Gerüchen, den Frauen in ihren bunten Kleidern und der Musik.
Doch zuerst benötigt er eine Unterkunft und etwas zum Essen. Als Schuhputzer hat er zu Beginn nicht leicht. Dabei lässt er, kaum auf der Insel angekommen, fast sein Leben, als er die weißen Schuhe des Mafiabosses Carlos Valdés mit schwarzer Schuhpaste einschmiert. Patricio weiß noch nicht, dass er nicht das letzte Mal den Weg des berüchtigten Mannes kreuzen wird.
Erst als er Arbeit im "El Encanto", dem größten Kaufhaus Havannas findet, wendet sich das Blatt, denn Patricios fröhliches Gemüt und seine Kunst alles zu verkaufen, macht ihn schnell beliebt. So steigt er bald in der Angestellenhierarchie auf. Mit Lily, der jungen Frau am Aufzug, die im Herzen eine Kommunistin ist, verbindet ihn bald eine enge Freundschaft und in Gúzman und Grescas hat er zwei Freunde fürs Leben gefunden. Eines Tages trifft er im Kaufhaus auf eine fremde junge Frau, die nach Schmetterlinsgslilien duftet. Er verliebt sich Hals über Kopf in Gloria, das für ihn das schönste Mädchen Havannas ist. Jedoch ist die junge Frau bereits die Ehefrau, des gefürchtetsten Mafiabosses der Insel, Carlos Valdés....

Ich mochte die Art, wie Susana López Rubin ihre Geschichte erzählt. Man ist von der ersten Seite an verzaubert. Ich hörte die kubanischen Klänge des Salsas, hätte am liebsten an einem Cuba Libre genippt und wandelte entlang der pastellfarbenen Häuser der Hauptstadt.
Der Roman ist zwar ein Liebesroman, aber einer der anderen Art, denn die beiden Liebenden haben keine Chance zueinander zu kommen. Die geheime Liebe ist voller Tragik und doch so bezaubernd, vorallem aber brandgefährlich.
Dazu kommt die Geschichte des Kaufhaues, das Leben im pulsierenden Kuba und die politischen Hintergründe. Während in Europa gerade der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist und alles in Trümmern liegt, die Menschen hungern und der Aufbau erst ganz langsam beginnt, pulsiert das Leben auf Kuba. Wer jedoch die politische Geschichte der Insel kennt, weiß auch, dass dies nicht so bleiben wird. Die aufkommende Revolution wird dabei wunderbar in die Geschichte integriert.

Neben den beiden Hauptprotagonisten ist das Kaufhaus "El Encante" Hauptausgangspunkt - nicht umsonst heißt der Roman im Original genauso. Man erlebt die Präsentation der ersten Rolltreppen und Fernseher, spürt die Aufregung der Verkäufer, als Ava Gardner das Kaufhaus besucht oder als Christian Dior aus Frankreich anreist, um den "New Look" mit einer Modeschau im El Encante vorzustellen.
Susana Lopez Rubio ist es nicht nur gelungen, die wunderbare Atmosphäre der kubanischen Insel einzufangen, sondern auch alle Figuren, bis hin zu den kleinsten Nebencharakteren, aussagekräftig und liebevoll zu zeichnen.

Der Roman ist abwechselnd aus der Sicht von Patricio und Glora geschrieben. So erfährt man auch sehr viel über die Hintergründe zu Glorias Leben, das alles andere als leicht ist. Man durchlebt ihre Gefühle und Gedanken, genauso wie Patricios und hofft und bangt bis ganz zum Schluss um die Beiden. Man spürt schon zu Beginn das ganz besondere Band, das sie verbindet. Dabei wird die Autorin weder kitschig, noch überladen. Obwohl sich beide in einer auswegslosen Situation befinden, fühlt man die Leichtigkeit, die die Autorin trotz der schwierigen Situation vermittelt.
Gleichzeitg erlebt man auch die geschichtlichen Wendungen von Kuba hautnah mit. Der Roman beinhaltet Drama, Spannung, Politik, Liebe und eine ganz besondere Atmosphäre, der ich mich nicht enziehen konnte.

Fazit:
Ein bezaubernder Roman, mit einem ganz besonderem Charme und einer wunderbaren Atmosphäre. Man begibt sich mit Patricio auf Kuba, verliebt sich in das schönste Mädchen Havannas und erlebt dabei jede Menge - Gutes wie Böses. Neben einer Portion Spannung und Drama taucht man tief in die 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts ein und erlebt die politische Wandlung der Insel hautnah mit. Ein besonderer Roman, den ich gerne weiterempfehle!

Veröffentlicht am 03.04.2019

Komplexer und sehr spannender Krimi in den Schweizer Alpen

Blutlauenen
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Christof Gasser ist in den letzten zwei Jahren zu meinem Lieblingsautor, wenn es um Krimis geht, avanciert. Der Schweizer Autor schreibt spannend und sehr ausdrucksstark. Sein neuer Krimi ist eindeutig ...

Christof Gasser ist in den letzten zwei Jahren zu meinem Lieblingsautor, wenn es um Krimis geht, avanciert. Der Schweizer Autor schreibt spannend und sehr ausdrucksstark. Sein neuer Krimi ist eindeutig eine große Leseempfehlung!

Cora Johannis, freischaffende Journalistin und alleinerziehende Mutter, die ich bereits in "Schwarzbubenland" kennenlernen durfte, hat ein langes Wochenende nur für sich in Aussicht. Tochter Mila besucht ihren Vater in Argentinien und Sohn Julian lebt großteils schon bei seiner Freundin. Deshalb nimmt sich Cora etwas Recherchearbeit mit nach Hause. Sie soll Informationen über verschwundenes Nazigold einholen. Doch bei einem gemütlichen Kaffee trifft sie zufällig auf ihre ehemalige Jugendfreundin Ludivine. Cora und sie gehörten einst zu einer eingeschworenen Clique und Ludivine möchte genau an diesem Wochenende ihre alten Freunde in das Jagdhaus ihrer Eltern einladen, bevor sie es verkauft. "Lüdi", wie sie damals genannt wurde, konnte Cora nicht ausfindig machen und überredet sie nun spontan mitzukommen, um die alte Clique vollzählig zu machen. Warum also nicht? Cora hat ausnahmweise keine Verpflichtungen und ein bisschen für den Chefredakteur recherchieren wird sicherlich auch möglich sein. Mit dem Heli werden die Wochenendgäste zur Almhütte Blutlauenen geflogen, die sich eher als kleines Chalet erweist. Dem gemütlichen Wochenende und dem Wiedersehen nach Jahrzehnten steht also nichts im Wege. Doch bereits beim Abendessen kommt es zu einer Tragödie und einer der Freunde verstirbt an einem Herzinfarkt. Durch den aufziehenden Schneesturm kann die ehemalige Clique weder Arzt noch Polizei verständigen. Als sich das Wetter immer mehr verschlechtert und der Strom ausfällt, bricht die Verbindung zur Außenwelt total zusammen....und der nächste Tote wird gefunden. Erinnerungen an Agathe Christies "Zehn kleine Negerlein" werden wach....

Bereits im Prologist man völlig gefangen von der Szene, bei der sich eine Frau, die sich in größter Not und in Lebensgefahr befindet und lässt einem sofort in der Geschichte versinken. Danach der Schwenk zum Treffen von Cora und Ludivine und der Beschreibung der einzelnen Figuren. Jeder Gast trägt eine alte Schuld mit sich herum und so richtig sympathisch erscheint hier keiner. Als der zweite Tote zu beklagen ist, beginnen die gegenseitigen Verdächtigungen und Beschuldigungen. Die düstere Atmosphäre in der Jagdhütte, der heulenden Schneesturm und keinerlei Kommunikation zur Außenwelt tun ihr Übriges. Ist der Mörder unter ihnen? Ist es jemand aus der Clique oder der anwesenden Dienstboten? Oder ist es der in der Nähe lebende Einsiedler, der vor Jahren Frau und Kind ermordet hat, und der nun wieder in seiner einsamen Hütte wohnt? Doch wo ist das Motiv?

Der Krimi enthält wahnsinnig viele Spannungsmomente und hat eine beklemmende und sehr düstere Atmosphäre. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen. Der Autor hat neben den Hauptstrang in der Jagdhütte, noch einen Vergangenheitsstrang eingebaut und stellt zusätzlich dem Leser jedes einzelne Mitglied der damaligen Clique genau vor. So bekommt man einen sehr guten Einblick in die facettenreichen und authentischen Charaktere.
Einzelne Abschnitte, die in kursiver Schrift gehalten sind, blenden zurück in die Vergangenheit und eröffnen so den einen oder anderen Einblick in längst vergessene Zeiten und Taten. Major Spiegelberg, Ludivines Vater, war einst einer der Offiziere, der den Goldtransport begleitet hat, der in den letzten Kriegstagen verschwunden ist. Cora wittert nun doch mehr Stoff für ihre Recherche und begibt sich damit in große Gefahr.

Der Krimi ist vielschichtig und dicht. Der Autor setzt sich auch mit der gar nicht so "neutralen" Schweiz auseinander, wenn es um Geldgeschäfte ging. Genommen wird alles, egal ob von Nazibonzen oder aus dem ehemaligen Besitztümern der Juden. Im Nachwort wird dazu noch etwas mehr über die Rolle der Schweiz während des Krieges erzählt.
Geschickt setzt der Autor falsche Spuren und überrascht am Ende - trotz vieler Spekulationen - mit einem außergewöhnlichem, aber logischen Ende.

Schreibstil:
Christof Gasser schreibt rasant und fesselnd. Der Spannungsbogen ist konstant hoch und der Autor lässt so einiges an Lokalkolorit einfließen. Die detaillierte Beschreibung der Schweizer Landschaft und die bedrohliche Atmosphäre in der Hütte sind großartig dargestellt. Die Charaktere sind vielschichtig und lebendig.

Fazit:
Und wieder hat mich ein Schweizer Krimi absolut überzeugt! "Blutlauenen" ist ein atmosphärischer und komplexer Kriminalroman, der an Spannung so einigen Thriller absolut das Wasser reichen kann. Die facettenreichen Figuren, die düstere und unheimliche Stimmung in der einsamen Jagdhütte, abgeschnitten von der Außenwelt, ließen mich das Buch kaum aus der Hand legen. Ein absoluter Pageturner und eine Empfehlung für jeden Krimileser!

Veröffentlicht am 31.03.2019

Leider nicht mein Buch

Die Farben des Feuers
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Was habe ich mich gefreut diesen Roman im Rahmen des Literatursalons von Lovelybooks mitlesen zu dürfen. Leider verschwand dieser Überschwang bereits nach den ersten fünfzig Seiten. Ich tat mir ein bisschen ...

Was habe ich mich gefreut diesen Roman im Rahmen des Literatursalons von Lovelybooks mitlesen zu dürfen. Leider verschwand dieser Überschwang bereits nach den ersten fünfzig Seiten. Ich tat mir ein bisschen schwer mit dem Schreibstil und den französischen Namen (trotz Französischkenntnisse), die zwischen Vor- und Nachnamen wechselten. Viel mehr Probleme hatte ich jedoch mit der Art des Humors des Autors und seiner sehr konstruierten Handlung. Die Figuren waren teilweise so überzogen, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Vollständig gelähmte Personen können plötzlich schreiben und am Ende sogar Kinder zeugen. Aber ich greife vor...

Madeleine Péricourt ist nach dem Tod ihres Vaters die Alleinerbin der Péricourt Bank und dies zu Zeiten, wo Frauen nicht einmal einen Scheck unterschreiben dürfen. Am Tag des Begräbnisses stürzt ihr 7jähriger Sohn Paul direkt auf den Sarg des Großvaters und bleibt daraufhin querschnittgelähmt. Doch ist dies nicht der letzte Schicksalschlag. Madeleine, die sich nie zuvor um die Geschäfte ihres Vaters gekümmert hat, wird von ihrem Onkel Charles Péricourt und dem Prokuristen Gustave Joubert über den Tisch gezogen. Sie verliert nicht nur ihr Erbe, sondern auch ihr Elternhaus. Der Hauslehrer und ihr Geliebter André Delcourt, der von einer großen Karriere als Journallist träumt und von Madeleine gesponsert wird, seilt sich ebenfalls ab. Die vormals verwöhnte Bankierstochter ist mittellos und außerdem Mutter eines behinderten Kindes. Über Jahre hinweg beginnt sie einen Rachefeldzug, der zwar teilweise gerechtfertigt erscheint, aber moralisch fragwürdig ist. Die Figur der Madeleine fand ich dabei etwas unglaubwürdig, denn der Wandel von der naiven und behüteten Tochter aus reichem Hause hin zu einer gefährlichen und intelligenten Frau, die sich natürlich selbst die Hände nicht schmutizg macht, fand ich etwas weit hergeholt.

Bei der Leserunde war die Lesergemeinschaft in zwei Teile geteilt. Die einen feierten das Buch, die anderen konnten - wie leider ich auch - nichts damit anfangen. Ich hatte mir einen tollen anspruchsvollen Roman erhofft, der in Paris kurz vor den Wirren des Zweiten Weltkrieges spielt. Das Buch erzählt von der Zeit von 1927 bis 1936 und behandelt zwar die Auswirkungen der Großen Depression und den Aufstiegs des Faschismus in Europa, aber im Großen und Ganzen ist es ein Roman über einen persönlichen Rachefeldzug.
Historische Einblicke bekam ich dabei kaum, außer durch das durchgehend frauenfeindliche Rollenbild und einem kleinen Ausschnitt betreffend einer Reise nach Berlin, nachdem Hitler Reichskanzler wurde. Hier wurde die düstere Atmosphäre sehr gut eingefangen.

Das gesamte Ambiente dieser Zeit fehlte mir jedoch, denn es ging vorwiegend um Geschäfte, Sex und Rache. Über die typischen französischen Anspielungen sehe ich hinweg, denn die Franzosen selbst werden es schon verstehen. Bei deutschsprachigen Büchern werden sie sich genauso einige Anspielungen dahinter nicht erklären können....das ist leider so und da hilft auch noch keine so gute Übersetzung.

Die Charaktere sind größtenteils unsympathisch. Am Sympathischten waren noch das polnische Kindermädchen Vladi, die kein Wort Französisch spricht und mit jedem ins Bett geht, der nicht bei 10 aus ihrem Umkreis flieht und Solange Gallinato, der große Opernstar, der mich an Montserrat Caballe erinnerte, und Paul wieder "zum Leben erweckt". Das wars dann auch schon wieder...

Es ist mein erstes Buch des Autors und eigentlich hatte ich auch mit seinem Roman "Drei Tage und ein Leben" geliebäugelt, aber da ich mit seinem Schreibstil und Humor nicht ganz zurecht komme, werde ich es wohl lieber sein lassen. Sehr gestört hat mich auch das Konstruierte und Unglaubwürdige in vielen Sequenzen. Wenn ich etwas Fantastisches oder Humoriges lesen möchte, dass ich greife ich zu einem Buch, wo ich dieses erwarte. Hier habe ich mir ein Bild dieser Zeit mit realistischen Figuren erhofft und habe es leider nicht bekommen. Den vielen Sexszenen konnte ich ebenfalls nichts abgewinnen. Auch hier würde ich dann eher zur erotischen Literatur greifen und nicht zu einem Roman aus dem Literatursalon (obwohl es natürlich auch Klassiker des erotischen Romans gibt).
Hätte ich den Roman nicht in einer Leserunde gelesen, hätte ich das Buch abgebrochen.

Fazit:
Für mich war dieser Roman des französischen Autors Pierre Lemiatre leider eine Enttäuschung. Ich wurde weder mit dem Schreibstil, noch mit dem Humor des Schriftstellers warm und fand viele Szenen konstruiert und seine Figuren sehr überzogen. Jedoch sollte sich jeder selbst ein Bild zu dieser Geschichte machen, denn in der gemeinsamen Leserunde teilte sich die Leserschaft in zwei Hälften: Die einen feierten den Roman und die anderen konnten nichts damit anfangen. Fazit: Selbst lesen und herausfinden...

Veröffentlicht am 30.03.2019

Heirat oder Beruf?

Wir nannten es Freiheit
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Die Autorin ist mir nicht unbekannt, jedoch kenne ich sie von Romanen, die in der Gegenwart spielen. "Sie nannten es Freiheit" ist ihr erster historischer Roman. Als historischer Vielleser bemerkte ich ...

Die Autorin ist mir nicht unbekannt, jedoch kenne ich sie von Romanen, die in der Gegenwart spielen. "Sie nannten es Freiheit" ist ihr erster historischer Roman. Als historischer Vielleser bemerkte ich das leider schon im ersten Leseabschnitt. Ich kann es aber nur gefühlsmäßig wiedergeben, dass ich dies so empfunden habe und mit den weiteren Seiten, die ich las, änderte sich dieses Gefühl zum Positiven.

Lene kommt aus einfachen Verhältnissen, ist jedoch eine wissbegierig und fleißige Schülerin. Nach ihrem Pflichtschulabschluss bekommt sie von den adeligen Arbeitgebern ihrer Mutter die Chance ein Lehrerinnenseminar zu besuchen. Dies war schon immer ihr Traum. Nach Abschluss ihrer Ausbildung erhält sie an einer Mädchenschule in Schöneberg, Berlin, die Stelle einer Vertretungslehrerin. Es ist 1916 und wir befinden uns mitten im ersten Weltkrieg. Immer mehr Lehrer werden eingezogen oder kommen nicht mehr aus dem Krieg zurück. Auch Paul, Lenes Verlobter, erhält die Einberufung für den Frontdienst. Lene, die überglücklich ist, als Lehrerin arbeiten zu dürfen, denkt jedoch mit gemischten Gefühlen an ihre Zukunft. Nach ihrer Heirat mit Paul dürfte sie nach dem Lehrerinnen-Zölibat nicht mehr unterrichten. Muss sie sich zwischen Paul und ihrem Beruf entscheiden, wenn der Krieg vorüber ist?
Das Schicksal schlägt zu und Paul kehrt verwundet aus Frankreich zurück. Ihm quält nicht nur sein steifes Bein, sondern auch Alpträume. Jede Nacht wecken ihn die Erinnerungen an die Zeit in den Schützengräben. Die Beziehung wird zu einer großen Belastungsprobe und die beiden entfernen sich immer mehr voneinander....

Die Autorin zeigt in ihrem Roman, wie schwer es die einfache Bevölkerung während des Krieges hat. Der Schwarzmarkt blüht. Auch Lene versucht auf diese Weise Medikamente für ihre kranke Mutter einzutauschen, zu der sie eine liebevolle Beziehung hat. Die Wäscherin und Alleinerzieherin kann trotz zwei Arbeitsstellen und dem Lohn von Lene kaum die kleine Mietwohnung bezahlen. Gleichzeitig zeigt sie aber durch Ferdinand von dem Hofe, dem Sohn des adeligen Arbeitgebers ihrer Mutter, der seit Kindesbeinen mit Lene befreundet ist, das Leben der wohlhabenden Adeligen auf, die sich in Clubs amüsieren und kaum Hunger leiden müssen. Doch auch Ferdinand quälen Ängste...

Silke Schütze hat sich in ihrem ersten historischen Roman vorallem dem Thema des Lehrerinnenzölibats gewidmet. Vor nur wenig mehr als 100 Jahren sind Frauen von den Entscheidungen ihrer Ehemänner oder Väter abhängig. Ihnen wurde keinerlei Recht zugesprochen. 1916 gibt es für Frauen nur zwei Möglichkeiten: Heirat, Ehe und Kinder oder alleinstehend und berufstätig. Der engstirnige und selbstgefällige Schulleiter Frambosius macht es den Lehrerinnen an seiner Schule alles andere als leicht. Für ihn sind Frauen Menschen zweiter Klasse und er ist ein typischer Vertreter seiner Generation. Lene und ihre Kolleginnen fragen sich, wer all die im Krieg gefallenen Lehrer ersetzen soll, wenn verheirate Lehrerinnen vom Schuldienst ausgeschlossen werden? Sie starten eine gemeinsame Petition an den Oberbürgermeister...

Die Charaktere sind detailiert und lebendig ausgearbeitet. Sie sind individuell, haben Ecken und Kanten. Lene ist eine selbstbewusste junge Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Sie kümmert sich liebevoll um ihre kranke Mutter und wünscht sich für die Mädchen an ihrer Schule mehr Freiheit und Schulbildung. Sie wehrt sich gegen Ungerechtigkeit. Paul ist ein netter junger Mann, der jedoch nach seiner Kriegsverletzung in schwere Depressionen fällt. Lenes Lehrerkolleginnen sind großteils patente Frauen, die ihren Beruf mit genauso großer Liebe und Hingabe ausführen, wie Lene.
Einige Wendungen sind leider etwas vorhersehbar und ein Handlungsstrang verlief gänzlich im Sand und wurde nicht beantwortet.

Dass Lehrerinnen früher nicht heiraten durften, war mir bekannt. Ich muss aber gestehen, dass ich es zeitlich viel früher angesiedelt hätte. Es ist nämlich erschreckend zu lesen, dass zum Beispiel in Deutschland erst 1950 das Lehrerinnnenzölibat gänzlich abgeschafft wurde! Da waren wir in Österreich ausnahmsweise einmal fortschrittlicher. In meinem Bundesland wurde es bereits 1923 abgeschafft, jedoch dauerte es auch bis 1949 bis in allen neun Bundesländern Lehrerinnen heiraten und unterrichten durften.

Fazit:
Eine interessante Geschichte über die Stellung der Frau vor hundert Jahren und dem Lehrerinnenzölibat. Silke Schütze hat in ihrem ersten historischen Roman ein sehr interessantes Thema aufgegriffen und ein Stück Zeitgeschichte eingefangen. Einige Handlungen waren mir zu vorhersehbar und anfangs fehlte es mir noch an der richtigen Atmosphäre zu dieser Zeit. Insgesamt aber eine liebevoller und informativer Roman, der mir schöne Lesestunden bescherte.