Bestsellerautor Pascal Mercier, der Meister des philosophischen Erzählens, über Loslassen, Freiheit, Erinnerung und die Erfahrung von Vergänglichkeit und Zeit
Die Romane »Nachtzug nach Lissabon« und »Das Gewicht der Worte« verführten ein Millionenpublikum dazu, über große Themen wie Identität, Freiheit, Zeit oder den Sinn des Lebens nachzudenken. Nun ist Pascal Mercier in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu entdecken: Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal die Zeit seines Aufbruchs ins Leben heraufbeschwören? Wann beschädigt Großzügigkeit die Würde eines Künstlers? Gibt es Emotionen, die unser Verstand nicht mehr erreicht? Noch einmal lernen wir mit Pascal Mercier unvergessliche Figuren kennen, die uns mit ihren Gefühlen und Gedanken sehr nahekommen – und dabei unverhofft Einblicke in unser eigenes Selbst eröffnen.
Normalerweise bin ich kein Freund von Kurzgeschichten. Nachdem mir der Autor jedoch mit dem Werk Nachtzug nach Lissabon sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, war ich neugierig. Schade, dass wir keine weiteren ...
Normalerweise bin ich kein Freund von Kurzgeschichten. Nachdem mir der Autor jedoch mit dem Werk Nachtzug nach Lissabon sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, war ich neugierig. Schade, dass wir keine weiteren Geschichten von ihm lesen können, Pascal Mercier ist 2023 verstorben. Das Buch besteht aus fünf kurzen Episoden. Man taucht schnell in die jeweilige Begebenheit ein. Ohne viel Worte beschreibt der Autor die Situationen. Obwohl es nicht emotional geschrieben ist, fühlt man intensiv mit. Was wäre wenn? Was macht ein Leben aus und wie lange können Tage eigentlich sein? An wenigen Beispielen wird klar, dass man am Rad der Zeit nicht drehen kann, weder zurück noch nach vorne. Für mich ein Meisterwerk, das ich mir sicherlich noch in gedruckter Version für meine Sammlung kaufen werde.
Manche Bücher liest man nicht einfach, sie begleiten einen.
Still, fast unauffällig, und doch bleiben sie lange nach der letzten Seite im Inneren zurück. Der Fluss der Zeit ist für mich genau so ein Buch.
Fünf Geschichten, die vom Loslassen erzählen, von der Vergänglichkeit, von Erinnerung und von der Frage, wie wir mit unserer Zeit leben.
Es sind leise Geschichten, und gerade deshalb so eindringlich. Sie zeigen, wie das Leben vergeht; oft unbemerkt, manchmal schmerzhaft klar. Und sie lassen einen innehalten und über das eigene Leben nachdenken.
Was für ein Kleinod. Was für Weisheiten auf nur 112 Seiten.
„Ausräumen – das werden Sie machen müssen; ich will nicht mit ansehen, wie sie mein Leben hinaustragen.“ (Pos. 32)
Karl Prager liebt sein Haus. Und nun lässt er es los.Es fällt ihm nicht leicht. Mit einer gewissen Bestimmtheit möchte er sein Haus ein letztes Mal sehen, versucht dabei doch, die Vergangenheit festzuhalten. Er bemerkt es und versucht wieder loszulassen.
Es ist schmerzhaft, ihm zuzusehen. Wie er sein Leben, sein Haus, seine Erinnerungen zurücklässt. Diese Geschichte geht unter die Haut und bricht einem leise das Herz.
„Hier, genau hier in diesem Raum, ist das Zentrum meines Lebens“ (Pos. 253)
Luca Gaspari, ein angehender Pianist mit einem gebrochenen Finger, steht vor dem Verlust seiner Wohnung. Freunde kaufen sie und schenken sie ihm, damit er nur ein einziges Mal dankbar sein muss. Würde er dort kostenlos wohnen, könnte er sich verpflichtet fühlen, seine Dankbarkeit immer wieder zu zeigen. Also schenken sie ihm die Wohnung.
Sie wollten ihm Freiheit schenken.
„Generosità“, sagt Luca, jetzt versteht er dieses Wort.
Doch was diese Geste zwischen den Freunden auslöst, lässt sich nicht einfach abstellen. Dankbarkeit wird zur Last.
Für Luca, der sich verpflichtet fühlt, sie zu zeigen. Und für die Freunde, weil sie sie erwarten, obwohl sie das eigentlich nicht wollen.
Freiheit fühlt sich doch anders an oder?
„Du behandelst eine gefährliche Möglichkeit wie eine Wirklichkeit, eine Tatsache.“ (Pos. 424)
Zeit kann rasend schnell vergehen oder unerträglich langsam.
Für Jan Winter steht sie still, während er tagelang auf den Befund seines Arztes wartet. Die Angst, die Ungewissheit, das Warten auf die Laborergebnisse lassen seine Sorgen immer größer werden.
Sein Leben wird ihm bewusster. Seine begrenzte Zeit auf Erden. Und auch das Vertrauen, in den Arzt , in das Leben, seine Intuition, wird auf den Prüfstand gestellt.
Warum nicht im Jetzt leben? Annehmen. Vertrauen. Statt zu zweifeln und zu bangen.
„Ich wollte einfach nicht denken, dass vielleicht auch in ihm Schwäche sein könnte.“ (Pos. 709)
Lärm kann einen wahnsinnig machen. Ein Mann erlebt ihn als gewaltig, als unerträglich und doch erträgt er ihn.
Aus Stärke. Oder aus Schwäche.
Er hält alles aus. Bis zu einem gewissen Punkt.
Als Stille sein einziger Ausweg wird …
Ein Mann kehrt nach vierzig Jahren zurück nach Heidelberg. In seine damalige Wohnung. Zu den Anfängen seines Lebens. Er möchte alte Empfindungen wieder spüren, verstehen, was Zeit ist und wie er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist.
Doch zu seinem Entsetzen erkennt er, dass das Verfließen der Zeit unumkehrbar war.
„Schade, das mit der Entzauberung“ (Pos. 1011).
Vielleicht sollte man die Vergangenheit ruhen lassen. Erinnerungen einfach sein lassen und sie abheften wie ein wichtiges Dokument. #
Zart, poetisch und in wundervollen Episoden erzählt Pascal Mercier vom Fluss der Zeit.
Dieses Buch drängt sich nicht auf. Es lädt ein. Es flüstert Gedanken, statt Antworten zu geben.
Ein Buch, das mich als Leserin nachdenklich zurücklässt.
Was für ein Schatz. Was für ein Geschenk.
Den Schriftsteller Pascal Mercier habe ich in seinem Roman ‘Nachtzug nach Lissabon‘ kennen und schätzen gelernt. Nun wurden von dem bereits verstorbenen Autor fünf Geschichten aus seinem Nachlass beim ...
Den Schriftsteller Pascal Mercier habe ich in seinem Roman ‘Nachtzug nach Lissabon‘ kennen und schätzen gelernt. Nun wurden von dem bereits verstorbenen Autor fünf Geschichten aus seinem Nachlass beim Hanser Verlag unter dem Titel ‘Der Fluss der Zeit‘ veröffentlicht. Es ist ein Buch, dass sich poetisch in seiner Sprache und mit einer gewaltigen psychologischen Tiefe menschlicher Gefühle und Gedanken präsentiert, dass einen Nachhall bei mir erzeugt hat und die Freude am Lesen hervorbringt.
Immer stehen Menschen an einem Wendepunkt ihres Lebens im Mittelpunkt des Geschehens, der aus unterschiedlichen Gründen hervorgerufen wurde. Dabei werden Themen wie das Abschiednehmen von einem lieb gewonnen Ort, das Unbehagen darüber, ein Geschenk in einer Notsituation anzunehmen, Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugendzeit, das Nichtaushalten können einer extremen Lebenssituation und die unbändige Angst vor einer medizinischen Diagnose angesprochen und mit einer psychologischen Tiefe beschrieben, die eine Sogwirkung beim Lesen erzeugt.
Wer gern in diese brillant erzählten Geschichten, die vom Leben der Menschen in existentiellen Situationen berichten, eintauchen möchte, ist hier bestens aufgehoben.
Außer seinen Romanen, von denen „Nachtzug nach Lissabon“ (2004) der wohl bekannteste sein dürfte, schrieb der Schweizer Autor Pascal Mercier (1944-2023) auch zahlreiche Essays und Kurzgeschichten. Fünf ...
Außer seinen Romanen, von denen „Nachtzug nach Lissabon“(2004) der wohl bekannteste sein dürfte, schrieb der Schweizer Autor Pascal Mercier (1944-2023) auch zahlreiche Essays und Kurzgeschichten. Fünf dieser bisher unveröffentlichten Erzählungen aus seinem Nachlass sind in diesem Buch enthalten. Jede dieser Geschichten steht für sich, jedoch sind ihre zentralen Themen das Erinnern und Loslassen, Gedanken zum Altern, die Vergänglichkeit der Zeit und das Menschsein im Allgemeinen.
Sprache und Schreibstil sind wie gewohnt bei diesem Autor unaufgeregt, beinahe meditativ, nachdenklich und philosophisch. Im Fokus stehen häufig Gedanken und Monologe der Protagonisten, was tiefe Einblicke in deren Seelenleben zulässt, vom Leser jedoch eine gewisse Konzentration erfordert. Dafür wird man mit wunderbaren, einfühlsam und großartig geschriebenen Geschichten belohnt, die nachdenklich stimmen und noch lange nachhallen.
Fazit: Ein Meisterstück der Erzählkunst, ein Lesevergnügen das ich gerne weiterempfehle.
Pascal Mercier ist mir vor allem vom NACHTZUG NACH LISSABON bekannt. Fünf Erzählungen aus dem Nachlass von ihm sind es, die den FLUSS DER ZEIT thematisieren, ein schmaler Erzählband über das Loslassen ...
Pascal Mercier ist mir vor allem vom NACHTZUG NACH LISSABON bekannt. Fünf Erzählungen aus dem Nachlass von ihm sind es, die den FLUSS DER ZEIT thematisieren, ein schmaler Erzählband über das Loslassen oder davon, dass dies nicht jedem gut gelingen mag.
Wie etwa Karl Prager, dessen Familie 99 Jahre in dem Haus gelebt hat, das er nun an ein junges Paar verkauft hat. Die Übergabe berichtet davon. Er hat alles akribisch vorbereitet, ist stolz auf seinen Besitz, seinen ehemaligen Besitz, denn das Notarielle ist schon erledigt. Man spürt seine innere Zerrissenheit, sein ganzes Leben steckt in diesem Haus, seine Vergangenheit, all die schönen Momente und die Erinnerungen daran. Und dann kommt dieser schmerzliche Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt.
Jede Geschichte ist besonders, jede behandelt ein anderes Thema. Und doch geht es um das Leben, zuweilen um das Überleben müssen und darum, ob dies für den Einzelnen möglich ist. Es geht um die Stille, die ein Mann sucht, die er in seinem lauten Umfeld unbedingt braucht, ein anderer wartet auf einen Befund, der ungeahnte Ängste auslöst, der Nächste sieht sich durch einen Schicksalsschlag ohne jegliche Perspektive da stehen und wieder ein anderer kehrt nach vierzig Jahren zu dem Ort seiner Studienzeit zurück, schwelgt in Erinnerungen, verklärt das Vergangene.
Es sind kurze Episoden, die vom Sinn des Lebens berichten. Vom FLUSS DER ZEIT, der sich durch das Leben schlängelt. Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, denen ich begegne, alle kommen sie mir nahe. Es sind meist ältere Menschen, deren Geschichten mich nachhaltig beeindrucken, denen ich ein Weilchen zusehe, wie sie mit den Unzulänglichkeiten des Lebens fertig werden müssen. Oder auch nicht. Mercier, der Philosophie-Professor war, bringt diese Kurzgeschichten auf den Punkt. Jede einzelne dieser fünf Geschichten lässt mich nachdenklich zurück, jede ist in sich stimmig.