1984 in niedlich
Die Idee ist originell: wie der (ansonsten seltsame und unpassende) Titel schon verrät, steht in diesem Buch ein Handvoll Haushaltsgeräte im Mittelpunkt. Gemeinsam fragen sie sich, wie sie ihre Menschen ...
Die Idee ist originell: wie der (ansonsten seltsame und unpassende) Titel schon verrät, steht in diesem Buch ein Handvoll Haushaltsgeräte im Mittelpunkt. Gemeinsam fragen sie sich, wie sie ihre Menschen am besten unterstützen können, und diese Frage wird umso dringlicher und komplizierter, als Elie ihrer Krankheit erliegt und Harold alleine zulässt. Denn Trauer ist ein Gefühl, wie soll man diesem als nicht-fühlende Maschine begegnen?
Es ist vor allem Scout, die moderne Saugroboterin, die ihre feinen Sensoren ganz neugierig und naiv auf emotionale Schwingungen lenkt. Gerne lässt sie sich an einer Seite des Klaviers nieder und spürt, dass es da eben „mehr“ gibt als nur die Wiedergabe von bestimmten Tönen in bestimmten Abständen. Ihre geradezu philosophischen Gedankengänge über das, was nicht im messbaren Bereich liegt, sind so erfrischend wie tiefgründig. Ihr auf ihren vier Rollen durch das Haus zu folgen, ist eine reine Freude.
Nach einem gemütlichen Einstieg mit melancholischer Atmosphäre, liebevoller Schreibweise und herausragenden Dialogen zwischen Uhr, Kühlschrank und Saugroboter ist, gesellen sich dystopische Elemente zur Story. Das ist sehr geschickt gemacht, denn gerade weil sie so unvermutet und subtil auftauchen, wirken sie umso beklemmender. Die Fragen nach der Menschlichkeit werden auf ein höheres Level erweitert: was, wenn eine KI nicht nur im Haushalt, sondern im ganzen Land das Sagen hat? Hier trifft dieser Roman einen wunden Punkt unserer modernen Gesellschaft, sind wir doch diesem Szenario näher als je zuvor.
Der kluge Aufbau der Story lässt einen auf eine spannende Auflösung hoffen, in der jedes Element seinen Platz findet. Doch das System, in dem Haushaltsgeräte und Menschen leben und interagieren, weist zunehmen Logiklücken auf. Ein paar Unklarheiten seien einem ansonsten wunderbar charmanten Plot ja noch verziehen, doch hier vervielfältigen sie sich auf unangenehme Weise, da dadurch auch die Symbolik und die Botschaft "klemmt“.
Gleichzeitig tritt auch die Handlung auf der Stelle. Mehrfach wird auf die Aussichtlosigkeit der Lage hingewiesen, aber jegliches Weiterdenken wird mutwillig unterbrochen und im Keim erstickt, ganz so, als würde auch der Autor die Antwort nicht wissen, oder, noch schlimmer, gar nicht darüber nachdenken wollen. Dass ausgerechnet die Figur mit dem revolutionärsten Geist nicht mal den Versuch unternimmt, irgendwas zu unternehmen, sondern nur ein weiteres Mal über die Aussichtslosigkeit der Lage sinniert, lässt einen als Lesenden ratlos und irgendwann frustriert zurück.
Einzig die kleine Saugroboterin Scout kann noch für einen Funken Handlung sorgen. Ansonsten vermag der Autor nur noch einen Gott aus der Maschine zu kramen, um der Geschichte zu ihrem wohlverdientes Happy End zu verhelfen.
Ich habe dem Roman nach dem Zuklappen spontan vier Sterne vergeben, weil Scout eine der liebenswürdigsten Buchfiguren ist, die mir je untergekommen sind und ich die Lektüre als willkommene Abwechslung empfand!
Bei näherem Hinschauen sehe ich allerdings deutliche schriftstellerische Mängel: viel Tell statt Show, große Logiklücken, unnötige Redundanzen, eine enttäuschende Auflösung. So lande ich dann doch „nur“ bei 3 Sternen, auch wenn das Buch sicherlich noch viele begeisterte Scout-Fans finden wird.