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Veröffentlicht am 14.12.2025

Es gibt kein "Adama" ohne "dam"

Adama
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Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch ...

Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch zugrunde liegt, nämlich die Gründung des Staates Israel, polarisiert. Noch pikanter: Lavie Tidhar beschreibt diesen in erster Linie als Akt der Gewalt – und zwar von Seiten der Juden. „(Sie waren) Herrscher in diesem Land, diesem ‚Adama‘. Sie hatte das Wort im Hebräisch-Unterricht gelernt und hasste es. ‚Es gibt kein A-d-a-m-a ohne d-a-m‘, hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. ‚Dam‘ war hebräisch und bedeutete Blut.“ (S. 224)
Lavie Tidhar ist selbst in einem Kibbuz aufgewachsen. Als Leser ahnt man, dass seine Erfahrungen in dieser engen Gemeinschaft wohl am ehesten denen von Ophek und Lior gleichen, weil er – wenn auch eher hintergründig – einige Kritik an diesem System übt. Wenig subtil hingegen führt er aus, dass die Juden buchstäblich über Leichen gingen, um ihren eigenen Staat zu gründen.
So ist denn dieses Buch ein blutiges. Sicher kein klassischer Thriller, obwohl als solchen bezeichnet, aber dennoch ein Buch, für das man einen starken Magen braucht. Neben der Handlung, in der viele Waffen, Gewalt, Zigaretten, Sex und Tote eine wichtige Rolle spielen und fast jede auftretende Person irgendwann kotzt, ist es auch sprachlich herausfordernd mit so manch einer unappetitlichen Beschreibung, die es vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte. Einige davon können wohl schon als „hinüber“ bezeichnet werden.
Übertrieben wirken außerdem einige Charakterzeichnungen, insbesondere Ruth. Sie ist eine starke Frauenfigur und auf faszinierende Weise „morally grey“, doch es fehlt ihr an Authentizität, ihre Motive bleiben unklar. Ähnliches gilt für Lior, ihren Enkel, dem man sein eiskaltes Gangstergehabe irgendwie nicht so richtig abnimmt. In manchen Szenen kommt der Verdacht auf, dass der Autor fehlenden Tiefgang mit Splattereffekten zu kaschieren versucht – leider keine so gute Idee.
Andere Ideen wiederum sind einfach nur brillant. Die einzelnen und unterschiedlich langen Abschnitte spielen zu verschiedenen Zeiten (zwischen 1943 bis 2009) an verschiedenen Orten (überwiegend in Palästina / Israel, aber auch USA und Deutschland) mit verschiedenen Personen im Fokus. Sie alle stehen in einer bestimmten Beziehung zu Ruth, doch in welcher, entblättert sich manchmal erst im Laufe der Lektüre. Das benötigt eine gewisse Aufmerksamkeit beim Lesen, erhöht aber auch die Spannung und die Komplexität dieses Romans. Immer wieder streut Tidhar Hinweise auf Vergangenes oder Geheimgehaltenes ein, erwähnt Gegenstände oder Namen, die andernorts wieder auftauchen, verrät den Fortlauf von abgeschlossen geglaubten Nebensträngen, wiederholt manchmal wörtlich gewisse Sätze in einem völlig neuen Zusammenhang. Wie ein Puzzle setzt sich das Gesamtbild zusammen, und das Puzzeln hat mir unheimlich viel Spaß bereitet, weil sich die meisten Fragen irgendwann klären.
Sogar die Rahmenhandlung, die erstmal nicht zum Rest der Story zu passen scheint, fügt sich ein. Sie schlägt einen Bogen, der bewusst in einer uns geläufigeren (Fast-)Gegenwart landet. Mich hat die persönliche Erkenntnis, wie wenig ich von den inneren und äußeren Kämpfen meiner Vorfahren weiß, unerwartet heftig getroffen.
Für mich ein Grund, doch noch den vierten Stern zu zücken, nach einem teilweise absolut packenden, aber teilweise auch absolut abstoßenden Leseerlebnis.

Fazit: „Adama“ ist weniger Thriller, als eher eine blutige, kunstvoll verschachtelt erzählte Familiengeschichte über mehrere Generationen im Umfeld eines Kibbuz. Trotz des strittigen Grundthemas sind die neuen Erkenntnisse über die idealistisch-politischen Hintergründe leider nur oberflächlicher Art. Allerdings vermag das Buch gerade in dieser drastischen, gewalt-betonten Form auch eine Erklärung abzuliefern, warum auf diesem Stück Erde ein friedliches Zusammenleben so unmöglich erscheint wie fast nirgendwo sonst.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Dichte Sprache, faszinierende Form

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Wieso heimlich? Und wieso müssen die armen Schafe dranglauben? - Der Titel des Buches ist sperrig und lang, doch das Außergewöhnlichste daran ist: der Text im Inneren zeichnet sich genau dadurch aus, NICHT ...

Wieso heimlich? Und wieso müssen die armen Schafe dranglauben? - Der Titel des Buches ist sperrig und lang, doch das Außergewöhnlichste daran ist: der Text im Inneren zeichnet sich genau dadurch aus, NICHT sperrig und lang zu sein. Im Gegenteil, die Prosa ist äußerst prägnant und weiß mit wenigen Worten viel auszudrücken. Manchmal sind es nur Aufzählungen, die ganze Geschichten erzählen. Manchmal ist es sogar die Leere, die alles sagt.
In dieser faszinierenden Form ist dieser Roman nicht einfach eine Familiengeschichte über vier Generationen, sondern ein literarisch sehr ausgeklügeltes Werk, in dem die Beziehungen und Dynamiken zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern nachvollziehbar aufgezeigt werden.
Ein weiterer außergewöhnlicher Punkt: Wie eng sich die Beschreibungen an den banalen Alltag und historische Begebenheiten halten (als wäre man selber dabei, wenn geboren, gestorben, und ja, geschlachtet wird), um dann mit einer Portion magischem Realismus überhöht und verstärkt zu werden. Das scheint widersprüchlich zu sein, und ist doch so geschickt verwoben, dass man es widerspruchslos hinnimmt.
Im ersten Teil zumindest. Ich freute mich unheimlich über die Dichte und Originalität der vielen kurzen Kapitel und der Weg zu einem Highlight schien gebahnt.
Wieso heimlich, und wieso die Schafe, dieses Geheimnis wird gelüftet… Wären nur noch die Zitronen…
Allerdings verlor mich das Buch im zweiten Teil etwas. Die Figuren wirken hier zunehmend statisch in ihren Rollen, die nüchterne Sprache vermochte mir kaum mehr Emotionen zu wecken. Am Ende… sind es die Zitronen… Auch diese Frage wird beantwortet, andere Entwicklungen jedoch nicht, und die Balance zwischen „magisch“ und „Realismus“ stimmte in meinen Augen nicht mehr.
Meckern auf hohem Niveau - denn dieser Roman ist sicherlich ein eindrückliches Leseerlebnis und auch ich kann nur anerkennend nicken, wenn Anna Maschik als großes neues Talent gehandelt wird.

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Veröffentlicht am 08.11.2025

mit dem Wow-Effekt wurde es "nichts"

Dr. No
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„Dr. No“ wurde mir als „James-Bond-Parodie mit philosophischen Anklängen und Wortwitz“ empfohlen, und diese Charakterisierung trifft es ziemlich genau. Mit wunderbarer Ironie lässt Percival Everett seinen ...

„Dr. No“ wurde mir als „James-Bond-Parodie mit philosophischen Anklängen und Wortwitz“ empfohlen, und diese Charakterisierung trifft es ziemlich genau. Mit wunderbarer Ironie lässt Percival Everett seinen Helden von einem grundbösen Gauner quer über den Erdball und von hier nach da in Amerika schicken, selbstverständlich spielen dabei U-Boote, Flugzeuge, langbeinige Frauen und Drogen eine Rolle. Solche ins Absurde gezogene Action-Szenen wechseln sich mit intellektuell fordernden mathematischen Abhandlungen und Theorien über „nichts“ ab. Dieses Konzept ist gewagt, funktioniert aber gut, wenn man leicht nerdig veranlagt ist und sich von mathematischen Begriffen nicht gleich in die Flucht schlagen lässt. Tatsächlich waren die sinnfreien Dialoge zwischen den beiden Mathe-Aspergern Wala Kitu und Eigen Vector mein persönliches Highlight.
Allerdings hat mich „Dr. No“ in seiner Ausführung nicht komplett überzeugen können. Die nichts-Witze wirken irgendwann ausgelutscht, die philosophischen Aspekte bleiben oberflächlich, die Thriller-Aspekte lahm und irgendwie auch planlos. Das Ende passt – und enttäuscht gleichermaßen.

Fazit: „Dr. No“ hat mich mit seinen wilden, unverständlichen Theorien und den abgedrehten Charakteren einige Male schmunzeln lassen, mit dem Wow-Effekt wurde es allerdings nichts.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Als afrikanischer Löwe gestartet, als Rosamunde Pilcher gelandet

Wohin du auch gehst
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Entgegen der vielen begeisterten Rezensionen konnte ich mit dem Debütroman der PoC-Autorin „Wohin du auch gehst“ nicht viel anfangen. Viel zu oft ließ mich die daumendick aufgetragene Dramatik und die ...

Entgegen der vielen begeisterten Rezensionen konnte ich mit dem Debütroman der PoC-Autorin „Wohin du auch gehst“ nicht viel anfangen. Viel zu oft ließ mich die daumendick aufgetragene Dramatik und die Tendenz der Autorin, so haarsträubende Wendungen zu erfinden, dass sie wiederum vorhersehbar werden, die Augen verrollen.

Schade um die gute Grundidee dieses Romans, der außerdem mit plastischen Charakteren punktet und immerhin sein Versprechen einlöst, einen interessanten Einblick in die kongolesische Kultur zu liefern. Obwohl ein Großteil der Handlung in der Diaspora spielt, werden die afrikanischen Gerüche, Aromen, Farben, Stimmungen und Eigenheiten mit kleinen, feinen Details lebendig. Langatmige Beschreibungen braucht dieses Buch nicht, dadurch wird der Plot zügig vorangetrieben; die vielen Personen- und Zeitwechsel fordern zwar manchmal etwas Konzentration, doch der Stil bleibt immer flüssig und gut lesbar.

Oft hätte ich mir aber tatsächlich weniger Handlung und dafür mehr psychologische Tiefe gewünscht. Gerade der Zwiespalt zwischen Queerness und Religion, der einen großen Raum dieses Buches einnimmt, wird fast nur in aufrüttelnden, plakativen Bildern wiedergegeben. Bei einem solch sensiblen Thema hätte ich mir eine viel differenzierte Auseinandersetzung der gegensätzlichen Meinungen gewünscht.

Diese arg schlicht gehaltene Darstellungsweise wird dann noch von einem Happy End untermauert, das allzu leicht verdaulich und dafür umso weniger glaubwürdig wirkt. War in den ersten Kapiteln noch ein gewisser Biss zu erkennen, landet dieser afrikanische Löwe schließlich als Bettvorleger in Kitschsoße.

Deshalb: keine schlechte, aber eine insgesamt doch enttäuschende Lektüre.

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Veröffentlicht am 04.10.2025

Mitreißend und authentisch

Faces - Die Hoffnung hat viele Gesichter
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Seit 2017 reist Thomas Meyerhöfer durch Deutschland und die Schweiz, um die verschiedensten Menschen für seine wöchentliche Sendung zu suchen und aufzusuchen. „superfromm“ heißt das Format und ist ironisch ...

Seit 2017 reist Thomas Meyerhöfer durch Deutschland und die Schweiz, um die verschiedensten Menschen für seine wöchentliche Sendung zu suchen und aufzusuchen. „superfromm“ heißt das Format und ist ironisch gemeint. Denn hier geht es nicht um auf Hochglanz gebürstete superfromme Glaubenshelden. „Es hat mich ohne Ende genervt, dass in vielen Geschichten am Ende alles perfekt war. Alles glücklich, alles gerettet, alles safe. Aber so lief das Leben nicht.“ (S. 120) Auch die Sendung nicht. Es geht um Geschichten von Unsichtbaren. Geschichten von Leuten, die kämpfen müssen. Rau. Direkt. Unperfekt. Oft schmerzlich. Aber auch um Verwandlungen, um kleine Wunder, ums Nichtaufgeben, und immer wieder um dieses Schimmern am Horizont, das sich Hoffnung nennt.
„Faces – Die Hoffnung hat viele Gesichter“ heißt das nun erschienene Buch dazu.
Aus ganz vielen hat Thomas Meyerhöfer 12 Gespräche ausgesucht, die er mit seiner eigenen Geschichte (eine ebenso holprige ist wie die seiner Gesprächspartner) und der von „superfromm“ verwebt, von der Idee über die bescheidenen Anfänge mit YouTube-Kanal bis hin zum eigenen Sendeplatz auf BibelTV. Was mich anfangs irritiert hat (warum lässt er nicht einfach die Menschen erzählen?) entpuppt sich als sehr geschickte Lösung, beiden Komponenten eines Interviews – nämlich Erzählende und Moderator – ihren Raum zu geben. Denn Meyerhöfer beobachtet (und er beobachtet sehr genau!), was mit den Menschen passiert, die gerade ihr Innerstes entblößen, und er umschreibt die Umgebung und die Atmosphäre, in der die Geschichten erzählt werden, so bildreich und nah, dass man sich als Lesende „mittendrin“ fühlt. Das Geschriebene funktioniert an sich schon wie ein Film, wer trotzdem noch nicht genug hat, wird mit einem QR-Code direkt zum entsprechenden Aufnahme weitergeleitet.
Ich wollte eigentlich nur kurz reinschnuppern – und schon konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen! Jedes Kapitel ist so mitreißend, wie es der Untertitel verspricht, und damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt: „Faces“ ist ein Buch, das gelesen werden will!
Ein Buch, das schon alleine von Aufmachung, Konzept und Schreibstil her Freude macht, ein Buch, das aber auch inhaltlich sehr viel zu bieten hat. Die Ehrlichkeit, mit der hier echte Menschen Einblicke in ihre Lebensumstände geben, ist so beeindruckend wie die dahinterliegende christliche Botschaft, die ganz ohne Dogmen und Wertungen daherkommt.
Uneingeschränkt empfehlenswert!

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