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Veröffentlicht am 05.03.2026

Lieblos

Die drei ??? Kids, Bücherhelden 1. Klasse, Witze zum Lesenlernen
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Die drei ??? Kids gibt es nun auch in leseanfängerfreundlichen kleinen Häppchen in Form von Witzen. Die Schrift ist in Form und Größe perfekt gewählt, die Silbenfärbung vereinfacht das Lesen. Die großen ...

Die drei ??? Kids gibt es nun auch in leseanfängerfreundlichen kleinen Häppchen in Form von Witzen. Die Schrift ist in Form und Größe perfekt gewählt, die Silbenfärbung vereinfacht das Lesen. Die großen bunten Bilder des bereits bekannten Illustrators passen sowohl zum Text als auch zur ganzen Serie an Die drei ???- Kids-Bänden.
Optisch ist dieses Buch also (zwar nicht wirklich originell, aber) gelungen, inhaltlich jedoch hat es uns überhaupt nicht überzeugen können. Die Witze sind entweder uralt oder lahm oder beides zusammen. Hier hat wahrscheinlich jemand in 50 Jahre alten Fix und Foxi-Ausgaben nach Material gesucht, gesammelt und die Namen in Peter, Justus und Bob verwandelt – das war’s. Das wirkt altbacken, spröde und einfach überhaupt nicht lustig. Bei meinem 8jährigen Testkind hat es nicht gefunkt, und manche Witze haben sogar die älteren Geschwister nicht verstanden, weil sie so platt sind.
Dieses Buch mag vielleicht lesemuffelige Drei ???- Fans zu ersten Leseübungen bewegen. Für alle anderen, die wirklich Spaß haben wollen, ist es leider nicht geeignet.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Hartes Thema, sanfter Umgang, dichte Konstruktion

Die Namen
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Wenn ich ein Buch bewerten muss, stelle ich innerlich eine Liste über die Dinge auf, die es zu kritisieren gibt und ziehe entsprechend Sterne ab. Nun halte ich ein Buch in den Händen, bei dem ich mich ...

Wenn ich ein Buch bewerten muss, stelle ich innerlich eine Liste über die Dinge auf, die es zu kritisieren gibt und ziehe entsprechend Sterne ab. Nun halte ich ein Buch in den Händen, bei dem ich mich einfach nicht überwinden kann, keine 5 Sterne zu geben – und dies trotz ziemlich gewichtigen Mängeln.
Fangen wir bei Titel und Klappentext an. Diese suggerieren, dass der Name des Kindes seine Zukunft beeinflusst, doch dies ist höchstens die halbe Wahrheit. Schon einen Tag nach dem Eintrag ins Geburtsregister wird das Leben dieses Säuglings je nach Name komplett anders aussehen, doch diese drastischen Unterschiede sind auf die Reaktionen der Eltern auf die Namensgebung zurückzuführen, insbesondere der des Vaters. Dieser wird im Klappentext als „herrisch“ bezeichnet, was aber eine eher nette Beschreibung ist, denn er ist ein manipulatives, gewalttätiges Ekelpaket.
Man merkt schnell (deswegen ist das auch kein Spoiler): In „Die Namen“ spielen Namen zwar eine leise Rolle, aber im Prinzip ist es ein Buch über häusliche Gewalt; der Verlag hat diesen Ausdruck im Klappentext wahrscheinlich vermieden, um keine potentiellen Leserinnen abzuschrecken, ich hingegen finde diese Erwähnung angebracht. Denn dieses Thema zieht sich durch das ganze Buch.
Zurück zum Vater, diese Figur ist denn auch ein weiterer großer Kritikpunkt. Er bleibt konturenlos und fern. Seine Taten sind einfach nur grässlich, die Hintergründe werden aber nicht beleuchtet. Auch das ist wohl Absicht, um dem Täter keine Stimme zu geben. Damit man nicht doch noch ein Fünkchen Verständnis für etwas aufbringt, was untolerierbar ist. Als Leserin empfand ich es jedoch als unbefriedigend, zumal die wenigen punktuellen Einsichten kein stimmiges, greifbares Bild von ihm ergeben.
Aber auch die Hauptprotagonisten Cora, Maia und „der Junge“ sind nicht sehr vielschichtig gezeichnet. Es sind eher die Nebenfiguren, die die Geschichte lebendig werden lassen (darunter gibt es ein paar richtige Sympathie-Perlen…), und zwar auf eine wunderbar liebevolle Art…
… Womit wir schon bei den Pluspunkten dieses Romans angelangt sind:
Trotz des erschütternden Grundthemas ist „Die Namen“ ein hoffnungsvolles und tröstliches Buch. Eines, das glaubwürdig von Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Stärke, Wachstum und Überwindung erzählt.
Es ist ein Buch, das unheimlich viele Emotionen beinhaltet und gleichzeitig auslöst (nein, ich weine nie beim Lesen… jedenfalls fast nie…)
Ein Buch, indem unheimlich viel passiert.
Die Autorin entblättert auf etwas über 300 Seiten gleich drei verschiedene Lebensversionen, und zwar nicht nur von dem benannten Jungen (Bear, Julian, Gordon), sondern auch von Mutter Cora und Schwester Maia. Über 35 Jahre erstreckt sich die Erzählung und macht damit schnell klar: hier geht es nicht um Feinheiten, sondern darum, einen größeren Bogen zu schlagen und längerfristige Entwicklungen aufzuzeigen. Die psychologische Tiefe geht quasi auf Kosten der Handlung verloren, allerdings schafft es die Autorin, mit Hilfe dieser Handlungen auszudrücken, was im Inneren der Figuren vonstattengeht.
Alle sieben Jahre erhaschen wir einen Blick auf diese Personen. Dieser Abstand ist groß, was dazwischen passiert, muss man sich als Leserin oft selber zusammenreimen. Die Hinweise dazu lässt die Autorin meisterlich in den Text einfließen, so dass man einerseits völlig in die jeweilige aktuelle Lebenssituation eintauchen kann und trotzdem die nötigen Informationen über das bekommt, was zwischendurch passiert ist. Hier wird klar, warum dieses Buch als „Bester Debütroman seit langem“ gehandelt wird: Unheimlich souverän hält Florence Knapp die vielen Fäden ihrer verschiedenen Handlungsstränge in der Hand, die Entwicklungen sind trotz der erzählerischen Lücken stets schlüssig, es gibt keine Wiederholungen, keine Längen, dafür verblüffende Details und manchmal auch augenzwinkernde Kleinigkeiten zu entdecken.
Obwohl „Die Namen“ definitiv kein Spannungsroman ist, klebt man an den Seiten. Man will wissen, wie es weitergeht. Und es geht weiter. In einer Dichte, die ihresgleichen sucht. Auf jeder Seite, beinahe in jedem Satz eröffnet sich etwas Neues, manchmal unerwartet, manchmal erhofft, manchmal seelenzerschmetternd.
Und dann die Sprache. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Sätze in einem Buch angestrichen! Wie toll bitteschön ist der Ausdruck „Schwindelerregende Ganzkörperfreude!“ (S. 17) Aber auch viele andere Aussagen tragen so viel Herzlichkeit in sich: „Seine Güte und Wärme haben sich tiefer in seinem Gesicht festgesetzt…“ (S. 114)
Die wunderbare empathische, herzerwärmende Ausdrucksweise macht das Buch dann endgültig zu einem Highlight.
„Im Laufen spürt er, wie seine Hoffnung Auftrieb bekommt wie ein Drachen, er rennt schneller, will sie höher steigen lassen, will an ein Happy End glauben.“ (S. 318) Das will man auch als Leserin, an ein Happy End glauben, und deshalb dieses Buch bis zum letzten Buchstaben nicht mehr loslassen. Um es danach weiterzugeben und mindesten weiterzuempfehlen – nicht nur, aber auch, weil man sich gerne mit jemandem über das Gelesene austauschen möchte. Weil man sich auch nach der Lektüre noch fragt, ob das Happy End wirklich eingetroffen ist, wenn ja, für wen, und vielleicht auch, was ein Happy End eigentlich bedeutet.
Dieses Buch hat 5 Sterne verdient, jeder Mängelliste zum Trotz. Weil es fesselt, schockiert, berührt, bewegt, mitreißt, weil es fordert und weil es viel zurückgibt. Weil man es nicht so schnell vergessen wird.

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Veröffentlicht am 09.02.2026

Der Geschichtenlieferbote hat sich unterwegs verzettelt

Liefern
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„Liefern“ liefert frei Haus informative Einblicke in den Alltag derer, die liefern. Egal ob Pizza, Curry oder Sushi, egal ob Deutschland, Israel, Indien, Türkei oder Argentinien: die sogenannten ...

„Liefern“ liefert frei Haus informative Einblicke in den Alltag derer, die liefern. Egal ob Pizza, Curry oder Sushi, egal ob Deutschland, Israel, Indien, Türkei oder Argentinien: die sogenannten Rider stehen auf der untersten Stufe der Nahrungskette. Sie werden ausgenutzt, stehen permanent unter Zeit- und Bewertungs-Druck, müssen erhebliche Gefahren in Kauf nehmen und werden nur unzureichend entlohnt. Kein Wunder also, dass Essensauslieferer Filmon den Vorschlag bekommt, den Dorftrottel des globalen Dorfes zu geben, denn das sind sie wohl alle.
Autor Tomer Gardi bietet dagegen einen Perspektivwechsel an: wie wäre es, in ihnen „richtige“ Menschen zu sehen? Menschen mit Träumen, Zielen, Sehnsüchten, Menschen, die Verantwortung übernehmen für andere, für Freunde und Familie, mit einem Kind auf dem Rücksitz oder aber einem Kind, das sie zwar gezeugt, aber noch nie in die Arme geschlossen haben?
Und wie wäre es, ein paar der Automatismen aufzuzeigen, welche die Rider trotz der miesen Arbeitsbedingungen weiterhin auf ihre Zweiräder zwingen? Wie wäre es, damit unser eigenes, höchst privilegiertes Konsumverhalten zu hinterfragen?
Gardi schafft es, sich im Windschatten der Rider bewegend, auf die Schattenseiten der globalisierten Medaille aufmerksam zu machen, ohne in Gejammer zu verfallen. Er präsentiert uns Menschen, die vor Lebenswillen strotzen, er findet irgendwo in der dreckigen Gosse auch immer wieder eine Spur Humor. So lesen sich diese einzelnen, mit einem feinen Faden über die Weltkugel zusammengesponnen Episoden ohne Schwermut und ohne moralischen Zeigefinger. Mir haben allein schon die Namen der Lieferdienste Spaß gemacht, aber auch etliche andere liebevoll-skurille Details zeugen vom Einfallsreichtum und der Weltzugewandtheit des Autors. So gibt es zum Beispiel „den erster Eritreer der Weltgeschichte, der Jiddisch sprach“ (S. 28) oder eine genervte Verfolgergruppe, die sich aus Langeweile zu Fanaticos wandelt. „Sie brachten den Gringos, Japanern und Tedescos die schlimmsten Lieder gegen Boca bei… Die Touristen sangen mit, fluchten mit, so stolz, so begeistert, ganz nah am authentischen Ausdruck der argentinischen Seele dran zu sein.“ (S. 274)
Neben diesen sehr gelungenen Anteilen, die diesen Roman absolut lesenswert machen, hatte ich mit „Liefern“ drei Probleme: 1. kommt der Autor immer wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und erzählt Dinge, die nach einer Fortsetzung, einer Erklärung oder einem Clou schreien, welche aber nie auftauchen. 2. fand ich das Kapitel „Memesis“ viel zu langgezogen, langatmig und langweilig. Vorbei der Leseschwung. 3. musste ich parallel ein anderes Buch lesen, welches mir eindrücklich vorführte, dass es möglich ist, mit wenig Text viel zu erzählen. Der Rezensionszeitpunkt für diesen Roman ist also eher ungünstig. Dafür kann Tomer Gardi nichts. Aber eine deutliche Kürzung hätte dem Werk nicht geschadet, sondern seine Wärme, seine Witz- und Spritzigkeit noch deutlicher zum Vorschein treten lassen. Wenn er das nächste Mal liefert, sollte er einen direkteren Weg wählen - die 5 Sterne sind ihm sicher!

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Zusammen ist man weniger - oder noch mehr - allein

Alle glücklich
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Mutter, Vater, Sohn, Tochter: In perspektivisch abwechselnden Kapiteln geht es um die Mitglieder einer normalen deutschen Mittelschicht-Familie, die ALLE GLÜCKLICH sind… oder sein sollten… oder wenigstens ...

Mutter, Vater, Sohn, Tochter: In perspektivisch abwechselnden Kapiteln geht es um die Mitglieder einer normalen deutschen Mittelschicht-Familie, die ALLE GLÜCKLICH sind… oder sein sollten… oder wenigstens so wirken müssten… es aber es nicht sind. Es sind alltägliche, typische Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, es geht um Selbstwert, um Beziehungen, um den Platz in der Gesellschaft und der Arbeitswelt und eben auch: den Stellenwert der Familie.
In die Hauptperson Nina, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten hauptsächlich um den Haushalt und die Kinder (die nun - mit 16 und 19 Jahren - merklich selbständig werden) gekümmert hat, konnte ich mich sofort hineinversetzen. Doch auch die Gedanken und Handlungen der anderen Familienmitglieder sind problemlos nachvollziehbar. Man merkt der Autorin an, dass sie sich mit Psychologie beschäftigt hat, so klar und einleuchtend, wie sie die Beweggründe ihrer Figuren aufdröseln kann. Außerdem ist ihr Schreibstil ist schnörkellos und flüssig, so dass die Seiten nur so dahinfliegen. Die sich abzeichnenden Tragödien lösen eine gewisse Beklemmung, aber gleichzeitig einen unaufhaltsamen Lesesog aus.
Die Probleme der vier nebeneinanderher lebenden Personen spitzen sich im Laufe des Romans zu und erreichen dramatische Dimensionen, die mir persönlich schon wieder zu übertrieben schienen. Ich hätte mir gegen Ende eine vielschichtigere Tiefe gewünscht statt der sich überschlagenden Ereignisse. Zugegebenermaßen ist es aber gerade diese Dramatik, die Nachhall erzeugt und unbequeme Themen aufzuwerfen weiß. Es regt an, ehrlich zu sein, sowohl zu den anderen als auch mit sich selber, und miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch – oder gerade dann! – wenn es weh tut.
„Alle glücklich“ ist ein Roman, der mit klaren Charakterzeichnungen und entwicklungsgetriebenem Plot den Lesebedürfnissen des breiten Publikums entgegenkommt. Er punktet mit großer Alltagsnähe und bietet viel Identifikationspotential, sowohl für junge als auch „mittelalterliche“ Erwachsene.

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Es gibt kein "Adama" ohne "dam"

Adama
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Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch ...

Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch zugrunde liegt, nämlich die Gründung des Staates Israel, polarisiert. Noch pikanter: Lavie Tidhar beschreibt diesen in erster Linie als Akt der Gewalt – und zwar von Seiten der Juden. „(Sie waren) Herrscher in diesem Land, diesem ‚Adama‘. Sie hatte das Wort im Hebräisch-Unterricht gelernt und hasste es. ‚Es gibt kein A-d-a-m-a ohne d-a-m‘, hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. ‚Dam‘ war hebräisch und bedeutete Blut.“ (S. 224)
Lavie Tidhar ist selbst in einem Kibbuz aufgewachsen. Als Leser ahnt man, dass seine Erfahrungen in dieser engen Gemeinschaft wohl am ehesten denen von Ophek und Lior gleichen, weil er – wenn auch eher hintergründig – einige Kritik an diesem System übt. Wenig subtil hingegen führt er aus, dass die Juden buchstäblich über Leichen gingen, um ihren eigenen Staat zu gründen.
So ist denn dieses Buch ein blutiges. Sicher kein klassischer Thriller, obwohl als solchen bezeichnet, aber dennoch ein Buch, für das man einen starken Magen braucht. Neben der Handlung, in der viele Waffen, Gewalt, Zigaretten, Sex und Tote eine wichtige Rolle spielen und fast jede auftretende Person irgendwann kotzt, ist es auch sprachlich herausfordernd mit so manch einer unappetitlichen Beschreibung, die es vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte. Einige davon können wohl schon als „hinüber“ bezeichnet werden.
Übertrieben wirken außerdem einige Charakterzeichnungen, insbesondere Ruth. Sie ist eine starke Frauenfigur und auf faszinierende Weise „morally grey“, doch es fehlt ihr an Authentizität, ihre Motive bleiben unklar. Ähnliches gilt für Lior, ihren Enkel, dem man sein eiskaltes Gangstergehabe irgendwie nicht so richtig abnimmt. In manchen Szenen kommt der Verdacht auf, dass der Autor fehlenden Tiefgang mit Splattereffekten zu kaschieren versucht – leider keine so gute Idee.
Andere Ideen wiederum sind einfach nur brillant. Die einzelnen und unterschiedlich langen Abschnitte spielen zu verschiedenen Zeiten (zwischen 1943 bis 2009) an verschiedenen Orten (überwiegend in Palästina / Israel, aber auch USA und Deutschland) mit verschiedenen Personen im Fokus. Sie alle stehen in einer bestimmten Beziehung zu Ruth, doch in welcher, entblättert sich manchmal erst im Laufe der Lektüre. Das benötigt eine gewisse Aufmerksamkeit beim Lesen, erhöht aber auch die Spannung und die Komplexität dieses Romans. Immer wieder streut Tidhar Hinweise auf Vergangenes oder Geheimgehaltenes ein, erwähnt Gegenstände oder Namen, die andernorts wieder auftauchen, verrät den Fortlauf von abgeschlossen geglaubten Nebensträngen, wiederholt manchmal wörtlich gewisse Sätze in einem völlig neuen Zusammenhang. Wie ein Puzzle setzt sich das Gesamtbild zusammen, und das Puzzeln hat mir unheimlich viel Spaß bereitet, weil sich die meisten Fragen irgendwann klären.
Sogar die Rahmenhandlung, die erstmal nicht zum Rest der Story zu passen scheint, fügt sich ein. Sie schlägt einen Bogen, der bewusst in einer uns geläufigeren (Fast-)Gegenwart landet. Mich hat die persönliche Erkenntnis, wie wenig ich von den inneren und äußeren Kämpfen meiner Vorfahren weiß, unerwartet heftig getroffen.
Für mich ein Grund, doch noch den vierten Stern zu zücken, nach einem teilweise absolut packenden, aber teilweise auch absolut abstoßenden Leseerlebnis.

Fazit: „Adama“ ist weniger Thriller, als eher eine blutige, kunstvoll verschachtelt erzählte Familiengeschichte über mehrere Generationen im Umfeld eines Kibbuz. Trotz des strittigen Grundthemas sind die neuen Erkenntnisse über die idealistisch-politischen Hintergründe leider nur oberflächlicher Art. Allerdings vermag das Buch gerade in dieser drastischen, gewalt-betonten Form auch eine Erklärung abzuliefern, warum auf diesem Stück Erde ein friedliches Zusammenleben so unmöglich erscheint wie fast nirgendwo sonst.

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