Ein stummes Kind, eine Lehrerin, ein Sonnensystem und eine Katze
Die Sterne ordnenNormalerweise mache ich um Bücher, die vom 2. Weltkrieg handeln, einen großen Bogen; müde von dem Durchgekaue in der Schule, müde von vielen Wiederholungen ohne neuen Erkenntnisgewinn, müde von sich immer ...
Normalerweise mache ich um Bücher, die vom 2. Weltkrieg handeln, einen großen Bogen; müde von dem Durchgekaue in der Schule, müde von vielen Wiederholungen ohne neuen Erkenntnisgewinn, müde von sich immer wieder ähnelnden Motiven in Literatur und Film.
Dass ich dieses Buch gekauft habe, liegt zugegebenermaßen vor allem am aussagekräftigen Bild mit Katze auf dem Umschlag. Es sollte sich dennoch als Glücksgriff herausstellen…
Denn hier wird nicht nur einfach eine nette Geschichte erzählt, deren Ende sich Daus dem Klappentext schon erahnen lässt (und auf die ich hier aus Spoilergründen wieder einmal nicht näher eingehe).
Die Autorin gräbt stattdessen tief in der Vergangenheit der beiden noch jungen Hauptprotagonistinnen (Lehrerin Gilla und ihr Schützling Francesca), wirft einen Blick auf ihre Familien und immer wieder auch auf die realen historischen Dokumente wie Zeitungsartikel oder Regierungsbeschlüsse. Es braucht ein wenig Durchhaltevermögen, sich in diesen Zeit- und Ortswechseln orientieren und die kommentarlosen Fakten-Einschübe einzuordnen zu können. Doch genau diese fragmentarische Konstruktion ist unheimlich wirkungsvoll, denn sie verzichtet darauf, vorgekaute Lösungen oder Denkmuster zu liefern, sondern regt vielmehr die eigenen Reflektionen an.
Gleichzeitig bleibt dieses Buch eben nicht bei trockenen Daten und Fakten, sondern bietet eine große Nähe zu den Figuren, und es sind ganz durchschnittliche Menschen, deren Leben hier aufgezeichnet wird, allesamt auf die eine oder andere Weise vom Krieg gezeichnet. Sehr eindrucksvoll wird geschildert, was es bedeutete, in diesen Zeiten irgendwie zu überleben, und es sind eher kleine Dinge, Details, die hängenbleiben: die allgemeine Unsicherheit, der Schlafmangel bei nächtlichen Bombenangriffen, das Knapperwerden von Lebensmittel und Ressourcen, das tagelange Stehen in Warteschlangen.
Und am Ende eben auch, was es nach diesem Krieg bedeutete, einen Alltag zu finden. Ein Alltag, indem ein Modell unseres Sonnensystems und eine Katze Gold wert sind. Ein Alltag, der durch geregelten Schulunterricht und eine Mädchenfreundschaft eine neue, wundervolle Ordnung wiederfindet.
Unbedingt lesen – ein Roman für Hirn und Herz gleichermaßen!