Profilbild von angioletta

angioletta

Lesejury-Mitglied
offline

angioletta ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit angioletta über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2026

Schlicht und ergreifend

Der letzte Sommer der Tauben
0

Es gibt schon viele Romane, welche die Unterdrückung durch ein islamistisches Regime thematisieren und die meistens von Menschen geschrieben sind, die genau deswegen in westliche Länder geflüchtet sind. ...

Es gibt schon viele Romane, welche die Unterdrückung durch ein islamistisches Regime thematisieren und die meistens von Menschen geschrieben sind, die genau deswegen in westliche Länder geflüchtet sind. „Der letzte Sommer der Tauben“ reiht sich von daher in eine ganze Liste solcher Bücher ein. Was es von den anderen unterscheidet, ist erstens: die beschriebene Zeitspanne, zweitens: die Perspektive und drittens: die Tauben.
Zeitlich dreht sich Abbas Khiders neuestes Werk spannenderweise um den Übergang zu einem Gottesstaat; das bedeutet, es geht um einen eher graustufigen Zwischenbereich, in dem eine Ära zu Ende geht und eine neue beginnt, es geht um die Veränderung an sich. Hier bekommen die Details Wichtigkeit: Frauenkleidung, die nicht mehr verkauft werden darf, Ausgangssperren, verschollene Freunde, versteckte Zigaretten, Handys und Spielkarten, Schließung von Versammlungsräumen, neue – oft nicht nachvollziehbare – Regeln. Zwar gibt es im weiteren Verlauf des Buches auch zunehmend solche Schreckenskapitel, die man als erfahrener Lesender bei diesem Thema erwartet, doch gerade das Anfangsstadium der Veränderungen ist sehr gut eingefangen mit seiner ganzen Unsicherheit, wie mit der neuen Situation umzugehen ist, mit dem Zusammenhalt untereinander, der mehr und mehr zusammenbricht.
Perspektivisch steht der vierzehnjährige Noah im Mittelpunkt, und das ist sehr klug gemacht. Sein Alter und sein Geschlecht erlauben ihm mehr Freiheit als allen anderen: als Junge darf er sich frei bewegen, darf auf die Straße, darf auf den Markt, darf in die Moschee, während er zuhause – wo er noch als Kind gilt – sowohl bei den Frauen als auch bei den Gesprächen der Männer mithören darf. Und obwohl er manches mit dieser kindlichen Naivität kommentiert, ist er mit seinen 14 Jahren wiederum genug erfahren und gewitzt, um selbständig zu denken und zu handeln. Noah hat mich sowohl als neugierige, liebenswerte Person als auch in seiner Rolle als „Alleswisser“ überzeugt.
Als weiteres Alleinstellungsmerkmal nehmen - wie der Titel bereits erwähnt – auch Tauben eine wichtige Rolle in diesem Roman ein, denn das Kalifat greift nicht nur in das Leben der Menschen, sondern eben auch das von Tieren massiv ein. Die Tauben tragen eine ganz profane Symbolik in sich, nämlich die des „Flügelbeschneidens“, der verlorenen Freiheit. Doch darüber hinaus geben Noahs zärtliche Beobachtungen seiner Tauben dem Roman eine gewisse Leichtigkeit und erlauben Onkel Ali tiefgründige Reflexionen über Religion, insbesondere des Islam. Gerade diese Textstellen sind lehrreich und regen zum eigenen Nachdenken an, wo dieses Buch inhaltlich und sprachlich ansonsten eher einfach gehalten ist.
Mich hat dieser Roman jedenfalls berührt, vielleicht gerade auch aufgrund seiner unaffektierten Nüchternheit. Er lässt sich besonders in der ersten Hälfte viel Zeit, wird dann immer dramatischer und endet abrupt – aber mit einer sehr klaren Botschaft.
Ebenso klar mein Fazit: ausdrückliche Lese-/ Hörempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2026

Sprachwitzig wie immer, Bashing wie nie zuvor

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
0

Tri Tra Trullala, das Känguru ist wieder da! Gewohnt schlagfertig, witzig und politisch. Und da die Zustände sind wie sie sind, nämlich zum Zustände kriegen, ist es auch gar nicht verlegen um viele aktuelle ...

Tri Tra Trullala, das Känguru ist wieder da! Gewohnt schlagfertig, witzig und politisch. Und da die Zustände sind wie sie sind, nämlich zum Zustände kriegen, ist es auch gar nicht verlegen um viele aktuelle Themen: die Inkompetenz unseres Kanzlers, der Rechtsruck, freie Meinungsäußerung, Klimaschutz, Geld (vorhandenes oder nicht vorhandenes) und noch ein paar Milliarden mehr. Schnapspralinen und Mangojoghurt nicht zu vergessen. Leidlich zusammengehalten werden seine Äußerungen, Monologe und Metaphern, aua!, Gleichnisse, es sind Gleichnisse!, von ein paar WG-Szenen mit Marc-Uwe und einer Wette: wer bringt mehr Leute zum Rebellieren? Hertha ist so lieb und gründet dafür sogar extra einen Podcast, sponsored by Bei Hertha, und bringt die Lage besser auf den Punkt bzw. den Bierdeckel als so manch anderer.
Nun ist es tatsächlich ein paar Jahre her, seit das Känguru so oft durch unsere Playlists rauf- und runter-gehüpft ist, dass wir mitsprechen konnten. Doch meinem Empfinden nach hat es in seiner fünften Runde an Alltagskuriositäten, Kommunismus und so anderen bürgerlichen Werten eingebüßt und ist mehr auf Bashing eingestellt: Milliardären-Bashing, KI-Bashing, fossile Brennstoffe-Bashing, Klimagegner-Bashing, AfD-Bashing oder ganz konkret Merz, Söder & Musk-Bashing. Dagegen kann man zwar rein inhaltlich wenig einwenden, im Gegenteil, man kann sogar noch ein paar Argumente dazulernen. Allerdings schafft dieses Gebashe eine so negative Grundstimmung, dass die Witze nicht mehr so zünden wie auch schon. Bei mir jedenfalls.
Millionen von anderen Zuhörern scheint es egal zu sein und das Känguru hoppelt weiter durch die Bestsellerlisten. Es sei ihm gegönnt, denn nach wie vor gibt es wenige Figuren, die so viel Politik auf so unterhaltsame Weise in die deutschen Köpfe und Zwerchfelle bringt. Fragt sich nur, wie Kling mit diesem Geldsegen umgeht, oder ob er sich auch bald einen Medienkonzern unter den Nagel reißt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2026

Spitzzüngige Satire mit enttäuschendem Ende

Verlorene Schäfchen
0

Warum man „Verlorene Schäfchen“ lesen sollte (oder warum nicht), merkt man schon auf den ersten Seiten des Buches: es kracht nur so von bösem Sarkasmus und tiefschwarzem Humor. Wer auf solche Stilmittel ...

Warum man „Verlorene Schäfchen“ lesen sollte (oder warum nicht), merkt man schon auf den ersten Seiten des Buches: es kracht nur so von bösem Sarkasmus und tiefschwarzem Humor. Wer auf solche Stilmittel empfindlich reagiert, legt das Buch am besten gleich weg. Wer damit klarkommt, dass ernste soziale und psychische Probleme auf geradezu unbekümmert witzige Art formuliert werden, bekommt hier – in unserer woken Ära eher rar gewordenes – neues Lesefutter.
Die fünf Mitglieder der Familie Flynn sind grotesk überzeichnet (Mutter sinnsuchend verrückt, Papa ein Looser, eine Tochter aufregend schön, eine die graue Maus, eine hochbegabt und gelangweilt). Und obwohl man viele ihrer Handlungen nicht gutheißen kann, wachsen sie einem mit ihren allzu menschlichen, kleinbürgerlichen Problemen doch ein Stück weit ans Herz. Sie alle sehnen sich im Prinzip danach, einen Platz zu finden, wo sie gesehen und geliebt werden. Dieses Anliegen ist wohl für jeden von uns nachvollziehbar, dadurch entsteht, aller Absurdität zum Trotz, eine überraschende Nähe zu den Figuren.
Madeline Cash setzt hier spitzzüngig mit ihrer Gesellschaftskritik an, indem sie einerseits die Bedeutungslosigkeit von alten moralischen Vorstellungen (in Form der katholischen Kirche) aufzeigt, andererseits aber auch die Auswüchse unseres modernen Individualismus aufs Korn nimmt. Besonders die drei Teenie-Mädchen leiden unter der zunehmenden Haltlosigkeit und den verschwimmenden Konturen zwischen Individualität und Egoismus.
Zeit also, dass sie sich wieder bewusst werden, wie wichtig und bereichernd es sein kann, zueinanderzuhalten, wird sich die Autorin gedacht haben und bringt aus diesem Grund einen dubiosen Gegenspieler ins Geschehen, der außerdem mit seinen kriminellen Verwicklungen, die aufgedeckt werden müssen, zusätzlich für einen anziehenden Spannungsbogen sorgt.
Doch leider bringt sie dieses Element zu keinerlei befriedigendem Abschluss. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verliert sie sich in Oberflächlichkeiten. Was wohl als Showdown angelegt war, bleibt am Schluss sogar ohne weitergehende Bedeutung für die Charaktere. Die angeblich große Gefahr löst sich in Lächerlichkeit auf, die seelischen Nöte in Wohlgefallen, die bissige Satire in einer schräg-netten Familiengeschichte, die hohen Erwartungen in Enttäuschung.
Schade um eine so böse wie kluge Betrachtung amerikanischer kleinbürgerlicher Kleinstadtprobleme. Schade, dass die Autorin keine ebenso prägnante, gut durchdachte, sprachwitzige Auflösung dieser Probleme gefunden hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2026

Mit vielen Emotionen und vielen ABERs

Lola im Spiegel
0

„Ich bin unsichtbar“, sagt das Mädchen. Es steht mitten in der Menschmenge und irgendwann sagt es das nicht mehr, sondern schreit es heraus. Doch die vielen Menschen gehen weiterhin reaktionslos an ihm ...

„Ich bin unsichtbar“, sagt das Mädchen. Es steht mitten in der Menschmenge und irgendwann sagt es das nicht mehr, sondern schreit es heraus. Doch die vielen Menschen gehen weiterhin reaktionslos an ihm vorbei, als ob es nicht existieren würde.
Das ist wohl eine der berührendsten Stellen in diesem Buch, denn sie weist sehr plastisch auf eine simple Wahrheit hin: viele wohnungslose Menschen berichten, wie schlimm es für sie ist, nicht gesehen zu werden.

„Lola im Spiegel“ zeigt, was es bedeutet, zu den Treibenden, Wohnungslosen zu gehören. So wie das Mädchen. Es hat nicht einmal einen Namen. Seit es sich erinnern kann, zieht es mit seiner Mutter durch Australien, lebt aktuell in einem Van auf einem Schrottplatz am Brisbane River.
So beginnt dieses Buch als eine Art Sozialstudie, in dem es uns einen Alltag am Rande der Gesellschaft beschreibt und die, die diesen Rand bevölkern.

Doch nach rund 100 Seiten gibt es eine überraschende Wendung – welche, werde ich jetzt natürlich nicht spoilern – welche sich nicht nur auf dramatische Weise auf das Leben der Ich-Erzählerin, sondern auch die Tonalität des Buches auswirkt. Denn ab hier wird es zunehmend märchenhafter. Die auftretenden Figuren sind plötzlich klar in ein Gut und ein Böse aufgeteilt, wobei die Protagonistin selbsterklärend in einer epischen Schlacht gegen das Böse ankämpfen muss; wie das Ende ausfallen wird, ist von da an auch logisch. Nur einige Details, die vor allem die Vergangenheit des Mädchens betreffen, bewahren die Story davor, in absolutem Kitsch zu versumpfen.

Wie ich es auch drehe und wende: alles, was an diesem Buch toll ist, würde ich mit einem ABER versehen.
Die jedem Kapitel vorangestellten Bilder zum Beispiel, die die künstlerischen Ambitionen des Mädchens verdeutlichen: eine wirklich originelle Idee und sehr aussagekräftig. Aber sie tragen ganz klar eine männliche Handschrift und verlieren in meinen Augen dadurch an Authentizität.
Der Schreibstil des Autors, der mit Emotionalität fesselt und zugleich mit Detailverliebtheit nervt. Ja, jede Schreibschule legt Wert darauf, dass es einen Unterschied macht, ob ein alter VW, ein klotziger Pickup oder ein schnittiger Porsche vor dem Haus steht. Aber der Autor benutzt solche Konkretisierungen so häufig und bei jeglichen Nebensächlichkeiten, dass ich das Interesse daran verlor. Gleiches mit dem Setting: wer sich in Brisbane auskennt, wird seine Freude daran haben, genau zu wissen, an welcher Ecke sich das Mädchen gerade befindet. Aber ich empfand die vielen mir unbekannten Straßennamen irgendwann nur noch als ermüdend.
Dann die Lebensweisheiten, die der Geschichte zu Grunde liegen und die dem Roman trotz märchenhaftem Ausgang eine gewisse Tiefgründigkeit verleihen. Aber mit solcher Sprachmächtigkeit vorgetragen, dass sie nicht zum zarten Alter und der kruden Biographie des oft monologisierenden Mädchens passen, das einige Seiten zuvor noch komplett unsichtbar war.

Fazit: Eine ungewöhnliche, toughe und künstlerisch begabte Heldin trägt diese bewegende, mitreißende Story, welche das Schicksal von Treibenden sichtbar macht, sich allerdings von Sozialdrama zu einem Märchen mit Thrillerelementen wandelt. Außerdem wirkt so manches Detail wenig glaubwürdig oder komplett überflüssig.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.03.2026

Existenziell und zeitlos

Ich, die ich Männer nicht kannte
0

Vierzig eingesperrte Frauen – und dann auf einmal eine offene Käfigtür… Allein diese Ausgangsidee hat mir schon eine leichte Gänsehaut verpasst. So eine „Muss ich lesen“-Gänsehaut. Eine „Kopfkino geht ...

Vierzig eingesperrte Frauen – und dann auf einmal eine offene Käfigtür… Allein diese Ausgangsidee hat mir schon eine leichte Gänsehaut verpasst. So eine „Muss ich lesen“-Gänsehaut. Eine „Kopfkino geht an“-Gänsehaut.

„Doch halt! Mach mal langsam!“, möchte ich mir im Nachhinein selber zurufen, denn es dauert, bis die Tür aufgeht, die Wärter fliehen und die Frauen ihre ersten Schritte in die Freiheit wagen. Zuerst lernen wir die vierzigste Frau kennen, eigentlich ein junges Mädchen, etwa 15jährig und die Einzige, die sich nicht mehr erinnern kann an das Leben vor dem Käfig. Sie, die nur „die Kleine“ genannt wird, lässt uns in der 1. Person an ihren Beobachtungen und Überlegungen teilhaben. Sie hat einen sehr wachen Geist, was für mich nicht so ganz zu den monotonen Lebensumständen passt. Doch trotz dieser anfänglichen Skepsis habe ich mich mit der Zeit gerne von ihren Reflexionen mitreißen lassen. Diese drehen sich immer wieder um die Frage, was denn das menschliche Leben ausmacht. Gibt es einen Sinn darin? Oder leben wir nur, um zu sterben?

Diese existentiellen Fragen sind zeitlos, und so verwundert es wenig, dass dieses Buch aktuell auf Social Media gehypet wird, obwohl es schon 1995 (auf Französisch, 1998 erstmals auf Deutsch) erschienen ist. Tatsächlich hat Jacqueline Harpman in diesem Roman ein sehr eindrückliches Szenario erschaffen, das bleibende Bilder liefert, sich gleichzeitig aber jeder Erklärung verweigert. Die nicht vorhandene Logik des sogenannten Worldbuildings, bei dem bis zum Ende unklar bleibt, wo sich die Frauen befinden und wieso sie überhaupt da gelandet sind, mag verwirren, ich hingegen mochte seltsamerweise genau das an ihm. Es ist ein Roman, der massenhaft Fragen aufwirft und keine einzige davon beantwortet – und damit meinem eigenen Er-Leben gefühlsmäßig sehr nahe kommt.
Die Handlung indes bleibt trotz der Gänsehaut-Prämisse aufregend unaufgeregt. Es könnte wahnsinnig viel passieren - tut es aber nicht. Auch das mag eine Durchschnitts-Leserschaft irritieren, aber auch hier finde ich bewundernswert, wie geschickt die Autorin diese Erwartung zerlegt und trotz nicht vorhandener Dramatik zum Weiterlesen anregt.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich abseits gängiger Lesegewohnheiten von zeitlosen philosophischen Fragen herausfordern lassen wollen. Nur den angepriesenen Feminismus konnte ich nirgendwo finden. Aber selbst dieser Mangel ist – ohne die entsprechende Erwartungshaltung - gut zu verkraften.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere