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Veröffentlicht am 07.03.2026

Ein Coming-of-Age-Roman

Prep
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Curtis Sittenfelds Roman „Prep“ erzählt die Geschichte der 14-jährigen Lee Fiora, die dank eines Stipendiums das Eliteinternat „Ault“ in Boston besuchen darf. Lee findet sich plötzlich in einer Welt wieder, ...

Curtis Sittenfelds Roman „Prep“ erzählt die Geschichte der 14-jährigen Lee Fiora, die dank eines Stipendiums das Eliteinternat „Ault“ in Boston besuchen darf. Lee findet sich plötzlich in einer Welt wieder, die von Reichtum, Selbstbewusstsein und sozialen Codes geprägt ist, die ihr völlig fremd sind. Als Mädchen aus einfachen Verhältnissen fühlt sie sich unter ihren wohlhabenden Mitschülerinnen und Mitschülern oft fehl am Platz und isoliert.

Im Fokus des Romans steht Lees intensive Gefühls- und Gedankenwelt. Lee ist im Inneren sehr unsicher und ängstlich, beobachtet ihre Umgebung ständig und versucht verzweifelt, ihren Platz in dieser neuen sozialen Ordnung zu finden. Gerade diese Selbstzweifel und ihr starkes Bedürfnis dazuzugehören machen sie zu einer glaubwürdigen Figur. Sittenfeld gelingt eine authentische Figurenzeichnung, die typische Wünsche, Unsicherheiten und sozialen Ängste von Jugendlichen einfängt. Der Roman beschreibt ehrlich, wie stark Klassenunterschiede das Selbstbild prägen können und wie schwierig es sein kann, in einer neuen Umgebung Freundschaften zu schließen. Trotz ihrer Unsicherheit findet Lee schließlich eine wichtige Bezugsperson. Ihre Mitschülerin Martha wird zu ihrer engsten Freundin.

„Prep“ ist ein klassischer Coming-of-Age-Roman, der die Entwicklung einer Jugendlichen über mehrere Jahre begleitet. Gerade junge Leserinnen und Leser dürften sich in Lees Unsicherheiten gut wiederfinden. Aus heutiger Perspektive bin ich allerdings nicht mehr ganz die Zielgruppe des Buches. Als Jugendliche hätte mir der Roman sicher noch besser gefallen.

Ein Kritikpunkt ist die Länge. Mit fast 600 Seiten wirkt die Handlung stellenweise sehr langatmig. Da der Roman stark auf innere Beobachtungen und weniger auf äußere Ereignisse setzt, bleibt die Spannung manchmal gering. Für die kleinen High-school-Dramen ist der Roman, meiner Meinung nach, etwas zu lang.

Insgesamt ist „Prep“ dennoch ein ehrliches und fein beobachtetes Buch über Selbstzweifel, soziale Unterschiede und das Erwachsenwerden. Trotz einiger Längen überzeugt der Roman durch seine authentische Darstellung jugendlicher Gedanken und Gefühle.

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Ein cooles Sachbuch im Comic-Style

Körper und Gehirn
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„Körper und Gehirn“ von Rosie Cooper ist ein richtig cooles Sachbuch für Kinder. Ein Buch, das Wissen mit Humor und jeder Menge Mitmachspaß verbindet.

Schon die Gestaltung macht sofort Lust ...


„Körper und Gehirn“ von Rosie Cooper ist ein richtig cooles Sachbuch für Kinder. Ein Buch, das Wissen mit Humor und jeder Menge Mitmachspaß verbindet.

Schon die Gestaltung macht sofort Lust aufs Lesen: Das ganze Buch ist im Comic-Stil aufgebaut, mit vielen farbigen, lebendigen Illustrationen. Überall gibt es etwas zu entdecken. Besonders witzig ist „Skletti“, ein Skelett, das die Leserinnen und Leser durch das Buch begleitet. Mit kleinen Späßen führt es durch die verschiedenen Themen rund um Körper und Gehirn.

Die Texte sind kurz, leicht verständlich und trotzdem voller spannender Informationen. Dabei ist das Buch durchaus anspruchsvoll: Fachbegriffe (Präfrontaler Kortex, Amygdala Hijack etc.) werden nicht verschwiegen, sondern kindgerecht erklärt. Und wer etwas nachschlagen möchte, findet am Ende ein hilfreiches Glossar.

Richtig toll sind die vielen Mitmach-Elemente. Rätsel, kleine Aufgaben und Tests laden dazu ein, aktiv mitzumachen. Es gibt zum Beispiel ein Gedächtnisspiel oder eine Übung, um die eigenen Sinne zu testen. Dazu gibt es kleine Lifehacks und Ideen zum Ausprobieren.

Besonders gelungen ist die Erklärung, wie das Gehirn funktioniert. Die Übertragung von Nachrichten zwischen Neuronen wird mit einem anschaulichen Alltagsbeispiel erklärt, sodass man sich richtig gut vorstellen kann, wie Informationen im Kopf hin- und herflitzen. Ganz nebenbei vermittelt das Buch eine tolle Botschaft: Dein Gehirn kann unglaublich viel. Du kannst alles lernen!

Auch Gefühle kommen zur Sprache. Das Buch erklärt verständlich, dass starke Emotionen manchmal im Gehirn die Kontrolle übernehmen können. Ebenso spannend ist das Thema Neurodiversität, also dass Menschen unterschiedlich denken und wahrnehmen.

Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz: Es gibt lustige Pupsgeschichten. Außerdem erfährt man, was Bazillen eigentlich so treiben und warum unser Körper noch Überbleibsel aus der Evolution besitzt.

„Körper und Gehirn“ ist ein spannendes, kluges und unterhaltsames Sachbuch. Es erklärt komplizierte Dinge richtig gut. Es macht dabei so viel Spaß, dass man fast vergisst, wie viel man gerade lernt. Besonders geeignet für neugierige und wissbegierige Kinder ab 8 Jahren.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Eine schonungslose Abrechnung

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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„ Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve ist ein beeindruckend ehrliches Buch. Über mehr als 40 Jahre hinweg war sie verheiratet und blickt nun, nach dem Tod ihres Mannes, mit großer ...

„ Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve ist ein beeindruckend ehrliches Buch. Über mehr als 40 Jahre hinweg war sie verheiratet und blickt nun, nach dem Tod ihres Mannes, mit großer Klarheit auf eine Ehe zurück, die alles andere als glücklich war. Es ist keine romantische Rückschau, sondern eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Radikal ehrlich schreibt Brinkgreve über Verletzungen, Sprachlosigkeit und die schleichende Entfremdung in ihrer Ehe. Besonders eindrücklich, aber auch irritierend ist, dass die Kommunikation am Ende nur per E-Mail zwischen ihnen stattfand. Von Angesicht zu Angesicht fiel ihnen die Kommunikation immer schwerer. Dies spiegelt die emotionale Distanz zwischen ihnen gut wider. Nähe war kaum noch vorhanden. Beim Lesen stellt man sich unweigerlich immer wieder die Frage: Warum hat sie ihn nicht verlassen? Gerade weil sie die Unzufriedenheit so klar benennt.

Vieles wirkt erst im Rückblick, nach dem Tod des Mannes, für Brinkgreve wirklich verstehbar. Beim Aufräumen des gemeinsamen Hauses steigen Erinnerungen auf und verdrängte Gefühle kehren zurück. Das Haus wird zum Symbol eines Lebens, das sie, wie sie selbstkritisch einräumt, sehr vernachlässigt hat. An dieser Stelle im Buch bringt sie es selbst gut auf den Punkt: „ Sie (die Tochter) schüttelt den Kopf über all die verkümmerten Gegenstände, konstatiert grübelnd, dass dieser Hang zum Aufbewahren auch eine Form der Vernachlässigung ist. Die schönen Dinge verschwinden im Chaos.“ (S.120)

Brinkgreve bemüht sich immer wieder, auch ihren Ehemann zu verstehen, seine Schwächen und Prägungen mitzudenken.

Es ist definitiv ein mutiges Buch. Dennoch liest sich das Buch an vielen Stellen als eine späte Abrechnung mit ihrem verstorbenen Mann. Brinkgreve benennt Kränkungen und Versäumnisse klar und ungeschönt. Ihr Mann erscheint dabei fast durchweg emotional unzugänglich, oft unsympathisch und sehr verletzend. Zwar bemüht sie sich stellenweise, seine Prägungen und Schwächen zu verstehen, doch das Gesamtbild bleibt einseitig. Man lernt ihn fast ausschließlich aus der Perspektive ihrer Enttäuschung kennen. Und genau hier bin ich im Zwiespalt. Schreiben als Therapie und als Versuch der Aufarbeitung ist absolut nachvollziehbar. Aber ist es auch notwendig, ein so persönliches und letztlich einseitiges Zeugnis zu veröffentlichen? Der Mann, über den sie schreibt, lebt nicht mehr. Er kann sich nicht äußern, nicht widersprechen, keine eigene Sicht beisteuern. Damit habe ich meine Probleme.

Insgesamt ist es eine eindringliche Auseinandersetzung mit Liebe, Abhängigkeit, Entfremdung und der Frage, warum wir manchmal in Beziehungen bleiben, die uns nicht guttun. Vier Sterne für diese radikale Ehrlichkeit und emotionale Tiefe.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Eine bewegende Familiengeschichte

Immergrün
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„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem ...

„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem Leben der Ich-Erzählerin. Wer eine durchkomponierte Erzählstruktur erwartet, könnte enttäuscht werden.

Im Mittelpunkt steht eine Familie aus Litauen, die in Deutschland offenbar nie wirklich angekommen ist. Zwischen Anpassung und innerer Distanz entsteht eine spürbare Schwermut, die sich durch das gesamte Buch zieht. Statt neue Wege einzuschlagen oder aktiv nach Veränderung zu suchen, verharren die Figuren in einer Art resignativer Haltung gegenüber ihren Lebensumständen. Besonders deutlich wird das bei der Mutter. In Litauen schlug sie eine Laufbahn als Sängerin ein. Ihr innerer Konflikt, nun in Deutschland nicht gesehen zu werden und den Verlust ihrer früheren Identität als Sängerin in der Sowjetunion verkraften zu müssen, prägt die Atmosphäre des Romans stark. Die psychische Erkrankung der Mutter erscheint als Folge dieser Entwurzelung und des Gefühls, ihre künstlerische Stimme verloren zu haben. Diese Passagen gehören zu den emotional stärksten Momenten des Buches.

Allerdings erschweren wiederkehrende Gedankensprünge und ein teils fragmentarischer Stil die Lektüre. Übergänge wirken mitunter abrupt, manchmal erschließen sich Zusammenhänge nicht immer sofort. Dies verstärkt den Eindruck eines Erinnerungsstroms statt einer ausgearbeiteten Romanhandlung.

Insgesamt ist „Immergrün“ ein melancholischer Roman, der weniger durch äußere Handlung wirkt. Die innere Handlung der Ich-Erzählerin steht im Vordergrund. Wer eine dichte, psychologisch geprägte Familiengeschichte schätzt und sich auf eine eher lose Struktur einlassen kann, wird in diesem Buch berührende Momente finden. Leserinnen und Leser, die eine klare Dramaturgie bevorzugen, könnten es jedoch als zu sprunghaft empfinden.

Ich persönlich bin nicht richtig warm geworden mit den Figuren. Sie wirkten distanziert und ich hatte manchmal den Eindruck, dass sich die Figuren als Opfer ihrer Umstände sahen.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein Bilderbuch über Achtsamkeit und Entschleunigung

Eilig, so unglaublich eilig!
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Das Bilderbuch „Eilig, so unglaublich eilig!“ von Christian Merveille erzählt eine Geschichte, die nicht nur Kinder anspricht, sondern auch Erwachsene.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein kleiner ...

Das Bilderbuch „Eilig, so unglaublich eilig!“ von Christian Merveille erzählt eine Geschichte, die nicht nur Kinder anspricht, sondern auch Erwachsene.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein kleiner Hase, der es schrecklich eilig hat. Er rennt unaufhörlich, stolpert, verliert seinen Hut und zieht mit seiner ungestümen Art sofort in die Geschichte hinein. Alles scheint dringend und alles scheint sofort erledigt werden zu müssen. Dabei übersieht der Hase so viel Schönes: die kleinen Begegnungen, die freundlichen Gesichter und die schöne Natur um ihn herum. Der kleine Hase verpasst quasi alles, was den Tag besonders macht.

Mit sanfter Leichtigkeit zeigt die Geschichte, wie anstrengend dieses ständige Rennen sein kann und wie wohltuend es ist, einfach einmal stehen zu bleiben und innezuhalten. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel Feingefühl lädt das Buch dazu ein, über das eigene Tempo nachzudenken. Müssen wir wirklich immer schneller sein? Oder liegt das Glück vielleicht im bewussten Wahrnehmen?

Die farbenfrohen, detailreichen Bilder von Lorenzo Sangiò unterstreichen diese Botschaft auf liebevolle Weise. Sie erzählen oft noch ein wenig mehr als der Text und laden dazu ein, viel zu entdecken.

Gelungen finde ich das Ende. Es lädt dazu ein, das Buch noch einmal von vorn zu lesen und genauer hinzuschauen. Beim erneuten Anschauen des Bilderbuches entdeckt man in den Bildern viele kleine Details, die zuvor vielleicht übersehen wurden. So wird die Geschichte selbst zu einer Übung in Achtsamkeit. Ich schaue genauer hin und nehme dadurch mehr wahr.

Das Buch ist eine zarte Erinnerung daran, dass Zeit nicht nur etwas ist, das uns antreibt, sondern auch ein Geschenk, das wir genießen dürfen. Ein Buch, das Kinder behutsam begleitet und Erwachsene vielleicht ebenfalls einen Moment lang innehalten lässt.

Lesenswert!

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