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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.04.2026

Zwischen Anpassung und Selbstsein

Sie wollen uns erzählen
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„Sie wollen uns erzählen“ ist ein berührender Roman. Im Mittelpunkt steht der neunjährige Ozzy, der mit ADHS lebt und dessen letzter Schultag vor den Ferien in einem Desaster endet. Ein tragischer ...


„Sie wollen uns erzählen“ ist ein berührender Roman. Im Mittelpunkt steht der neunjährige Ozzy, der mit ADHS lebt und dessen letzter Schultag vor den Ferien in einem Desaster endet. Ein tragischer Unfall, bei dem der Schulhase stirbt, lastet schwer auf ihm. Mit einem Brief der Lehrerin in der Tasche kreisen seine Gedanken unaufhörlich darum, wie er seiner Mutter davon erzählen kann . Er möchte sie nicht enttäuschen. Dieses innere Ringen ist unglaublich feinfühlig und nachvollziehbar dargestellt.


Besonders gelungen ist die Figurenzeichnung. Ozzy ist ein kluger Junge, der genau weiß, dass er „anders“ ist. Er bemüht sich ständig, sich so zu verhalten, dass seine Mutter sich nicht aufregt, was gleichzeitig berührt und schmerzt. Seine Schwierigkeiten im Schulalltag und seine Konzentrationsprobleme wirken dabei sehr authentisch.


Auch Ann, seine Mutter, ist vielschichtig gezeichnet. Sie liebt ihren Sohn über alles, ist aber oft überfordert, schnell aufbrausend und ungeduldig. Gerade diese Mischung macht sie unglaublich menschlich und sogar sympathisch, weil man ihre Zerrissenheit zwischen Schutzinstinkt und Überforderung spürt.


Birnbacher schafft es eindrucksvoll, mich direkt in die Gefühls- und Gedankenwelt von Ozzy und Ann hineinzuziehen. Die besondere, teils sprunghafte Erzählweise mit Gedankenfetzen und Abschweifungen spiegelt die Neurodivergenz wider und macht das Erleben von ADHS greifbar. Dieser Stil ist zunächst ungewohnt, passt aber natürlich zur Thematik und verleiht dem Roman auch damit eine starke Authentizität.


Der Einstieg ist besonders gelungen. Es wird vor allem von Ozzys Gedankenkreisen rund um die „Beichte“ erzählt sowie Anns Bemühungen, ihn im Schulsystem zurechtkommen zu lassen, ohne dass er sich selbst verliert. Im weiteren Verlauf rücken jedoch zusätzliche Handlungsstränge in den Fokus, etwa rund um die aus dem Krankenhaus verschwundene Großmutter oder Anns Schwester Nelly. Diese Aspekte wirkten auf mich weniger packend und lenkten etwas von der zentralen Geschichte ab.


Trotzdem überzeugt der Roman insgesamt. Er eröffnet einen eindrucksvollen Einblick in das Erleben von ADHS und macht nachvollziehbar, vor welchen Herausforderungen Kinder in einem stark auf Anpassung ausgerichteten Schulsystem stehen. Gleichzeitig zeigt er sensibel den Balanceakt zwischen Erwartungen gerecht werden und die eigene Identität zu bewahren.

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Veröffentlicht am 03.04.2026

Schönes Setting, viele Nebensächlichkeiten

Träume aus Salz
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Ich wollte „Träume aus Salz“ wirklich mögen, das Setting klang auch genau nach meinem Geschmack. Flo und Matty machen Urlaub auf einer griechischen Insel, und das ist auch ganz klar die große Stärke des ...

Ich wollte „Träume aus Salz“ wirklich mögen, das Setting klang auch genau nach meinem Geschmack. Flo und Matty machen Urlaub auf einer griechischen Insel, und das ist auch ganz klar die große Stärke des Buches. Man spürt die warmen Urlaubsvibes, hört förmlich das Rauschen des Meeres und taucht in eine sommerliche Atmosphäre ein. Besonders die teilweise sehr poetischen Beschreibungen haben mir gut gefallen.

Gleich zu Beginn wird angedeutet, dass Flo ein großes Geheimnis mit sich herumträgt, das sie Matty nicht erzählen will. Als Leser fragt man sich natürlich die ganze Zeit: Was kann so schlimm sein, dass sie es ihrem Freund nicht sagt? Genau dieser Spannungsbogen sorgt auch dafür, dass man am Ball bleibt und unbedingt weiterlesen möchte. In dieser Hinsicht gelingt es der Autorin auf jeden Fall, Spannung aufzubauen.

Leider verliert sich die Geschichte für mich aber zu sehr in Nebensächlichkeiten. Viele Szenen wirken eher aneinandergereiht und tragen wenig zur eigentlichen Handlung bei. Auch die Figuren bleiben insgesamt schwer greifbar. Die Familiengeschichte hat durchaus Potenzial, und besonders das Kapitel zur Trennung der Eltern ist erzählerisch und sprachlich wirklich gelungen. Hier zeigt die Autorin, was möglich gewesen wäre, wenn sie öfter so in die Tiefe gegangen wäre.

Die Tarot-Thematik war zudem nicht ganz meins. Das ist natürlich Geschmackssache. Figuren wie Nico erschließen sich mir in ihrer Funktion nicht wirklich und wirken eher wie ein loses Element. Sophia sehe ich eher als eine Art Mittlerin, und es wirkt so, als würde Flo in ihr ihre Schwester Nadine erkennen, was letztlich dazu führt, dass sie sich öffnet.

Was mich zusätzlich gestört hat war, dass immer wieder erwähnt wird, dass irgendwer was auf Englisch sagt. Why?

Am Ende bleiben für mich viele Fragen offen, und der große Knall, auf den man die ganze Zeit wartet, bleibt leider aus. Immer wieder hatte ich die Hoffnung, dass noch etwas wirklich Überraschendes oder Spektakuläres passiert. Doch das Finale verpufft eher.

Insgesamt ist es ein nettes Sommerbuch mit einem wirklich schönen Setting, aber inhaltlich konnte es mich durch die vielen Belanglosigkeiten und verpassten Chancen leider nicht überzeugen.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Für alle, die sich mit Frieden und Kriegen auseinandersetzen möchten

Let's talk about - Frieden und Kriege. Dein Eintragebuch
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„Let’s talk about Frieden und Kriege“ ist ein inhaltlich sehr starkes Buch für alle, die sich intensiver mit den Themen Krieg und Frieden auseinandersetzen möchten. Besonders gelungen ist der ...


„Let’s talk about Frieden und Kriege“ ist ein inhaltlich sehr starkes Buch für alle, die sich intensiver mit den Themen Krieg und Frieden auseinandersetzen möchten. Besonders gelungen ist der Aufbau als Eintragebuch. Ich werde immer wieder dazu angeregt, eigene Gedanken festzuhalten und das Gelesene zu reflektieren.

Das Sachbuch ist in vier Bereiche gegliedert: Es geht zunächst um die Gründe von Kriegen. Weiter geht es mit Flucht und Asyl und anschließend darum, wie man sich im Alltag gewaltlos für Frieden einsetzen kann. Zum Schluss geht es um das eigene Konfliktverhalten (z. B. um Zivilcourage und friedliches Miteinander).

Das Kapitel zu den Kriegsursachen ist meiner Meinung nach besonders gelungen, weil verständlich erklärt wird, welche Rolle Macht, Rohstoffe oder ideologische Vorstellungen spielen.
Sehr hilfreich sind auch die vielen kurzen Infoboxen zu Begriffen wie dem Ottawa-Abkommen oder Blindgängern.
Spannend ist außerdem das Kapitel über Digitalisierung und Social Media. Der Selbsttest zu Fake- und echten Kriegsbildern sowie die dazugehörige Checkliste sind wirklich interessant gemacht und helfen dabei, KI-generierte Inhalte schnell zu erkennen.

Gut gefallen haben mir auch die Hinweise auf interaktive Webseiten mit zusätzlichen Infos, Interviews und Statistiken, z. B. zur Frage, welche Risiken es birgt, wenn Geflüchtete Smartphones bei sich tragen. Die gewonnenen Erkenntnisse lassen sich direkt im Buch festhalten. Insgesamt wird man immer wieder aktiv einbezogen, reflektiert eigenes Verhalten und setzt sich mit Fragen wie „Was ist Gewalt?“ oder verschiedenen Konfliktarten auseinander.

Das Buch ist anspruchsvoll und eher ab etwa 12 Jahren geeignet. Einen kleinen Punkt Abzug gibt es für die Gestaltung. Sie ist schlicht und zurückhaltend gehalten und funktional. Dadurch wirkt es zwar übersichtlich, aber auch etwas nüchtern. Mit etwas mehr visueller Abwechslung und Farbe hätte es noch ansprechender wirken können, gerade für jüngere Leserinnen und Leser.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Ein emotionales Familienepos im australischen Outback

Ein weites Leben
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"Ein weites Leben" von M.L. Stedman ist ein emotionales Familienepos, das im australischen Outback in den 50er und 60er Jahren spielt. Im Roman dreht sich alles um die Familie MacBride, deren Leben durch ...


"Ein weites Leben" von M.L. Stedman ist ein emotionales Familienepos, das im australischen Outback in den 50er und 60er Jahren spielt. Im Roman dreht sich alles um die Familie MacBride, deren Leben durch einen tragischen Unfall, bei denen zwei Familienmitglieder sterben, zerstört wird. Es steht der Überlebenskampf und das Zurückfinden ins Leben des Sohnes Matthew im Vordergrund, der vom Unfall schwer getroffen wurde.

Zentrale Themen des Romans sind in erster Linie Schicksal, Trauer, Schuld und Verlust.

Ich empfand die Handlung rund um die Familie MacBride und das Leben im australischen Outback als sehr langatmig. Die vielen Figuren, Naturbeschreibungen und Erzählstränge machten es mir schwer in die Handlung zu finden. Auch die ständigen Zeitsprünge und Persepektivwechsel störten mich.

Die Autorin hat einen sehr nüchternen und sachlichen Schreibstil gewählt. Das ist nicht ganz mein Geschmack, vor allem wenn dramatische und tragische Dinge passieren. Da hätte ich mir mehr Emotionalität und Tiefe gewünscht. Durch die nüchterne Beschreibweise konnte ich auch mit den Figuren nicht richtig warm werden.

Gefallen hat mir das Setting. Ich habe viel über das entbehrungsreiche Leben im australischen Outback in den 50er und 60er Jahren erfahren. Die Autorin beschreibt dies sehr detailreich und intensiv, sodass ich ein gutes Bild vom Leben damals bekommen habe. Hier hat mir die bildhafte Sprache sehr gefallen, da ich mir die unvorstellbaren Weiten Australiens sehr gut vorstellen konnte.

Der Familienroman ist definitiv kein Buch für zwischendurch, da man als Leser mit vielen Figuren, Namen und Umständen konfrontiert wird. Wer mehr über das karge Leben im australischen Outback erfahren möchte und tragische Familienepen mag, liegt mit der Wahl des Buches richtig.

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Veröffentlicht am 18.03.2026

Ein stark körperliches Buch über Identität, Herkunft und Zugehörigkeit

Melken
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Im Mittelpunkt des Romans „Melken“ von Sanna Samuelsson steht Ellen, die nach einer persönlichen Krise auf den Bauernhof ihrer Kindheit zurückkehrt. Dort wird sie nicht nur mit Erinnerungen konfrontiert, ...

Im Mittelpunkt des Romans „Melken“ von Sanna Samuelsson steht Ellen, die nach einer persönlichen Krise auf den Bauernhof ihrer Kindheit zurückkehrt. Dort wird sie nicht nur mit Erinnerungen konfrontiert, sondern auch mit der unmittelbaren, rohen Körperlichkeit des Landlebens. Der Roman wirkt dabei wie eine Hommage an das harte und entbehrungsreiche Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof.

Inhaltlich ist die Handlung nicht allzu spektakulär. Der Einstieg in die Handlung fiel mir etwas schwer, da ich unter anderem erst mit der speziellen Erzählweise klarkommen musste.
Das Ende wirkt abrupt und lässt einige Fragen offen. Die Liebesgeschichten mit Max und Diana bleiben schemenhaft, lassen dabei aber Platz für eigene Interpretationen. Ellens Motivation, insbesondere im Hinblick auf Max bei ihrer Rückkehr, erschließt sich mir zum Beispiel nicht vollständig.

Mir gefällt aber, dass der Roman sprachlich dicht und sinnlich aufgeladen ist. Samuellson arbeitet mit vielen Adjektiven sowie starken Personifikationen. Die Sprache ist bildreich und zugleich schonungslos. Landschaften sind nicht einfach nur da. Sie flirren, drücken, atmen. Die Hitze klebt schwer auf der Haut, der Stallgeruch kriecht in jede Pore, die Felder scheinen zu lauschen. Die Natur wirkt beinahe lebendig und beobachtend.
Die vielen Adjektive verdichten die Wahrnehmung. Gerüche sind beißend, Farben stumpf oder glühend, Berührungen klebrig oder brennend.
Dinge werden vermenschlicht. Der Stall scheint zu stöhnen, die Erde wirkt hungrig, die Luft drückt wie eine unsichtbare Hand. Die Natur wirkt geradezu lebendig und beobachtend. Dadurch entsteht eine intensive und sinnliche Atmosphäre.

„Melken“ ist also eine stark körperliche Lektüre. Eine Geschichte, die Identität, Herkunft und Zugehörigkeit nicht nur gedanklich, sondern spürbar, schmutzig und lebendig erfahrbar macht.

Insgesamt ist der Roman ungewöhnlich und lebt vor allem von seiner intensiven, bildreichen Sprache und Atmosphäre. Trotz kleiner Schwächen in Handlung und Struktur überzeugt er mich durch seine sprachliche Kraft.

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