Eine bewegende Familiengeschichte
„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem ...
„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem Leben der Ich-Erzählerin. Wer eine durchkomponierte Erzählstruktur erwartet, könnte enttäuscht werden.
Im Mittelpunkt steht eine Familie aus Litauen, die in Deutschland offenbar nie wirklich angekommen ist. Zwischen Anpassung und innerer Distanz entsteht eine spürbare Schwermut, die sich durch das gesamte Buch zieht. Statt neue Wege einzuschlagen oder aktiv nach Veränderung zu suchen, verharren die Figuren in einer Art resignativer Haltung gegenüber ihren Lebensumständen. Besonders deutlich wird das bei der Mutter. In Litauen schlug sie eine Laufbahn als Sängerin ein. Ihr innerer Konflikt, nun in Deutschland nicht gesehen zu werden und den Verlust ihrer früheren Identität als Sängerin in der Sowjetunion verkraften zu müssen, prägt die Atmosphäre des Romans stark. Die psychische Erkrankung der Mutter erscheint als Folge dieser Entwurzelung und des Gefühls, ihre künstlerische Stimme verloren zu haben. Diese Passagen gehören zu den emotional stärksten Momenten des Buches.
Allerdings erschweren wiederkehrende Gedankensprünge und ein teils fragmentarischer Stil die Lektüre. Übergänge wirken mitunter abrupt, manchmal erschließen sich Zusammenhänge nicht immer sofort. Dies verstärkt den Eindruck eines Erinnerungsstroms statt einer ausgearbeiteten Romanhandlung.
Insgesamt ist „Immergrün“ ein melancholischer Roman, der weniger durch äußere Handlung wirkt. Die innere Handlung der Ich-Erzählerin steht im Vordergrund. Wer eine dichte, psychologisch geprägte Familiengeschichte schätzt und sich auf eine eher lose Struktur einlassen kann, wird in diesem Buch berührende Momente finden. Leserinnen und Leser, die eine klare Dramaturgie bevorzugen, könnten es jedoch als zu sprunghaft empfinden.
Ich persönlich bin nicht richtig warm geworden mit den Figuren. Sie wirkten distanziert und ich hatte manchmal den Eindruck, dass sich die Figuren als Opfer ihrer Umstände sahen.