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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.03.2026

Brillant erzählt aber unfassbar kleinteilig

Eisen
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Ich bin großer Fan von Gusel Jachina und lese alle ihre Bücher. Die meisten davon liebe ich sogar, nur dieses hier macht es einem etwas schwer.

In ihrem Vorwort sagt sie, sie möchte einen Roman schreiben, ...

Ich bin großer Fan von Gusel Jachina und lese alle ihre Bücher. Die meisten davon liebe ich sogar, nur dieses hier macht es einem etwas schwer.

In ihrem Vorwort sagt sie, sie möchte einen Roman schreiben, der sich zwischen Fiktion und Sachbuch bewegt, der sich der Figur des Sergej Eisensteins respektvoll annähert, Fakten darlegt und fantasievoll ergänzt. Das tut sie in ihrem gewohnt wunderbaren Erzählstil, aber auch mit vielen Gedankensprüngen und Einschüben, die einem die Orientierung sehr schwer machen. Am Anfang kam mir das Buch vor wie ein großes Durcheinander, mit der Zeit gewöhnt man sich dann ein bisschen daran.

Sergei Michailowitsch Eisenstein, von seinen Freunden kurz „Eisen“ genannt, wurde 1898 in Riga geboren. Er hat Propagandafilme für die neu entstandene Russische Sowjetrepublik gemacht und wurde weltberühmt durch den Film „Panzerkreuzer Potemkin“, der noch heute zu den Klassikern der Filmgeschichte zählt.

Grundsätzlich erleben wir hier mit, wie Eisensteins Filme entstanden sind, einer nach dem anderen, vom Auftrag bis zum Kinostart. Dazwischen wird in kleinen Schlenkern das politische Umfeld sowie Eisensteins Kindheit und Privatleben eingeflochten.

Eisenstein hatte einen ganz eigenen künstlerischen Anspruch, wollte Realität zeigen, Realität überzeichnen, echte Gefühle einfangen, lieber Charaktere zeigen als gefällige Schönheit, wollte schockieren, Hässlichkeit zelebrieren, in Kämpfen das Blut fließen sehen. Das erreichte er durch unglaublich aufwändige Filmaufnahmen und seine innovative Montagetechnik. Er war ein Meister im Schneideraum, wo er wochenlang in Klausur ging, um seine Filme zu gestalten.

Gusel Jachina malt ihn als einen Getriebenen, eine tragische Gestalt zwischen Genie und Wahnsinn, exzentrisch, narzisstisch, genial und größenwahnsinnig, jemand der sich aufreibt zwischen Arbeit und Anstalt. Das ist sehr eindrucksvoll, toll erzählt, aber auch wirklich anstrengend zu lesen.

Durch dieses Buch musst ich mich kämpfen. Es erzählt brillant und unfassbar kleinteilig die Geschichte eines sehr komplizierten Menschen. Ja, man bekommt ein plastisches Bild davon, wie sich Eisenstein gefühlt haben mag, nur ein Spaß ist das nicht. Es ist ein anstrengendes Buch über einen anstrengenden Menschen, das mir zwar diesen Ausnahmekünstler nahegebracht hat, das mir aber insgesamt viel zu ausführlich war. Immerhin bin ich jetzt klüger.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Anstrengend aber auch zu Herzen gehend

Gelbe Monster
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Wie sollte man mit seiner Wut umgehen? Wut ist irrational, kann man überhaupt damit umgehen? Charlie soll das in einem Kurs lernen, Antiaggressionstraining, obwohl sie das natürlich nicht braucht. Aber ...

Wie sollte man mit seiner Wut umgehen? Wut ist irrational, kann man überhaupt damit umgehen? Charlie soll das in einem Kurs lernen, Antiaggressionstraining, obwohl sie das natürlich nicht braucht. Aber das war die Bedingung, wenn sie weiter bei ihrer Freundin Ella wohnen möchte. Ihre eigene Wohnung ist gerade unbewohnbar, also fügt sie sich. Eine Therapie macht sie auch, na gut, schadet ja nichts.

Nach und nach erfährt man, was passiert ist und welche Probleme Charlie hat. Auch ihre Beziehung zu Valentin lässt sie Revue passieren. Der schönste und klügste Mann der Welt hat seine Freundin für sie verlassen, oder doch nicht?

Charlie lässt uns miterleben, wie schmal der Grad ist zwischen Liebe und Obsession, zwischen Leidenschaft und Besessenheit und auch zwischen Wut und Gewalt. Und was ist überhaupt Gewalt? Manche Menschen sind aufbrausend, ist das schlimm? Ist eine Ohrfeige eine Tätlichkeit? Sie weiß, sie hat überreagiert, mehrfach. Sie weiß, das geht nicht und möchte sich ändern, aber das ist schwer.

Dieses Buch liest man nicht, man durchleidet es. Das ist anstrengend aber auch zu Herzen gehend, meistens traurig, manchmal auch komisch, auf jeden Fall aufwühlend. Charlie ist irgendwie liebenswert auch wenn klar ist, dass sie sich rein gar nicht im Griff hat.

Das Hörbuch liest Lisa Hrdina sehr authentisch, man meint, Charlie schüttet höchst persönlich ihr Herz aus. Es dauert 5 Stunden und 33 Minuten, ist eine aufschlussreiche Analyse zum Thema Selbstkontrolle und absolut herzergreifend.

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Intensiv und sehr australisch

Ein weites Leben
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Wenn man dieses Buch aufschlägt ist man direkt mitten in Westaustralien, spürt die Weite, es ist heiß, staubig, karg, es gibt nur wenige Menschen und wenn, dann sind das skurrile Typen.

Da leben die MacBrides ...

Wenn man dieses Buch aufschlägt ist man direkt mitten in Westaustralien, spürt die Weite, es ist heiß, staubig, karg, es gibt nur wenige Menschen und wenn, dann sind das skurrile Typen.

Da leben die MacBrides schon seit Generationen und betreiben Schafzucht. So eine Schaffarm erstreckt sich über Kilometer, ist weit ab von allem, das schweißt eine Familie zusammen.

Als der Vater und der ältere Sohn bei einem Autounfall sterben, sieht das Leben der Familie plötzlich ganz anders aus. Mit einem Schlag steht Lorna MacBride alleine da mit einer Tochter im Teenageralter, einem schwerverletzten Sohn und dann noch der Verantwortung für den Familienbetrieb. Eine Tragödie, die dann tatsächlich noch einen Schicksalsschlag obendrauf bekommt.

Das Buch ist sehr plastisch geschrieben, das Lesen ist intensiv, es ist, als wäre man dabei. Das Schicksal der Familie geht zu Herzen und erfordert Taschentücher. Noch einmal schlimmer wird es durch das schrecklich konservative Frauenbild der 1960er Jahre. Auch das erlebt man hier hautnah. Wer ist der Vater von Roses Kind? Ist es etwa unehelich? Schlimmer kann ein Skandal nicht sein. In der Poststation ihres Gatten schnüffelt Myrtle Eedle durch die Briefe. Der Kängurujäger Pete Peachy ist verdächtig reserviert. Das kann nichts Gutes bedeuten.

Dieses Buch schlägt man auf und taucht ab, ist live dabei von 1960 bis ins Jahr 2000 und erlebt mit, wie sich die Familie MacBride neu aufstellt. Es hat gelegentliche Längen, aber wenn man es beendet hat fühlt es sich an, wie aus dem Urlaub zurückkommen. Man war lange Zeit ganz wo anders und hat viel erlebt.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Ein Feuerwerk an falschen Fährten

The Exes
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Am Anfang ist diese Geschichte wirklich finster, mysteriös und auch gruselig.

Da erzählt Natalie, wie sie erpresst wird. Der Bruder ihres Mannes hat irgendetwas gegen sie in der Hand und will Geld. Vieles ...

Am Anfang ist diese Geschichte wirklich finster, mysteriös und auch gruselig.

Da erzählt Natalie, wie sie erpresst wird. Der Bruder ihres Mannes hat irgendetwas gegen sie in der Hand und will Geld. Vieles erfährt man durch ihre Gespräche mit ihrer Therapeutin, die sich stoisch anhört, wie sie versucht, mit ihren Taten zu leben. Was hat sie getan? Ist Natalie eine Mörderin? Sie hat auffallend viele Expartner, die gestorben sind.

Nach einer Weile kommen auch Natalies Schwester und ihr Ehemann zu Wort, später sogar noch die Therapeutin. Jeder hat eine andere Sicht auf die Dinge und jeder hat andere Aspekte der selben Geschichte erlebt. In Rückblenden erfahrt man, was Natalies Exmännern wirklich passiert ist und auch wie ihre Kindheit aussah. Kann man den Hang zum Morden erben?

Was wie ein abgründiger Psychothriller anfängt, entwickelt sich zu einem Verwirrspiel mit so vielen Ebenen, dass ich tatsächlich den Überblick verloren habe. Man muss mehrfach alle Theorien verwerfen, es stapeln sich tote Expartner und potenzielle Mörder. Möglicherweise gibt es Leute, denen das gefällt, mir wurde es zu viel. Nach und nach verlor das Ganze jede Glaubwürdigkeit und landete im Absurden.

Das Hörbuch lesen Benito Bause, Sandrine Mittelstädt und Viola Müller in wechselnden Rollen, Leider kann man die Frauenstimmen kaum auseinanderhalten und muss gut aufpassen, wer denn gerade spricht. Keiner der drei Sprecher verkörpert seine Rolle wirklich, der Vortrag ist eher nüchtern. Es dauert 12 Stunden und 46 Minuten, wirklich empfehlen kann ich das Buch leider nicht.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Spannend aber viel zu kurz

Das schönste aller Leben
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Über Rumänien bekommt man nicht allzu viele Bücher zu lesen. Dieses hier schließt auf jeden Fall so manche Bildungslücke. Auf drei Zeitebenen bereist man hier das Banat, wo wohl über Jahrhunderte hinweg ...

Über Rumänien bekommt man nicht allzu viele Bücher zu lesen. Dieses hier schließt auf jeden Fall so manche Bildungslücke. Auf drei Zeitebenen bereist man hier das Banat, wo wohl über Jahrhunderte hinweg ein reger Austausch stattfand.

Im 18.Jahrhundert wird Theresia ins Banat verschleppt und muss unter schlimmen Zuständen in einem Arbeitslager arbeiten. Was ist ihr passiert zuhause in Österreich?

In den 90er Jahren wandert Vio mit ihren Eltern vom Banat nach Deutschland aus. Allerdings hatten sie sich als deutschstämmige Rumänen das Ankommen viel leichter vorgestellt. Deutschsein gestaltet sich in Deutschland ungewohnt anders.

Und in der heutigen Zeit muss die erwachsene Vio damit klarkommen, dass sie den Unfall verschuldet hat, der ihre kleine Tochter entstellt hat. Endlich angekommen in Deutschland ist da schon wieder ein Aspekt, der sie ausgrenzt. Kann ihre Tochter damit leben, dass sie ein Leben lang auffällt?

Fremdsein, sich anpassen, nicht auffallen, damit haben sich all diese Frauen auseinanderzusetzen. Und dabei kommt dann auch die Frage auf, welchen Stellenwert hat Schönheit? Eine auffallende Schönheit fällt auf, für Theresia hatte das keine guten Konsequenzen. Eine Entstellung fällt auch auf, kann man damit leben? Ist das schönste aller Leben tatsächlich eins, bei dem man unauffällig vor sich hin lebt ohne anzuecken?

Damit beschäftigt sich Betty Boras in diesem Buch einfühlsam. Es ist sehr schön eindringlich geschrieben, alle drei Handlungsebenen fesseln, jedes Schicksal geht direkt zu Herzen. Es ist ein Buch, das man in einem Rutsch liest und so einiges lernt, allerdings ist es auch wirklich kurz.

Der Stoff, der hier behandelt wird, reicht für einen dicken Wälzer und komprimiert auf 240 Seiten kommt einfach alles zu kurz. Allein schon der historische Teil hätte Potenzial für einen veritablen Historienschinken, wird aber quasi im Schnelldurchlauf abgehandelt.

Dieses Buch ist das Romandebüt der Autorin. Ich habe es gerne gelesen, würde aber noch viel lieber das Thema als dicken Dreiteiler erleben. Ich bin gespannt, was sie als nächstes schreibt.

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