Ein Jahreshighlight!
Inhalt:
Das Ehepaar Schmidt lebt ein sehr traditionelles Familienmodell. Barbara Schmidt kümmert sich auch im Ruhestand noch alleine um den Haushalt und ihren Mann und dieser hat noch nie im Leben einen ...
Inhalt:
Das Ehepaar Schmidt lebt ein sehr traditionelles Familienmodell. Barbara Schmidt kümmert sich auch im Ruhestand noch alleine um den Haushalt und ihren Mann und dieser hat noch nie im Leben einen Kaffee gekocht oder alleine eingekauft. Doch eines Tages steht sie einfach nicht mehr auf und er ist von einer Sekunde auf die andere ganz alleine für sie beide zuständig. Kochen, waschen, putzen...
Und was sich als humorvolle Anekdote tarnt, deckt nach und nach eine tragische Lebensgeschichte auf die nachhaltig berührt.
Meine Meinung:
"Barbara stirbt nicht" hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und berührt und ich habe es innerhalb von zwei Tagen einfach komplett inhaliert. Und dies, obwohl die namensgebende Figur fast nichts anderes tut, als zu liegen, müde zu lächeln und sich leise mit Gästen oder ihren Kindern zu unterhalten. Und dies auch, obwohl Walter Schmidt, im Buch oft einfach nur "Herr Schmidt" genannt, alles verkörpert, was man sich in seinem Partner nicht wünschen würde. Nicht nur krümmt er im Haushalt keinen Finger, er ist auch ein miserabler Vater, Freund und Partner, er hasst Frauen, Ausländer und Jugendliche aus tiefstem Herzen und er ist sich nicht mal mehr sicher, ob er Barbara je geschlagen hat, es könnte aber sein...
Was ein wenig tollpatschig wirken könnte, ist seine als Unbeholfenheit getarnte Beziehungsgewalt. Und seine Aussagen, die man als "ein wenig verallgemeinernd" abtun könnte, sind zutiefst rassistisch, sexistisch und einfach menschenfeindlich.
Und dennoch oder vielleicht auch genau deswegen...Bronsky gelingt es, mit einer extrem genauen Beobachtungsgabe in diese - leider wahrscheinlich vor allem für diese Generation nicht allzu überspitzte - Beziehungsdynamik hineinzublicken und um diese wirklich nicht sehr prickelnde Ausgangslage eine unendlich feinfühlig erzählte Geschichte zu spinnen, die mit sanftem Humor überzeugt und tief berührt.
Das einzige nicht komplett tragikomische Element der Geschichte ist Walters Austausch mit Barbaras Facebookcommunity, einem Fernsehkoch, Lucy, die als Telefonjoker fungiert sowie der Hund Helmut, der zwar oft einfach nur existiert, aber dies um so ehrlicher.
Meine Empfehlung:
"Barbara stirbt nicht" ist ein Buch der leisen Töne und der Leerstellen, die sich beim Lesen manchmal nach und nach erschliessen und manchmal bewusste Auslassungen bleiben, ein Buch, das aufzeigt, dass das Leben einem manchmal einen Neuanfang schenkt, wo man ihn am wenigsten erwartet. Es thematisiert schwierige Beziehungs- und Familiensysteme, unterschiedlich belastbare Freundschaften, das Altern in Würde und das Verzeihen von eigenen und fremden Versäumnissen. Die Geschichte wird lange nachhallen und definitiv im Regal bleiben. Und genau da gehört das Buch auch bei euch hin, finde ich.