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Veröffentlicht am 12.11.2021

Ein berückender Roman über scheiternde Träume und das Einsiedlerdasein in der russischen Wildnis.

Phon
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Beschreibung

Ohrenbetäubende Geräusche am Himmel über den einsamen Wäldern Westrusslands treiben Lew fast in den Wahnsinn. Seine jüngere Ehefrau Nadja, wohnt mit ihm in naturverbundener Einsamkeit, denn ...

Beschreibung

Ohrenbetäubende Geräusche am Himmel über den einsamen Wäldern Westrusslands treiben Lew fast in den Wahnsinn. Seine jüngere Ehefrau Nadja, wohnt mit ihm in naturverbundener Einsamkeit, denn die Kinder sind schon lange erwachsen und aus dem Haus und so schweift sie in Gedanken immer wieder zu dem großen gemeinsamen Traum ab, den sie einst an diesen Ort verschlug.

Mit den Geräuschen kommen auch die Erinnerungen an die Vergangenheit und finstere Ereignisse zurück, die sie längst begraben glaubte….

Meine Meinung

Sehr gerne folge ich Geschichten in einsame Gebiete und an weit entfernten Orte, sodass ich bei Marente de Moors neuem Roman »Phon« einfach nicht widerstehen konnte. Als Schauplatz dient nämlich der mythenbehaftete russische Wald und außerdem verspricht die Geschichte, über ein dort lebendes Ehepaar, subtile Spannung durch die psychologischen Aspekte der Isolation.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Nadja erzählt, die sich als Studentin in ihren Professor verliebte, ihn später heiratete und schließlich gemeinsam mit ihrer großen Liebe den Traum von einer Forschungsstation in den russischen Wäldern träumte. Doch gegenwärtig ist Lew nur noch ein Schatten seiner selbst und während komische Geräusche aus dem Himmel eine berückende Atmosphäre schaffen, faselt Nadja etwas von einem Zugführer und die Wunden der Vergangenheit über das Scheitern ihres großen Traumes wird wieder aufgerissen.

Sehr gut gefallen hat mir die unheimlich dichte Stimmung, die Marente de Moor vor allen Dingen durch das Unwissen über die Vergangenheit erzeugt, aber auch aktuelle Ereignisse bleiben lange im Schatten. Diese subtile Art der Spannungsmache kriecht einem förmlich unter die Haut.

Weniger mitreißend empfand ich Nadjas Gedankenergüsse, die eine deprimierende Sicht der Dinge offenbaren, wohl aufgrund ihres gescheiterten Lebens und dem zerrütteten Zusammenleben mit Lew, also zum Teil vollkommen nachvollziehbar. Alles in allem sehr bedrückend und ohne Anzeichen einer Entwicklung.

In »Phon«, vom Verlag als psychologisches Verwirrspiel betitelt, habe ich mich tatsächlich zwischen der Handlung im Wald und der teils konfusen Gedankenwelt Nadjas verloren und Marene de Moor hat mich mit ihrem Roman vollkommen verwundert zurückgelassen. Ehrlich gesagt konnten mich weder die Figuren berühren, noch konnte ich der verwirrenden Entwicklung, inklusive Rückblenden auf das Leben des Zoologenpaars etwas abgewinnen. Allerdings empfand ich den Ausflug in die russischen Wälder, die Natur mit ihren Tieren sowie die Einsamkeit an sich sehr spannend und auf eine fast schon surreale Weise faszinierend. Das war auch der Grund, warum mich das Buch schließlich nicht losgelassen hat.

Fazit

Ein berückender Roman über scheiternde Träume und das Einsiedlerdasein in der russischen Wildnis. Natur und Poesie von Marente de Moors Erzählkunst haben mir gut gefallen, leider haben mich jedoch die Protagonisten vollkommen kalt gelassen, sodass ich keine Bindung zu ihnen aufbauen konnte.

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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 29.09.2021

Veröffentlicht am 12.11.2021

Atmosphärisch dicht erzählt, erweckt Whitehead das Harlem in den 60er Jahren zum Leben.

Harlem Shuffle
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Beschreibung

Ray Carney ist Geschäftsmann und führt im Harlem der 1960er Jahre einen Möbelladen. Doch das Geschäft läuft schlecht, vielen Kunden gewährt er Kredit, zu viel Kredit, und so kann er sich ...

Beschreibung

Ray Carney ist Geschäftsmann und führt im Harlem der 1960er Jahre einen Möbelladen. Doch das Geschäft läuft schlecht, vielen Kunden gewährt er Kredit, zu viel Kredit, und so kann er sich das Einkommen für sich und seine Familie nur durch etwas Hehlerei nebenbei sichern.

Durch seinen Cousin Freddy, der für ihn wie ein Bruder ist, wird er in einen Coup im legendären Hotel Theresa hineingezogen und rutscht immer tiefer in die Ganovenszene Harlems. Polizei und Gangster werden zu regelmäßigen Gästen in seinem Laden und die Gefahr, dass ihm sein Doppelleben um die Ohren fliegt, wird immer größer…

Meine Meinung

Der mehrfache Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead hatte mich bereits mit seinen Romanen »Underground Railroad«, welcher von einem geheimen Fluchtnetzwerk schwarzer Sklaven handelt, und »Die Nickel Boys«, bei dem es über Rassentrennung und Gewalt in einer Besserungsanstalt für Jugendliche geht, schwer begeistert.

In Colson Whiteheads neuestem Roman »Harlem Shuffle« nimmt sich der Autor den Stadtbezirk Harlem von New York City in den 1960er Jahren vor und liefert dieses Mal keinen schockierenden und berührenden Roman über Rassismus, sondern eine astreine Gaunergeschichte vor dem lebendigen und sich wandelnden Harlem mit seinen Stilikonen wie z. B. das Hotel Theresa. Eine Art Hommage an Harlem, den Mittelpunkt des schwarzen Lebens in New York City seit Mitte des 20. Jahrhunderts, welches bis heute von den afroamerikanischen Traditionen geprägt ist.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Geschäftsmann Ray Carney, der stolz auf seinen Möbelladen ist und das Herz am rechten Fleck trägt, das kommt besonders dann zum Tragen, wenn er seinen Kunden immer wieder Ratenzahlungen anbietet, obwohl es die finanzielle Situation nicht hergibt. Nebenbei vertickt er immer wieder heiße Ware, vornehmlich Radios und Fernseher, was ihm das nötige Kleingeld liefert, um seine Familie über die Runden zu bringen. Seine Schwiegereltern hätten sich allerdings eine bessere Partie für ihre Tochter gewünscht und auch Ray möchte insgeheim eine schönere Wohnung und mehr Platz für den anstehenden Familiennachwuchs.

Carney ist zuversichtlich, dass er mit seiner legalen Arbeit und dem kleinen Zubrot alles erreichen kann, was er sich wünscht, doch dann zieht ihn sein Cousin Freddy, der wie ein Bruder für ihn ist, in einen größeren kriminellen Coup als Hehler. Zunehmend schlittert Carney in die Verstrickungen von Harlems Banditen und versucht den Spagat zwischen Gutbürger und Ganove zu meistern, ohne seine Familie in Gefahr zu bringen.

Randnotiz in Colson Whiteheads Ganovenstück »Harlem Shuffle« bleiben die Konkurrenz und Ungleichheiten zwischen weißen und schwarzen Geschäftsleuten, die Arbeit von Ray Carneys Frau in einem Reisebüro, welches sichere Reisepläne und Informationen für die schwarze Bevölkerung anbietet, und auch die Unruhen nach der Ermordung des Schülers James Powell durch einen weißen Polizisten im Juli 1964 tauchen als Puzzlestück im Gesamtbild auf, ohne einen zu großen Raum einzunehmen.

Ich habe es sehr genossen mit Ray durch Harlem zu schlendern, in die dicht gewebte Atmosphäre seiner Möbelwelt abzutauchen und eine Kostprobe der illegalen Szene von Harlems Kriminellen zu bekommen. Allerdings muss ich sagen, dass mich die Geschichte nicht so berühren konnte wie ich es von seinen vorherigen Romanen gewohnt war. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass Rays Frau auch etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt, denn in den Grundzügen fand ich diese Figur sehr reizvoll und man hätte sicherlich etwas mehr aus ihrer Rolle machen können. Star des Romans bleibt für mich daher New York Citys berühmter Bezirk Harlem.

Fazit

Atmosphärisch dicht erzählt, erweckt Whitehead das Harlem in den 60er Jahren zum Leben. Allerdings konnte mich diese Ganoven-Geschichte nicht ganz so sehr mitnehmen, wie es »Underground Railroad« oder »Die Nickel Boys« vermochten.

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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 28.09.2021

Veröffentlicht am 12.11.2021

Schönheit, Neid und Missgunst verpackt zu dem göttlichen Märchen von »Eros & Psyche« deren Liebe und Leidenschaft stärker ist als alles andere.

Mythen der Antike: Eros & Psyche (Graphic Novel)
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Meine Meinung

In dieser weiteren Ausgabe aus der Reihe »Mythen der Antike« erzählten Luc Ferry & Clotilde Bruneau die Geschichte des Gottes Eros und der wunderschönen Sterblichen Psyche und haben sich ...

Meine Meinung

In dieser weiteren Ausgabe aus der Reihe »Mythen der Antike« erzählten Luc Ferry & Clotilde Bruneau die Geschichte des Gottes Eros und der wunderschönen Sterblichen Psyche und haben sich für die künstlerische Arbeit Diego Oddi ins Boot geholt, der bereits »Ödipus« illustrierte.

Beginnend bei der Geburtsparty Aphrodites, der Göttin der Schönheit, Begierde und Fortpflanzung, wird passenderweise Eros, der Gott der Liebe gezeugt. Abhängig vom jeweiligen Erzähler sind in der griechischen Mythologie unterschiedliche Eltern benannt, in diesem Comic wird auf die Fassung von Platon zurückgegriffen, bei der der listige und erfindungsreiche Poros und die ärmliche Penia diese Rolle einnehmen.

Aphrodite entgeht nicht die Begabung von Eros, der sein Ziel immer findet, egal was er jagt und erkennt darin einen Wert für sich. So nimmt sich Aphrodite den jungen Eros unter die Fittiche und spannt ihn immer wieder für ihre Zwecke ein.

Als die ungebührliche Schönheit der sterblichen Königstochter Psyche den Neid Aphrodites wecken, schickt sie Eros aus, um Psyche an ein Monster zu vermählen. Doch Eros verliebt sich in die junge Frau und bringt sie mithilfe des Westwindes Zephyros in seinen Palast, wo sie sich des Nachts vereinigen. Sein Antlitz hält er vor Psyche jedoch geheim, sodass diese von Neugier und ihren missgünstigen und von Neid zerfressenen Schwestern getrieben, herausfinden will, wer ihr Liebhaber tatsächlich ist.

Psyche erkennt bei ihrem Vorhaben im Kerzenschein Eros, welcher sich verraten fühlt und sie daraufhin verstößt. Doch ihre Liebe ist so groß, dass sie alles dafür tun würde, um ihren Liebsten zurückzuerobern. Aphrodite legt ihr mehrere Herausforderungen auf, bei deren Bestehen sie ihre Liebe zu Eros unter Beweis stellen und das Ansehen von Aphrodite gewinnen kann.

Die Geschichte von »Eros & Psyche« kommt einem antiken Märchen gleich, dem ein philosophischer Gedanke zugrunde liegt, der im ausführlichen Anhangmaterial von Luc Ferry leicht verständlich erklärt wird. Ich finde es grandios, wie die Erzählung dadurch an Tiefe gewinnt und bin mal wieder begeistert von dieser großartigen Comicausgabe. So macht Mythologie Spaß!

Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und eignet sich daher perfekt für Comic-Einsteiger, die sich für die Legenden der Götter und deren Hintergründe interessieren.

Ein klarer Pluspunkt ist auch das herrliche Artwork von Diego Oddi, das mit einer klaren Linienführung und einer ansprechenden Koloration den märchenhaften Charakter der Geschichte unterstreicht.

Fazit

Schönheit, Neid und Missgunst verpackt zu dem göttlichen Märchen von »Eros & Psyche« deren Liebe und Leidenschaft stärker ist als alles andere.

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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 27.09.2021

Veröffentlicht am 12.11.2021

Ein emotionaler Sturzflug voller Schuld, Trauer und Wut.

Der Mauersegler
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Meine Meinung

Jasmin Schreiber hatte mich mit ihrem Debütroman »Marianengraben« und mit ihrer Art zu Schreiben direkt abgeholt. Sie versteht es die Schattierungen von Trauer mit einer Originalität und ...

Meine Meinung

Jasmin Schreiber hatte mich mit ihrem Debütroman »Marianengraben« und mit ihrer Art zu Schreiben direkt abgeholt. Sie versteht es die Schattierungen von Trauer mit einer Originalität und Komik zu mischen, was ihre Geschichten mit Licht erfüllt.

In ihrem neuen Roman »Der Mauersegler« bleibt die Schriftstellerin ihrem Sujet treu, denn es stehen wieder schwere Themen von Trauer, Schuld, Verzweiflung, Suizid und Tod im Vordergrund. Dieses Mal dicht verwoben mit der Natur, und durch die Namensverwandtschaften auch mit der Mythologie.

Der Hauptakteur Prometheus, der seinen Namen dem griechischen Gott, der den Menschen das Feuer brachte, verdankt, ist Arzt und steht nun mit seiner protzigen Arztkutsche an einem Autostrand in Dänemark und will sich das Leben nehmen. Doch der Suizid gelingt ihm nicht, genauso wenig wie er seinem allerbesten Freund das Leben retten konnte.

Mit Jakob verband ihn seit der Kindheit ein starkes Band, die Freunde erzählten sich alles und in rückblickenden Erinnerungsfetzen erhält man Einblick in die Gespräche der Freunde, die sich auch immer wieder um die faszinierenden Mauersegler drehen, welche ihr ganzes Leben im Flug verbringen.

Schnell ist klar, dass Prometheus eine Schuld auf sich geladen hat, der er mit dem Tod zu entrinnen hofft. Am dänischen Strand wird er, von seiner Verzweiflung überwältigt, von der alten Frau Aslaug gefunden. Aslaug hilft ihm sein Auto abzuschleppen, welches im Sand feststeckt – so wie Prometheus in einer Sackgasse – und nimmt ihn auf dem Pferdehof von sich und ihrer Lebensgefährtin Helle auf. Das ältere Pärchen gibt Prometheus einen Rückzugsort und die Zeit und Ruhe sich und seine Gefühle zu ordnen.

Richtig gut gefallen haben mir die starken Unterschiede im Naturell der beiden Frauen, deren Namen übrigens aus der nordischen und griechischen Mythologie stammen. Während Aslaug eine resolute und bestimmende Ader in sich trägt, die schon einmal überschäumen kann, ist Helle die gutmütige Seele auf dem Pferdehof, die für jede Blessur ein Kraut oder Salbe vorrätig hat.

In dieser geschützten Umgebung durchlebt Prometheus die Wut über den Verlust seines engsten Vertrauten Jakob, der an Krebs erkrankte. Hinzu kommen die übergroßen Schuldgefühle, da er als Arzt seinen Freund nicht vor dem Tod bewahren konnte. Jasmin Schreiber wählt dabei einfühlsame Worte, welche dazu verleiten auch in sich selbst hineinzuhorchen und sich zu fragen, wie man in dieser Situation selbst handeln würde. Taschentücher sollten auf jeden Fall genügend bereitliegen, denn die Aufarbeitung dieser Geschichte lässt kein Auge trocken! Besonderes Highlight für Fans der Schriftstellerin ist der kurze Gastauftritt von Paula aus »Marianengraben«.

Fazit

Ein emotionaler Sturzflug voller Schuld, Trauer und Wut. Dieser Roman lässt einem die Haare zu Berge stehen und versöhnt mit viel Liebe und Licht.

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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 21.09.2021

Veröffentlicht am 12.11.2021

Ein intelligent erzählter Roman über eine Mittfünfzigerin, deren Leben auf einmal Kopf steht.

Alles wird gut
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Beschreibung

Die Mittfünfzigerin Elin steckt in einer Lebenskrise, nachdem die Kinder alle erwachsen und aus dem Haus sind, ihr Ehemann Aksel seine Freizeit mit seinem Hobby, dem Skilanglauf, verbringt ...

Beschreibung

Die Mittfünfzigerin Elin steckt in einer Lebenskrise, nachdem die Kinder alle erwachsen und aus dem Haus sind, ihr Ehemann Aksel seine Freizeit mit seinem Hobby, dem Skilanglauf, verbringt und ihr nach zwanzig Jahren Arbeit als Allgemeinärztin, jeglicher Optimismus ihrer Berufung flöten gegangen ist. Ihre Resignation gegenüber dem Leben betäubt Elin mit Wein und Serien, bis sie mit ihrem ehemaligen Freund Bjørn wieder in Kontakt kommt…

Meine Meinung

Nina Lykke, von der norwegischen Zeitung ›Aftenposten‹ als ›moderne Jane Austen‹ betitelt, war mir bisher kein Begriff und bei dieser Bewerbung musste ich einfach zugreifen. Tatsächlich hat es sich für mich gelohnt, denn ich mochte sofort Lykkes Erzählstil, der zwar nicht ganz an die Poesie einer Jane Austen heranreicht, aber dennoch mit auf die Spitze getriebener Ironie zu überzeugen weiß.

Die gekonnte Beobachtungsgabe der Schriftstellerin zeigt sich in dem von ihr gezeichneten übersättigten Gesellschaftsbild. Denn heutzutage haben viele Bevölkerungsschichten einfach alles. So geht es auch Elin, die Mitte fünfzig auf ein scheinbares Bilderbuchleben zurückblicken kann. Nun in dieser neuen Lebensphase, die neue Freiheiten mit sich bringt, zeigt sich jedoch, dass sie sich seit jeher in sozialen Konventionen gefangen fühlte und sie ihr Leben so nicht glücklich macht.

Die Geschichte beginnt eigentlich am Ende. Elin lebt verbotenerweise in ihrer Praxis, da sie nach der Trennung von ihrem Mann Aksel ihr Leben neu ordnen muss. In Rückblicken, die die gegenwärtige Situation durchbrechen, wird nach und nach offen gelegt, wie es zum Ehebruch kam. Dabei wird vor allen Dinge ausführlich der Charakter von Elin studiert und aufgezeigt, was in ihr vorgeht. Die anderen Charaktere bleiben leider nur blasse Abziehbildchen und werden sehr oberflächlich abgehandelt.

Restlos verzehrt vom Arbeitsalltag als Allgemeinmedizinerin und dem Desinteresse ihres Ehemannes Aksel, klingt die resignierte und zynische Seite von Elin an, was sich in der spitzen Zunge ihrer Lebensbetrachtung zeigt. Auch, wenn die Schwarzseherei manchen bestimmt aufs Gemüt schlagen kann, muss ich sagen, dass ich persönlich ihre schonungslose Spöttereien und Misanthropie äußerst unterhaltsam fand.

Mein persönliches Highlight sind die Selbstgespräche zwischen Elin und ihrem Plastik-Skelett Tore. Denn Tore drückt die Finger genau in die offene Wunde und ist so etwas wie das Teufelchen, das auf ihrer Schulter sitzt und man auch Gewissen nennen könnte. In den einsamen Tagen der Isolation in ihrer Praxis lässt Elin nämlich fast kein gutes Haar an sich selbst und man fragt sich unweigerlich, ob gemäß ihrer regelmäßigen Beteuerungen wirklich alles gut wird.

Fazit

Ein intelligent erzählter Roman über eine Mittfünfzigerin, deren Leben auf einmal Kopf steht. Nina Lykke besticht in »Alles wird gut« mit einer Momentaufnahme aus einem mittelständischen Frauenleben, dass mit einer ordentlichen Portion Zynismus punkten kann und dabei erfrischend unterhaltsam ist.

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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 09.09.2021