Profilbild von FroileinWonder

FroileinWonder

Lesejury Profi
offline

FroileinWonder ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit FroileinWonder über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.10.2019

Diese Dystopie sorgt mir ihrer Nähe zur Realität für gelungene Unterhaltung, dennoch hätte ich mir eine Ausarbeitung mit etwas mehr Tiefgang erhofft.

Der Store
0

Beschreibung

Cloud ist der weltweit größte Konzern im Onlinegeschäft und liefert alles außer Waffen direkt per Drohne vor die heimische Tür. In den zahlreichen MotherClouds entstehen neue Lebensräume ...

Beschreibung

Cloud ist der weltweit größte Konzern im Onlinegeschäft und liefert alles außer Waffen direkt per Drohne vor die heimische Tür. In den zahlreichen MotherClouds entstehen neue Lebensräume für die Mitarbeiter des Imperiums. In einem bewährten Sterne-System treibt Cloud seine Mitarbeiter zu mehr Leistung an, immer mit dem Bild einer großen Familie vor Augen, die der ganze Konzern darstellen will. Paxton und Zinnia lernen sich an ihrem ersten Tag bei Cloud kennen und entdecken schnell die dunkle Kehrseite hinter der schönen Fassade…

Meine Meinung

In seinem dystopischen Roman »Der Store« prangert Rob Hart die Auswüchse des Onlinehandels bis hin zu einer verschärften Situation des Aussterbens der Innenstädte an. An ihre Stelle drängt sich ein der weltweit größte Onlinehandels-Konzern Cloud, der sich durch eine harte Preis- und Klimapolitik eine regelrechte Monopolstellung errungen hat. Dieses Szenario fühlt sich im 21. Jahrhundert angekommen äußerst real an und erzeugt alleine schon durch diese Nähe eine gewisse Grundspannung die dazu verleitet den Atem anzuhalten.

Die perfekt zum Inhalt abgestimmte Aufmachung des Buches fällt dem Betrachter auf Anhieb ins Auge, denn durch den kartonähnlichen festen Einband und den leicht glänzenden Strichcode entsteht der Eindruck, ein Paket in Händen zu halten. Ergänzt wird das ansprechende Äußere durch einen leuchtend orangefarbenen Buchschnitt.

Rob Hart gewährt uns gleich drei verschiedene Einblicke in seine Geschichte, zum einen folgen wir dem ehemaligen Unternehmer Paxton, dessen Firma durch den mächten Cloud-Konzern in die Knie gezwungen wurde und nun keine andere Lösung sieht als sich bei Cloud um einen Arbeitsplatz zu bewerben, und dann wäre da noch Zinnia, welche sich als Wirtschaftsspionin in das Unternehmen einschleicht. Unterbrochen werden diese zwei Erzählperspektiven immer wieder durch tagebuchartige Blogbeiträge des Cloud Gründers Gibson Wells.

Die Botschaft von Rob Hart ist unmissverständlich, mit seinem Roman setzt er einen Wandel in Szene, der sich in Ansätzen schon heute erkennen lässt und kreiert daraus eine Utopie. Klimawandel und das Sterben der Städte befeuern die Bildung neuer Ballungszentren rund um das große, alles verschlingende Imperium der Cloud. Cloud ist weltweit der größte Onlinestore, der andere Firmen zum Frühstück verschlingt und in MotherClouds seine zahlreichen Arbeitnehmer um sich schart. Gibson Wells ist Gründer des Cloud-System und hat darin alles perfekt geregelt um nach Außen den Anschein einer heilen Welt vorzugaukeln während in den MotherClouds Überwachung, Leistungsdruck und Lohndumping auf der Tagesordnung stehen.

Authentisch und erschreckend zugleich skizziert Rob Hart ein Zukunftsszenario von ausgestorbenen Städten und einem weltweit führenden Konzern für Onlinehandel, der zugleich als weltweit größter Arbeitgeber agiert und durch diese Monopolstellung in vielen Belangen den Ton angibt. Damit lenkt der Autor das Augenmerk auf die bereits heute bestehende Problematik des sterbenden Einzelhandels in vielen Innenstädten und spitzt dies zu einer Vision zu, deren Erfüllung sich keiner wünschen kann. Allerdings wird der Leser im Unklaren gelassen, welche Hintergründe das vollkommene Aussterben der Städte genau hatte. Es scheint sich alles an einem ominösen Massacker am Black Friday aufzuhängen, zu dem ebenfalls mehr Input wünschenswert wäre. Auch im Bezug auf die angeschnittene Wirtschaftsspionage hätte sich genügend Potenzial für mehr Spannung und Tiefgang geboten, doch diese Chance hat der Autor leider ungenutzt verstreichen lassen.

Stattdessen ist man genauso sehr im eintönigen Leben aus Arbeit und begrenzter Freizeitmöglichkeiten, die das Leben in einer überwachten MotherCloud mit sich bringt, gefangen, wie es die Hauptprotagonisten der Geschichte sind. Zinna rennt mit ihrem roten Poloshirt als Lagerarbeiterin von Regal zu Regal und hechelt einer kaum haltbaren Leistungsvorgabe hinterher und Paxton nimmt die Arbeit bei Cloud nur als Übergangslösung an, wird aufgrund seiner bisherigen Laufbahn mit einem blauen Poloshirt und den Aufgaben eines Sicherheitsmitarbeiters ausgestattet. Mit jedem Kapitel spürt man deutlicher wie sehr der Ort Paxton und Zinia an sich fesselt, auch wenn das Leben in der MotherCloud an harte Bedingungen geknüpft ist und man seine Freiheit vor der Sicherheitskontrolle abgegeben hat. Die glanzvollen Bilder und Werbespots über Familie und Glück haben nichts mit der Wahrheit gemein, trotzdem sind sie eine große Versuchung, aufgrund der noch trostloseren Aussicht abseits der Cloud, an Ort und Stelle zu verweilen.

Rob Hart legt mit seinem Roman »Der Store« eine Dystopie vor, deren Thematik sich stark an der Gegenwart orientiert und sich dadurch äußerst real anfühlt. Durch eine angenehme Kapitellänge, eine leichte Sprache und einen unterschwelligen Spannungsbogen lässt sich das Buch fast an einem Stück weglesen und regt zum Überdenken der eigenen Angewohnheiten an.

Fazit

Diese Dystopie sorgt mir ihrer Nähe zur Realität für gelungene Unterhaltung, dennoch hätte ich mir eine Ausarbeitung mit etwas mehr Tiefgang erhofft.

Veröffentlicht am 25.10.2019

Sébastien Mourrain verhilft Stevensons Klassiker »Doktor Jekyll & Mister Hyde« mit seinen eindrucksvollen Illustrationen den Sprung in die Moderne.

Doktor Jekyll & Mister Hyde
0

Beschreibung

Rechtsanwalt Uttersons Misstrauen wird durch eine Änderung im Testament seines Freundes Doktor Jekyll geweckt, als dieser den kürzlich in sein Leben getretenen Mister Hyde als Erbe einsetzt. ...

Beschreibung

Rechtsanwalt Uttersons Misstrauen wird durch eine Änderung im Testament seines Freundes Doktor Jekyll geweckt, als dieser den kürzlich in sein Leben getretenen Mister Hyde als Erbe einsetzt. Auf einem Spaziergang mit Mister Enfield wird Utterson Zeuge des bösartigen Verhaltens von Mister Hyde, indem er Augenzeuge eines Zusammenstoßes zwischen Mister Hyde und einem kleinen Mädchen wird. In welcher Beziehung steht nun aber sein Freund und Mandant Doktor Jekyll zu diesem mysteriösen Mister Hyde?

Meine Meinung

Diese extravagante Ausgabe von Robert Louis Stevensons Klassiker der Schauerliteratur »Doktor Jekyll & Mister Hyde« kommt in einem schwarzen Leineneinband mit der Abbildung eines Schmetterlings, der in eine gute und eine böse Seite aufgespalten ist, orange gemusterten Vorsatzpapier und mit den düsteren Illustrationen des französischen Künstlers Sébastien Mourrain daher. Der Text von Robert Louis Stevenson wurde für diese Bilderbuch-Ausgabe, die auch für Kinder- und Jugendliche gedacht ist, von dem Übersetzter Nils Aulike in eine gekürzte Fassung überführt, büßt dabei jedoch nichts an seinem schaurigen Gruselpotenzial ein.

Durch das einmalige Zusammenspiel von Robert Louis Stevensons Geschichte und Sébastien Mourrains atmosphärischen Zeichnungen wird man direkt in das London des 19. Jahrhunderts entführt und wird dort Zeuge eines überaus undurchsichtigen Kriminalfalles. Auch wenn man noch nicht die Originalausgabe dieses Klassikers der Weltliteratur gelesen hat, ist man unweigerlich in irgendeiner Form mit »Doktor Jekyll & Mister Hyde« und deren Einfluss in die Popkultur in Berührung gekommen.

Doktor Jekyll gelingt es mit Experimenten an sich selbst, seine freundliche und gute Persönlichkeit von seiner schattenhaften und bösartigen Persönlichkeit zu trennen und existiert seither, je nach Drogeneinnahme, als Doktor Jekyll oder Mister Hyde. Damit spielt der Autor auf unser facettenreiches Wesen an, dass ebenso wenig ohne das Dunkel auskommt wie das Licht ohne Schatten. Doch Vorsicht ist geboten, denn Doktor Jekyll ist mit seinem Experiment der beste Beweis dafür, dass man den Schatten nicht unterschätzen und Überhand gewinnen lassen sollte.

Sébastien Mourrain fängt in seinem, zum größten Teil in Schwarz gehaltenen und skizzenhaften Illustrationen den Kern der Geschichte ein und weist mit gelben Highlights auf Details in seiner Bebilderung hin. Diese ausgesprochen schmuckhafte Ausgabe von Robert Louis Stevensons Klassiker ist eine wahre Augenweide im Regal und eignet sich nicht nur für schaurig-schöne Lesestunden, sondern ist auch besonders gut als Geschenk an Buchliebhaber geeignet.

Fazit

Sébastien Mourrain verhilft Stevensons Klassiker »Doktor Jekyll & Mister Hyde« mit seinen eindrucksvollen Illustrationen den Sprung in die Moderne. Nils Aulike mach durch seine Neuübersetzung und Kürzung die Geschichte auch für Kinder- und Jugendliche zugänglich.

Veröffentlicht am 25.10.2019

So macht griechische Mythologie Spaß!

Ich bin Circe
0

Beschreibung

Sie ist die Tochter des mächtigen Sonnengotts Helios und der Nymphe Perse, doch Circe mit ihrer krächzenden Menschenstimme und dem gelb gescheckten Haar unterscheidet sich nicht nur durch ...

Beschreibung

Sie ist die Tochter des mächtigen Sonnengotts Helios und der Nymphe Perse, doch Circe mit ihrer krächzenden Menschenstimme und dem gelb gescheckten Haar unterscheidet sich nicht nur durch diese auffallenden Merkmale von ihren Geschwistern. Im Gegensatz zu den anderen göttlichen Titanen fühlt sich Circe den sterblichen Menschen nahe. Sie fühlt mit den Sorgen und Ängsten der Menschen mit und verliebt sich sogar in einen von ihnen.

Schließlich führt Circes zartes Wesen und ihre daraus resultierenden Handlung zu ihrer Verbannung auf eine einsame Insel. Auf Aiaia lernt Circe die Natur kennen und lieben, sie zähmt wilde Tiere und ihre Kräfte als Magierin beginnen zu gedeihen. Durch ihre Kräfte ist sie schon bald als Hexe von Aiaia bekannt und berüchtigt, so dass sie von ihrer Schwester Pasiphaë genauso um Hilfe gebeten wird, wie von gestrandeten Seemännern…

Meine Meinung

Mit ihrem Roman »Ich bin Circe« schaffte es Madeline Miller auf Platz 1 der New York Times Bestseller Liste und auch hier bei uns im Lande gelang ihr der Sprung auf die Spiegel-Bestseller-Liste. Natürlich hat das die Messlatte ganz schön in die Höhe getrieben, und meine Neugierde auf die moderne Geschichte über die Zauberin Circe, die ihre Ursprünge in der griechischen Mythologie hat, nur noch mehr befeuert.

Das sattschwarze Cover mit einem goldglänzenden Konterfei lässt die Gedanken direkt zu den kunstvoll bemalten Vasen im antiken Griechenland reisen und stimmt einen perfekt in die kommende Geschichte voller Götter, Titanen und Sagen ein.

Bisher habe ich mich noch nicht weit in das Gebiet der griechischen Mythologie hineingetraut und schöpfte mein Wissen über die bekanntesten griechischen Gottheiten Zeus, Athene, Herkules, Hermes, etc. aus popkulturellen Einflüssen in Film und Fernsehen. Zu Beginn der Lektüre hatte ich ein wenig Angst, dass ich im Meer der Namen und Geschichten untergehen würde, doch Madeline Miller führt den Leser ganz wunderbar leichtfüßig und modern in die vielfältige Welt der griechischen Mythologie ein und begrenzt sich auf die nötigste Einbeziehung der komplizierten Verwandschaftsverhältnisse.

Madeline Miller erzählt die Geschichte von Circe in einer gefühlsbetonten Ich-Perspektive und lässt somit eine ganz besondere Nähe zu dieser Halbgottheit mit all ihren Gedanken, Problemen und Wünschen entstehen. Ich konnte mich wunderbar in dieses schüchterne Wesen, von Vater und Mutter sowie von den eigenen Geschwistern gering geschätzt, hineinversetzten. Circe fühlt sich in der Gegenwart ihrer Familie unwohl und stellt unter Beweis, dass sie trotz allen Umständen die Stärke hat, ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu folgen. Von der Liebe zu einem Sterblichen getrieben entdeckt Circe ihre magischen Kräfte und verwandelt diesen in einen Gott, um für immer mit ihm zusammen sein zu können. Hier wendet sich schließlich das Blatt für ihr eigenes Leben. Circe wird zu einem Leben im Exil auf der Insel Aiaia verurteilt, wo ihr nur die Natur und Tiere zur Seite stehen.

Auf der Insel findet Circe zu sich selbst und ihr Potenzial als mächtige Magierin beginnt zu wachsen und gedeiht prächtig. Das einsames Leben auf Aiaia bestärkt sie zudem darin, die Frau zu sein die sie schon immer sein wollte. Ganz alleine bleibt Circe schließlich doch nicht, denn sie erhält Besuch vom Götterboten Hermes, der sie immer auf dem Laufenden über die Ereignisse in der Welt hält und durch ihn empfängt sie auch den Hilferuf ihrer Schwester Pasiphaë, der Circe eine Reise nach Kreta ermöglicht.

Obwohl die Geschichte zum größten Teil in leisen Tönen stattfindet, gab es auch kribbelnde Momente der Spannung und mir hat es einfach unglaubliche Freude bereitet, Circe auf ihrem Weg zu einer starken und selbstbestimmten Frau zu begleiten.

Wie in einem Film erlebt man die Geschichten über Theseuss und den Minotauros von Kreta, das Meeresungeheuer Scylla, Iason und das goldene Vlies und natürlich die Sagen über die Hexe von Aiaia, die gestrandete Seemänner in Schweine verwandelt und schließlich ein Kind von Odysseus austrägt. Als Circe nun schließlich als Alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn Telegonos die Zeit verbringt, scheint ihr Kosmos auf die Sorgen und Ängste einer (Über)mutter zusammenzuschrumpfen. Aber auch hier beweist Circe ihre wahre Kämpfernatur und legt sich sogar mit mächtigen olympischen Gottheiten an.

»Ich bin Circe« von Madeline Miller ist ein zauberhafter Roman über eine starke Frau, der die von Männern dominierte griechische Mythologie in eine moderne Tunika kleidet.

Fazit

Eine starke Heldin, sagenhafte Erlebnisse und pure Magie – So macht griechische Mythologie Spaß!

Veröffentlicht am 25.10.2019

Ein lesenswertes Zeitzeugnis über das Leben in der englischen Provinz im 19. Jahrhundert.

Middlemarch
0

Beschreibung

Die Einwohnerschaft der englischen Ortschaft Middlemarch setzt sich aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten zusammen. Während ein Großteil der Bevölkerung mit ihrer Stellung zufrieden ...

Beschreibung

Die Einwohnerschaft der englischen Ortschaft Middlemarch setzt sich aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten zusammen. Während ein Großteil der Bevölkerung mit ihrer Stellung zufrieden scheint, wächst eine neue Generation heran, die den Umbruch in eine neue Zeit beschreiten. Dorothea Brooke ist eine junge Frau mit aufgewecktem Geist und voller Intelligenz. Sie möchte nicht gut heiraten, um selbst versorgt zu sein, sondern um mit ihren Möglichkeiten für Verbesserungen zu sorgen. Als sie den deutlich älteren Mr. Edward Casaubon heiratet, scheint die Erfüllung ihrer Träume in greifbare Nähe gerückt zu sein. Auch der junge Arzt Tertius Lydgate steckt voller Ideale und möchte seine Forschung und neue Methoden in Middlemarch vorantreiben. Dorothea und Tertius müssen schon bald feststellen, dass sich ihre Pflichten in der Ehe und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern von Middlemarch nicht so leicht mit ihrer Vorstellung vom Leben vereinbaren lässt.

Meine Meinung

Der Klassiker »Middlemarch« von George Eliot stammt aus den 1870er Jahren und trägt den Untertitel »Eine Studie über das Leben in der Provinz«. Zu Ehren des 200. Jahrestag von George Eliots Geburtstag am 22. November hat der dtv Verlag diese hübsche Neuausgabe in der Übersetzung von Rainer Zerbst mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen und einem Nachwort des Übersetzers herausgebracht.

Das Vorwort von Elisabeth Bronfen ist sehr aufschlussreich geschrieben und hätte sich in meinen Augen eher als Nachwort geeignet, denn in ihrem Text verrät sie bereits einige Einzelheiten der Geschichte, die ich viel lieber selbst entdeckt hätte.

Der Schreibstil legt bereits mit langen und in sich verschachtelten Sätzen ein Zeitzeugnis ab und versetzt den Leser direkt in das 19. Jahrhundert. Damals hatte man noch jede Menge Zeit für Müßiggang (zumindest die finanziell gut situierte Gesellschaft) und so entspinnt sich auch George Eliots Geschichte über die Menschen, ihre Beziehungen zueinander und welche politischen Einflüsse das Leben in Middlemarch prägen in einer Gemütlichkeit, für die man sich gerne die nötige Zeit nimmt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen dabei immer wieder Dorothea und Tertius, die mit ihrer aufgeweckten Art im Kontrast zu den restlichen Middlemarchern stehen.

Während sich Dorothea nicht mit der für sie vorgesehenen Partie verheiraten lässt und stattdessen den um einiges älteren Mr. Casaubon heiratet, schlittert Mr. Lydgate ohne die Absicht sich überhaupt jemals verheiraten zu wollen in die süßen Netze von Rosamond Vincy. Die einzelnen Persönlichkeiten zeichnet George Eliot mit feinen Pinselstrichen, versieht diese mit Ecken und Kanten und erweckt damit ein lebhaftes Bild der damaligen Gesellschaft zum Leben.

Gekonnt setzt George Eliot in Szene, wie sehr das Leben der Menschen in Middlemarch von der Entscheidung, mit wem sie sich verheiraten oder in beruflicher Sicht verbünden, geprägt ist. Die bescheidene und wissbegierige Dorothea lässt sich von imponierenden Worten täuschen und gerät so in den engen Käfig einer Ehe, die sie sich vollkommen anders ausgemalt hatte und der junge Arzt Tertius Lydgate stürzt sich in Middlemarch voller Idealismus und naivem Tatendrang in die Arbeit und tritt mit seiner überheblichen und forschen Herangehensweise auf den Schlips alt eingesessener Ärzte.

Die Sorgen und Ängste der Armen und Reichen scheinen zwischen den schicksalshaften Lebenswegen der Protagonisten zu verschwimmen und die Erkenntnis schleicht sich zwischen die Zeilen, dass nicht immer alles was Rang und Namen hat auch das entsprechende Geld mit sich bringt, und nicht alle Menschen mit ihrem Reichtum glücklich werden, sondern diesen sogar opfern müssen um das Leben führen zu können, dass sie sich wünschen.

»Middlemarch« steckt voller Weisheiten und so steckt auch in der Geschichte des Geistlichen Mr. Farebrother und des jungen Tunichtgut Mr. Fred Vincy eine sprichwörtliche Botschaft. Während Mr. Farebrother sein Einkommen durch sein Glück beim Billard und Kartenspiel im Grünen Drachen aufstockt, verschuldet sich Fred Vincy durch ebenjenes Glücksspiel und verspielt dabei fast seine Aussicht auf die Heirat mit seiner Jugendliebe. Hier bringt George Eliot den unabweislichen Vergleich ein, dass während der Eine Glück im Spiel hat, hat der Andere sein Glück in der Liebe findet.

George Eliot bietet mit ihrer Geschichte einen komplexen Einblick in das gesellschaftliche Leben im 19. Jahrhundert und überzeugt mit lebendigen Persönlichkeiten, die trotz ihrer Eigenarten und auch negativen Eigenschaften einem schnell ans Herz wachsen. Das Augenmerk liegt auf einer ausführlichen Beschreibung der Szenerie und sorgt auch beim Lesen für eine entschleunigte Wahrnehmung. Zwischendurch gab es allerdings auch einige Längen, die sich bei mir durch die politischen Abhandlungen bemerkbar machten. Dies mag jedoch auch meiner Unkenntnis und der daraus resultierenden Unwissenheit über Eliots Anspielungen auf die politischen Belange geschuldet sein.

Fazit

Ein lesenswertes Zeitzeugnis über das Leben in der englischen Provinz im 19. Jahrhundert.

Veröffentlicht am 25.10.2019

Magisch-Mystische Fantasy

Der Wächter der Winde
0

Beschreibung

Die »Welt unter dem Winde« wurde von dem unkonventionellen und visionären Erfinder Ross erschaffen. Seither lebt er mit seiner Tochter Mira(nda), dem Geist Ariel und dem Jungen Caliban in ...

Beschreibung

Die »Welt unter dem Winde« wurde von dem unkonventionellen und visionären Erfinder Ross erschaffen. Seither lebt er mit seiner Tochter Mira(nda), dem Geist Ariel und dem Jungen Caliban in seiner eigens erschaffenen Parallelwelt. Durch einen Sturm strandet eine Gruppe verschiedener Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Epochen in der magischen Welt unter dem Winde, die frappierende Ähnlichkeit mit der realen Umgebung der Gestrandeten aufweist, obwohl sich die Parallelwelt inmitten der Einöde von Big Sur verbirgt.

Mira begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben anderen Menschen außer ihrem Vater und fasst schnell Zuneigung zu den Gestrandeten in ihrer Welt, vor allem zu Fernando, dem jungen Mann mit Cowboyhut. Außerdem verstärkt die Ankunft der Gruppe Miras Wunsch, in die reale Welt zu gelangen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gemeinsam mit den Neuankömmlingen stellt sich Mira der Herausforderung, der magischen Welt ihres Vaters zu entkommen.

Meine Meinung

Das hübsche Cover zu Oliver Plaschkas neuem Fantasy-Roman »Der Wächter der Winde« ist im Vintagestil gehalten und passt ausgesprochen gut zur Geschichte. Die Optik erinnert zudem stark an Oliver Plaschkas Roman aus dem Jahre 2010, »Die Magier von Montparnasse«. Die Geschichte ist, ganz Plaschka, auf mehrere Perspektiven ausgelegt und von William Shakespeares »Der Sturm« inspiriert.

Die komplexe Fantasygeschichte splittet sich auf mehrere Handlungsstränge auf, die von der Gegenwart über die 1990er, 1930er bis hin in die 1850er Jahre reichen und aus der Perspektive der unterschiedlichen Protagonisten erzählt werden.

In der Gegenwart befindet sich Antonia (Toni) mit ihrem Angestellten Francis im Wagen ihres ehemaligen Kontrahenten und Studienfreundes Alexander, mit dessen Sohn Bastian und der Fahrerin Swaine, als sie in einen Sturm geraten und durch einen Autounfall gemeinsam in die magische Parallelwelt unter dem Winde geschleudert werden. Diese magische Welt wurde, ebenfalls bei einem schweren Autounfall, in den 1990ern von Tonis Ehemann Ross erschaffen, der sich seither mit ihrer gemeinsamen Tochter Mira, dem Geist Ariel und Caliban dort aufhält. Aus den 1930er Jahren wird das Gangster-Paar Rince & Stephanie angespült, die sich durch einen eigenen Coup endlich von Al Capone lösen wollten, doch ihre Fahrt endet auch in einem Unfall mit ihrem Lkw voller Schmugglerware. Aus dem »Wilden Westen« in den 1850er Jahren verschlägt es den jungen Mann Fernando in die Welt unter den Winden, der ein Versprechen halten will und dabei das Herz von Mira gewinnt.

Die Einflüsse von Shakespeares Klassiker »Der Sturm« reichen von Figuren wie Caliban und Ariel, die sogar die gleichen Namen wie ihre Vettern aus dem Klassiker tragen, über Persönlichkeiten, die an die Protagonisten aus dem Original angelehnt sind wie z. B. Ross an den Zauberer Prospero bis hin zu einer modernen Interpretation des Ursprungstückes. So verfangen sich die Gestrandeten in einem Netz aus Vergangenheit, Wünschen, Hoffnungen, Schuld und sind ihren eigenen Intrigen genauso ausgeliefert wie Ross Macht, sie in der Welt unter den Winden festzuhalten.

Oliver Plaschka erweckt mit seinem bildhaften Schreibstil eine faszinierende Fantasy-Welt zum Leben und reichert diese mit einer vielschichtigen Erzählstruktur sowie Bezügen zu Shakespeares »Der Sturm« an. Um diesen Fantasy-Roman genießen zu können ist es jedoch nicht unbedingt notwendig den Klassiker zu kennen. Vielmehr sollte man sich gegenüber der Geschichte mit all ihren Irrungen und Wirrungen, die eine gewisse Tragik und Dramaturgie mit sich bringt, unvoreingenommen auf sich wirken lassen, sodass sich der Zauber von Plaschkas Erzählkunst richtig entfalten kann.

Mir hat der komplexe Aufbau sehr gut gefallen und auch das Oliver Plaschka die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet empfand ich als guten Ansatz, bei dem es jedoch durch die vielfältigen Erzählperspektiven und die entsprechend geringe Seitenanzahl pro Protagonist an Tiefe und Bezug zu den einzelnen Charakteren fehlte. Daher fühlte ich zu den agierenden Persönlichkeiten immer eine Distanz, obwohl ich gerne viel mehr mit ihnen mitgefiebert und mitgelitten hätte. Dennoch ist »Der Wächter der Winde« ein empfehlenswertes Buch für alle Fantasy-Fans, die mystische Geschichten und eine umfangreiche Erzählstruktur zu schätzen wissen.

Fazit

Magisch-Mystische Fantasy, die die Tragik eines Shakespeare Stückes in sich trägt.