Menschlichkeit in dunkler Zeit
„...Der Tag, an dem ich Ryszard Lewandowski heiratete, ist mir so in Erinnerung geblieben wie das sepiafarbene Foto, das vor der Kirche von uns aufgenommen wurde. Die Arme beladen mit Lilien und Nelken, ...
„...Der Tag, an dem ich Ryszard Lewandowski heiratete, ist mir so in Erinnerung geblieben wie das sepiafarbene Foto, das vor der Kirche von uns aufgenommen wurde. Die Arme beladen mit Lilien und Nelken, strahle ich ihn an, während seine Hand auf meiner gelegen hat. Der Beginn eines schönen Traums…“
Mit diesen Gedanken von Zofia endet der Prolog. Wenige Jahre später ist Zofia allein. Ryszard war Professor in Krakau. Sachsenhausen wurde sein Schicksal, wie das so vieler polnischer Intellektueller.
Die Autorin hat einen bewegenden Roman geschrieben. Der Schriftstil ist fein ausgearbeitet. Er lässt viel Raum für die Emotionen der Protagonisten. Die Zeitverhältnisse werden realistisch widergespiegelt. Es wird nichts beschönigt. Deshalb sollte der zukünftige Leser wissen, dass es sehr heftige und brutale Szenen gibt.
Die Geschichte wird abwechselnd von Zofia und Hania erzählt. Hania ist die Tochter eines jüdischen Arztes. Die Familie wohnt im gleichen Haus wie Zofia. Die beiden jungen Frauen sind befreundet.
Die eigentliche Handlung beginnt im Jahre 1941. In Krakow kommt es zur ersten Eskalationsstufe. Die jüdischen Bewohner werden aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen und in ein Gebiet auf der anderen Seite des Flusses zu ziehen.
„...Bei jeder neuen Regelung sagen wir uns, dass wir sie ertragen können. Wir finden Wege, uns anzupassen, einen Anschein von Normalität aufrecht zu erhalten….“
Durch eine ehemalige Mitstudentin erfährt Zofia, dass es im Ghetto eine Apotheke gibt, die von einem Polen geleitet wird. Durch geschickte Argumentation hat er die Besatzer überzeugt, bleiben zu können. Zofia bekommt dort eine Anstellung.
Die Autorin versteht es, die Unterschiede und die Vielschichtigkeit in der polnischen Gesellschaft auf den Punkt zu bringen. Während in der Apotheke alles getan wird, um den Menschen zu helfen, machen sich polnische Jugendliche einen Spaß daraus, Juden zu terrorisieren.
„...Es ist wohl nicht verwunderlich, in welchem Maß die Polen mittlerweile in dieses Lied mit einstimmen und ihre jüdischen Nachbarn unterdrücken. Die Deutschen haben das Feuer der altehrwürdigen Tradition nur geschürt…“
Im Buch wird nach und nach die Geschichte des Ghettos und ihrer Bewohner erzählt. Magister Tadeusz Pankiewicz, der Apotheker, und seine Mitarbeiterinnen helfen, wo sie können. Sie wissen, dass es eigentlich nie genug ist. Und es ändern sich die Verhältnisse von einem Tag auf den anderen.
Das Buch spiegelt die Vielfalt der menschlichen Empfindungen: Grausamkeit und Gewalt, Angst und Überlebenswillen, Hoffnung und Glauben.
Die Geschichte hat mich tief berührt, obwohl oder gerade weil es nicht mein erstes Buch zu dem Thema war. Es zeigt, wie selbst in einem unmenschlichen Regime Glaube und Menschlichkeit wirken können.