Das ergreifende und auf Tatsachen beruhende Schicksal englischer Waisenkinder
London im Jahr 1909: Edna McAllister ist nach dem frühen Tod ihres Ehemannes darauf angewiesen, den Unterhalt für sich und ihre vier Kinder durch eigene Erwerbstätigkeit sicherzustellen. Laura, die älteste ...
London im Jahr 1909: Edna McAllister ist nach dem frühen Tod ihres Ehemannes darauf angewiesen, den Unterhalt für sich und ihre vier Kinder durch eigene Erwerbstätigkeit sicherzustellen. Laura, die älteste Tochter, kann durch ihre Tätigkeit als Hausmädchen in einer gut situierten Familie bereits erheblich dazu beitragen. Auf Grund der Entfernung zu ihrer Arbeitsstätte lebt sie nicht mehr bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern, was jedoch nichts an der innigen Verbundenheit aller Familienmitglieder untereinander ändert. Durch eine schwere Erkrankung Ednas, die letztendlich zu einem längeren Krankenhaushalt führt, zerbricht die Familie. Die minderjährigen Kinder, Katie und Garth, Zwillinge im Teenageralter und die erst fünfjährige Grace werden der öffentlichen Fürsorge übergeben und in zwei Waisenhäusern, getrennt nach Jungen und Mädchen, untergebracht. Doch der Aufenthalt ist von kurzer Dauer, denn schon bald ereilt sie das gleiche Schicksal, das englischen Waisenkindern drohte: sie werden gemeinsam mit anderen Kindern nach Kanada verschifft, um dort von neuen Familien aufgenommen zu werden. Dass es sich dabei in vielen Fällen um dringend erforderliche, aber bis auf Verpflegung kostenlose Arbeitskräfte handelt, wird verschwiegen. Laura, die viel zu spät von den tragischen Ereignissen erfährt, macht sich mit Einverständnis und Unterstützung ihrer Arbeitgeber auf die Suche nach ihren Geschwistern, um das Versprechen, das sie ihrer inzwischen auf dem Weg der Besserung befindlichen Mutter gegeben hat, einzulösen: die Geschwister zurückzuholen.
Zeitgleich wird das fragwürdige Verfahren der Verschiffung von Kindern, wobei es unerheblich ist, ob es sich auch tatsächlich um Waisen handelt, durch eine politisch motivierte Untersuchung überprüft. Geleitet von einem Anwalt und seinem jungen Sozius Andrew, bei dem es sich zudem noch um den Sohn von Lauras Arbeitgeber handelt, der auf keinen Fall in die gutsherrlichen Fußstapfen seines Vaters treten will, sondern ein ganz anderes Berufsziel verfolgt.
In drei zunächst unabhängigen Erzählsträngen, bestehend aus Lauras zunehmend verzweifelter Suche nach ihren "verschollenen" Geschwistern, den Erlebnissen und der ungeahnten Trennung der Geschwister nach ihrer Ankunft in Kanada und der im Regierungsauftrag durchgeführten Untersuchung des Außer-Landes-Bringens von (Waisen-)Kindern wird die gesamte Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und mit zum Teil tragischem Leben gefüllt. Da es sich zudem um ein dunkles Kapitel englischer Verhältnisse im Hinblick auf Kinder handelt und der Roman zudem auf wahren Begebenheiten gründet, entsteht beim Lesen teilweise ein beklemmendes Gefühl, gepaart mit Fassungslosigkeit. Und auch großer Bewunderung für die Unbeirrbarkeit und Unerschrockenheit, aber auch den Mut und die große Hoffnung auf Erfolg, gerade in der Person von Laura.
Dabei spielt aber auch ihr Glaube eine entscheidende Rolle, der ihr auch in Zeiten der Hoffnungslosigkeit und Mutlosigkeit immer wieder neue Kraft schenkt und sich Entwicklungen ergeben, die menschlich nur schwer zu erklären sind.
Ein mitreißender, hochemotionaler Roman mit hervorragenden Charakterisierungen der Protagonisten. Überzeugend, mit großem Einfühlungsvermögen gestaltet und intensiver Recherche verknüpft, die der ganzen Geschichte eine beeindruckende Authentizität verleihen. Und immer wieder in den Gedanken, Worten und Verhaltensmustern Einzelner ist deren großes Vertrauen in ihren Glauben und die daraus hervorgehende Stärke zu erkennen.
Mein ganz persönliches Lesehighlight in diesem Jahr!