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Veröffentlicht am 05.07.2020

Erlebbare Geschichte

Die goldenen Jahre des Franz Tausend
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1924. Die Gier der Menschen beflügelt den Hochstapler Franz Tausend, der selbstsicher und überzeugend bei konspirativen Treffen vor seinem Publikum als Alchemist auftritt und ihnen verspricht, Gold herstellen ...

1924. Die Gier der Menschen beflügelt den Hochstapler Franz Tausend, der selbstsicher und überzeugend bei konspirativen Treffen vor seinem Publikum als Alchemist auftritt und ihnen verspricht, Gold herstellen zu können, um ihnen damit das Geld aus der Tasche zu ziehen, was ihm hervorragend gelingt. Doch es dauert nicht lange, dass die ersten Investoren nervös werden und ausgerechnet eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen rückt seine Scharlatanerie in den Blickpunkt der Polizei vertreten durch Kommissar Heinrich Ahrndt. Dem wird von der Obrigkeit auf die Finger geklopft und schon bald entlassen. Ein Wink des Schicksals führt ihn von München nach Berlin, wo er den Auftrag hat, den aufrührerischen Journalisten Carl von Ossietzky zu beobachten, der dem deutschen Volk die Augen öffnen will über das, was hinter ihrem Rücken von den Regierenden bereits in Vorbereitung ist und daher der politischen Elite ein Dorn im Auge ist ebenso wie der Schriftsteller Thomas Mann…
Titus Müller hat mit „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ einen sehr anspruchsvollen und informativen historischen Roman vorgelegt, der nicht nur die letzten Jahre der Weimarer Republik und das Erstarken der Nationalsozialisten exzellent recherchiert an den Leser bringt, sondern ihn auch durch das Wirken von eindrucksvollen Persönlichkeiten zu faszinieren weiß, die er in seiner Geschichte lebendig werden lässt. Der flüssige und atmosphärische Schreibstil versetzt den Leser schnell ins vergangene Jahrhundert in eine Zeit des Aufbruchs, in der die Demokratie durch die verqueren Ideologien erst einmal in der Versenkung verschwindet und die Tyrannei der Nazis Einzug hält, die von Meinungsfreiheit nichts hält und hart durchgreift. Müller lässt die „Goldenen Zwanziger“ vor dem inneren Auge des Lesers wieder lebendig werden. Durch wechselnde Perspektiven lernt der Leser die Hauptprotagonisten bestehend aus Carl von Ossietzky, Thomas Mann, Heinrich Arndt und Franz Tausend kennen, wobei Müller gerade mit den Nobelpreisträgern Mann und Ossietzky die Lage in Deutschland sehr gut wiederspiegelt. Während der Autor seine Geschichte spannend erzählt, versteht er es brillant, dem Leser die damalige Zeit vor Augen zu führen, die Zerrissenheit einer gebeutelten Nation, die nach einem verlorenen Krieg wirtschaftlich am Boden liegt und sich nach besseren Zeiten sehnt. Gerade die Verknüpfung mit belegten historischen Personen macht die Handlung dadurch noch authentischer.
Die Charaktere sind so feinsinnig und detailliert ausgestaltet, dass der Leser sich mitten unter ihnen wähnt und sie bei der Lektüre genau vor Augen hat. Franz Tausend spielt in diesem Roman zwar eher eine Nebenrolle, doch mit seiner Cleverness, Charme und einer gewissen Raffinesse Betrug im großen Stil betreibt. Carl von Ossietzky hat sich dem kritischen Journalismus verschrieben, er war überzeugter Pazifist und den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, was ihn schlussendlich auch ins KZ gebracht hat. Ossietzky ließ sich nicht verbiegen, war mutig und entschlossen, Missstände aufzudecken und der Bevölkerung die Augen zu öffnen. Thomas Mann war ebenso ein Kritiker, der allerdings vor allem an sich selbst zweifelte. Heinrich Ahrndt ist ein integrer Mann, dem Betrug und Falschheit ein Graus ist. Er besitzt eine gute Spürnase und folgt seinen Instinkten. Die Vermischung von fiktiven und belegten historischen Persönlichkeiten ist in diesem Roman besonders gut gelungen und unterstützt das Miterleben der Handlung.
„Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, denn die historischen Fakten sind ausgezeichnet recherchiert und mit dem Leben von vier interessanten Protagonisten verknüpft. Für alle, die gerne in die Vergangenheit reisen und Geschichte hautnah miterleben wollen. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 04.07.2020

Wenn nur noch Geld die Welt regiert

Alles Geld der Welt
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1873 Wien. Während sich die österreichische Metropole auf die Weltausstellung vorbereitet und die Stadt in eine gespannte Aufregung versetzt, vermacht der jüdische Geldverleiher Aaron Rosenstrauch seinem ...

1873 Wien. Während sich die österreichische Metropole auf die Weltausstellung vorbereitet und die Stadt in eine gespannte Aufregung versetzt, vermacht der jüdische Geldverleiher Aaron Rosenstrauch seinem Sohn Heinrich von Strauch neben seinen langjährigen Bediensteten auch ein Riesenvermögen. Heinrich nutzt das Geld, um zusammen mit seinem Geschäftspartner Ernst Haver Huber ein eigenes Bankhaus zu eröffnen und an der Börse zu spekulieren. Während Ernst die Geschäfte der Bank führt, gibt Heinrich die Verantwortung dafür schon an der Tür ab. Er kümmert sich lieber um die Frauenwelt und wirft das Geld mit vollen Händen unter die Leute. Dabei investiert er auch einen großen Batzen in die Weltausstellung. Doch dann kommt mit dem 9. Mai der Börsencrash und die große Blase platzt…
Gerhard Loibelsberger hat mit „Alles Geld der Welt“ einen sehr unterhaltsamen und spannenden historischen Roman vorgelegt, dessen Handlung jederzeit auch gut in der Gegenwart vorstellbar ist und in der ähnlicher Form gerade erst bei einem bekannten Unternehmen vorgekommen ist. Der flüssige und bildhafte Schreibstil lässt den Leser schnell in den Seiten versinken und das Buch kaum aus der Hand legen, weil die Geschichte, obwohl historisch, gerade so viele Parallelen zur Gegenwart aufweist. Der Autor weiß von Beginn an zu fesseln, bildet er doch die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse wunderbar ab, die den Leser selbst zu Spekulationen hinreißen, wie das Ganze wohl ausgehen wird. Mit unterschwelliger Spannung lässt Loibelsberger die Puppen tanzen, reizt die Gier und den Machthunger seiner Protagonisten bis zum Äußersten aus, wobei man als Leser darauf hofft, dass sie über die eigenen Füße fallen oder ihnen durch die Geprellten der Gar ausgemacht wird. Von windigen Spekulationen und Betrügereien über sexuelle Belästigung, von Standesdünkel bis zur Verleugnung der eigentlichen Herkunft, hier ist alles dabei und innerhalb der Handlung wunderbar in Szene gesetzt. Mit historisch belegten Personen gibt der Autor seiner Geschichte zusätzlich Realitätsnähe und lässt sogar einen seiner eigenen Vorfahren eine Rolle in diesem Meisterstück spielen.
Die Charaktere sind lebendig ausgestaltet und wirken mit ihren individuellen Eigenschaften sehr real und glaubwürdig. Ein Schuft bleibt ein Schuft bleibt ein Schuft! Der Leser mischt sich unter die Illustre Szenerie und spekuliert selbst, wer wohl als erster über die eigenen Füße stolpert ob der Arroganz und des Hochmutes, den sie an den Tag legen und sich in Sicherheit wiegen, nicht erwischt zu werden. Heinrich ist ein aufgeblasener und verwöhnter Schmock, der schon mit allen Mitteln versucht, seine jüdische Verwandtschaft zu verleugnen. Noch schlimmer sind seine Übergriffigkeit gegenüber Frauen und die Faulheit, die er an den Tag legt sowie seine Dummheit. Ernst Xaver Huber dagegen ist schlauer und lässt sich nicht in die Karten schauen, er macht, was er will und agiert dabei schonungslos. Aber auch die Bediensteten oder der kleine Friseur, der selbst ein Stück vom großen Kuchen abhaben möchte, spiegeln das Bild der damaligen Zeit wunderbar wieder.
„Alles Geld der Welt“ ist nicht nur sehr unterhaltsam und mit Wiener Schmäh geschrieben, sondern trifft trotz des historischen Inhaltes den Zeitgeist von heute auf den Punkt, denn gerade erst wurde eine ähnliche Situation durch die Medien gepeitscht. Vielleicht lernt der Mensch irgendwann doch noch was. Vortrefflich erzählt, absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 04.07.2020

Wenn sich der Nebel lichtet...

Nebelkinder
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2017. Die 39-jährige unverheiratete Lilith lebt in München, als sie erfährt, dass ihre Cousine gestorben ist und einen kleinen Sohn hinterlässt. Robert ist der Vater des kleinen Jungen und bittet sie, ...

2017. Die 39-jährige unverheiratete Lilith lebt in München, als sie erfährt, dass ihre Cousine gestorben ist und einen kleinen Sohn hinterlässt. Robert ist der Vater des kleinen Jungen und bittet sie, sich um seinen Sohn zu kümmern, was Lilith gar nicht recht ist. Als sie sich diesbezüglich an ihre Mutter Ana wendet, zu der sie ein recht angespanntes Verhältnis hat, beschließt diese, mit Lilith in ihr die Heimat ihrer Kindheit ins polnische Breslau zu reisen, um ihrer Tochter die Erlebnisse ihrer Vergangenheit näher zu bringen. Diese Reise birgt nicht nur eine neue Chance für das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, sondern lässt Lilith erkennen, weshalb ihre Mutter all die Jahre so distanziert war…
Stefanie Gregg hat mit „Nebelkinder“ einen eindringlichen und berührenden Roman vorgelegt, der sich stark an die persönliche Familiengeschichte der Autorin anlehnt. Sie selbst ist ein „Nebelkind“, eine Enkelin der Kriegsgeneration, deren Leben mehr oder weniger stark unter den Erlebnissen und deren Einflüssen steht, die die Vorfahren durchleben mussten. Ihre Erkenntnisse hat sie wunderbar in ihre Geschichte miteinfließen lassen, was ihr eine besondere Authentizität verleiht. Der flüssige und gefühlvolle Erzählstil holt den Leser sofort ab und lässt ihn zwischen den Seiten versinken, um sich auf unterschiedlichen Zeitebenen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu bewegen, während er verschiedenen Perspektiven folgt. So erlebt der Leser gemeinsam mit Käthe, ihren Töchtern Ana und Helene sowie Käthes Schwester Selma und deren Anhang 1945 die strapaziöse Flucht vor den russischen Soldaten aus Breslau nach Bayern hautnah mit, bei der vor allem Käthe ein Trauma davongetragen hat, von dem sie sich nie wieder erholte. Ana war damals erst knapp 13 Jahre alt und hatte von einem Moment auf den anderen die Verantwortung der Familie auf ihren Schultern, was für so ein junges Mädchen nicht nur eine große Last, sondern auch prägend für das restliche Leben ist. Aber auch die Gegenwart um Ana und Lilith sowie ihre Beziehung zueinander ist für den Leser sehr aufschlussreich und offenbart die weitreichenden Folgen der damaligen Flucht bis ins Jetzt hinein. Die Autorin jongliert zwischen den Zeiten und lässt den Leser erst nach und nach das Gesamtbild erfassen, was ihr sehr gut gelungen ist, stehen doch die drei Frauenschicksale für viele, die Ähnliches erlebt haben.
Die Charaktere sind sehr authentisch und individuell gezeichnet, wirken glaubhaft und realistisch. Der Leser kann sich unter ihnen niederlassen, ihre Erlebnisse mitverfolgen und ihre jeweilige Entwicklung beobachten. Käthe ist eine eher schwache Frau, die von ihrer Schwester zur Flucht überredet werden muss. Sie will lieber auf ihren Ehemann warten, als sich und die Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Erlebnisse auf der Flucht haben Käthe endgültig gebrochen, sie zieht sich in sich zurück, ist hilflos und kraftlos. Ana muss schnell erwachsen werden, denn ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als sich um die jüngere Schwester Helene und ihre Mutter zu kümmern. Eigene Wünsche und Träume haben da keinen Platz, das Verantwortungsgefühl ist immer stärker und zieht sich durch Anas ganzes Leben. Gefühle wie Wärme und Liebe bleiben da auf der Strecke, denn sie hat immer funktionieren müssen. Lilith fühlt sich von ihrer Mutter abgelehnt und ungeliebt, was sich auf ihr eigenes Lebensmodell überträgt. Sie wirkt oft unsicher und unentschlossen sowie tieferen Gefühlen nicht fähig. Aber auch Selma, Wolfi und Robert spielen wichtige Rollen in diesem Buch.
„Nebelkinder“ berührt, schockiert und enthält so viel Wahres über die Generationen, die dies alles durchmachen mussten. Eine wichtige Geschichte für ein besseres Verständnis und um daraus zu lernen. Absolute Leseempfehlung!!!

Veröffentlicht am 04.07.2020

"Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist." (Jean Paul)

Die Kreuzfahrt
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1936. Das Herz der jungen Apothekertochter Carla Fuchs schlägt für die Musik und nicht für eine Ehe mit einem Mann, den ihre Familie ihr ausgesucht hat. Doch ihr Vater Robert lässt sich nicht davon abhalten ...

1936. Das Herz der jungen Apothekertochter Carla Fuchs schlägt für die Musik und nicht für eine Ehe mit einem Mann, den ihre Familie ihr ausgesucht hat. Doch ihr Vater Robert lässt sich nicht davon abhalten und mit dem adligen Journalisten Harald von Breden schon den geeigneten Kandidaten gefunden. Die Verlobung soll noch während des Besuches bei den olympischen Spielen in Berlin stattfinden, dann aber kommt alles ganz anders, denn die Tatsache, dass ihr Vater mit einem jüdischen Dirigenten verwandt ist, nimmt von Reden zum Anlass, Abstand von Carla und ihrer Familie zu nehmen. Eine Kreuzfahrt nach Ägypten soll Ablenkung für Carla und ihren Vater sein, doch wird sie eher zu einer Last, denn nicht nur das seltsame Verhalten ihres Vaters treibt Carla um, sondern auch das plötzliche Erscheinen von Bredens und das aufdringliche Benehmen des Filmregisseurs Theo Reidt. Carla möchte unbedingt herausfinden, was mit ihrem Vater los ist und wird schon bald von Ereignissen überrollt, die ihr Leben verändern…
Guido Dieckmann hat mit „Die Kreuzfahrt“ einen unterhaltsamen Roman, der neben dem historischen Hintergrund auch noch eine außergewöhnliche Kulisse zu bieten hat. Der flüssige und einnehmende Schreibstil gibt dem Leser die Möglichkeit, sich an Claras Fersen zu heften und ihr bei ihren Erlebnissen über die Schulter zu schauen. Die damalige Zeit prägt Claras Leben, ihr Vater will sie in eine Ehe drängen, die vorteilhaft ist, wobei ihre eigenen Wünsche und Träume keine Rolle spielen. Die Erkenntnis, dass es jüdische Verwandte gibt, birgt in Zeiten des Nationalsozialismus Gefahrenpotential und lässt auch in Carla Angst aufkommen. Mit der Idee, seine Protagonisten mit einer Kreuzfahrt außer Landes zu schaffen, beschreitet der Autor zwar keine neuen Pfade, doch das Ziel Ägypten ist neu und exotisch. Neben dem Besuch der olympischen Spiele wird dies ebenso farbenfroh und lebhaft dokumentiert, so dass man als Leser das Gefühl hat, hautnah dabei zu sein. Die in der Handlung eingebundenen Geheimnisse werden erst nach und nach gelüftet, so dass der Leser miträtseln kann. Der Spannungslevel wird hauptsächlich durch die zwischenmenschlichen Beziehungen und die verborgenen Geheimnisse auf einem konstanten mittleren Niveau gehalten.
Die Charaktere sind differenziert ausgestaltet, wirken lebendig und realtitätsnah, so dass der Leser seine Sympathien gleichmäßig verteilen kann. Carla ist zu Beginn eine naive junge Frau, die wohlbehütet von den Schwierigkeiten des Lebens fern gehalten wurde. Doch durch verschiedene Ereignisse sieht der Leser sie erwachsen und selbstsicherer werden. Sie lebt nicht mehr in einem Kokon, sondern muss sich der Realität stellen, die sie mutig meistert. Dr. Robert Fuchs ist nicht nur ein fordernder Vater, sondern auch ein Mann, der ein Geheimnis hütet. Harald von Breden ist ein umtriebiger Journalist, der den Dingen nicht nur auf den Grund geht. Aber auch Protagonisten wie Rina, Emil, Theo Reidt oder Wilhelm Steinberg lassen die Geschichte kurzweilig wirken.
„Die Kreuzfahrt“ lässt den Leser eine Reise in die Vergangenheit antreten, wo exotische Reiseziele warten, Geheimnisse zu lüften sind und mit einer Protagonistin, die an ihren Erlebnissen wächst. Unterhaltsame Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 03.07.2020

"Ich bereue nichts im Leben außer dem, was ich nicht getan habe." (Coco Chanel)

Die Modeschöpferin
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1961 Rom. Simonetta de Rosa hat sich ihren Position als berühmteste Modeschöpferin Roms hart erarbeitet. Sie steckt mitten in den Vorbereitungen zur neuen Kollektion, ihr Brautkleid soll den Abschluss ...

1961 Rom. Simonetta de Rosa hat sich ihren Position als berühmteste Modeschöpferin Roms hart erarbeitet. Sie steckt mitten in den Vorbereitungen zur neuen Kollektion, ihr Brautkleid soll den Abschluss der Alta Moda bilden und auf dem Cover der Vogue erscheinen. Währenddessen siedelt ihre Schwester Chiara Arisi von Paris nach Rom über, um sich dort endlich selbständig und als Designerin für exklusive Handtaschen einen Namen zu machen. Simonetta und ihre jüngere Schwester Chiara haben seit Jahren keinerlei Kontakt mehr zueinander, niemand weiß, dass sie Schwestern sind. Als Simonetta Rom 1938 verließ, hat die jüngere Chiara ihr hinterhergerufen „Ich hasse Dich“, seitdem herrscht Funkstille zwischen den beiden. Nun werden die zwei nicht nur Konkurrentinnen auf dem schwer umkämpften Modemarkt, sondern haben auch eine Vorliebe für den gleichen Mann. Und Simonetta hat noch ganz andere Probleme, denn trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen wird einer ihrer Entwürfe kopiert, während das wichtigste Kleid unter dramatischen Umständen gestohlen wird. Ist Simonettas Modenschau noch zu retten, und werden sich die beiden Schwestern jemals versöhnen?

Katja Maybach hat mit „Die Modeschöpferin“ einen lebhaften Roman vor historischer Kulisse vorgelegt, der sich in der eitlen Modeszene bewegt und dem Leser interessante Einblicke gewährt. Der flüssige und bildhafte Erzählstil kann von Beginn an fesseln und lässt den Leser mal an der Seite von Simonetta, Chiara, Paolo oder Antonia hinter die Kulissen der bunten Modewelt schauen und ein wenig Exklusivität schnuppern. Wer sich in der Modeszene ein wenig auskennt, kann Maybachs bildhafte Beschreibungen über ein Designerhaus, die kreativen Tätigkeiten sowie die Exzentrik der dort Beschäftigten bestätigen. Die Autorin schöpft aus eigenen Erfahrungen und kann diese sehr glaubhaft in ihre Geschichte integrieren. Wechselnde Perspektiven spiegeln nicht nur wunderbar die Gedanken- und Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten wider, sie zeigen auch ihre unterschiedlichen Positionen innerhalb des Modezirkus auf, lassen Träume wahr werden oder unsanft zerplatzen. Die nebenbei eingefädelte Familiengeschichte von Simonetta und Chiara wird von Maybach nur häppchenweise aufgedeckt, erst zum finalen Schluss erfährt man so einiges über ihre damalige Lebenssituation sowie über das Schicksal ihrer Eltern. Ausufernde kriminelle Aktivitäten sind mit einiger Spannung in die Handlung integriert worden, der Leser fragt sich eine ganze Weile, wer wohl der Langfinger innerhalb des Modehauses ist.

Die Charaktere sind individuell und lebhaft in Szene gesetzt, wirken mit ihren Eigenschaften glaubwürdig und authentisch, so dass der Leser sich ihnen schnell verbunden fühlt und mitfiebern kann. Simonetta ist eine freundliche, aber verschlossene Frau, die nicht nur einen kreativen Kopf besitzt, sondern auch ein großes Herz für ihre Mitmenschen. Trotz ihrer Bodenständigkeit weiß sie um die Träume ihrer exklusiven Klientel und arbeitet mit ihrem Team bis zur Erschöpfung. Chiara ist eine zurückhaltende Frau, die sich ihren Wunsch von einem eigenen Label erfüllen will. Sie ist warmherzig und noch etwas unsicher, ob sie es wohl schaffen wird. Paolo ist ein junger aufstrebender Designer, der einige wichtige Entscheidungen zu fällen hat. Antonia wächst über sich hinaus, denn sie hat ihren Traumjob gefunden. David ist ein Mann, der sich nicht binden will. Carla ist seit Jahren Simonettas rechte Hand, oftmals vorlaut, unangenehm und rechthaberisch, aber trotzdem unentbehrlich. Ebenso wichtig sind Protagonisten wie Ettore, Luigi oder der frascatische Winzer, die der Handlung zusätzlich Input geben.

„Die Modeschöpferin“ gibt einen wunderbar lebendigen Einblick in die exklusive Welt der Modedesigner. Neben kostbaren Kleidern und edlen Handtaschen sowie der eitlen Bussi-Bussi-Gesellschaft kann die Geschichte auch mit einer traurigen Familiengeschichte punkten. Aus den sich andeutenden Liebesbeziehungen hätte man doch noch etwas mehr machen können, vielleicht gibt es ja noch eine Fortsetzung? Fesselnde und konstruierte Geschichte, die eine Leseempfehlung verdient!