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Veröffentlicht am 13.09.2021

Zeitgeschichte – hautnah, bewegend, berührend

Wellenflug
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Zeitgeschichte – hautnah, bewegend, berührend
Die Autorin hat ihre eigene Familiengeschichte in Auszügen ihrem Roman "Wellenflug" zu Grunde gelegt und verleiht ihm dadurch eine ganz besondere Authentizität.
Beginnend ...

Zeitgeschichte – hautnah, bewegend, berührend
Die Autorin hat ihre eigene Familiengeschichte in Auszügen ihrem Roman "Wellenflug" zu Grunde gelegt und verleiht ihm dadurch eine ganz besondere Authentizität.
Beginnend in den 1870er Jahren mit der noch sehr jungen (und späteren Urgroßmutter der Autorin), Anna lernt man ein kleines Mädchen kennen, dass bereits sehr früh großes Interesse für das Unternehmen ihres Vaters, ein erfolgreicher Stoffhändler, den es aus dem kleinen Ort Gleiwitz in Oberschlesien bis nach Leipzig geführt hat. Anna wächst in diesem großbürgerlichen Haushalt auf, wobei ihrem Vater sehr daran gelegen ist, die familiäre Herkunft vergessen zu lassen und auch mit Hilfe der nächsten Generation erfolgreich weiter aufsteigen zu können.
Diesen Weg beschreitet Anna durch die Heirat mit den Söhnen des Großindustriellen Louis Reichenheim. Früh verwitwet heiratet sie Julius, den Bruder ihres verstorbenen ersten Ehemannes und gründet mit ihm eine große Familie. Wobei sie große Hoffnungen – der damaligen Erwartungshaltung entsprechend – an den erstgeborenen Sohn, Heinrich, knüpft.
Aber Heinrich erfüllt in keinster Weise die in ihn gesetzten Hoffnungen. Er kann den Konventionen seiner Familie nichts abgewinnen, widersetzt sich den jüdischen Traditionen und schert sich nicht um den Standesdünkel seiner Familie. Dem. Er entwickelt sich zu einem (reichen) Lebemann und zieht das Nachtleben in Berlin den Familiengeschäften vor. Zum großen Entsetzen von Anna heiratet Heinrich die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Garderobiere Marie, wandert mit ihr nach Amerika aus, um dann im Zuge des Ersten Weltkriegs nach Deutschland zurückzukehren und zu bleiben.
Der Roman, gegliedert in die beiden Frauengestalten Anna und Marie vermittelt eindrucksvoll einen Blick hinter die großbürgerliche Fassade und lässt teilhaben an der ganz persönlichen Entwicklung von zwei Frauen, die auf ihre eigene Weise um ihre Familie kämpfen.
Dabei steht für Anna die Familientradition über allem, was letztendlich auch dazu führt, dass sie mit Heinrich bricht. Erschütternd für mich, dass bis zum Tod von Anna keine Versöhnung erfolgte. Vor allem auch vor dem Hintergrund des aufziehenden Nationalsozialismus.
Marie hingegen nimmt den Kampf um den "Menschen" Heinrich auf und zeigt ihre Treue und Liebe ihm gegenüber ganz besonders durch die Aufnahme seines nichtehelichen Sohnes (der spätere Großvater der Autorin) als ihren eigenen.
Der Autorin ist es, auch durch ihren flüssigen und leichten Schreibstil gelungen, das Leben dieser beiden Frauen und ihre jeweiligen Beweggründe empathisch und überzeugend nachzuzeichnen. Wobei mir Anna dann doch leidgetan hat, weil ich sie zunächst als fröhliches und unbeschwertes kleines Mädchen kennenlernen durfte, das sich dann mit zunehmendem Alter immer mehr der elterlichen Erwartungshaltung entsprach und mit zunehmender Härte und Unversöhnlichkeit, gerade gegenüber Heinrich reagierte. Mit Marie konnte ich dann bis in die 1950er Jahre weiterziehen und war erstaunt über ihre große Liebe und unerschütterliche Treue zu Heinrich, gerade zu Zeiten, in denen ein jüdisches Leben nicht viel Wert war und auch Heinrich recht bald zu den Opfern der NS-Zeit zählte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.09.2021

Ein Wohlfühlroman - mit ernsten Untertönen, liebevoll aufbereitet

Bernsteinsommer
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Mein erster Roman dieser Schriftstellerin und mit Sicherheit nicht der letzte. Wobei ich liebend gerne Christina, die Hauptprotagonistin dieses Romans, noch ein weiteres Stück Lebenswegs, beruflich und ...

Mein erster Roman dieser Schriftstellerin und mit Sicherheit nicht der letzte. Wobei ich liebend gerne Christina, die Hauptprotagonistin dieses Romans, noch ein weiteres Stück Lebenswegs, beruflich und auch privat, begleiten würde.

Aber der Reihe nach und zunächst einmal zu meinem leserischen Ausflug nach Hanau und die Insel Rügen: Christina, Anfang 30, lerne ich gleich an mehreren Lebensbaustellen kennen: da ist die Scheidung nach einer nur dreijährigen Ehe, das durch die Folgen eines Wasserrohrbruchs überraschende Ende des von ihr betriebenen Cafés, die fortschreitende Demenzerkrankung ihres Vaters und plötzliche offene Fragen nach der familiären Vergangenheit.

All dies wird von der Autorin sehr geschickt in ihrem Roman zu einer wunderbaren und bezaubernden Einheit verwoben. Dabei gelingt es dank ihrer leichten, lebensnahen und empathischen Schreibweise bereits von Anfang an, sich in die Geschichte nicht nur einzufinden sondern sie gleichermaßen mitzuleben. Wobei mich besonders die feinfühlige Beschreibung der Demenzerkrankung des Vaters und der liebevolle und fürsorgliche Umgang der Familienmitglieder mit den zunehmend erkennbarer zu Tage tretenden Erscheinungsformen der Krnakheit sehr berührt hat. Immer wieder ist die tiefe Liebe und Verbundenheit, aber auch die Akzeptanz dieser Veränderungen, bei Christina, ihrem Bruder und auch der gemeinsamen Mutter zu erkennen. Obwohl ab und an auch eine kleine Spur von Trauer zu spüren ist vor dem, was noch auf sie alle zukommen wird. Für mich ein wichtiger und besonderer Aspekt dieses Romans.

Auf der anderen Seite ist es der Autorin gelungen, die beiden für Christina wichtigen Örtlichkeiten und deren Auswirkungen, auf der einen Seite die Stadt Hanau mit ihrer Hektik, dem Lärm, dem Stress und auf der anderen Seite die Inseln Rügen und Hiddensee, auf denen Christina endlich zur Ruhe kommt und die losen Lebensfäden wieder zu einem klaren und eindeutigen Bild verknüpfen kann. Auch wenn man sich nur lesend einige Seiten lang an der Ostsee aufhalten kann, so entsteht schon bald das Gefühl der Leichtigkeit und Lebensfreude, wie es auch von Christina empfunden wird. Nicht nur fiktives Balsam für die Romanfigur Christina sondern auch für die Leser – so mein überzeugter Eindruck.

Dieser Roman verlangt nach mehr und macht neugierig. Wie gut, dass es bereits vorhergehende Romane gibt, in denen mir einige Figuren, die ich im "Bernsteinsommer" kennenlernen konnte, noch mehr erzählen werden.

Diesen Roman empfehle ich sehr gerne weiter – es lohnt sich!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.09.2021

Ein Versprechen aus Kindertagen erfährt nach Jahrzehnten seine Erfüllung.

Als wir uns die Welt versprachen
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Ein Roman, dessen Cover, Bild und Titel gleichermaßen, mich sofort angesprochen hat. Wurden doch Erinnerungen an Kinderbilder meiner Eltern und Großeltern geweckt und in Kombination mit dem Titel des Romans ...

Ein Roman, dessen Cover, Bild und Titel gleichermaßen, mich sofort angesprochen hat. Wurden doch Erinnerungen an Kinderbilder meiner Eltern und Großeltern geweckt und in Kombination mit dem Titel des Romans entstand die Neugier, was möglicherweise aus einem Kindheitsversprechen geworden ist. So meine Frage und nachdem ich den Begriff "Schwabenkinder" entdeckt hatte, habe ich mich lesend auf die Suche nach einer Antwort zu dieser Frage gemacht.

Da mir die Thematik der "Schwabenkinder" bereits aus einem anderen Roman bestens bekannt ist, wird mit diesem Roman jetzt die Geschichte von zwei ehemaligen Schwabenkindern, Edna und Jacob, bis hinein in die Gegenwart erzählt.

Die hochbetagte Edna begibt sich zu Fuß und einem alten Papagei auf den Weg über die Alpen nach Deutschland, um ihren Kindheitsfreund Jacob aufzusuchen. So weit so gut. Interessante Romanidee aber die Ereignisse um und mit Edna haben mich nicht wirklich überzeugt – eher das Gegenteil. Ihre Reise, in dem Alter und in der beschriebenen Form wirkt auf mich zwar sehr kreativ aber alles andere als realistisch und glaubwürdig. Und das ist sehr schade, da es sich bei den Schwabenkindern um ein wirklich wichtiges und ergreifendes Thema handelt, unter dessen Härte und Grausamkeit sicher viele Kinder ihr Leben lang gelitten haben.

Da der Roman in zwei Zeitebenen spielt, auf der einen Seite Edna's Reise hier und jetzt, und auf der anderen Seite die gemeinsame, aber sehr harte Zeit als Kinder, die sie und Jacob gemeinsam durchgestanden und überlebt haben. Gerade dieser Erzählstrang wird den Erwartungen, die ich an den Roman hatte, gerecht. Nur schade, dass Edna's (unglaubwürdige) Reiseerlebnisse und der Reiseverlauf diese berührenden, tragischen und ergreifenden Rückblenden immer wieder unterbrechen. Dies ein Grund, dass mich der Roman letztendlich doch enttäuscht zurücklässt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.09.2021

... hat mich in ihren Bann gezogen und lässt mich nicht mehr los!

Die fremde Spionin (1)
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War mir der Autor als Person bisher bekannt, so handelt es sich bei diesem Buch um den ersten Roman, den ich von ihm lese. Und für mich steht fest: ich werde ihm lesetechnisch die Treue halten. Nicht nur, ...

War mir der Autor als Person bisher bekannt, so handelt es sich bei diesem Buch um den ersten Roman, den ich von ihm lese. Und für mich steht fest: ich werde ihm lesetechnisch die Treue halten. Nicht nur, weil es sich bei "Die fremde Spionin" um den Auftaktband einer Trilogie handelt. Nein, weil er ein Thema und eine Zeit aufgreift, die mir bekannt ist und die ich zum größten Teil selbst miterlebt habe. Und ich muss sagen: er hat den Zeitensprung hervorragend gemeistert.

Eine ungemein fesselnde Dramatik, verbunden und beginnend mit einem Ereignis, das man keiner Familie wünscht: unumkehrbare Trennung einer intakten Familie mit zwei kleinen Mädchen – in meinen Augen auch eine Form von psychischer Gewalt, die nicht ohne Folgen, gerade bei Kindern, bleiben wird.

Ria und ihrer Schwester erleiden diesen Schicksalsschlag und wachsen getrennt voneinander in völlig neuen Familien auf. Herangewachsen und noch immer von der Frage getrieben, was aus ihrer Schwester geworden ist, begibt sich Ria auf einen gefährlichen Weg und lässt sich, im Ministerium für Außenhandel der DDR beschäftigt, vom BND als Spionin anwerben. Hofft sie doch sehnlichst, auf diesem Weg den Verbleib ihrer Schwester aufklären zu können. Und schon gerät man beim Lesen hinein in die verschwiegene und gefährliche Welt der Geheimdienste. Wobei nicht nur der BND eine Rolle spielt, sondern auch die Stasi und der KGB, jeweils in Form von Personen, die es sehr geschickt verstehen, ihre wahren Absichten gekonnt zu verschleiern.

Ein ungemein spannender und fesselnder Roman. Mit einer überzeugenden und verständlichen Darstellung von Plänen, Verstrickungen und letztendlich auch Taten eines Staates gegen die eigenen Bürger. Bisher war Spionage und ein Blick "hinter die Kulissen" in eine noch nicht lange zurückliegenden Zeit noch nie so aufregend und auch so erschütternd wie in diesem Roman. Die Idee, mit Hilfe von Ria das ganze Ausmaß eines menschenverachtenden Regimes, auch auf sehr emotionale Weise, darzustellen und dabei reale Ereignisse dieser Zeit mit der fiktiven Geschichte von Ria zu verflechten, würde ich nicht nur als überaus gelungen bezeichnen, sondern hat mich auch auf die Suche nach weiteren Informationen geführt. Dabei stellen die am Ende des Buches angegebenen Quellen und Bücher eine hervorragende Basis für persönliche Recherchen dar.

Ein Roman, der mich bereits von der ersten Seite an gefesselt hat und den ich kaum aus der Hand legen wollte. Für mich teilweise erschütternd, fragend, hoffend – vor allem aber eines: überzeugend! Und mit der Aussicht auf zwei Folgebände – grandiose Aussichten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.09.2021

Kriminalistische Ermittlungen der etwas anderen Art

Still ruft der See - Kettling und Larisch, 3. Fall
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Lesetechnisch angezogen von der Kurzbeschreibung, wonach es sich um einen 70er-Jahre-Regionalkrimi handeln sollte, habe ich mich liebend gerne gemeinsam mit dem Ermittlerteam (der 43jährige Frührentner ...

Lesetechnisch angezogen von der Kurzbeschreibung, wonach es sich um einen 70er-Jahre-Regionalkrimi handeln sollte, habe ich mich liebend gerne gemeinsam mit dem Ermittlerteam (der 43jährige Frührentner Theo, Sabine, die junge Sängerin einer Band, sowie Lieselotte, ehemals Schulrektorin und jetzt im wohlverdienten Ruhestand) an die Aufklärung eines Todesfalles durch Ertrinken gewagt.

Selbst in diesen Jahren aufgewachsen, ist mir vieles vertraut und weckt Erinnerungen an diese Zeit und die Lebensumstände. Dies darzustellen ist dem Autor überaus glaubwürdig und überzeugend gelungen und verleiht dem Roman eine große Authentizität.

Dass die Klärung der näheren Todesumstände nicht unbedingt durch die üblichen kriminalistischen Verfahren bzw. Arbeitsweisen erfolgen, ist zum einen dem bunt gemischten und ohne jegliche kriminalistische Ausbildung bzw. Kenntnisse agierenden Ermittlerteam geschuldet. Wobei mich die Zusammensetzung zum Schmunzeln gebracht hat und sich gerade in der Person von Lieselotte, auf Grund ihrer beruflichen Erfahrungen durchaus in der Lage, das Zepter zu schwingen, für mich als eine besonders gelungene Charaktere darstellt.

Ein flüssiger Schreibstil lässt die Lesezeit schnell vergehen und hat – zumindest bei mir – das Interesse an den beiden Vorgängerbänden geweckt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere