Atmosphärisch dicht
Es ist Sommer, der Lavendel blüht und duftet, der Mistral weht über Land und Felder, den Menschen ins Gesicht, liebkost sie mit seiner rohen Wildheit. Auf einem Bauernhof wächst diese Marie mit sieben ...
Es ist Sommer, der Lavendel blüht und duftet, der Mistral weht über Land und Felder, den Menschen ins Gesicht, liebkost sie mit seiner rohen Wildheit. Auf einem Bauernhof wächst diese Marie mit sieben Geschwistern und fleißigen Eltern zu einer strahlend selbstbewussten, jungen Frau heran. Das Schicksal meint es gut mit ihr, sie hat alles, was sie braucht, wenn auch nicht mehr, ist im Reinen mit sich und ihrem Platz in der pittoresken Welt, die sie umgibt. Doch dann tritt Olivier wie eine Naturgewalt in ihr Leben, hinterlässt seine Spuren auf ihrer Haut und in ihrem Herzen, bevor er wieder verschwindet, und einen dunklen Keim in ihrer Seele, der unaufhaltsam zu wuchern beginnt.
„Wer weiß, ob es nicht an den Wegen oder auf dem Hügel ein Kraut gegen das Herzweh gibt, das einem den Schlaf raubt, einen Faser für Faser vom Leben abtrennt, wie der Wind, der an einem Baum rüttelt und ihn aus der Erde löst.“ S. 98
Das war wirklich unfassbar schön, aber auch sehr traurig. Welch eine betörende Sprachgewalt, welch eine große Liebeserklärung an diese weite, ursprüngliche Landschaft, an die Schönheit des Lebens - und wie grausam spielt eben jenes Leben sein Spiel manchmal, trampelt auf Träumen herum und zerlegt das Glück mit einem Wimpernschlag in Schutt und Asche. Wehmütig lässt mich diese Geschichte zurück, aber auch auf eine Art beglückt, wie es nur wahrhaft guter Literatur gelingt.
„Mistral“ von Maria Borrely ist der erste von insgesamt vier Romanen der Autorin und wurde 1930 erstmals veröffentlicht. Eine großartige Neuentdeckung und -übersetzung also, über die ich sehr froh bin. Aus dem Französischen und mit einem wunderbaren Nachwort von Amelie Thoma.