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SofieWalden

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2021

Ein Debütroman, der ein absolutes Leseerlebnis ist

Der Junge, der das Universum verschlang
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Der Australier Trent Dalton, mit Auszeichnungen überhäuft, u.a. auch viermal als Journalist des Jahres geehrt, legt hier sein Debüt als Romanschriftsteller vor. Und, um es gleich vorweg zu nehmen, er kann ...

Der Australier Trent Dalton, mit Auszeichnungen überhäuft, u.a. auch viermal als Journalist des Jahres geehrt, legt hier sein Debüt als Romanschriftsteller vor. Und, um es gleich vorweg zu nehmen, er kann auch Romane schreiben, so gut, dass diese Geschichte in meinem Leseuniversum auf jeden Fall in die Abteilung 'Buch des Jahres gehört.
Dies ist ein biographisch geprägter Roman und er erzählt die Geschichte der Brüder Eli und August Bell, ihr Heranwachsen in einem Sozialbau-Vorort von Brisbane, mit ihrer Mum, die sie beide vergöttern und einem Stiefvater Lyle, den gerade Eli über alles liebt. Es sind bescheidene Verhältnisse, in denen sie leben, aber sie sind von Zuneigung und Liebe bestimmt. Und da ist Slim, der Houdini der Ausbrecher von Boggo Road, der als Babysitter für die beiden Jungs fungiert, ein weiser, außergewönlicher Mann und Elis bester Freund. Er ist immer für die beiden da, auch als die Dinge sich plötzlich ändern, als das Gute, das Lyle für das Fortkommen seiner Familie tut, in Gewalt, dem Verlust von Elis Zeigefinger, dem Verschwinden seines Dads und einer Gefängnisstrafe für seine Mutter endet. Aber das Leben geht weiter und die zwei Brüder landen bei ihrem richtigen Vater, einem Mann, traumatisiert von dem Tag, als er mit eben diesen, seinen beiden Söhnen, in den Mondsee fuhr und damit die Geschichte seiner echten und einzigen Familie zu Ende war.
Dieser Roman ist alles, hart, packend, voller sozialer und menschlicher Abgründe, von erstaunlich wenig Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, ein wenig Hass und jeder Menge krimineller Elemente, von denen die meisten, würde man danach fragen, ganz viel Gutes in sich tragen. Und zwischen all dem, in diesem Leid, da ist das Gefühl der Liebe, so echt und ehrlich, dass es einen zutiefst berührt. Und von ganz oben (vielleicht ja vom Himmel) schaut der einzige und echte, Arthur Ernest 'Slim' Halliday, der Houdini der Ausbrecher, auf seine Jungs herunter und ruft ihnen zu 'Schnappt euch die Zeit, bevor sie euch schnappt', und Eli, vergiss es nicht!
Einfach ein unbeschreiblich bombastisch gutes Buch, das immer ein kleines Plätzchen in meinem Leserherzen haben wird und in meinem 'für immer Lieblingsbücherregal' natürlich sowieso.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2021

Eine starke Frau bereitet den Weg, nicht nur auf dem Rad

Die Rebellion der Alfonsina Strada
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Alfonsina Strada, ein Name, den man eigentlich kennen sollte und dank dieses Romans tut man dies jetzt auch. Sie war die erste und einzige Frau, die je beim großen Giro d'Italia mitgefahren ist und das ...

Alfonsina Strada, ein Name, den man eigentlich kennen sollte und dank dieses Romans tut man dies jetzt auch. Sie war die erste und einzige Frau, die je beim großen Giro d'Italia mitgefahren ist und das 1924, als der Platz der Frau in der Gesellschaft doch noch vorwiegend 'daheim am Herd' zu finden war. Diese Geschichte erzählt ihr Leben, auf und neben ihrem geliebten Rennrad, beschreibt dieses Gefühl von Freiheit und Selbstverwirklichung, wenn der Wind ihr durch die Haare weht und sie durch die Landschaft rauscht, diesen unbedingten Willen, genau dies zu tun und das auch eben ganz offiziell in Rennen gegen Männer. 36 teils hochrangige Rennen ist sie gefahren, eben gegen Männer und sie hat dabei nicht wenige hinter sich gelassen, wenn sie über die Ziellinie geschossen kam. Dieser Teil ist Fakt und natürlich überall nachzulesen. Aber die Person dahinter, ihr gerade in den Anfangsjahren hartes Leben, ihre notwendigerweise mit einer sehr kämpferischen Haltung versehene Persönlichkeit, die Menschen, die an sie geglaubt und sie unterstützt haben und später auch die Achtung und Wertschätzung ihrer Leistung und ihrer selbst durch die männliche Journaille und die Bevölkerung am Straßenrand, das wird hier wunderbar rübergebracht in diesem Buch. Natürlich ist das meiste durchaus als fiktiv anzusehen, aber es passt einfach. Denn genauso hätte es sein können und ist es sicherlich auch in vielem gewesen. Und am Ende freut man sich, dass man Alfonsina so nahe hat kommen dürfen. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ich danke ihr, denn ich bin mir sicher, ein ganz kleines Stückchen hat auch sie mitgeholfen, uns weiterzubringen, hin zu einer Gesellschaft, wo Gleichberechtigung eigentlich kein Thema mehr zu sein braucht, irgendwann.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 28.04.2021

Ein wiederentdeckter Roman aus seiner Zeit, der Dinge beim Namen nennt, sehr frei

Die Beichte einer Nacht
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1930 hat diese Geschichte das Licht der Welt erblickt, verfasst von einer Autorin, die als Politikerin und eben auch als Autorin Aufsehen erregte, dadurch, dass sie sich als Frau einmischte und einbrachte ...

1930 hat diese Geschichte das Licht der Welt erblickt, verfasst von einer Autorin, die als Politikerin und eben auch als Autorin Aufsehen erregte, dadurch, dass sie sich als Frau einmischte und einbrachte in die Domänen einer Männerwelt und der Sehnsucht und dem Bestreben der Frau nach einer eigenen Identität, einem nicht von außen reglementierten selbstbestimmten Leben, Vorreiterin war und eine Stimme gab.
Heleen befindet sich in einer Nervenklinik. Sie hat ein Leben gelebt, das zu erzählen es allemal wert ist und in den stillen dunklen und trotz der Nachtschwester eher einsamen Nächten erfasst sie das Bedürfnis, ihre Geschichte weiter zu geben. Es bricht regelrecht aus ihr heraus und sie beginnt, in monologischer Form, eher distanziert dem eigenen Erleben gegenüber, mit ihrer Erzählung. Die Nachtschwester ist dabei eher Staffage. Am Anfang ist diesen Sprechen noch eher nach außen gerichtet. Sie erzählt von ihrem Elternhaus, ihrem nicht wirklich vorhandenen Kindsein als die älteste von zehn Geschwistern und dem Entschluss, wegzugehen und sich den gesellschaftlichen Aufstieg zu erkämpfen, den sie anstrebt, um jeden Preis. Es geht um die große Liebe, die jüngere Schwester und Entscheidungen, Entscheidungen und ihre Konsequenzen.
Immer nach innen gewendeter verläuft dieser Monolog, aber es klingt auch ehrlicher sich selbst gegenüber, was Heleen da sagt. Und dabei zieht eine emotionale Kälte ein, die schon auffällt. Aber das ist wahrscheinlich für die Protagonistin der einzige Weg, sich all dem zu stellen und es auch auszusprechen, selbst wenn es weh tut.
Aber, obwohl dies zumindest so etwas wie Mitgefühl hervorrufen sollte, lässt diese Geschichte den Leser mit einer Distanziertheit, dieser Frau gegenüber zurück, die so nicht gewollt sein kann.
Ein, aus dem üblichen, herausfallendes Werk, damals auch so wahrgenommen und was ja nicht selbstverständlich ist, erfolgreich in seiner Zeit, gut geschrieben und mit einer Botschaft, aber, ganz persönlich auf mich bezogen, ist es nicht so richtig bei mir angekommen.
Aber lesen, lesen sollte man es auf jeden Fall, denn es hat natürlich jede Menge ganz individuelle Leseerfahrungen verdient.

Veröffentlicht am 22.04.2021

Ein Thriller der Extraklasse, filigran eingebunden in die ersten Tage der Besatzung von Paris 1940

Die Toten vom Gare d’Austerlitz
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Es ist mitten im Krieg und genau am Tag der Besetzung von Paris durch die Deutschen geschieht ein Verbrechen, am Gare d'Austerlitz. Vier polnische Flüchtlinge werden, mit Kampfgas getötet, in einem Eisenbahnwaggon ...

Es ist mitten im Krieg und genau am Tag der Besetzung von Paris durch die Deutschen geschieht ein Verbrechen, am Gare d'Austerlitz. Vier polnische Flüchtlinge werden, mit Kampfgas getötet, in einem Eisenbahnwaggon gefunden, der ihnen die Flucht aus der besetzen Hauptstadt ermöglichen sollte, so wurde es ihnen versprochen. Inspecteur Giral von der französischen Polizei ist der zuständige Ermittler in diesem Fall und es steht die Frage im Raum, ob diese Tat es überhaupt wert ist, untersucht zu werden. Was zählen diese vier Toten schon bei all den Opfern, die der Krieg selbst und die Gräueltaten der Nazis, bisher gefordert haben. Aber Giral sieht das anders, will es anders sehen. Er versucht verzweifelt, in diesen neuen Verhältnissen Normalität zu bewahren, den Wert der Gerechtigkeit hoch zu halten, für die Bevölkerung von Paris und ganz besonders auch für sich selbst, denn er trägt eine Menge kaputte Seele mit sich herum. Schon 'im Krieg davor' war er selbst, im Schützengraben, mit dabei, um für sein Land zu kämpfen und immer noch begleitet ihn dieser Albtraum fast jede Nacht. Aber erstaunlicherweise wird ihm sein Vorsatz, wie zuvor weiter zu machen, geradezu als Befehl auferlegt, von den deutschen Besatzern selbst, mit einem Major Hochstetter als Verbindungsmann bzw. als dem, der den Ton angibt.
Und so macht sich Giral, den alle nur Eddie nennen, an die Arbeit, die unter den gegebenen Umständen, so ganz anders ist und irgendwie manchmal nicht wirklich real erscheint, aber hier ist sie, die neue Wirklichkeit.
Und genau an diesem Punkt fragt man sich, kann das sein, funktioniert 'Krimi' inmitten der neu geschaffenen deutschen Wehrmachtsstrukturen im besetzten Paris. Ja, tut es und zwar einfach ganz großartig. Das feindliche Bollwerk der Kriegsbesatzung treibt diese hochspannende Geschichte geradezu faszinierend gut voran. Hier ist alles echt, bis aufs Kleinste sorgfältig recherchiert. Und so hat der Autor dieses Thriller mit seinem Roman ein tief berührendes und absolut packendes, noch lange nachklingendes Werk geschaffen.
Dieses Buch muss man einfach gelesen haben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2021

Ein Krimi wird zum Lonely Man und das Happy End ist ganz anders

Der Abstinent
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Das Manchester um 1867, auch hier ist der Konflikt zwischen dem nach Unabhängigkeit strebenden Irland und der britischen Krone täglich zu spüren und nach dem eher versehentlich durch einige Fenians verursachten ...

Das Manchester um 1867, auch hier ist der Konflikt zwischen dem nach Unabhängigkeit strebenden Irland und der britischen Krone täglich zu spüren und nach dem eher versehentlich durch einige Fenians verursachten Tod eines Polizisten wird ein Exempel statuiert und drei Iren hängen. Mit aller Kraft versucht die englische Polizei, unter ihnen auch der aus Dublin stammende O'Connor, eine weitere Eskalation zu verhindern, aber trotz ihres redlichen Bemühens gibt es weitere Tote, und das Motiv ist, wie so oft, Rache und Vergeltung. Gerade O'Connor hat geradezu dafür gelebt, die Balance zu halten und Schlimmeres zu verhindern, aber jetzt empfindet er sich als auf ganzer Linie gescheitert und als man einen Sündenbock für die Geschehnisse braucht, ist auch er mit dabei. Er hält es aus, was man mit ihm macht, denn nun ist auch sein Ziel, Rache zu nehmen und danach ist sowieso alles egal.
Dieses Buch ist ein spannender Krimi seiner Zeit, präzise, authentisch und ein bisschen dunkel auch. Und die Menschen darin bekommen durchaus Raum, um sie wirklich zu sehen und zu verstehen. Da ist erstaunlich viel Redlichkeit und Anstand, gerade bei einem Teil der Polizei und auch die andere Seite, sie kann eben einfach nicht anders, aus durchaus nachvollziehbaren Motiven. Und dann, dann bekommt die Hauptperson, nämlich dieser besagte O'Connor, einen 'Durchhänger' und die Geschichte damit auch. Denkt man, doch daraus wird dann etwas ganz anders. Und es dauert etwas, bis man sich als Leser damit arrangiert. Aber es funktioniert.
Wohlfühlunterhaltung ist diese Geschichte nur sehr bedingt und da ist man noch nicht am Ende angekommen. Denn wenn einem der Autor wenige Seiten vor Schluss (vielleicht) auch noch das 'kleine Happy End' wegnehmen will, da ist tief durchatmen angesagt. Aber da muss man dann einfach durch, denn das ist wohl das echte Leben.
Ein forderndes besonders Buch und auf jeden Fall zu empfehlen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere