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Veröffentlicht am 04.04.2025

Horizonterweiternd, spannend und vielschichtig

Dream Count
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"Dream Count", das neue Buch von Chimamanda Ngozi Adichie, ist ein faszinierendes Buch, das zu vielseitigen Diskussionen einlädt, in dem ich viel über Nigeria gelernt habe und das eine unglaubliche Fülle ...

"Dream Count", das neue Buch von Chimamanda Ngozi Adichie, ist ein faszinierendes Buch, das zu vielseitigen Diskussionen einlädt, in dem ich viel über Nigeria gelernt habe und das eine unglaubliche Fülle an Themen in spannende Geschichten vier afrikanischer Frauen verpackt, die miteinander verwoben sind.

Eingerahmt wird die Geschichte und auch das Frauengespann von Chiamaka: Tochter reicher Eltern aus Nigeria, sehr privilegiert aufgewachsen, lebt in großen Villen, hat eine Hausangestellte, reist um die Welt und träumt von der Selbstverwirklichung als erfolgreiche Reiseautorin... und von dem einen perfekten Mann, mit dem sie die perfekte Beziehung führen könnte, in der sie sich wirklich gesehen und erkannt fühlen würde. Von ihr und ihren Träumen leitet sich auch der Titel des Buches ab: Dream Count statt Body Count, jeder neue Mann, auf den sie sich einlässt, verkörpert einen Traum von ihr, dass sie nun den Richtigen gefunden haben könnte.

Nahbar aus der Ich-Perspektive geschrieben, lernen wir Chiamakas Leben und Sicht der Dinge in einem langen Kapitel am Anfang und einem kürzeren am Ende ausgiebig kennen und begleiten sie durch ihre Zeit zwischen ihren frühen 20ern bis etwa Anfang 40 durch verschiedene, nicht immer chronologisch erzählte, Episoden mit unterschiedlichen Männern, die die verschiedensten Hintergründe in Bezug auf geografische Herkunft und Race haben, und Chia mehr oder weniger gut behandeln. Deutlich wird dabei auch, wie stark die gesellschaftlichen sozialen Erwartungen, einen guten Mann zu finden, zu heiraten und Kinder zu kriegen, in Nigeria auch heutzutage noch sind, auch für eine privilegierte Frau, und wie Chia diese internalisiert hat und zu verwirklichen versucht.

Auf die eine oder andere Weise nah mit Chia verbunden sind auch die anderen drei Frauen, deren Leben ausführlich porträtiert wird. Da gibt es die Anwältin Zikora, zwei Jahre älter als Chia und in der Nähe dieser in Nigeria aufgewachsen, lebt sie nun auch in den USA, wo die beiden Frauen enge Freundinnen geworden sind. Leider erfährt man im Roman so gut wie nichts über Zikoras praktische Anwaltstätigkeit, auch in diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt auf Zikoras Wunsch nach Familie. Dieser erfüllt sich, wenn auch anders als geplant und mit einer großen Enttäuschung verbunden... am Ende steht Zikora als Single-Mutter alleine da, nähert sich dafür aber ihrer eigenen Mutter wieder an. Ausführlich und authentisch wird auch Zikoras Erfahrung bei der Geburt ihres Sohnes geschildert. Dieses Kapitel ist interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, sondern aus der dritten Person geschrieben und macht sehr nachdenklich über die Einschränkungen und inneren Zwänge, denen auch sehr gebildete und beruflich erfolgreiche Frauen noch unterliegen können.

Die dritte Frau, Kadiatou, stammt nicht wie die drei anderen aus einer Igbo-Familie aus Nigeria, sondern ist aus Guinea. Doch das ist nicht der einzige Unterschied: außerdem ist sie in bitterer Armut aufgewachsen, hat schon früh Vater und Schwester verloren, bald nach ihrer Hochzeit auch den Ehemann, wurde als Kind beschnitten, später Opfer von sexuellen Übergriffen und hat es schließlich geschafft, gemeinsam mit ihrer Tochter Asyl in den USA zu bekommen, wo sie fleißig als Chias Hausangestellte sowie in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitet. Die offene, herzliche Chia sieht Kadia als Freundin an, während letztere sich der Ungleichheit der Positionen beider deutlich bewusster ist. Das stellt die interessante Frage nach der Möglichkeit und Gestaltung von Freundschaft bei so unterschiedlich privilegierten Ausgangspositionen. Kadiatou wird bei der Arbeit im Hotel Opfer eines sexuellen Übergriffs eines sehr mächtigen Mannes, und von Arbeitskollegen dazu gedrängt, ein Gerichtsverfahren gegen diesen anzustreben, was sie auch macht, und wobei sie von Chia und den anderen beiden Frauen unterstützt wird. Auch dieses Kapitel ist aus der 3.-Person-Perspektive geschrieben.

Die vierte Frau, Omelogor, ist Chias Cousine, und sie lebt überwiegend in Nigeria, wo sie im Bankenbereich tätig ist, dabei zwiespältige Geschäfte unterstützt, in moralische Konflikte gerät und versucht, diese zu bewältigen, indem sie von den Reichen Geld abzweigt und dieses armen Frauen für Mikrozuschüsse für ihre Geschäfte zukommen lässt. Omelogor ist, neben der benachteiligten Kadiatou, eine der interessantesten Personen dieses Romans: sie ist hochintelligent, unabhängig, gestaltet ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen, kann sich in einer rauen Männergeschäftswelt ausgezeichnet behaupten und hat dabei aber immer noch eigene ethische Vorstellungen, die sie nicht komplett über Bord wirft. Zwar wird auch sie immer wieder von ihrer Verwandtschaft unter Druck gesetzt, ein Kind zu bekommen, oder, wenn sie irgendwann zu alt dafür sei, zumindest eines zu adoptieren, doch gelingt es ihr letztlich sehr gut, wieder zu sich zurückzufinden und zu spüren, was sie wirklich von ihrem Leben will. Ihr Kapitel ist wiederum aus der Ich-Perspektive geschrieben.

Sehr interessant an dem Buch sind die verschiedenen Stimmen und wie wir die Leben und Freundschaften der Frauen aus unterschiedlichen Perspektiven kennen lernen. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass etwa Chia zum Romantisieren und Verklären neigt - nicht nur in Bezug auf ihre Männerbekanntschaften, sondern auch auf die Natur der Freundschaft des Viererfrauengespanns. Zikora und Omelogor wiederum können sich eigentlich gegenseitig gar nicht so gut leiden und werden nur durch Chia lose miteinander verbunden. Und in Bezug auf Kadiatou spielt eben der sehr unterschiedliche soziale Hintergrund und die Tatsache, dass diese Chias Hausangestellte ist, ebenfalls eine prägende Rolle in der Beziehung.

Das Buch regt also zum Nachdenken über Frauenfreundschaften, Partnerschaften, Kinder-Kriegen oder nicht, Emanzipation, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung, Träume, Privilegien, Klassenunterschiede, Race, Rassismus und vieles mehr an, und behandelt damit überraschend universale Themen, die so nicht nur im nigerianischen Umfeld, sondern überall auf der Welt eine Rolle spielen. Damit zeigt es die Universalität der grundlegenden Menschheitserfahrung an, und wirkt damit auch empathieschaffend und verbindend. Gleichzeitig sind aber in die Geschichten auch viele Hintergrundinformationen über Nigeria eingebunden und ich habe bei der Lektüre wie nebenbei viel über die dort herrschende Gesellschaftsstruktur mit ihren vielfältigen Ethnien und Religionen gelernt.

Besonders interessant war für mich der "Blick von außen" auf so einige scheinbare Gewissheiten, die wir im globalen Norden und in westlich sozialisierten Ländern zu haben scheinen, etwa, wenn Omelogor für einige Zeit in die USA zieht, um dort ein Masterstudium zu machen und Pornographie zu untersuchen, und die sehr starren und einheitlichen Vorstellungen der liberalen, aber wenig lebenserfahrenen, jungen amerikanischen Studierenden kritisch hinterfragt. Da wird so einiger Scheinheiligkeit ein Spiegel vorgehalten, wie auch an so manchen anderen Stellen im Buch.

Sprachlich ist das Buch sehr unterhaltsam, dabei aber auf durchaus hohem sprachlichem Niveau, geschrieben und ich habe immer gerne und mit Spannung weitergelesen, mit den Frauen mitgefiebert und war neugierig, wie es weitergeht. Auf mehr als 500 Seiten habe ich mich nie gelangweilt.

Chimamanda Ngozi Adichie gehört für mich insgesamt zu den großen Stimmen der Literatur und ich schätze es besonders, wie sie mir einen für mich sehr unbekannten Kulturkreis mit ihren Romanen nahebringt. Große Leseempfehlung, und ich möchte demnächst alle weiteren Bücher von ihr lesen!

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Ein vieldeutiges Buch voller schwierig entschlüsselbarer Symbolik

Übung in Gehorsam
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Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher ...

Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher oder sogar -Preisträger, denen das Kunststück gelungen ist, nicht nur anspruchsvolle Literatur in wunderschöner Sprache zu sein, sondern auch angenehm lesbar und zugänglich. Das kann man von diesem Buch nicht sagen.

Zwar hat das Buch nur um die 150 Seiten und man könnte meinen, es sei schnell gelesen... wer das denkt, täuscht sich aber. Es handelt sich hier um ein hochkomplex konstruiertes Werk voll von geheimnisvoller Symbolik, Metaphern und Hinweisen, die sich bei der ersten Lektüre zumindest ohne umfangreiches Vorwissen nicht so leicht erschließen, sodass es für das tiefere Verständnis dieses Buches auf jeden Fall eine sorgfältige Zweit- (und besser auch Dritt-, Viert- und Fünftlektüre) samt begleitender Konsultation weiterer Fachbücher zu jüdischer und anderer Symbolik, Notieren von unklaren Stellen und Suche nach Zusammenhängen und Diskussion mit anderen braucht.

Dann können sich immer mehr und tiefere Ebenen von dem, was möglicherweise die Aussagen des Buches sein könnten (sicher werden wir es - ohne die Autorin zu befragen - wohl nie wissen, dafür ist das Buch zu mysteriös) erschließen. Aber selbst dann wird wahrscheinlich einiges unklar oder zumindest mehrdeutig bleiben. Das Buch hat in sich eine Tiefe, mit der sich bestens ein semesterlanges, spezialisiertes Uniseminar füllen lassen könnte.

Das hier ist also definitiv kein Buch, das man zur Unterhaltung und Entspannung lesen kann. Und doch bin ich froh, es gelesen zu haben, denn horizonterweiternd, das ist es. Ich mag das Vielschichtige, Mehrdeutige und Mysteriöse durchaus gerne und liebe beispielsweise die geheimnisvoll-lyrische Musik von Leonard Cohen, an die mich dieses Buch erinnert... viele seiner Lieder sind ebenfalls voll von mystischen, religiösen und symbolischen Bezügen, die sich nur bei einem sehr guten Hintergrundwissen vollständig erschließen können, wenn überhaupt. Ähnlich ist es mit diesem Buch hier. Mögen könnten es auch alle, die vielschichtige und nicht eindeutig interpretierbare Kunst schätzen.

Worum geht es nun in diesem Buch? Das ist gar nicht leicht zu sagen. Ich kann ein paar Sätze zur Handlung im Vordergrund schreiben, doch diese stellt offensichtlich nur die Kulisse für ein tiefer liegendes Thema dar. Das Buch ist ausschließlich aus der Perspektive der Ich-Erzählerin erzählt, einer jungen Frau in der heutigen Zeit (das zeigt sich durch viele Bezüge zu moderner Technologie), die ein relativ isoliertes Leben führt und für eine Anwaltskanzlei Sekretariatsarbeiten erledigt.

Als ihr Bruder von Frau und Kindern verlassen wird und nach ihrer Unterstützung ruft, zieht sie bei ihm ein und erledigt nicht nur den Haushalt, sondern kümmert sich auch um die Körperpflege des (zumindest anfangs sehr fitten, vitalen und nicht kranken) Bruders und noch so einiges mehr, in absolutem Gehorsam. Man könnte glauben, dass es im Buch hauptsächlich um die Unterwerfung dieser Frau unter die Herrschaft dieses Bruders geht, so habe ich das aber nicht wahrgenommen. Über weite Strecken ist der Bruder nämlich nicht einmal da und auch sonst wirkte er auf mich weit weniger despotisch als vermutet.

Dahinter ist aber noch ein weiteres Thema, das sich etwa im Umgang mit der Umgebung des Hauses des Bruders und mit den dort lebenden Menschen zeigt. Von diesen ist die Ich-Erzählerin isoliert, sie spricht deren Sprache nicht, kann sie auch - obwohl sonst sprachbegabt und mehrsprachig - nicht lernen, wird von ihnen (zumindest aus ihrer Sicht, eine andere haben wir nicht) gemieden und diese misstrauen ihr. Wir erfahren auch, dass ihre Vorfahren in diesem, einem nördlichen Land, lebten und von dort wohl vertrieben wurden. Viele seltsame Dinge geschehen, z.B. die Begegnung mit einer Frau, von der nicht klar ist, wie sie überhaupt in den Garten des Hauses gekommen ist, die vorwurfsvoll erscheint und eine scheinträchtige Hündin mit sich führt.

Weiters gibt es immer wieder Bezüge zur jüdischen Religion, die klar machen, dass es hier offenbar um eine jüdische Familie geht, der sowohl die Schwester als auch ihr Bruder angehören. Implizit gibt es so einige Hinweise auf den Holocaust und auf die transgenerationalen und kollektiven Traumatisierungen, die sich bis heute und somit auch auf die Ich-Erzählerin auswirken. Es stellen sich Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach der Möglichkeit, sich dieser zu entziehen, nach Zugehörigkeit und Ausgeschlossen-Werden, nach Stigmatisierung, Geschlechterverhältnissen und nach vielem mehr.

Auch nach ausgiebiger Beschäftigung mit diesem Buch über mehrere Wochen vermute ich, dass ich mir maximal 10 Prozent des darin Verborgenen erschlossen habe. Es ist also durchaus eine lohnenswerte Arbeit für Geheimnissuchende, sich damit zu beschäftigen, aber eine, die viel Zeit, Energie, Austausch und die Bereitschaft zu anstrengender symbolischer Entschlüsselungsarbeit braucht. Leseempfehlung also nur für diesen Personenkreis.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Skizze einer Entfremdung von der Arbeit und dem eigenen Leben

Geht so
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"Geht so" geschrieben von Beatriz Serrano, und ausgezeichnet übersetzt von Christiane Quandt, hat in Spanien den renommierten Literaturpreis "Planeta" gewonnen. Das hat mich neugierig gemacht auf dieses ...

"Geht so" geschrieben von Beatriz Serrano, und ausgezeichnet übersetzt von Christiane Quandt, hat in Spanien den renommierten Literaturpreis "Planeta" gewonnen. Das hat mich neugierig gemacht auf dieses Buch mit dem vordergründig so unscheinbaren Titel, aber gleichzeitig einem sehr aussagekräftigen Titelbild einer jungen Frau, die sich aus einem Fenster hängen lässt.

Tatsächlich ist das Buch eines meiner Jahreshighlights, weil es der Autorin gelingt, in sehr pointierter, treffender Weise die Entfremdung von der Arbeit und damit - weil diese oft so einen großen Raum im eigenen Leben einnimmt - auch insgesamt von sich selbst und dem eigenen Leben, unter der speziell so viele junge Menschen der Generationen Millenials und Zoomer leiden, zu skizzieren und damit nachvollziehbar und nachfühlbar zu machen.

Marisa ist eine junge Frau in ihren 30ern, die in Madrid lebt und Kunstgeschichte studiert hat. Beruflich ist sie in einer Werbeagentur gelandet und mit ihrer Kreativität, Intelligenz und ihrem Charisma sehr erfolgreich in dem, was sie tut. Kaum jemand merkt, wie sehr Marisa innerlich ihren Job, den sie als sinnlos wahrnimmt und der gleichzeitig fast ihre gesamte Zeit und Lebensenergie frisst, hasst. Überhaupt jeden Tag weiter zur Arbeit zu gehen, das gelingt Marisa nur durch die Einnahme von Tabletten, und sie träumt davon, einen Unfall zu haben, der sie von der Last dieser Arbeit befreien könnte.

Auch sonst ist Marisas Leben eher sinnentleert: sie hat kaum Freunde, statt einer ernsthaften Beziehung nur eine Freundschaft+ mit ihrem Nachbarn und hat sich von ihren Eltern innerlich entfremdet. Freude oder zumindest Ablenkung findet Marisa höchstens daran, sich mit ihrem guten Gehalt nach der Arbeit im Supermarkt Delikatessen zu kaufen, und zur Ablenkung banale Youtube-Videos zu schauen, auch in der Arbeitszeit. Die eine Arbeitskollegin, mit der so etwas wie eine Freundschaft am Entstehen war, hat sich das Leben genommen.

Diese und eine weitere Freundin von Marisa, die sich entschieden hat, aus dem Erwerbsleben ganz auszusteigen und sich von wohlhabenden Männern finanzieren zu lassen, zeigen auf, dass es eben nicht nur ein individuelles Persönlichkeitsproblem Marisas ist, dass sie ihre Berufstätigkeit so sinnentleert empfindet, sondern es vielen anderen ähnlich geht und die Probleme dahinter systemische sind.

Und so schleppt sich Marisa jeden Tag innerlich depressiv, aber äußerlich unter dem Einfluss der Tabletten sehr gut funktionierend zu ihrer Arbeit, und wird innerlich in ihrer Einstellung dazu immer zynischer.

Das alles gipfelt in einem verpflichtenden Teambuilding-Event in einem Seminarhotel am sonst freien Wochenende, für das Marisa alle verbleibenden Kräfte zu mobilisieren versucht, obwohl sie eigentlich am Ende ist:

"Seit Monaten laufen die Vorbereitungen für unseren gemeinsamen Ausflug. Und ich habe es verpasst, mir rechtzeitig eine Ausrede einfallen zu lassen. Die Vorstellung, ein ganzes Wochenende mit den Leuten aus meinem Büro zu verbringen, erscheint mir etwa so erstrebenswert, wie mir die Fußnägel mit einer Zange rauszureißen."

Das Buch ist sehr gut geschrieben und aus der Perspektive Marisas erleben wir eine hochintelligente Frau, die ihre Erfahrung und ihr Leid sehr treffend und mit einem bitterschwarzen Humor auf den Punkt bringen kann:

"... in meinem Fall erschien mir die Werbebranche sicherer und stabiler als die hypothetische und sich immer weiter von mir entfernende Welt der Kunst. Ich schätze, ich habe versagt. Eigentlich habe ich mich, vor der Wahl, glücklicher zu sein oder mehr Dinge zu kaufen, schlicht und einfach dafür entschieden, mehr Dinge zu kaufen." (S. 27)

"Jetzt ist das Büro wirklich leer. Noch ein Vorteil, wenn man früher in die Pause geht: man kann sich sehr viel mehr Zeit lassen als nötig, weil sowieso alle beim Essen sind, wenn man zurückkommt." (S. 81)

Insgesamt regt das Buch zum Nachdenken und Diskutieren über viele Themen an: über den Stellenwert von Arbeit, über als sinnlos erlebte Jobs, über das kapitalistische Wirtschaftssystem, in dem wir leben, über mögliche Alternativen und Auswege und über vieles mehr.

Ein kluges Buch, dem ich viele Menschen wünsche, die es lesen und miteinander überlegen, an welchen Stellen es in unserem Wirtschaftssystem und in unserem Umgang mit Arbeit krankt und was wir gemeinsam daran zum Wohle aller verändern könnten.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Ein ruhiges Buch zum Thema Schreiborte finden als Frau

Ein Raum zum Schreiben
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Die norwegische Schriftstellerin Kristin Valla ist Anfang 40, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen im Teenageralter, als ihr bewusst wird, wie lange sie schon keine Bücher mehr veröffentlicht hat, sondern ...

Die norwegische Schriftstellerin Kristin Valla ist Anfang 40, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen im Teenageralter, als ihr bewusst wird, wie lange sie schon keine Bücher mehr veröffentlicht hat, sondern stattdessen journalistisch tätig war: seit über zehn Jahren. Sie möchte unbedingt wieder Romane veröffentlichen, weiß aber nicht, wo sie dafür in ihrem Leben einen guten Platz finden kann, sowohl räumlich als auch mental.

Inspiriert von dem bekannten Text "A room of one's own" von Virginia Woolf, in dem diese die Wichtigkeit eines eigenen Zimmers und ausreichender finanzieller Mittel für schriftstellerisch tätige Frauen betont, begibt die Autorin sich auf eine Suche.

Sie sucht nach einem Ort zum Schreiben für sich ganz alleine. Gleichzeitig spürt sie auch der Verbindung zwischen weiblichem Schreiben und den Orten, an denen dies geschieht, nach: sie geht in Archive und beschäftigt sich mit den Lebensgeschichten bekannter Schriftstellerinnen und mit der Frage, ob und welche eigenen Orte zum Schreiben sie für sich finden konnten und wie sich ihre Lebensumstände auf ihr Werk ausgewirkt haben.

Dabei beschäftigt sie sich sowohl mit Schriftstellerinnen aus dem skandinavischen Raum wie Selma Lagerlöf oder Halldis Moren Vesaas als auch mit solchen aus anderen Regionen wie George Sand, Alice Walker oder Daphne Du Maurier.

Wir begleiten die Autorin in diesem autofiktionalen Buch mit Sachbuchelementen auf ihrer persönlichen Reise auf der Suche nach einem Haus für sich alleine in Südfrankreich.

Tatsächlich wird sie fündig und erwirbt ein altes, baufälliges, schimmliges Haus in einem kleinen französischen Bergdorf, einige Kilometer vom Meer entfernt. Denn nur dieses kann sie sich leisten, und auch dafür braucht sie einen Kredit, den sie voraussichtlich 25 Jahre abzahlen wird und den ihr die Bank nur gewährt, da sie auf den Papieren das Haus gemeinsam mit ihrem, offenbar sehr gutmütigen und unterstützenden, Mann kauft (sie selbst verfügt mangels verlässlicher hoher Einkünfte über keine gute Bonität), dieser auch für den Kredit bürgt und das gemeinsame Haus in Norwegen dafür belastet wird. Regelmäßig fliegt sie also aus dem hohen Norden nach Südfrankreich, um ihr Haus zu bewohnen und zu versuchen, dieses zu sanieren bzw. sanieren zu lassen, fast immer alleine, nur ganz selten wird sie mal im Sommer von Mann und Söhnen begleitet. In welcher Weise sich ihre regelmäßige wochenlange Abwesenheit und die damit verbundenen Aufwände und Kosten auf das Familienleben auswirken, erfahren wir nicht.

Aufgelockert wird diese persönliche Geschichte durch für mich sehr interessante Hintergrundinformationen zu anderen Schriftstellerinnen und deren Umgang mit Immobilien und mit dem Raum für sich. Da gibt es solche, die sehr privilegiert waren und eigene Immobilien geerbt haben, andere haben nach ersten Erfolgen mit den durch das Schreiben erzielten Einnahmen Häuser erwerben können (das müssen Zeiten gewesen sein, in denen die Verhältnisse zwischen Einnahmen durchs Schreiben und Immobilienpreisen in guten Lagen noch ganz andere waren als heutzutage), manche hatten jahrzehntelang kaum einen eigenen Raum zum Schreiben und schrieben am Küchentisch, am Wickeltisch, neben der Kinderbetreuung.

Über dieses tatsächlich sehr interessante und wichtige Thema der Vereinbarkeit nicht nur von Beruf, sondern auch, wie in diesem Fall, von Berufung und Selbstverwirklichung, mit den Anforderungen einer Partnerschaft und einer eigenen Familie, hätte ich sehr gerne auch in Bezug auf die Autorin noch mehr erfahren. Auch war für mich der persönliche Teil, in dem es über viele Seiten in das Haus in Frankreich reinregnet, alles schimmlig ist, es ungut riecht, die Decke halb einstürzt, die Handwerker Verwüstung hinterlassen und die Autorin dennoch immer wieder alleine dort hinfährt - auch wenn sie am Ende einräumt, durch das Projekt zwar wieder zum Schreiben gekommen zu sein, ihren neuen Roman aber letztendlich erst recht daheim in Norwegen geschrieben zu haben - streckenweise etwas langatmig zu lesen, hier gab es kaum Entwicklung und Spannungsbögen, somit überwiegt deutlich der Sachbuchaspekt.

Dennoch insgesamt ein lesenswertes Buch für alle, die sich für die Lebenswege verschiedener Autorinnen und die Räume, die sie für sich zum Schreiben gefunden haben, interessieren.

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Veröffentlicht am 26.03.2025

Solide Unterhaltung

Für Polina
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"Polina" ist in aller Munde und sofort in die Bestsellerlisten eingestiegen. Das hat mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht, sodass ich es unbedingt lesen musste.

Was schätze ich an Literatur?

1. ...

"Polina" ist in aller Munde und sofort in die Bestsellerlisten eingestiegen. Das hat mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht, sodass ich es unbedingt lesen musste.

Was schätze ich an Literatur?

1. Gute Geschichten mit tiefgründigen Charakteren, die eine nachvollziehbare Entwicklung durchmachen:

Hier kann das Buch einiges vorweisen: es gibt nachvollziehbare, gut voneinander unterscheidbare und überwiegend sympathische Charaktere, mit denen man mitfühlen und mitfiebern kann. Einige davon liebenswürdig unkonventionell:

- etwa die frech-selbstbewusste Mutter von Hannes, Fritzi Prager, die als Teenagerin locker-flockig nach Italien reist, dort mit einem deutlich älteren Mann schläft, schwanger wird und das alles auf die leichte Schulter nimmt und für alles unkonventionelle Lösungen findet - sehr sympathisch und inspirierend!

- Günes, die ebenfalls alleinerziehende Mutter wird, weil sie sich von ihrem gewalttätigen Partner getrennt hat, und die zufällig neben Fritzi auf der Geburtenstation liegt, und die trotz türkischer Herkunft ihrer Tochter den Namen "Polina" gibt, inspiriert von einer Figur in einem Roman von Dostojewski. Fritzis Sohn Hannes und Günes' Tochter Polina sind also am gleichen Tag geboren, liegen schon als Babys aneinandergekuschelt im Bett, werden große Teile ihrer Kindheit miteinander verbringen und beste Freunde werden... bis hin zu der unglücklichen Liebesgeschichte später.

- Hannes selbst, nicht sonderlich attraktiv, nicht gut in der Schule, nicht sehr groß, wirkt als Kind eher langsam entwickelt, aber ist hochsensibel, feinfühlig und musikalisch hochbegabt

- die freche, schlaue, mutige Polina

- Heinrich Hildebrand, ein alter Mann mit einem großen Herzen, bei dem die junge Fritzi und ihr Baby Unterschlupf und eine emotionale Heimat finden

Das sind die Hauptcharaktere aus etwa dem ersten Drittel des Buches und die sind wirklich sympathisch, originell und gut gezeichnet. Danach kommen weitere Charaktere dazu, die deutlich klischeehafter sind, etwa Hannes' Vater, den er als Teenager kennen lernt, und der es mit seinem Unternehmen zu einigem Reichtum gebracht hat, für den nur das Beste gut genug ist und der wenig Sensibilität zeigt. Oder, viel später in Hannes' Leben, seine Partnerin Leonie, eine Ärztin, die sich mit ihm, der zu dieser Zeit als Möbelpacker arbeitet, einlässt, aber ansonsten ein Klischeebild des Lebensstils eines gewissen Milieus verkörpert.

Daran zeigt sich schon: während ich anfangs das Buch total begeistert gelesen habe, hat es mich mittendrin ein bisschen verloren. Zu klischeehaft wurden die neuen Figuren, zu sehr hat sich Hannes jahrelang in seinem Elend gewälzt, keine wirklichen Bewältigungsversuche unternommen und sein selbstschädigendes Verhalten regelrecht zelebriert, während er sich insgeheim nach Polina gesehnt hat. Dazu sehr viele Wendungen, viele davon nicht sonderlich glaubhaft.

2. Eine besonders schöne Sprache:

Damit punktet dieses Buch nicht. Es ist sehr verständlich und zugänglich geschrieben, es liest sich leicht, aber besondere Sprachbilder weist es nicht auf.

3. Authentisch recherchierte Hintergrundinformationen zu sozialen Milieus:

Auch das weist dieses Buch nicht auf, es ist klar Unterhaltungsliteratur, und ich habe nicht das Gefühl, über irgendein soziales Milieu glaubhaft irgendetwas Neues gelernt zu haben.

4. Originelle neue Ideen oder Konzepte:

Hier mochte ich die Idee, das Wesen eines Menschen in eine Melodie oder sogar Symphonie fassen zu können, so wie Hannes das mit Polina und später mit anderen Menschen gemacht hat. Und auch die durchaus tiefgründigen Reflexionen dazu, dass solche Symphonien viele Menschen tief bewegen, auch wenn jede/r je nach persönlichen Erlebnissen anderes mit den Melodien verbinden wird.

5. Emotional berührt zu werden:

Auch hier punktet das Buch, und die tiefe Liebe von Hannes zu Polina und die Verbindung, die die beiden Menschen seit frühester Kindheit trotz aller deutlichen Wesensunterschiede miteinander teilen, und dieses Festhalten daran über Jahrzehnte, das hat mich sehr berührt.

Somit ist es durchaus zu Recht ein sehr sympathisches und lesenswertes Buch und eine schöne Liebesgeschichte, aufgrund der angeführten Kritikpunkte aber für mich eindeutig im Bereich der Unterhaltung zu verorten, und keine anspruchsvolle Literatur.

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