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Veröffentlicht am 09.09.2025

Enfant terrible, femme fatale und geniale Kunstmäzenin

Peggy Guggenheim
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Diese Biografie von Mona Horncastle sollten sich Kunstliebhaber und Geschichtsinteressierte auf keinen Fall entgehen lassen. Die Autorin hat nicht nur sehr detailreich das Leben von Peggy Guggenheim recherchiert, ...

Diese Biografie von Mona Horncastle sollten sich Kunstliebhaber und Geschichtsinteressierte auf keinen Fall entgehen lassen. Die Autorin hat nicht nur sehr detailreich das Leben von Peggy Guggenheim recherchiert, es ist auch ein äußerst ansprechendes Buch entstanden, bei dem es Spaß macht, es in die Hand zu nehmen, darin zu blättern und die zahlreichen, sehr emotional und passend ausgewählten Fotos in Ruhe zu betrachten.
Die Reihe beim Molden Verlag heißt ja nicht umsonst „Reihenweise kluge Frauen“, mit Peggy Guggenheim hat sie nun ein Sahnehäubchen erhalten. Das Blau des Einbands, das sich im Inneren bei den Überschriften und Fonts für die Bilder wiederfindet, wird mit einem matten Grün für das Vor- und Nachsatzpapier perfekt eingerahmt. Angenehm ist auch, dass auf den Einsatz von Hochglanzpapier verzichtet wurde, man kann alles lesen und betrachten, ohne dass Spiegelungen ärgern. Der Layouter ist bewusst vom sogenannten Goldenen Schnitt für die Typografie der Seiten abgewichen, damit ermöglicht er dem Leser einen Lesegenuss, der nicht durch das Auseinanderbrechen des Bundes beeinträchtigt wird. Trotzdem hat er ein bisschen Zuviel des Guten getan, der Außensteg ist vergleichsweise schmal, da ragt mein Daumen (ich habe eine wirklich kleine Hand) beim Festhalten schon in den Text hinein. Nichts ist perfekt. Aber die Schriften sind gut gewählt, auch für den Anhang. Beim Stammbaum, der das Kapitel „Herkunft“ einleitet, wurde leider nicht so sehr auf Lesbarkeit geachtet. Der Bundsteg ist hier bis zur Fadenheftung bedruckt, so dass manche Person ein Rätsel bleibt. Die Nummerierung der beiden Ehemänner gibt mir auch Rätsel auf, Max Ernst war meiner Meinung nach der zweite, trägt aber die Nummer 1.
Die Lebensgeschichte der Peggy Guggenheim ist bereits in vielen Büchern, seien es Biografien oder ihre Autobiografie, seien es Romane oder Dokumentarfilme, nicht zu vergessen Wikipedia etc., beschrieben worden. Einiges davon kenne ich, zuletzt war es der Roman „Peggy“ von Rebecca Godfrey, der mich zu weiterem Lesen und Filmschauen animiert hat. Dieses Leben ist wirklich faszinierend, und in jedem Buch, so auch in diesem, finden sich neue Aspekte, unbekannte Details und Ereignisse. Die Autorin schreibt all ihre Erkenntnisse in einem gut lesbaren Stil, sie hat die Kapitel und Unterkapitel so gegliedert, dass diese nicht zu Bleiwüsten ausarten, trotz der Kürze wurde mir manches etwas lang. Mich interessierte besonders der Zeitabschnitt, der die Besetzung Frankreichs und die Rettung von Kunstwerken wie Künstlern durch Peggy Guggenheim thematisiert. Ich hatte darüber bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ einiges erfahren, wollte das gern vertiefen. Im Prinzip beginnt die Rettungsaktion schon vor dem Krieg, als Peggy Guggenheim es sich zur Lebensaufgabe auserkoren hat, Künstler zu unterstützen, sei es durch Geldspenden oder den Ankauf von Kunstwerken. Sie merkt schnell, dass dieses Vorhaben ein Fass ohne Boden ist, selbst für ihre Verhältnisse. Trotzdem wird sie während der Besetzung Frankreichs nichts unversucht lassen, was den Künstlern und den Kunstwerken das Überleben und die Flucht ins Exil ermöglichen kann.
Das Buch liest sich wie ein Who-Is-Who der modernen Kunst, nicht nur der bildenden, sondern auch der schreibenden. Als femme fatale macht sich Peggy Guggenheim ganz besonders gut, Klatsch und Tratsch haben nie aufgehört, auch nicht nach ihrem Tod. Die Autorin dieser Biografie belässt es bei dezenten Hinweisen, das fand ich angenehm.
Fazit: Ich empfehle diese Biografie gern weiter, sie verführte mich auch mit dem Literaturverzeichnis und dem Personenindex zu weiteren literarischen Nachforschungen.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Auf der schiefen Bahn

Lisa Heynrichs: Die Schatten hinter uns
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Lisa Heynrichs, Hauptkommissarin beim LKA Berlin, weiß genau, wie schwierig es ist, von der schiefen Bahn wieder in glattes Fahrwasser zu kommen. Und wie schwierig es ist, die Erinnerungen an Ereignisse ...

Lisa Heynrichs, Hauptkommissarin beim LKA Berlin, weiß genau, wie schwierig es ist, von der schiefen Bahn wieder in glattes Fahrwasser zu kommen. Und wie schwierig es ist, die Erinnerungen an Ereignisse und Menschen wieder loszuwerden, selbst wenn die schiefe Bahn schon längst Geschichte ist. Die Autorin Anke Schläger war bisher nicht für Krimis bekannt, sie hat Unterhaltungsliteratur geschrieben, die ihr immer, zuletzt für „Schwesternzeiten“, gute Lesermeinungen bescherte. Jetzt die Richtungsänderung zum Kriminalroman, wobei auch hier in diesem Buch zwischenmenschliche Beziehungen im Vordergrund stehen. Die Titelzeile „Die Schatten hinter uns“ lässt auf Vergangenheitsbewältigung schließen, und schnell wird man beim Lesen in eine Welt gezogen, die zumindest mir völlig unbekannt ist. Bevor Lisa bei der Polizei in Berlin zu arbeiten begann, war sie eine Professionelle in Köln, mit harten Schicksalsschlägen endete dort ihr Sugarbabe-Dasein und sie schaffte es, neu anzufangen. Darüber hinweg ist sie nicht. Das erfährt man auch in diesem Buch.
Ohne zu viel vom Krimi zu verraten, er beginnt mit einem Mord. Der Fernsehmoderator Phil Kerstensen wird in seiner Küche hinterrücks erschossen, das LKA rückt an, die Spurensicherung auch, aber nur langsam kommen neben den sichtbaren Spuren auch Motivmöglichkeiten ins Spiel. Durch eine schnelle Folge von Sprüngen in die Vergangenheit und zurück beginnt der Leser diesen Motivvariationen zu folgen. Was wohl in Krimis nicht fehlen darf, sind die Geplänkel der Polizisten, wie im richtigen Leben mag man eben den einen mehr, den anderen weniger. Lisas gutes Verhältnis zu ihrem Kollegen Meinolf ist glaubhaft und bleibt bis zum Schluss eine wichtige Stütze – nicht nur für Lisa, auch für das Buch.
Die komplizierte Aufklärungsarbeit im Fall Kerstensen überschneidet sich mit den komplizierten privaten Problemen der Protagonisten. Meinolf hat Stress mit der Ehefrau, Lisa hat Meinungsverschiedenheiten mit ihrer besten Freundin Henriette. Alles wie im richtigen Leben! Anke Schläger bringt das alles gut unter einen Hut, ihr Schreibstil ist flott und gut lesbar, außerdem passt das alles gut zu Berlin, wo es doch ein bisschen rauer und schneller zugeht als in der Provinz. Mich hat das Berlin, das die Autorin präsentiert, sehr erfreut, viele Ecken und Winkel sind mir gut bekannt. Und Lisa ist eine überaus rasante Radfahrerin, mit ihrer unverwechselbaren Lederjacke wird sie so schnell keiner für eine Polizeikommissarin halten. Schade, dass sie das Teil reparieren lassen will, da geht doch echt der ganze Charme verloren.
Mit den Zwischenrufen habe ich mich etwas schwergetan, es war mir ein bisschen viel allem, vom Selbstmitleid, vom Selbsthass, und vom Hass sowieso, aber es hat reingepasst in die Story.
Zur Aufklärung des Falles wird Lisa einiges abverlangt, dass sie noch eine ungeplante Reise nach Mallorca antritt, um dort beinahe wieder auf die Nase zu fallen, das tat mir regelrecht leid für sie. Da hat die Autorin eine Protagonistin aus Fleisch und Blut erschaffen, die nicht nur dünnhäutig ist, sondern auch mal aus der Bahn geworfen wird. Der Showdown am Ende ist eine rasante Achterbahnfahrt, über die ich hier nichts preisgebe. Außer: ich fand es gut bis zum Ende.
Ich habe das E-Book gelesen und mich daran erfreut, dass der Fesselballon vom Cover auch in die Kapitelanfänge gewandert ist. Ich vermute, dass das gedruckte Buch einen ähnlich faszinierenden Eindruck hinterlässt. Die E-Book-Typografie ist jedenfalls klasse.
Ich habe auch die Auszüge der beiden 2026 erscheinenden Folgebände gelesen und bin gespannt, wie Lisa sich in den nächsten Fällen präsentieren wird. Ich wäre jedenfalls nicht abgeneigt, mehr von ihr zu lesen. Könnte wieder spannend werden!
Fazit: Ein Berlin-Krimi, der nicht nur Berlinern gefallen wird. Schnell und forsch geht es zur Sache. Die Protagonisten zeigen durchweg Charakter. Der Heißluftballon spielt eine eher spirituelle Rolle, hat mir aber gefallen.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Jede Diva braucht Scheinwerfer

Ins Dunkel
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Ja, eine Screwball-Komödie ist dieser Roman auf jeden Fall, aber für einen Oscar, den manche Rezensenten schon vorgeschlagen haben, reicht es aus meiner Sicht nicht. Zu Beginn war ich vom Schreibstil, ...

Ja, eine Screwball-Komödie ist dieser Roman auf jeden Fall, aber für einen Oscar, den manche Rezensenten schon vorgeschlagen haben, reicht es aus meiner Sicht nicht. Zu Beginn war ich vom Schreibstil, der an ein Drehbuch erinnern soll, etwas verwirrt, aber habe mich dann schnell eingelesen. Von Beginn an hatte ich im Hinterkopf beim Lesen Kehlmanns genialen Roman Lichtspiel, dieser Gedanke ließ sich nicht verdrängen, aber miteinander vergleichen kann und will ich die beiden Romane nicht.
Bei Angela Steidele, die übrigens heimlich auch selbst auftaucht im Buch, sind die Hauptpersonen die berühmtesten Diven der Kinowelt der 1920er Jahre. Die Namen flimmern einem regelrecht vor den Augen: Greta Garbo und Marlene Dietrich muss man einfach anhimmeln, auch wenn sie zu merkwürdigem Verhalten oder zu abartigen Marotten neigen, jede über alles und jeden tratscht und klatscht. Es gesellen sich zur Runde die Tochter von Thomas Mann, Erika, mit ihre auch ihre Geliebte Salka, vom Bruder Klaus ist die Rede, Mercedes de Acosta gehört zum inneren Circle, auch von Ernst Lubitsch oder GW Pabst liest man oder von MGM etc.
Man trifft sich, man kennt sich, man liebt sich, man hasst sich, man verachtet sich und immer wieder trifft man sich.
Die Zeiten wechseln, die 1920er Jahre vergehen, man kommt in die 1930er und dann das Wiedersehen Ende der 1960er Jahre. Da sieht man dann schon graue Haare, gut retuschierte Fältchen und von Erika Mann weiß man von Anfang an, dass ihre Kopfschmerzen tödlich enden. So weit, so gut, so traurig.
Aber mich hat dieses Buch trotz der Berühmtheiten nicht gefesselt. Eher abstoßend fand ich das Verhältnis von Marlene Dietrich und ihrer Tochter, obwohl ich auch darüber schon gelesen hatte. In diesem Roman war mir die Distanz einfach zu klein.
Der Autorin gelang es aber trotzdem, mich bis zum letzten Kapitel "Zürich" festzuhalten, weil eben dieser "Screwball"-Effekt ihr ausgesprochen gut gelungen ist. Auch wenn die Damen (vorwiegend sind es ja nur Damen, die sich treffen) schwatzen, als gäbe es kein Morgen, dann ist das schon etwas anstrengend.
Fazit: Jede Diva braucht Scheinwerfer - egal ob von oben oder von anderer Seite.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Das laute Schweigen der Vergangenheit

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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Sollte jemand keine Geduld für längere Rezensionen haben, dann beginne ich hier mit dem Fazit: Dieses Buch muss man lesen, dieses Hörbuch muss man hören, es ist einfach sensationell und trotzdem so hart ...

Sollte jemand keine Geduld für längere Rezensionen haben, dann beginne ich hier mit dem Fazit: Dieses Buch muss man lesen, dieses Hörbuch muss man hören, es ist einfach sensationell und trotzdem so hart zu akzeptieren, dass es dem Leser oder Hörer unwillkürlich Tränen der Wut und des Mitgefühls in die Augen treibt.
Aber jetzt der Reihe nach. Schon die Gretchen-Reihe von Susanne Abel habe ich als Hörbücher geliebt, Vera Teltz ist die passendste Sprecherin für Susanne Abels Werke. Auch im neuesten Hörbuch bringt sie diese Geschichte mit ihren unterschiedlichen Protagonisten so zum Leben, wie es sonst nur Verfilmungen mit vielen Schauspielern gelingt. Grandioses Kino für den Kopf!
Zuerst hatte ich Zweifel, ob ich mich den Themen Kriegskinder, Kinderheime, Kriegstrauma, zerstörte Kindheit, zerstörte Familien schon wieder über 13 Stunden auseinandersetzen wollte, aber nach der Hörprobe konnte ich eigentlich gar nicht mehr aufhören zuzuhören.
Ich wurde Ohrenzeuge unsagbaren Leids von Kindern, die den Krieg knapp überlebt hatten und in die Hände verantwortungs- und herzloser Menschen fielen, seien sie von Gott geleitet oder vom Geldverdienen. Es gibt seit Jahren Veröffentlichungen in den Medien über die Qualen, denen gerade Kinder in kirchlichen, aber auch in staatlichen Einrichtungen ausgesetzt waren. Susanne Abel geht in ihrem Nachwort sehr fundiert darauf ein.
Die Protagonisten sind zuerst Hardy und Margret Willeiski, die sich 1945 als Kinder im Heim kennenlernen, Margret wird die Beschützerin des jüngeren Hardy, der nur als Nr. 104 bezeichnet wird, bis sie das Heim verlassen muss. Viele Jahre später finden sich beide wieder und gründen eine Familie. Hardy baut für sie ein eigenes Haus, das für beide Zufluchtsort wird. Besonders Margret leidet unter psychischen Störungen wegen der erlittenen Gewalt, fällt nach Geburt der Tochter Sabine in eine tiefe Depression. Trotzdem wird bis zu ihrem Tod Hardy der einzige sein, der um ihre seelischen Qualen weiß. Und sie nimmt auch alle Geheimnisse von Hardy mit ins Grab. Weder ihre Tochter, noch Enkeltochter Julia wissen etwas über ihre Vergangenheit. Als Julia mit der Erziehung ihrer kleinen Tochter Emily überfordert ist, bewahren sie sie vor der Heimeinweisung und das Mädchen wächst bei ihnen, die da bereits 70 Jahre alt sind, auf. Besonders das liebevolle Verhältnis zwischen Uropa Hardy und Emily ist wunderbar beschrieben.
Das insgesamt von dauernden Problemen gezeichnete Familienleben und das schwierige Aufwachsen von Emily zwischen der unzuverlässigen Mutter, der selbstsüchtigen Großmutter und der wahnsinnig besorgten Urgroßmutter machen ihr das Leben nicht leicht. Interessante Nebenfiguren lockern die Geschichte auf, so z. B. der Vater ihrer Schulkameradin Semin. Erfreut hat mich auch das Auftreten von Tom Monderath, den Leser der Gretchen-Reihe bereits gut kennen.
Der Roman wechselt gekonnt zwischen den Zeiten und Ereignissen, wobei die zurückliegenden 1950er und 1960er Jahre ebenso fesseln, wie die Kindheits- und Jugendjahre von Emily. Dass ich das Buch zum Ende hin ob der sich immer mehr steigernden Dramatik nicht mehr weglegen konnte, sei hier nur als Hinweis verstanden. Welchen Ausgang die Geschichte nimmt, möchte ich nicht vorwegnehmen.
Die zurückliegenden Verbrechen an den Kindern können nicht wieder gutgemacht werden, auch nicht gerächt oder gesühnt. Was aber möglich wird, ist das Aufbrechen des Schweigens, das sich über Jahrzehnte durch die Lebensgeschichten der Betroffenen zieht. Und betroffen sind eben nicht nur die einst vergewaltigten, misshandelten und missbrauchten Kinder, es sind auch ihre eigenen Kinder und Kindeskinder, die unter diesem Schweigen leiden. Wie viel leichter wäre es für ein Kind wie Emily gewesen, um das Unglück ihrer Urgroßeltern wenigstens teilweise Bescheid zu wissen. Aber dieses Schweigen aufzubrechen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Im Großen wie im Kleinen.
Susanne Abel gelingt es in ihrem Roman, ihre Protagonisten nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen Charakter zu verleihen. Es fällt dadurch nicht schwer, sich in diese hineinzuversetzen. Besonders gut ist das bei Harry und Emily gelungen. Wenn mir als Leser beide regelrecht ans Herz gewachsen sind, ist das bisweilen ob ihrer Erlebnisse auch schmerzhaft, aber es fühlt sich auch wahrhaftig an. Besonders Emilys wiederkehrende Enttäuschungen durch ihre Mutter taten auch mir in der Seele weh. Einige Protagonisten sind jedoch aus meiner Sicht, auch wenn das Buch schon recht umfangreich war, zu kurz gekommen, Sabine und ihre Probleme werden nur sehr skizzenhaft gezeichnet. Das Verhältnis zu ihren Eltern, wie auch zur Tochter Julia ist nicht so einfach, aber es wäre interessant zu wissen, ob Margrets „Helicopter“-Angewohnheiten auch bei den beiden schon so ausgeprägt waren, wie bei Emily.
Für mich sehr interessant ist die Beschreibung des Rheinlands, inklusive der Mundart und anderer Eigenheiten. Mein Vater stammt aus Duisburg, ich bin in Ostberlin aufgewachsen. Die Unterschiede sind groß, aber einiges hätte genauso im Osten ablaufen können wie im Westen. Die Vergangenheit verfolgt hier wie dort unerbittlich.
Das Cover für Buch/Hörbuch zeigt einen kleinen traurigen Jungen, es ist das Ebenbild von Hardy, wie man es sich bei Hören oder Lesen vorstellt. Ca. 300.000 solcher verlorenen Kinder hat der DRK-Suchdienst im Laufe der Jahre mit Verwandten wiedervereint. Das vergangene Leid blieb aber allgegenwärtig.
Mir hat das Hörbuch (Buch) sehr gefallen, ich bin froh, dass ich mich selbst und meine Angst vor der schwierigen Thematik überwunden habe. Danke, Susanne Abel. Ich bin gespannt, welches Ihr nächstes großes Thema sein wird.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Ein bildgewaltiger Roman

Der Traum des Jaguars
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Die Ankündigung "Dieser magisch-realistische Roman hat den Schwung eines Gabriel García Márquez und den Familiensinn einer Isabel Allende. Unvergesslich." von ELLE hat mich magisch angezogen, da beide ...

Die Ankündigung "Dieser magisch-realistische Roman hat den Schwung eines Gabriel García Márquez und den Familiensinn einer Isabel Allende. Unvergesslich." von ELLE hat mich magisch angezogen, da beide Schriftsteller auf meiner Lieblingsautorenliste ganz weit oben stehen. Aber der Roman von Miguel Bonnefoy hat mich nicht so sehr in seinen Bann geschlagen. Die Geschichte ist mit tausend Details verziert, aber dem Hauptakteur Antonio wuchs mir trotz innigster Beschreibungen nicht so sehr ans Herz. Woran das lag, weiß ich nicht, vielleicht war es einfach zu viel des Guten.
Dieses bildgewaltige Werk will erobert werden wie ein fremder Planet, alles, was erzählt wird, ist unbekannt, bunt, man riecht die guten wie die schlechten Düfte, man schmeckt die ungewöhnlichsten Früchte, man sieht sich an schönen und hässlichen Orten, man hört das Geschrei in den Gassen und Häfen, immerzu passiert etwas. Der Leser lernt Ana Maria kennen, die ein Kind haben wird namens Venezuela, die später einen Sohn namens Cristóbal bekommen wird. Die Familiengeschichte nimmt ihren Lauf und vielleicht wird Cristóbal daraus einen Roman oder gar einen Film machen. Vorstellen kann ich mir das gut, dieses Buch lässt den Film schon vor meinen Augen beim Lesen ablaufen. Der Roman begleitet die Zeit zwischen Leben und Tod und lässt sich nicht so leicht vergessen oder abschütteln.
Fazit: Ein bildgewaltiges Buch mit tausend kleinen Geschichten, die einen großen bunten Teppich bilden. Wer Geduld hat, findet dieses Buch mit der Zeit wirklich lesenswert.

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