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Veröffentlicht am 02.09.2025

Sinnlich und berührend

Das schöne Lächeln von Riambel
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„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen ...

„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen missbrauchten.“ S. 13

Sie leben in einer Cité auf einem langsam verrottenden Müllberg in hastig zusammengezimmerten Baracken. Ihr Ti Lakaz unterscheidet sich kaum von den anderen. Ein kleiner Zaun, ein rostiges Tor und gleich dahinter ihr Wohnzimmer, das aber ebenso Esszimmer, Küche und Gästezimmer ist. In den dicken Jutesäcken der stillgelegten Zuckerfabrik lagern sie ihre Lebensmittel, das hilft ein bisschen gegen die Kakerlaken und anderes Ungeziefer. Ihre Außentoilette ist ein Loch im Boden und das Bad ist eine winzige Kabine aus grob verputzten Ziegelsteinen. Auch hier ein Loch im Boden. Mit dem Eimer können sie sich mit dem Wasser aus dem Hahn übergießen, wenn es nicht gerade abgestellt ist. Noemi badet aber sowieso am liebsten im Meer in der Lagune. Das, was ihre Baracke von den anderen unterscheidet, ist das schmale Stück Lavendelseife, der Holzschrank mit fehlender Tür, das Teekesselchen ohne Griff und die ausgefransten Leinenlaken. Dinge, die ihre Mutter von ihrer Herrin geschenkt bekommen oder in ihre Kitteltasche gesteckt hat. Sie ist sehr vorsichtig, denn sie will ihre Arbeit in dem großzügigen Herrenhaus nicht verlieren, wo schon ihre Mutter gearbeitet hat.

Auf der einen Seite der Küstenstraße, die zum Meer ausgerichtet ist, wohnt altes, stinkendes Geld neben Neureichen. Sie alle sind weiß und bezeichnen sich als Frankomauritier. Ihre Eltern und Großeltern haben als Zuckerplantagenbesitzer, Sklavenhändler und Fabrikbesitzer ihr Volk ausgebeutet, vergewaltigt, missbraucht und sind reich geworden. Auf der anderen Seite wohnen sie, die schwarzen Kreolen.

Noemi ist fünfzehn und steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie träumt davon, doch einmal aus diesem Loch rauszukommen. Und sie vermisst ihre Schwester brennend. In ihrer Klasse gibt es nur zwei Lehrer, die sich wirklich bemühen, die anderen scheinen nur ihre Zeit bis zur Pensionierung abzusitzen. Misie Ravi ist ein schlaksiger Mann, der jede ihrer Fragen ernsthaft durchdenkt, bevor er antwortet. Und Mrs. Maggie kam vor dreißig Jahren hierher und hat unsere Sprache gelernt. Sie sagt, dass History die Geschichte des weißen Mannes ist, eben „His Story“ und dass wir mehr Herstory bräuchten.

Fazit: Priya Hein erklärt in einem Vorwort ihre Intention zum Schreiben dieser Geschichte. Die Mauritierin lebte schon Jahrzehnte in Deutschland, als George Floyd von amerikanischen Polizisten ermordet wurde. Sie wollte im Zuge der Black lives Matter-Bewegung zur Diskussion anregen. Allerdings schlug ihr nur Härte entgegen. Mit der Geschichte ihres Landes und den Generationen von Frauen vor ihr, will sie an das Mitgefühl ihrer Mitmenschen appellieren und das ist ihr gut gelungen. Sie lässt Noemi als Ich-Erzählerin ihre Geschichte, die ihrer Schwester und Mutter erzählen. Ich weiß nicht, in welcher Zeit sie lebt, aber das ist auch unerheblich. Sie spricht von den verbliebenen ehemaligen Kolonialherren, die das heutige Urlaubsparadies in Ostafrika systematisch ausgeblutet haben. Die Grausamkeiten gegen Frauen und Kinder, die Erniedrigungen sind nicht zu verstehen. Wie herablassend, besitzergreifend und übergriffig Weiße handeln. Die Autorin reißt die Grausamkeiten nur an, appelliert an die Fantasie der Leserinnen und doch verschlägt es mir an einer Stelle den Atem und setzt mir einen fetten Kloß in den Hals. Insgesamt ist das Buch ein Ausflug in die kreolische Kultur. Noemi beschreibt, wie bestimmte Speisen zubereitet werden und ich erfahre alles über die Gewürze, nichts geht ohne Zwiebeln, Knoblauch und Chili. Sie hilft ihrer Mutter bei der Arbeit im Haus der De Grandbourgs und macht ihre Beobachtungen. Die Autorin hat Gedichte einfließen lassen voller Melancholie. Die Geschichte ist besonders, höchst sinnlich, berührend und augenöffnend. Auch hier kann ich wieder nur feststellen: Lesen bildet und bereichert.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Spannende Aufarbeitung

Seerauchen
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Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen ...

Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen kurz fallen lässt.

Als er zu Martha in die Küche kommt, hört er nichts als das Rühren der Kelle im Topf und ihren Atem. Es riecht nach Äpfeln und Zimt und er setzt sich an den gedeckten Tisch. Als er nun ganz für sich, das Sprechen probiert hatte, wollte er es noch einmal spüren und sagt Schwachkopf. Die Kelle fliegt durch die Küche, das Kompott trifft seine Hose, die nackten Füße. Er wischt sich über die Haut, Apfeleingekochtes an den Fingern, spreizt sie: „Das muss weg.“ Martha stürzte zu ihm, kommt ihm zu nah, sieht ihm tief in die Augen. Du sprichst, sagt sie, während ihr Gesicht verschwimmt.

Josef will jetzt allein zur Schule gehen, Martha lässt ihn schweren Herzens gehen. Er zählt seine Schritte bis zu Josephas Haus. Dort verharrt er am Gartenzaun und sieht sich die reichhaltigen Blüten an. Weiter gehts du Idiot, schimpft er sich. Zählen, vorbei am Kramladen vom Kahn, Xavers Traktor. Da kommt schon der Schulhof in Sicht, aber der ist leer. Er ist zu spät, dreht ab, rennt zum Leible Hof, nach Hause. Martha ist wütend, Blau kommt aus ihrem Mund und Josef kriecht unter den Küchentisch.

Während der Prozession kommt Josef dem Gestell vom heiligen Johannes zu nah, Martha will nach ihm greifen, aber da ist es schon passiert. Der Heilige kommt ins Rutschen, fliegt Richtung See und droht unterzugehen. Der Doktor erbarmt sich mit kräftigen Schwimmzügen und der Xaver mit kräftigen Schultern. Dann steht der Heilige wieder in der Sakristei. Während ein Platzregen die Gemeinde auseinandertreibt, flüstern sie Martha Verwünschungen zu.

Fazit: Sabine Eschbach ist mit ihrem Debüt eine feine Aufarbeitung deutscher Geschichte gelungen. Sie schickt ihren sonderlichen Protagonisten, der heute wohl am ehesten dem autistischen Formenkreis zugeordnet würde, in eine Zeit, in der Anderssein als bedrohlich empfunden wurde. Josef hat große Probleme mit jeder Veränderung. Und dem Land stehen große Veränderungen bevor. Zuerst wird sein über alles geliebter Lehrer von einem einarmigen in Uniform ersetzt. Das Geschäft vom alten Kahn und seiner Rosl wird überfallen. Der Doktor praktiziert nicht mehr. Ein Junge und ein Mädchen aus seiner Klasse kommen nicht mehr zur Schule. Diese Geschichte ist so gut gemacht, weil sie nicht nur die Anfänge der Machtergreifung zeigt und den moralischen Zeigefinger hebt und sagt, ihr habt alle mitgemacht. Sondern sie zeigt Menschen, die gerade so überleben können und sich nach Lösungen sehnen. Die mangels Bildung per se ablehnten, was anders war als sie. Die Autorin zeigt im Weiteren, wie die Machtergreifung Hitlers sich in Josefs Dorf bemerkbar macht. Das gelingt ihr durch einen ruhigen Erzählstil, dem ich liebend gerne gefolgt bin. Die Geschichte ist spannend, bewegend und unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Faszinierende, rasante Straßenliteratur

Top Girls
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In der Badewanne liegt ein Typ, nicht schön anzusehen. Dana hatte ihn entdeckt, als sie Bier nachladen wollte. Sie macht sich keine Sorgen. Wenn man so viele Besoffene gesehen hat und sich selbst immer ...

In der Badewanne liegt ein Typ, nicht schön anzusehen. Dana hatte ihn entdeckt, als sie Bier nachladen wollte. Sie macht sich keine Sorgen. Wenn man so viele Besoffene gesehen hat und sich selbst immer wieder unter ihnen wähnt, dann denkt man nur noch selten darüber nach. Liv hört Danas Erstaunen mit einem Ohr zu, das andere hat sie wegen ihrer Gedanken verschlossen. Sie hat Nore gesucht, obwohl sie weiß, dass er nicht mehr kommen wird. Er hat es versprochen wie so vieles, das er nicht einhält. Im Flur vermischt sich die Musik mit den Menschen zu etwas Unerträglichem. Liv hat Schlagseite und Doppelbilder. Sie weiß, dass sie morgen mit stinkendem, aufgedunsenem Körper aufwachen wird, die Zunge am Gaumen festgeklebt und dass sie wieder nichts verpasst haben wird.

Am nächsten Morgen ist Liv noch nicht ganz bei sich, als Thom ins Zimmer rauscht und auf sie einquatscht. Dana ist in der Nacht abgehauen, sie müssen sie abholen. Liv steht auf und betrachtet kurz das Chaos in ihrer WG. Auf dem Sofa, auf dem Teppich, in Nores Bett, überall liegen Leute. Der Teppichboden ist ein stinkender Floor aus Bier, Scherben, Chips, Erbrochenem und Kippen. Sie will, dass die Leute verschwinden, will alles Saugen und Schrubben. Thom drängt. Sie geht nur mit, wenn er später die Alkoholleichen rausschmeißt. „Na klar.“ Unten in der Halbgasse wabert unfreundlicher Nebel, die Top Girls haben Schichtwechsel, knallige Farben, kurze rote Röcke, hohe Overknee Stiefel. Die Freier flanieren mit Autos.

Also los, Burggasse, Theater, Museum, Burggarten, Straßenbahnhaltestelle. Raus in die urbanen Randbezirke. Liv nickt kurz ein, dann sind sie da. Betonwald, grau, unübersichtlich, Thom weiß den Weg. Fünfte Etage, eine Frau namens Sascha am Bügelbrett. Ein sehr kleines Kind in einer Wanne mit wenig Wasser vor ihr. „Hinten links letzte Tür.“ Dana liegt in einem Bett, Thom schüttelt sie, Liv will sie ohrfeigen. Dana stöhnt, sie ziehen sie unter den Axeln nach oben, wanken ins Badezimmer, Dana, wie ein nasser Putzlumpen zwischen ihnen. Kaltes Wasser in der Dusche, rein in die Klamotten, runter auf die Straße. Taxi, sagt Liv. Sie wühlen in Danas Handtasche, finden ein paar Scheine. „Wenn sie mir ins Auto kotzt …“, „,… bezahlen wir die Reinigung, wir kennen das Prozedere!“

Fazit: Ana Drezga hat ein Romandebüt hingelegt, das mich mitgerissen hat. Ihre Hauptdarstellerin lebt in eine WG in Wien. Ihr Job am Theater als Tänzerin, den sie zufällig bekommen hat, ist schlecht bezahlt und der Choreograf verlangt ihr alles ab. Mit ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin säuft sie auf ausufernden Partys ihren Alltagsfrust weg und landet in einer Spirale aus Suff, Ausnüchterung und Tanz. Mangels Alternativen hält sie an dieser Situation fest. Die frustrierende Beziehung zu Nore, in der er mehr Distanz hält, als Nähe zuzulassen, drückt sie ebenso nieder. Die Autorin hat mich mitgenommen auf einen harten Trip durch das urbane Wien der 2020er. Die Theaterszene besteht aus schlecht bezahlten Dienstleister*innen, alle sind austauschbar und erfahren keinerlei Wertschätzung. Eine No Future Stimmung wie in der Punkszene der 80er-Jahre macht sich breit. Beziehungen bleiben unpersönlich, Intimität ist gefährlich. Die Geschichte ist rasant und temporeich, sie bedient sich einer Sprache, die mitreißt. Trotz aller Destruktion sehr unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Chronische Krankheit

Schneckenkönigin
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An manchen Tagen schafft Klara den Weg in die Weinberge hinauf oder stundenlang mit Lea auf dem Spielplatz zu sein. Dann fühlt sie sich wach, ausgeschlafen. An anderen Tagen braucht sie zahlreiche Kaffees, ...

An manchen Tagen schafft Klara den Weg in die Weinberge hinauf oder stundenlang mit Lea auf dem Spielplatz zu sein. Dann fühlt sie sich wach, ausgeschlafen. An anderen Tagen braucht sie zahlreiche Kaffees, bevor sie überhaupt startklar ist oder ihr wird gleich nach dem Auffwachen schwarz vor Augen und dieser Schmerz kriecht ihre Wirbelsäule entlang. Sie war schon bei vielen Spezialisten, meistens ohne auffällige Befunde, leicht erhöhte Entzündungswerte, gesunkene Leukozytenzahlen, doch die zeigen sich immer nur kurz, schon vor der nächsten Kontrolle sind sie wieder verschwunden.

Matti versucht alle Variablen ihrer Zustände zu ergründen, um einen optimalen Plan zu erstellen, der eine Orientierung an ihre Kräfte zulässt. Sie weiß, dass er helfen will, trotzdem macht es sie manchmal wütend, am Kühlschrank einen Zettel, mit all ihren Symptomen vorzufinden. Wenn sie mit einem feuchten Tuch auf den Augen auf dem Sofa liegt, glaubt er etwas übersehen zu haben und fühlt sich schuldig. Ihr Körper entzieht sich einfach seinem Kontrollbedürfnis.

Klaras Schwester Lotte und die Mutter wissen, dass Klara schon als Kind schwerer genas, als andere. Mit den unzähligen Wadenwickeln, dem Geruch nach Essig und der Kälte, kann man sie heute jagen. Das schlimmste Gefühl ruft die Ungläubigkeit der anderen in ihr hervor, ihr ständiges Bedürfnis sich zu rechtfertigen.

Fazit: Sabine Schönfellner hat eine Protagonistin geschaffen, die unter einer Krankheit und oder einem Erschöpfungssyndrom, ähnlich dem Fatigue nach Long Covid oder dem Pfeifferschen Drüsenfieber, leidet. Wer weiß, wie Erschöpfung oder das Gefühl von Zerschlagenheit sich anfühlt, sollte mit Klara mitfühlen können. Mir fiel das Schwer, vielleicht , weil ich keinen Leidensdruck spürte. Klara zerdenkt viel, interpretiert, sie findet nicht die richtigen Worte und geht auf Abwehr. Ihr Umfeld ist überfordert, will helfen und neigt dabei zu Übergriffigkeit, Klara resigniert. Die Autorin lässt Klara immer wieder in die Rückschau gehen und die war für mich schwierig von der Gegenwart zu unterscheiden, dennoch plätschert die Geschichte vor sich hin. Ich finde ihren Mann Matti unpersönlich gezeichnet. Mich hat die Umsetzung nicht so angesprochen, ich hätte mir ein wenig mehr Dynamik gewünscht. Vielleicht ist das aber eine Geschmacksfrage. Wer allerdings selbst betroffen ist, von einem Gesundheitssystem, in dem Fachärzte nur schlecht über den Tellerrand blicken, viele Leistungen wegfallen, weil gespart werden muss und Frauen aus dem Raster der Norm rausfallen, weil die wichtigen Studien mit Männern erfasst werden (Medikamentenwirkung), der/die fühlt sich möglicherweise abgeholt.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Schwungvolle Story

Gym
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Ferhat sitzt hinter seinem Schreibtisch und druckst rum. „Also, wie soll ich es sagen?“ Es gefalle ihm, wenn sein Team die Fitnessbranche auch verkörpere, ob sie verstehe, was er meine? Klar verstand sie, ...

Ferhat sitzt hinter seinem Schreibtisch und druckst rum. „Also, wie soll ich es sagen?“ Es gefalle ihm, wenn sein Team die Fitnessbranche auch verkörpere, ob sie verstehe, was er meine? Klar verstand sie, mit den fettigen Haaren und der labbrigen Hose, die ihren Bauch nur ansatzweise versteckt, würde sie sich auch nicht einstellen. Und weil sie den Job unbedingt haben will, sagt sie, sie habe gerade erst entbunden. Es war ihr so rausgerutscht. Ferhads Augen leuchten, die Stirn glättet sich. Er gibt ihr die Hand, versteht wie schwer sie es hat, seine Schwester hat ja auch erst …

3.500 Quadratmeter Mega Gym, ein Palast aus glänzenden Oberflächen, Cardiofloor, Kraftfloor, Wellnessbereich und Sauna. Sie wird die Theke bedienen. Smoothies, lustig klingende Proteinshakes, wie den Muscle-Hustle, zaubern, isotonische Getränke anbieten und Riegel darreichen. Milli lernt sie an, rote Leggins mit passendem Oberteil, wippender Pferdeschwanz. Sie mache gerade eine Ausbildung zur Fitnesskauffrau.

Das Stehen fällt ihr schwer. Sie ist eher an Bürostühle, Bussitzplätze und ihr Sofa gewöhnt. Ferhat bietet ihr sein Büro an, um abzupumpen. Die nächste Mittagspause verscheucht sie den Gedanken, die Flucht zu ergreifen, sie hat schließlich schon Schlimmeres gestemmt. Sie wird das Spiel spielen, so gut sie kann. In der nächsten Apotheke ersteht sie eine elektrische Milchpumpe. Die zwei Fläschchen mit dem Fertigmilchpulver, das sie mit Wasser vermischt hat, stellt sie für alle sichtbar in den Kühlschrank. In ihrer Handtasche befinden sich jetzt Windeln, Schnuller und Feuchttücher, die sie mit erhobener Hand in die Luft hält, während sie Handy oder Portemonnaie sucht. Die gefakten Anrufe bei ihrer Mutter, lassen alle glauben zu wissen, wo ihr Baby ist.

Fazit: Verena Kessler hat in dieser Geschichte die Themen Selbstoptimierung und weibliche Selbstermächtigung performt. Ihre Protagonistin hat ihren Spitzenjob an eine jüngere Nebenbuhlerin verloren. Ihr ganzes Leben gerät aus den Fugen. Sie braucht dringend einen Arbeitsnachweis und heuert im Fitnessstudio an. Eine wirkungsvolle Notlüge zwingt die imaginär Entbundene, sich mit dem Thema Mutterschaft auseinanderzusetzen. Ihr Ehrgeiz spornt sie zu Höchstleistungen an, der Erfolg beim Muskelaufbau wird zur Obsession und nur der Wahnsinn kann sie eingrenzen. Die Autorin hat sich wieder mit dem Thema Frau in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Sie schreibt in lakonisch, unterhaltsamen Ton über die Fitnessqualen. Schmerz, proteinreiche Ernährung und schließlich auch die Nebenwirkungen von Anabolika, bis alles aus dem Ruder läuft. Die namenlose Ich-Erzählerin ist ziemlich abgebrüht und die Diskrepanz zu den mitfühlenden Mitarbeiterinnen erzeugt einen spannenden Grundtenor. Gut gemacht fand ich auch die Interaktion zwischen der Hauptakteurin und der Nebenbuhlerin, das war so gut gezeigt, wie sie es einfach nicht kommen sah und plötzlich erkennen muss, dass sie entbehrlich ist. Mir hat die schwungvolle Story bombe gefallen. Mit dem offenen Ende kann ich leben. Ich mochte auch ihren Roman Eva gern, aber Gym hat mir noch besser gefallen.

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