Sinnlich und berührend
Das schöne Lächeln von Riambel„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen ...
„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen missbrauchten.“ S. 13
Sie leben in einer Cité auf einem langsam verrottenden Müllberg in hastig zusammengezimmerten Baracken. Ihr Ti Lakaz unterscheidet sich kaum von den anderen. Ein kleiner Zaun, ein rostiges Tor und gleich dahinter ihr Wohnzimmer, das aber ebenso Esszimmer, Küche und Gästezimmer ist. In den dicken Jutesäcken der stillgelegten Zuckerfabrik lagern sie ihre Lebensmittel, das hilft ein bisschen gegen die Kakerlaken und anderes Ungeziefer. Ihre Außentoilette ist ein Loch im Boden und das Bad ist eine winzige Kabine aus grob verputzten Ziegelsteinen. Auch hier ein Loch im Boden. Mit dem Eimer können sie sich mit dem Wasser aus dem Hahn übergießen, wenn es nicht gerade abgestellt ist. Noemi badet aber sowieso am liebsten im Meer in der Lagune. Das, was ihre Baracke von den anderen unterscheidet, ist das schmale Stück Lavendelseife, der Holzschrank mit fehlender Tür, das Teekesselchen ohne Griff und die ausgefransten Leinenlaken. Dinge, die ihre Mutter von ihrer Herrin geschenkt bekommen oder in ihre Kitteltasche gesteckt hat. Sie ist sehr vorsichtig, denn sie will ihre Arbeit in dem großzügigen Herrenhaus nicht verlieren, wo schon ihre Mutter gearbeitet hat.
Auf der einen Seite der Küstenstraße, die zum Meer ausgerichtet ist, wohnt altes, stinkendes Geld neben Neureichen. Sie alle sind weiß und bezeichnen sich als Frankomauritier. Ihre Eltern und Großeltern haben als Zuckerplantagenbesitzer, Sklavenhändler und Fabrikbesitzer ihr Volk ausgebeutet, vergewaltigt, missbraucht und sind reich geworden. Auf der anderen Seite wohnen sie, die schwarzen Kreolen.
Noemi ist fünfzehn und steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie träumt davon, doch einmal aus diesem Loch rauszukommen. Und sie vermisst ihre Schwester brennend. In ihrer Klasse gibt es nur zwei Lehrer, die sich wirklich bemühen, die anderen scheinen nur ihre Zeit bis zur Pensionierung abzusitzen. Misie Ravi ist ein schlaksiger Mann, der jede ihrer Fragen ernsthaft durchdenkt, bevor er antwortet. Und Mrs. Maggie kam vor dreißig Jahren hierher und hat unsere Sprache gelernt. Sie sagt, dass History die Geschichte des weißen Mannes ist, eben „His Story“ und dass wir mehr Herstory bräuchten.
Fazit: Priya Hein erklärt in einem Vorwort ihre Intention zum Schreiben dieser Geschichte. Die Mauritierin lebte schon Jahrzehnte in Deutschland, als George Floyd von amerikanischen Polizisten ermordet wurde. Sie wollte im Zuge der Black lives Matter-Bewegung zur Diskussion anregen. Allerdings schlug ihr nur Härte entgegen. Mit der Geschichte ihres Landes und den Generationen von Frauen vor ihr, will sie an das Mitgefühl ihrer Mitmenschen appellieren und das ist ihr gut gelungen. Sie lässt Noemi als Ich-Erzählerin ihre Geschichte, die ihrer Schwester und Mutter erzählen. Ich weiß nicht, in welcher Zeit sie lebt, aber das ist auch unerheblich. Sie spricht von den verbliebenen ehemaligen Kolonialherren, die das heutige Urlaubsparadies in Ostafrika systematisch ausgeblutet haben. Die Grausamkeiten gegen Frauen und Kinder, die Erniedrigungen sind nicht zu verstehen. Wie herablassend, besitzergreifend und übergriffig Weiße handeln. Die Autorin reißt die Grausamkeiten nur an, appelliert an die Fantasie der Leserinnen und doch verschlägt es mir an einer Stelle den Atem und setzt mir einen fetten Kloß in den Hals. Insgesamt ist das Buch ein Ausflug in die kreolische Kultur. Noemi beschreibt, wie bestimmte Speisen zubereitet werden und ich erfahre alles über die Gewürze, nichts geht ohne Zwiebeln, Knoblauch und Chili. Sie hilft ihrer Mutter bei der Arbeit im Haus der De Grandbourgs und macht ihre Beobachtungen. Die Autorin hat Gedichte einfließen lassen voller Melancholie. Die Geschichte ist besonders, höchst sinnlich, berührend und augenöffnend. Auch hier kann ich wieder nur feststellen: Lesen bildet und bereichert.