Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.08.2025

Die Reinkarnation Paganinis

Schwarzer Schwan
0

Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er ...

Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er etwas schärfer als eigentlich beabsichtigt. „Ich suche einen Chauffeur für zwei Abende pro Woche.“ „Also Sie wollen Taxifahrten bestellen.“ „Ich suche einen Chauffeur.“ Krause versucht ihn abzuwimmeln.

Bei Temperinis zweitem Versuch erklärt er, dass der Fahrer von 19 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung stehen sollte, natürlich für gutes Geld. Krause weiß, dass er den ungewöhnlichen Auftrag annehmen wird. Dieses Extrageld wird er zur Seite legen, um mit seinem Sohn mit dem Wohnwagen durch Kanada zu fahren.

Irene ist mit Leo zu ihrem Neuen gezogen. Sie hielt seine Nachtfahrten nicht mehr aus. Jetzt sieht er Leo nur noch am Papawochenende. Er hatte Irene an der Fachhochschule für Verwaltung kennengelernt. Sie wurde schwanger und während sie im Krankenhaus war, um Leo auszutragen, versemmelte er drei von vier Prüfungen, weil seine Angst zu versagen ihm alle Gedanken stahl. Und so kam er zum Taxifahren.

Temperini hatte ihn letzte Woche für heute bestellt. Als Krause vor seiner Haustür hält, steht schon ein großer hagerer Schatten seiner selbst davor. Temperini macht keine Anstalten, einen Fuß auf den Bürgersteig zu setzen. Krause steigt aus, geht auf den Mann zu, erst da setzt der sich in Bewegung. Er bleibt vor der hinteren Türe stehen, wartet, dass Krause sie öffnet, dann steigt er ein. Von hinten schiebt er umständlich einen gefüllten Umschlag auf den Beifahrersitz, Krauses Honorar. Zur Philharmonie, sagt der Alte. Krause beobachtet ihn verstohlen im Rückspiegel. Temperini fragt ihn, ob er von Niccolo Paganini, dem Teufelsgeiger gehört habe. Am Rande antwortet er, nicht ahnend, dass er bald mehr über den Geiger erfahren wird, als ihm lieb ist.

Fazit: Theres Essmann hat mit dieser Debütgeschichte 2020 ein Stipendium gewonnen. Sie hat ihrem Protagonisten aus der Gegenwart diesen Gegenpol aus Alter, Kultur und Bildung, den so viel Geschichte umweht, entgegengesetzt. Zuerst findet dieses ungleiche Paar keinen großen Anklang aneinander. Doch mit jeder Fahrt zur Philharmonie, in Parks oder auf Friedhöfe kommen sie sich zwangsläufig näher. Krause, umgeben von ganz eigenen weltlichen Problemen, wie der Angst, den geliebten Sohn an den Stiefvater zu verlieren, lernt den alten Mann als Gesprächspartner schätzen. Die Autorin schafft es alle Beteiligten authentisch miteinander zu verweben, den eifersüchtigen Vater, den Sohn, der unter diesem Konkurrenzkampf leidet, die eigensinnige Ex-Frau, wenige Freunde und den einsamen alten Mann, der fast wie die Reinkarnation Paganinis wirkt. Die Erzählung verläuft ruhig, unaufgeregt und das Ende hat mich sehr berührt. Ich mochte den Folgeroman „Dünnes Eis“ ein wenig lieber.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein Debüt von großer verbaler Sprengkraft

Moscow Mule
0

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. ...

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. Für sie bedeutet Glück nichts anderes als Stillstand und Trägheit.

Ihre Fakultät ist mit Kindern von Unternehmern, Managern und Regierungsbeamten übervölkert. Und die studieren einzig um ihren Lebenslauf aufzuhübschen, leben nicht im Wohnheim und suchen nicht nach Jobs. Karina und Tonya studieren politischen Journalismus. Nach ihrem dritten Semester wurde Anna Politkowskaja unweit der Uni auf offener Straße erschossen. Dank dem selbst ernannten Zaren sind die Zeiten wieder unsicher. Man geht der Polizei aus dem Weg, ist besser so. Ihre Zukunftschancen sind übersichtlich und sie leben zu lange in Moskau, um an eine echte Opposition oder freie Wahlen zu glauben. Europa würde ihnen gefallen, deshalb suchen sie nach Austauschprogrammen europäischer Universitäten.

Tonya lebt ihm Wohnheim, teilt sich ein Kabuff mit anderen Kommilitoninnen, kocht Nudeln im Wasserkocher und flucht, wenn jemand ihr wieder das frisch gewaschene Spitzenhöschen von der Heizung geklaut hat. Karina tingelt zwischen dem Schlafsessel bei ihrer lieblosen Mutter in Moskau und dem Bett bei ihrer geliebten Oma, weit außerhalb der Stadt. Meistens verpasst sie nachts um eins die letzte Metro und dann lässt sie sich von einem Typen abschleppen oder kriecht zu Tonya ins Bett. Sie jagen Wombats hinterher, leicht beleibte Männer mittleren Alters, die schon zwei Unternehmen gegründet haben und dreimal geschieden sind. Nur die interessieren sich nicht für Tom Sawyer und Huckleberry Finn. An den jungen Frauen, die deren Blick zum Glänzen bringen, ist alles lang, Haare, Beine, Fingernägel, sie sind gepflegt, geduldig und sexy. In Russland können Frauen alles werden, dennoch entscheiden sich die meisten dafür, Mätressen zu sein.

Fazit: Maya Rosa hat ein Debüt mit ganz großer verbaler Sprengkraft hingelegt. Die Wortakrobatin hat zwei junge Protagonistinnen geschaffen, die mit einem mickrigen Stipendium versuchen, ein Studium zu wuppen und zu überleben. Beide schlagen sich Seite an Seite mit diversen Nebenjobs durch. Trotz der politischen Diskrepanz ist der Hunger nach Abenteuer und Zerstreuung und die Lebensfreude spürbar. Ich erfahre viel über dieses Land, ohne mich durch Infodump erschlagen zu fühlen. Die Autorin webt alle Eindrücke in die Geschichte hinein. Korruption, Staatsgewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Dekadenz des Reichtums, der jung erworben wird. Frauen, die von Freiheit träumen und sich stylen, anbiedern und verraten, um auf die schimmernde Seite der Medaille zu gelangen. Alle sind ein bisschen schmierig. Die beiden Heldinnen Tonya und allem voran Karina, aus deren sprunghafter Sicht erzählt wird, sind beste Freundinnen, bis es in Tonya klickt und sie schneller erwachsen werden will als Karina. Ich liebe die rotzige, lakonische, lustige Erzählstimme, die mit Worten umgeht, als würde sie ein großes Orchester dirigieren. Da ist alles dabei vom Paukenschlag über die Klarinette bis zur Harfe. Meine Güte, war das unterhaltsam.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.08.2025

Klassische Literatur

Einer reist mit
0

Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen ...

Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen wird. Diverse Ausreden hat sie dafür parat. Etwa, dass ihre Mutter gestorben ist und das stimmt auch, es ist nur schon einige Jahre her. Ihr Sohn ist schwerkrank (sie hat keinen). Sie behauptet, sie habe Rückenschmerzen (selten, weil sie abergläubig ist). Sie ist so überzeugend, dass man ihr glaubt, dass sie sich selbst glaubt. Doch ihre Absagen ergeben gar keinen Sinn. Sie ist Schriftstellerin und als solches muss man sich in der Öffentlichkeit zeigen.

Die Zwölf ist ihre Zahl. Ihr Vater starb am 12.12.2012. Am 12. Dezember hat sie sich von ihrer Jugendliebe getrennt. An einem 12. ist sie Thomas begegnet. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war. 2012 hat sie ihr zwölftes Buch geschrieben, das ein großer Erfolg war. Immer wenn sie eine Buchveröffentlichung freigegeben hat, überkommt sie eine Leere, zuletzt zwölf Monate lang. Sie liest dann einen ihrer Lieblingsschriftsteller. Seit einiger Zeit wieder den Spanier Enrique Vila-Matas, den am Nachmittag zyklisch Dunkelheit überkommt, so sagte er in einem Interview. Vermutlich wegen der Verrücktheit seines Vaters, Stimmen aus dem Untergrund zu lauschen. Und so tragisch und nachvollziehbar Vila-Matas Schwere ist, so unterhaltsam ist sein Schreiben. Schon oft hat er sie zum Lachen oder doch zumindest zum Lächeln gebracht.

Ihr Vater und auch ihre Schwester konnten aus dem Nichts etwas Ungehöriges tun, zum Beispiel wahnsinnig werden oder Selbstmord begehen. Sie selbst als aufgeräumte, ordnungsliebende Person, die gern ihren Frieden hat, brachte dann alles wieder in Ordnung. Diese Unberechenbarkeit der beiden versetzte sie ständig in Alarmbereitschaft.

Nun wird sie am nächsten Morgen sehr früh aufstehen müssen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Sie wird sich nicht noch einmal umdrehen, um die wohlige Bettwärme zu atmen, dann gegen neun Uhr aufstehen, einen Kaffee kochen und ein,- zwei oder drei Zigaretten rauchen, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt und das gestern Verfasste auf sich wirken lässt. Sie wird zu einer unchristlichen Zeit das Bett verlassen und in den unwirtlichen Tag hinausziehen.

Fazit: Diese kleinen Geschichten von Anne Serre stecken voller Überraschungen. Ich wohne dieser, vermutlich teils autofiktionalen, Geschichte bei und begleite die Protagonistin auf eine Zugfahrt. Höre ihren sprunghaften Gedanken über andere Autoren und deren Schreibweise zu. Sie beobachtet die Menschen, denen sie begegnet, spinnt daraus Erinnerungen an Orte und erkundet ihr eigenes Dasein. Die Stimmfarbe Anne Serres ist so literarisch wie zeitlos. Ich mochte den Charakter dieser Frau sehr. Sie verkörpert die Selbstsicherheit einer älteren Frau, die spielerisch Innenschau hält und sich gerne amüsiert und dennoch viel Zeit mit sich selbst verbringt. Die Geschichte entstand 2017 und wurde nun vom Berenberg Verlag verlegt, ebenso wie Anne Serres „Die Gouvernanten 2023, das ein riesiges Lesevergnügen für mich war.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2025

Komplizierte Liebesgeschichte

Die da oben
0

Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben ...

Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben und nun stand dort ein himmelblauer Twingo. Tess parkte ihren Lieferwagen minutiös dahinter. Moyra drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Eigentlich wollte Moyra erst ihr Studium beenden. Sie wusste nicht, wohin es sie danach ziehen würde. Tess hatte angenommen, dass Moyra das Vertrauen in sie fehlte und das hatte sich halb gar angefühlt.

Im Erdgeschoss des schönen Leipziger Altbaus befindet sich ein leer stehender Laden, der hatte dem Mann in der dritten Etage als Getränkeshop gedient. Er wohnt seit dreißig Jahren mit seiner Frau da oben und war an der Konkurrenz und der Pachterhöhung gescheitert. Dank Moyras Eltern hatte Tess das Geschäft anmieten können. Sie würde eine kleine Schneiderei eröffnen und ihre ersten Stücke verkaufen, designt bei Tess.

Als Moyra auf einer Tagung in Göteborg war, hatte Tess sich gelangweilt und Fabians Einladung zu seinem Geburtstag angenommen. Dort hatte sie Larissa kennengelernt. Sie verstanden sich blendend. Nach der Party hatten sie immer noch Gesprächsbedarf und so nahm Tess Larissa mit in ihre neue Wohnung. Moyra und Tess waren sich einig, dass es passieren konnte, dass man auch andere Frauen attraktiv fand und sich kaum jeder Verführung erwehren könne und sie wollten gnadenlos ehrlich zueinander sein. Als Moyra wieder zurück war, schien es Tess, als stünde sie am Anfang einer komplizierten Affäre. Und dann fehlte einfach jede Gelegenheit, das Thema anzusprechen.

Fazit: Anselm Oelze hat zwei Frauen in die Mitte der Handlung gesetzt. Moyra ist die Ernste, die ein Päckchen zu tragen hat. Nach dem Studium findet sie keinen rechten Sinn mehr in ihrer Berufswahl. Sie dümpelt unentschlossen vor sich hin und fühlt sich schlecht. Tess ist die Quirlige, die ihre Entscheidungen trifft, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Durch den Vertrauensbruch zu Moyra fühlt sie sich ebenfalls schlecht und die beiden driften auseinander. Der Autor erzählt in der dritten Person mit angenehmer Stimmfarbe. Der Klappentext versprach einen Generationenkonflikt und das Thematisieren der gesellschaftlichen Spaltung. Ich habe die Geschichte als Liebesgeschichte gelesen und als solche funktioniert sie. Ja, es entsteht ein Konflikt, weil Tess dem älteren Paar helfen will und Moyra deren Verhalten wenig abgewinnen kann, aber das ist eher ein Nebenschauplatz, der zu weiteren Reibungen in ihrer Beziehung führt. Der Autor hat meines Erachtens größeres Augenmerk auf den Prozess der Selbstfindung gelegt. Deshalb mag ich diesen flockig lesbaren Roman eher allen empfehlen, die sich für eine komplizierte Liebesgeschichte zwischen Frauen interessieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.08.2025

Ruhiges, solides Romandebüt

Himmel ohne Ende
0

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, ...

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, eine Schale mit Rosinen und eine Schachtel Zigaretten. Wenn die Wohnung der Spiegel der Seele ist, wie Charlies Mama immer sagt, dann ist Frau Knubbes Seele ziemlich rummelig. Charlie kaut Fingernägel und versucht die Antworten auf Frau Knubbes Fragen zu umschiffen. Sie ist mit dem Verlust ihres Vaters noch nicht fertig, aber das kommt ihr nicht über die Lippen. Das Helle ist dunkler geworden und die Apfelschorle schmeckt anders. Kati ist nicht mehr ihre Freundin und ihre Mutter seit Wochen gestresst. Genug Gründe, warum sie hier sitzt, aber irgendwas blockiert sie.

Im Unterricht verliert sie die Worte. Sie kann die Fragen der Lehrer nicht beantworten, ihr Kopf bleibt leer und wird heiß. Tränen verschleiern ihr die Sicht, die anderen lachen. Charlie sieht sich hilfesuchend nach Kati um, aber die sitzt jetzt neben Sofia und verdreht die Augen. Die Klassentür öffnet sich und ein Junge tritt ein. Er ist riesig, hat blonde Locken und wirkt sehr sicher. Die Lehrerin stellt ihn als Kornelius vor, Schmitti ruft: „der sieht aus wie Pommes“. Pommes lacht und setzt sich neben Charlie.

Zuhause schiebt Charlie eine Tiefkühlpizza in den Backofen. Ihre Mutter hatte Spätschicht und liegt im Bett, wie meistens. Charlie schaltet den Fernseher an und guckt ihre Lieblingsserie „Liebe auf Umwegen“. Der Bösewicht Giovanni will mit seiner Freundin abhauen. Das würde Charlie auch gerne. Sie schaut durch das Fenster in den Himmel und denkt an ihren Vater. Sieben Jahre war sie alt, als er in der Küche stand und zu ihrer Mutter sagte: „Ich kann nicht mehr“. Er nahm seine Reisetasche, ging zur Wohnungstür, öffnete sie und schloss sie hinter sich. Auch da hatte Charlie keine Worte gehabt. Sie glaubt, dass die richtigen Worte ihn aufgehalten hätten, dass er dann bei ihr geblieben wäre.

Fazit: Julia Engelmann, die Poetry-Slammerin, Sängerin und Schauspielerin, hat ein ruhiges, solides Romandebüt hingelegt. Sie versetzt sich in ihre traurige, jugendliche Protagonistin und lässt sie ihr Erleben erzählen. Sie fühlt sich falsch, anders und nirgendwo dazugehörig. Sie muss den Verlust des Vaters verkraften, die Traurigkeit der Mutter aushalten und Freundschaften scheitern sehen. Die Unsicherheit behindert sie so sehr, dass ihr jede Eigeninitiative abhandenkommt. Ein neuer Mitschüler bringt Licht in ihr Dunkel, sieht sie, hört ihr zu und bringt sie zum Lachen, doch auch er leidet. Mir war der Anfang der Geschichte zu düster. Ich konnte mich nicht so recht einlassen. Trotz der Schwere und der Aussichtslosigkeit blieb ich emotional unbewegt. So als hätte die Autorin ihrer Heldin ihre eigenen Vorstellungen von Traurigkeit übergestülpt. Das änderte sich für mich jedoch nach siebzig Seiten. Ab da fehlte mir nichts mehr. Da war Humor, jede Menge Gefühl, ganz feine Metaphern und ganz viel Glaubwürdigkeit. Es hat mich bewegt Charlie bei ihren Erfahrungen im Zwischenmenschlichen, ihrer Entwicklungs,- und Erkenntnisfähigkeit über die Schulter zu schauen. Plötzlich war meine eigene Jugend wieder ganz nah. Insgesamt ein lesenswerter Coming -of- Age Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere