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Veröffentlicht am 11.08.2025

Klassische Literatur

Einer reist mit
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Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen ...

Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen wird. Diverse Ausreden hat sie dafür parat. Etwa, dass ihre Mutter gestorben ist und das stimmt auch, es ist nur schon einige Jahre her. Ihr Sohn ist schwerkrank (sie hat keinen). Sie behauptet, sie habe Rückenschmerzen (selten, weil sie abergläubig ist). Sie ist so überzeugend, dass man ihr glaubt, dass sie sich selbst glaubt. Doch ihre Absagen ergeben gar keinen Sinn. Sie ist Schriftstellerin und als solches muss man sich in der Öffentlichkeit zeigen.

Die Zwölf ist ihre Zahl. Ihr Vater starb am 12.12.2012. Am 12. Dezember hat sie sich von ihrer Jugendliebe getrennt. An einem 12. ist sie Thomas begegnet. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war. 2012 hat sie ihr zwölftes Buch geschrieben, das ein großer Erfolg war. Immer wenn sie eine Buchveröffentlichung freigegeben hat, überkommt sie eine Leere, zuletzt zwölf Monate lang. Sie liest dann einen ihrer Lieblingsschriftsteller. Seit einiger Zeit wieder den Spanier Enrique Vila-Matas, den am Nachmittag zyklisch Dunkelheit überkommt, so sagte er in einem Interview. Vermutlich wegen der Verrücktheit seines Vaters, Stimmen aus dem Untergrund zu lauschen. Und so tragisch und nachvollziehbar Vila-Matas Schwere ist, so unterhaltsam ist sein Schreiben. Schon oft hat er sie zum Lachen oder doch zumindest zum Lächeln gebracht.

Ihr Vater und auch ihre Schwester konnten aus dem Nichts etwas Ungehöriges tun, zum Beispiel wahnsinnig werden oder Selbstmord begehen. Sie selbst als aufgeräumte, ordnungsliebende Person, die gern ihren Frieden hat, brachte dann alles wieder in Ordnung. Diese Unberechenbarkeit der beiden versetzte sie ständig in Alarmbereitschaft.

Nun wird sie am nächsten Morgen sehr früh aufstehen müssen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Sie wird sich nicht noch einmal umdrehen, um die wohlige Bettwärme zu atmen, dann gegen neun Uhr aufstehen, einen Kaffee kochen und ein,- zwei oder drei Zigaretten rauchen, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt und das gestern Verfasste auf sich wirken lässt. Sie wird zu einer unchristlichen Zeit das Bett verlassen und in den unwirtlichen Tag hinausziehen.

Fazit: Diese kleinen Geschichten von Anne Serre stecken voller Überraschungen. Ich wohne dieser, vermutlich teils autofiktionalen, Geschichte bei und begleite die Protagonistin auf eine Zugfahrt. Höre ihren sprunghaften Gedanken über andere Autoren und deren Schreibweise zu. Sie beobachtet die Menschen, denen sie begegnet, spinnt daraus Erinnerungen an Orte und erkundet ihr eigenes Dasein. Die Stimmfarbe Anne Serres ist so literarisch wie zeitlos. Ich mochte den Charakter dieser Frau sehr. Sie verkörpert die Selbstsicherheit einer älteren Frau, die spielerisch Innenschau hält und sich gerne amüsiert und dennoch viel Zeit mit sich selbst verbringt. Die Geschichte entstand 2017 und wurde nun vom Berenberg Verlag verlegt, ebenso wie Anne Serres „Die Gouvernanten 2023, das ein riesiges Lesevergnügen für mich war.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Komplizierte Liebesgeschichte

Die da oben
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Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben ...

Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben und nun stand dort ein himmelblauer Twingo. Tess parkte ihren Lieferwagen minutiös dahinter. Moyra drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Eigentlich wollte Moyra erst ihr Studium beenden. Sie wusste nicht, wohin es sie danach ziehen würde. Tess hatte angenommen, dass Moyra das Vertrauen in sie fehlte und das hatte sich halb gar angefühlt.

Im Erdgeschoss des schönen Leipziger Altbaus befindet sich ein leer stehender Laden, der hatte dem Mann in der dritten Etage als Getränkeshop gedient. Er wohnt seit dreißig Jahren mit seiner Frau da oben und war an der Konkurrenz und der Pachterhöhung gescheitert. Dank Moyras Eltern hatte Tess das Geschäft anmieten können. Sie würde eine kleine Schneiderei eröffnen und ihre ersten Stücke verkaufen, designt bei Tess.

Als Moyra auf einer Tagung in Göteborg war, hatte Tess sich gelangweilt und Fabians Einladung zu seinem Geburtstag angenommen. Dort hatte sie Larissa kennengelernt. Sie verstanden sich blendend. Nach der Party hatten sie immer noch Gesprächsbedarf und so nahm Tess Larissa mit in ihre neue Wohnung. Moyra und Tess waren sich einig, dass es passieren konnte, dass man auch andere Frauen attraktiv fand und sich kaum jeder Verführung erwehren könne und sie wollten gnadenlos ehrlich zueinander sein. Als Moyra wieder zurück war, schien es Tess, als stünde sie am Anfang einer komplizierten Affäre. Und dann fehlte einfach jede Gelegenheit, das Thema anzusprechen.

Fazit: Anselm Oelze hat zwei Frauen in die Mitte der Handlung gesetzt. Moyra ist die Ernste, die ein Päckchen zu tragen hat. Nach dem Studium findet sie keinen rechten Sinn mehr in ihrer Berufswahl. Sie dümpelt unentschlossen vor sich hin und fühlt sich schlecht. Tess ist die Quirlige, die ihre Entscheidungen trifft, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Durch den Vertrauensbruch zu Moyra fühlt sie sich ebenfalls schlecht und die beiden driften auseinander. Der Autor erzählt in der dritten Person mit angenehmer Stimmfarbe. Der Klappentext versprach einen Generationenkonflikt und das Thematisieren der gesellschaftlichen Spaltung. Ich habe die Geschichte als Liebesgeschichte gelesen und als solche funktioniert sie. Ja, es entsteht ein Konflikt, weil Tess dem älteren Paar helfen will und Moyra deren Verhalten wenig abgewinnen kann, aber das ist eher ein Nebenschauplatz, der zu weiteren Reibungen in ihrer Beziehung führt. Der Autor hat meines Erachtens größeres Augenmerk auf den Prozess der Selbstfindung gelegt. Deshalb mag ich diesen flockig lesbaren Roman eher allen empfehlen, die sich für eine komplizierte Liebesgeschichte zwischen Frauen interessieren.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Ruhiges, solides Romandebüt

Himmel ohne Ende
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Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, ...

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, eine Schale mit Rosinen und eine Schachtel Zigaretten. Wenn die Wohnung der Spiegel der Seele ist, wie Charlies Mama immer sagt, dann ist Frau Knubbes Seele ziemlich rummelig. Charlie kaut Fingernägel und versucht die Antworten auf Frau Knubbes Fragen zu umschiffen. Sie ist mit dem Verlust ihres Vaters noch nicht fertig, aber das kommt ihr nicht über die Lippen. Das Helle ist dunkler geworden und die Apfelschorle schmeckt anders. Kati ist nicht mehr ihre Freundin und ihre Mutter seit Wochen gestresst. Genug Gründe, warum sie hier sitzt, aber irgendwas blockiert sie.

Im Unterricht verliert sie die Worte. Sie kann die Fragen der Lehrer nicht beantworten, ihr Kopf bleibt leer und wird heiß. Tränen verschleiern ihr die Sicht, die anderen lachen. Charlie sieht sich hilfesuchend nach Kati um, aber die sitzt jetzt neben Sofia und verdreht die Augen. Die Klassentür öffnet sich und ein Junge tritt ein. Er ist riesig, hat blonde Locken und wirkt sehr sicher. Die Lehrerin stellt ihn als Kornelius vor, Schmitti ruft: „der sieht aus wie Pommes“. Pommes lacht und setzt sich neben Charlie.

Zuhause schiebt Charlie eine Tiefkühlpizza in den Backofen. Ihre Mutter hatte Spätschicht und liegt im Bett, wie meistens. Charlie schaltet den Fernseher an und guckt ihre Lieblingsserie „Liebe auf Umwegen“. Der Bösewicht Giovanni will mit seiner Freundin abhauen. Das würde Charlie auch gerne. Sie schaut durch das Fenster in den Himmel und denkt an ihren Vater. Sieben Jahre war sie alt, als er in der Küche stand und zu ihrer Mutter sagte: „Ich kann nicht mehr“. Er nahm seine Reisetasche, ging zur Wohnungstür, öffnete sie und schloss sie hinter sich. Auch da hatte Charlie keine Worte gehabt. Sie glaubt, dass die richtigen Worte ihn aufgehalten hätten, dass er dann bei ihr geblieben wäre.

Fazit: Julia Engelmann, die Poetry-Slammerin, Sängerin und Schauspielerin, hat ein ruhiges, solides Romandebüt hingelegt. Sie versetzt sich in ihre traurige, jugendliche Protagonistin und lässt sie ihr Erleben erzählen. Sie fühlt sich falsch, anders und nirgendwo dazugehörig. Sie muss den Verlust des Vaters verkraften, die Traurigkeit der Mutter aushalten und Freundschaften scheitern sehen. Die Unsicherheit behindert sie so sehr, dass ihr jede Eigeninitiative abhandenkommt. Ein neuer Mitschüler bringt Licht in ihr Dunkel, sieht sie, hört ihr zu und bringt sie zum Lachen, doch auch er leidet. Mir war der Anfang der Geschichte zu düster. Ich konnte mich nicht so recht einlassen. Trotz der Schwere und der Aussichtslosigkeit blieb ich emotional unbewegt. So als hätte die Autorin ihrer Heldin ihre eigenen Vorstellungen von Traurigkeit übergestülpt. Das änderte sich für mich jedoch nach siebzig Seiten. Ab da fehlte mir nichts mehr. Da war Humor, jede Menge Gefühl, ganz feine Metaphern und ganz viel Glaubwürdigkeit. Es hat mich bewegt Charlie bei ihren Erfahrungen im Zwischenmenschlichen, ihrer Entwicklungs,- und Erkenntnisfähigkeit über die Schulter zu schauen. Plötzlich war meine eigene Jugend wieder ganz nah. Insgesamt ein lesenswerter Coming -of- Age Roman.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Gesellschaftskritik par Excellence

Das Geschenk
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In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt ...

In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt sein Handy, lächelt gewinnend, hinter sich die Kuppel des Reichstages. Währenddessen badet in der Spree ein Elefantenbulle. Bezeugen könnte das derzeit nur ein Obdachloser, der viel zu früh unter der Brücke aufgewacht ist und seine Kippen vermisst.

Tag 1

Der Kanzler Hans Christian Winkler sitzt am Frühstückstisch und liest die Tageszeitung, die seine Gattin ihm, wie jeden Morgen, bereitgelegt hat. Säuerlich stellt er fest, dass seine Partei bei den letzten Umfragen deprimierende Werte eingefahren hat. Sein Handy reißt ihn aus dem Tief und als er rangeht, erfährt er, dass vier afrikanische Elefanten am Spreeufer gesichtet wurden. Er hört weiter, dass alle Elefanten der umliegenden Zoos auf Vollständigkeit geprüft wurden. Ein Mysterium. Er wird den Krisenstab zusammentrommeln müssen, die Bundeswehr wird es richten. Tatsächlich, aber das weiß Winkler zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wurden inzwischen achtunddreißig Elefanten gezählt und der Schaden, den die Vielfraße in die Landschaft schneisen, wird ein erhebliches Loch in den Haushalt reißen.

Der botswanische Präsident Tebogo ruft im Bundeskanzleramt an und bedankt sich beim Kanzler höchstpersönlich für das Einfuhrverbot von Elfenbein. Er zeigt sich wenig erfreut darüber, dass über die Hälfte seines Landes Naturschutzgebiet ist. Er habe sich den Bitten des Westens gebeugt und muss seinen Bürgern nun erklären müssen, dass die gut geschützten Elefanten, mit einem Populationswachstum von jährlich sechs Prozent, über den Bürgern stehen. Und um sich angemessen dankbar zu zeigen, hat er Berlin nun 20.000 Elefanten geschenkt.

Fazit: Gaea Schoeters hat wieder zugeschlagen. Nach ihrem Erfolgsdebüt „Trophäe“ hat sie eine Inszenierung geschaffen, die sich mit den aktuellen politischen Ereignissen auseinandersetzt und folgenschwere Entscheidungen anprangert. Sie zeigt mithilfe eines allwissenden Erzählers im Eilschritt, welche Bedeutung freilaufende Elefanten in der Zivilisation bekommen und entwickelt ein Schreckensszenario. Gleichzeitig zeigt sie eine Kette von Entscheidungen in der Politik. Wie man andere Länder in schwierige Situationen bringt, um im eigenen Land die Wählerinnen bei Laune zu halten. Die Schwierigkeit, gegen eine rechte Partei anzustinken, um zu verhindern, dass die Bürgerinnen ihr die Mehrheit schenkt. Wie Politikerinnen, die nicht feminin genug sind aber anpacken können, vor einen Karren gespannt werden, um ihn aus dem Dreck zu ziehen. Die Autorin lässt eine Expertin von Talk Show zu Talk Show ziehen und trifft enorm den Zeitgeist. Vieles an dieser Geschichte hat mich an die mediale Erstattungsgeilheit während Corona erinnert, doch es gab auch Parallelen zur Asylpolitik 2015. Und außerdem habe ich ganz viel über das Sozialverhalten im Matriarchat von Elefanten erfahren, wovon wir uns als Gesellschaft ruhig etwas aneignen könnten. Das war Gesellschaftskritik par excellence und ich bin froh, dass Gaea Schoeters frischen Wind in einige Köpfe bringen wird. Das hat mir richtig Spaß gemacht.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Konfliktreiche Beziehungen

Haralds Mama
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Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, ...

Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, wenn möglich erholsamen Spa-Aufenthalt gebucht, die Mama findet das unnötig und teuer. Die Freundin sinnt darüber nach, ob sie ihr kleines Vermögen damit rechtfertigt, dass sie den Betrag zusammengehurt oder einen Blancokredit aufgenommen hat oder doch bei der letzten Steuererklärung begünstigt wurde. Die Mama wird mir Harald auf die „Insel“ fahren und dort werden sie es sich ein,- zwei oder auch drei Wochen gemütlich machen. Das wolle sie an dieser Stelle einmal sagen. Die Freundin habe ihre Zeit unnötig verschwendet.

Ding Dong: „Der Flug aus Strömme verspätet sich wegen vereister Fahrbahn um eineinhalb Stunden“.

Die Freundin empfindet unspezifisches Entsetzen bei der Vorstellung, sich noch länger von einer alten Vettel anstinken zu lassen. Sie späht nach einer Nische, wo sie sich verstecken und leise weinen kann.

Es erstaunt sie selbst, dass sie sich in Harald verliebt hat. Wäre er ein Hund, dann ein Golden Retriever.

So einer, der voller Lust auf das Agility Feld galoppiert, um dann ohne Vorwarnung von der Hindernisbahn abzubiegen, weil er einen Tennisball erspäht hat, wie blöd loszurasen, und stolz und überglücklich mit einem riesigen Stock wiederzukehren. S. 21

Zum Ende seines Jurastudiums wollte er für Gerechtigkeit kämpfen und dann das Amt des Richters besetzen. Sein Vater hatte in Nicaragua für Demokratie und sauberes Wasser gekämpft und war zehn Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war Haralds Trauer. Seine Mutter war genau das Gegenteil, praktisch, bodenständig und furchtbar effizient, hatte Harald ihr zufrieden erklärt.

Fazit: Johanna Frid hat ein effektives Kammerspiel geschaffen. Sie konzentriert sich auf drei Menschen, die innerhalb ihrer Beziehung konfliktreich aufeinandertreffen. Da ist zum einen Harald mit seinen psychischen Störungen und einer rasanten Talfahrt in die Psychopharmakaabhängigkeit. Die Hauptfigur, aus deren Sicht alles erzählt wird, die selbst psychisch labil und gesundheitlich angeschlagen ist und die kontrollierende, übergriffige Mutter, die sich nicht von ihrem Sohn lösen kann. Die Geschichte lebt von Momentaufnahmen, der Interaktion zwischen Mutter und Freundin und den Rückblicken der Freundin, die das ganze Drama ihrer Beziehung sichtbar machen. Die Sprache ist roh, die Gedanken der Protagonistin bissig und amüsant. Sie schluckt vieles runter, das augenscheinlich zu gemein ist und das Gewicht hätte den Konflikt richtig anzufachen. Die Autorin hat ein Händchen dafür, das ganze Drama einer Abhängigkeit mit allen Vertrauensbrüchen und Unzurechnungsfähigkeiten spürbar zu machen. Alle Beteiligten sind unsympathisch, wie im echten Leben und das befähigt mich als Leserin auf die Metaebene zu gehen und genüsslich von außen auf die Szenerie zu schauen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat eine einzigartige Stimme und kluge Gedanken und ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

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