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Veröffentlicht am 17.03.2025

Ein außergewöhnlich tiefgreifendes Buch

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Mit elf wurde Elisa aus der Sicherheit kleiner Häuser in die Kälte des Riesenhauses geworfen. Mit neun musste sie sich zwischen Vater und Mutter entscheiden und zwei Jahre später war sie der Mutter zu ...

Mit elf wurde Elisa aus der Sicherheit kleiner Häuser in die Kälte des Riesenhauses geworfen. Mit neun musste sie sich zwischen Vater und Mutter entscheiden und zwei Jahre später war sie der Mutter zu schwierig geworden und kam in die erste Jugendhilfeeinrichtung. Die Mutter gab Elisa früher Liebe, ein offenes Ohr, einen konstanten Blick und offene Arme für Elisas Tränen. Nach der Trennung vom Vater bekam Elisa ein cooles Kinderzimmer von Neckermann, coole Poster, ihre coole Limo- und Coladosensammlung, aber die Mutter war weg, emotional abwesend. Sie warf Elisa Undankbarkeit vor. Auch die Mutter war in einem kalten, großen Haus aufgewachsen, ohne eine Chance auf gute Schulbildung. Als Elisa geboren wurde, war die Mutter sechzehn und Elisas Vater siebenundzwanzig. Darüber hatte Elisa sich nie Gedanken gemacht, ganz egal, wie sehr sie ihren Vater liebt, ist ihr heute klar, dass das ein Fehler von ihm war.

Im großen kalten Haus gab es einen Onkel, der wollte Onkel genannt werden und war der Heimleiter. Der machte Dinge und alle wussten es. Es gab Kinder, die auch Onkel hatten und in dem großen, kalten Haus waren, um vor ihnen geschützt zu werden. Man sagte, Elisa sei schwer erziehbar, frech. Mit vierzehn hat sie ihrer Mutter einen Zettel geschrieben: Danke für alles, aber ich kann nicht mehr.“ Sie tauschte ihr Teenie-Zimmer gegen die Jugendschutzeinrichtung und zog dann in die Jugendwohngemeinschaft in Köln. Auf der Domplatte verliebte sie sich in den Jungen mit den schönsten Augen. Mit ihm war es das erste Mal und es tat höllisch weh. Er sagte allen, dass sie wie ein Bügelbrett dalag. Sie zogen sie auf und amüsierten sich, sie schämte sich so sehr, dass sie keinen Ton mehr rausbrachte und auf ihrer Unterlippe kaute.

Fazit: Sarah Lorenz hat ein außergewöhnlich tiefgreifendes Debüt geschrieben. Sie lässt ihre Protagonistin mit Ende dreißig ein Lebensresümee ziehen, indem sie mit ihrer Lieblingsdichterin Mascha Kaléko in Zwiesprache geht. Der Mascha erzählt sie ihr Leben, bestehend aus einzelnen Episoden, die sich aneinanderreihen und sie zu dem Menschen machten, von dem sie nie geglaubt hätte, dass sie so werden könnte. Schon früh kam sie in staatliche Obhut, weil die Mutter die Trennung vom Kindsvater nicht verkraftet hat. Die Parallelen zum Leben der Mutter sind augenscheinlich. Die Liebe oder besser, das, was Elisa darunter versteht, wird für sie das erstrebenswerteste Ziel. Sie sucht die Wertschätzung und Anerkennung, die sie zu Hause verloren hat. Sie ist so stark geprägt durch ihre emotional unsichere Kindheit, dass sie in Beziehungen gelernte Muster wiederholt, indem sie die Nähe emotional unsicherer Männer sucht. Elisa kannte ihre eigenen Grenzen nicht und konnte sie nicht verteidigen. Zahlreiche Männer bedienten sich an ihrer Offenheit und Freizügigkeit. Sie wurde behandelt, wie sie sich fühlte, wie ein wertloses Etwas. Alles klingt autobiografisch, wird doch als Roman verkauft und so sei es drum. Die Worte, die die Autorin findet, diese Geschichte zu erzählen, machen ihre Liebe zur Literatur deutlich. Sie schafft es, krasse Erlebnisse durch ihren Humor und ihre Zuversicht zu entschärfen. Daher liest es sich trotz allem mit einer angenehmen Leichtigkeit. Erst im Nachhinein entfaltet diese Geschichte eine emotionale Kraft, die mir das Herz zusammenkrampft. Ein ganz besonderes Buch, dem ich die allergrößte Aufmerksamkeit wünsche.

Es ist eine Geschichte, wie sie viele Kinder- und Jugendliche erleben (geschätzte 6.500 Minderjährige in Deutschland waren in 2023 obdachlos) und das ist megatraurig. Ich war auch eine davon, erst mit siebzehn und nicht in Köln, sondern in Düsseldorf, aber unsere Geschichten sind nahezu identisch. Viele, die ich damals kannte, haben ihr fünfzigstes Lebensjahr nicht erreicht. Die Reihen lichten sich. Hintergrund bei uns allen, körperliche Gewalt, Missbrauch, emotionale Verwahrlosung, überall das Gleiche.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Ein durch und durch spannungsgeladenes Romandebüt

Nest
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Ciara und Ryan fahren mit der vierjährigen Sophie und der jüngeren Ella an den Strand. Ryan will mit seinen Töchtern schwimmen gehen, aber sie können es noch nicht und es ist zu kalt, insistiert Ciara. ...

Ciara und Ryan fahren mit der vierjährigen Sophie und der jüngeren Ella an den Strand. Ryan will mit seinen Töchtern schwimmen gehen, aber sie können es noch nicht und es ist zu kalt, insistiert Ciara. Sie soll ihnen die Neoprenanzüge anziehen. Sie quetscht die Mädchen in ihre alte Schwimmausrüstung und weiß, was passieren wird. Wo die neuen Anzüge seien, für die er ihr extra Geld gegeben habe. Er nimmt die Mädchen an der Hand und schreitet mit ihnen ins Wasser. Ella brüllt Mammy, reißt sich los und rennt zu ihrer Mutter. Sophie folgt Ella sofort. Ryan springt elegant in die Flut und schwimmt ein paar Züge. Ciara schält die beiden aus dem widerspenstigen Material und trocknet sie ab. Ella weint und klappert mit den Zähnen.

Zuhause kocht sie Penne mit Tomatensoße. Ryan schiebt die Nudeln von links nach rechts, steht auf, er gehe auswärts essen. Als er zurückkommt, wirft er ihr vor, dass sie ihn vor den Mädchen bloßgestellt habe. Sie würde ihn kontrollieren, genau wie ihre verdammte Mutter, die alles orchestrieren müsse. Er will sein Geld für die neuen Neoprenanzüge zurück und das Wechselgeld vom letzten Einkauf. Sie schläft, wie so oft, mit dem Rücken zur Kinderzimmertür, Ella in ihrem Arm. Sie weiß, dass sie etwas unternehmen muss, aber sie weiß nicht wie. Sie hat 120 Pfund, damit kommen sie nicht weit.

Als sie sich vor fünf Jahren kennenlernten, war er charmant und klug und er sah so gut aus. Sie redeten miteinander, er führte sie zum Essen oder zum Tanz aus. Sie wurde schwanger, heiratete ihn, verließ ihre Eltern und zog rüber zu ihm nach Irland. Sie wollte als Grundschullehrerin arbeiten, aber er wollte, dass sie sich um Sophie kümmerte. Er veränderte sich, fing an, sie zu beschimpfen. Wenn sie sich wehrte, befürchtete sie, dass er sie schlagen würde. Sie hatte noch nie so viel Hass in einem Gesicht gesehen. Er sprach tagelang nicht mit ihr. Und dann war er wieder wie ausgewechselt und sie zweifelte an ihrer Wahrnehmung, sagte sich, sie müsse sich zusammenreißen, so schlimm sei es doch gar nicht.

Fazit: Roisin O´Donnell hat ein grandioses Debüt hingelegt. Ihre Protagonistin hat sich auf den falschen Mann eingelassen. Nach anfänglicher Verliebtheit entpuppt sich ihr Prinz als narzisstische Persönlichkeit. Er entfremdet sie von allen sozialen Kontakten und forciert ihre Abhängigkeit von ihm. Ihr Selbstwert leidet so sehr, dass sie sich selbst infrage stellt und zu der Überzeugung gelangt, dass sein Verhalten an ihr liegt. Seine Unberechenbarkeit hält sie permanent in Alarmbereitschaft. Sie findet nicht zum ersten Mal einen Ausweg, droht aber durch seine Manipulationen zu scheitern. Ihre Schamgefühle sind ebenso groß wie ihre Angst. Es ist nicht schwierig, Sachbücher über narzisstische Männer zu schreiben, aber Worte wie „Gaslighting“, „Empathielosigkeit“, „Missgunst“, oder „Selbstverherrlichung“ bleiben Konstrukte. Und deshalb ist dieses Buch so besonders. Die Autorin zeigt in Prosa ganz genau, wie sich betroffene Frauen fühlen, wenn ihnen niemand glaubt, dass sie psychisch misshandelt und emotional missbraucht werden. Ich weiß, dass es vielen Frauen so geht, dass sie sich nach den anfänglichen Engelstrompeten in der Hölle wiederfinden und der Ausgang verschlossen ist, deshalb finde ich diese Geschichte so gut gemacht. Ich habe von der ersten bis zur letzten Seite mit der Heldin gefühlt und gelitten. Ein durch und durch spannungsgeladener Roman. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein rundum gelungener Roman

Die erste halbe Stunde im Paradies
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Anne ist Anfang dreißig und arbeitet als Pharmavertreterin. Angefangen hat sie mit Hustensaft und sich mittlerweile zu Psychopharmaka hochgearbeitet Diazepam ist nach wie vor das Mittel zur Wahl und wird ...

Anne ist Anfang dreißig und arbeitet als Pharmavertreterin. Angefangen hat sie mit Hustensaft und sich mittlerweile zu Psychopharmaka hochgearbeitet Diazepam ist nach wie vor das Mittel zur Wahl und wird entsprechend oft verordnet. Anne hält sich für eine Benzodiazepinkoryphäe. Sie braucht nur noch zwanzig Credit Points, um sich für den Innendienst bewerben zu können und tausende Kilometer Asphalt hinter sich zu lassen. Sie ist unterwegs zu diesem Frischlingsseminar, weil die Firma mehr soziale und kommunikative Kompetenzen von ihr erwartet. Sie folgt diszipliniert ihrem Alltag nach Vorschrift, geht früh schlafen und steht früh auf. Ihre Morgenroutine beinhaltet das Laufen nach ihrer Fitness App. Sie ist überzeugter Single:

Keine Beziehung bedeutet auch kein schwarzes Loch, das Lebensenergie frisst und Verpflichtungen und Konflikte am laufenden Band produziert. S. 22

Zu ihrem etwas älteren Bruder hat sie keinen Kontakt mehr. Damals ging alles drunter und drüber. Sie hatten sich schon sehr früh, mit vereinten Kräften, um die chronisch kranke Mutter gekümmert, dann ist Kai einfach abgehauen und nicht zurückgekommen. Die Krankheit begann mit zitternden Händen. Die Oper engagierte sie schon längst nicht mehr. Und auf Hochzeiten oder kleineren Festen wollte sie auch bald niemand mehr singen hören. Dann fingen die Gleichgewichtsstörungen an, die sich dermaßen verstärkten, dass sie hinfiel. Sie durften mit niemandem darüber sprechen, weil Mutter Angst hatte, dass man ihr Anne wegnehmen würde. Also hörte Anne auf zu existieren. Offiziell gab es nur noch Kai.

Fazit: Janine Adomeit erzählt eine Geschichte über familiären Zusammenhalt und kindliche Prägung. Ihre Protagonistin musste früh Verantwortung übernehmen. Der einzige Orientierungspunkt war der ältere Bruder, der im gleichen falschen Film lebte. Anne, mit der Krankheit ihrer Mutter heillos überfordert, klammerte sich an die Hoffnungen, die Mutter und Ärzte ihr machten. Wirklich exzellent herausgearbeitet hat die Autorin die überbeanspruchten Kinder, die kein eigenes Leben haben und die egoistische Mutter, die das von ihnen verlangt und erwartet. Beide Kinder sind als Heranwachsende zutiefst gebeutelte Persönlichkeiten. Während Anne durch Perfektionismus glänzt, in sich selbst jedoch einsam und nähevermeidend ist, erliegt Kai einer intensiven Sucht. Ebenfalls arg gut gezeichnet fand ich den Charakter Annes. Ihre Überheblichkeit, das Kontrollbedürfnis, das darauf gründet, nie wieder die Fäden aus der Hand zu geben und fallen gelassen zu werden. Großartig! Und obwohl Anne mich als Leserin so unangenehm berührt, ist ihr Schmerz für mich spürbar und Kais Leid unübersehbar. Die Geschichte wird aus Sicht Annes erzählt. Die Autorin bedient sich einer Sprache, die so einfach wie wirkungsvoll ist. Sie verzichtet auf emotionale Übertreibungen und berührt mich genau damit. Ich mag die Dialoge sehr. Ein rundum gelungener Roman, den ich hundertprozentig empfehle.

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Das war mir zu seicht

Wie du mich ansiehst
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Johanna sieht ihrer Tochter dabei zu, wie sie sich für eine Party schminkt. Sie erinnert sich zurück, als sie der zweijährigen Rosa das Zähneputzen beibrachte und sie dazu einfach ins Waschbecken setzen ...

Johanna sieht ihrer Tochter dabei zu, wie sie sich für eine Party schminkt. Sie erinnert sich zurück, als sie der zweijährigen Rosa das Zähneputzen beibrachte und sie dazu einfach ins Waschbecken setzen konnte. Oder wie sie sich beide mit der Kinderschminke Schmetterlinge ins Gesicht gemalt haben. Sie hatte Rosa immer die Zöpfe geflochten, bis auf einmal, da hat es die neue Kindergärtnerin gemacht und Rosa wollte sie sich partout nicht wieder lösen lassen. Johanna hatte es heimlich versucht, als sie dachte, Rosa sei eingeschlafen, aber die hatte ihr die Hände weggeschlagen und sie böse angeschaut. Das war wie ein Stich für Johanna, die auf ihrer Eifersucht herumkaute.

Hendrik ist wieder zur See gefahren und die beiden leben mindestens einen Monat allein miteinander. Johanna hat mit ihrem Blumenladen so viel zu tun, dass sie abends nicht mehr kochen mag und Rosa und sie arrangieren sich damit, essen Tiefkühlpizza oder Brote. Nur den Haushalt macht keine, darum kümmert sich immer Hendrik, wenn er zu Hause ist, bis dahin lassen sie es schleifen.

Johanna möchte sich ins Bett legen, sie ist furchtbar müde und muss sehr früh zum Großmarkt, aber sie weiß, dass sie nicht einschlafen kann, wenn ihre Tochter unterwegs ist. Rosa allerdings will vor dreiundzwanzig Uhr daheim sein. Sie stellt einen Wecker vor Johannas Schlafzimmertür und wird ihn später ausstellen, bevor er klingeln kann. Johanna schaut in den Spiegel und sieht die tiefe Zornesfalte über ihrem Nasenrücken. Sie ist gerade einmal Anfang vierzig und merkt im Alltag, wie sie verblasst und zu verschwinden droht. Sie zieht die Stirn nach oben und die Falte wird schmäler, vielleicht sollte sie etwas machen lassen, nur ein ganz klein wenig nachhelfen.

Fazit: Tja, wo fange ich an? Eva Lohmann hat hiermit ihren zweiten Roman geschrieben. Ich habe ihn gelesen, weil mir ihr erster „Das leise Platzen unserer Träume“ gut gefallen hat. In vorliegendem Buch erzählt die Autorin von einer Frau mittleren Alters, deren geliebte Tochter flügge wird. Die Protagonistin möchte die enge Bindung zu ihr beibehalten, möchte weiterhin gebraucht werden. Im Alltag fühlt sie sich alt, farblos und unsichtbar. Als sie etwas „machen lässt“ gerät sie mit Mann und vor allem Tochter in Konflikt. Sie beginnt zu hinterfragen, was wirklich zählt im Leben und ordnet ihre Prioritäten neu. Zu Anfang der Geschichte fand ich ihre Sorgen über das Älterwerden trivial, vielleicht liegt es am Erzählstil. Denn tatsächlich passieren im Körper einer Frau, die die Vierzig überschreitet ja unendlich viele neue und verunsichernde Prozesse, die für die Betroffenen alles andere als oberflächlich erlebt werden. Dann war mir die Klüngelei zwischen Mutter und Tochter zu viel, der perfekte Ehemann, die lange Zeit, die sie durch seinen Beruf getrennt sind so easy, weil sie gut allein sein kann. Und dann kam mir alles, was ich las fad vor, so heil und harmonisch. Hier und da ein paar kleine Herausforderungen, die halt gemeistert werden. Für mich ein flacher Unterhaltungsroman, der wichtige Themen anschneidet, aber nicht vertieft.

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Die Idee hat mir gefallen, die Umsetzung nicht

Die Summe unserer Teile
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Nur noch ein Tag bis Semesterende und Lucy ist aufgedreht. Phil will ihr in den nächsten Tagen die Berliner Seenlandschaften zeigen. Weg von den Spielen, die sie programmieren wollen. Sie hüpft die Stufen ...

Nur noch ein Tag bis Semesterende und Lucy ist aufgedreht. Phil will ihr in den nächsten Tagen die Berliner Seenlandschaften zeigen. Weg von den Spielen, die sie programmieren wollen. Sie hüpft die Stufen des Berliner Altbauflurs hinauf in die Wohnung, die sie sich mit Oliver teilt. Als sie die Tür ihres Zimmers öffnet, vergeht ihre gute Laune sofort. Ihr Schreibtisch und der Stuhl wurden zur Seite geschoben, um einem Konzertflügel Platz zu machen. Sie kennt den Steinway, der mehr als den halben Raum für sich beansprucht genau. Sie hatte lange darauf spielen müssen, zur Freude ihrer Mutter. Obwohl sie sicher ist, dass ihre Mutter ihr das Kindheitsmonster geschickt hat, wundert sie sich, dass auf dem Lieferschein der Mädchenname ihrer Großmutter steht.

Erst vor drei Jahren ist Lucy von München an die TU Berlin gegangen, um Mathematik zu studieren. Den Kontakt zu ihrer erdrückenden Mutter und den zu allem schweigenden Vater hat sie abgebrochen. Jetzt haben sie wohl doch herausgefunden, wo sie steckt. Lucy weiß nicht viel über ihre Großmutter, eigentlich nur, dass sie mehrfach abgehauen ist. Zuerst vor dem schreienden Vater und der erdrückenden Mutter nach Sopot, in die Danziger Bucht, zu ihrer Tante, aber die hat sie sofort in den Zug zurück gesetzt. Dann ist sie 1942 vor den Nazis geflüchtet. Jemand half ihr über die Grenze nach Ungarn, von dort in die Türkei und dann in den Libanon, wo sie Physik studierte.

Fazit: Paola Lopez hat in ihrem Debüt eine Familiengeschichte geschaffen, die drei Generationen zeigt. Kapitelweise erzählt sie aus dem Leben der jungen Lucy, ihrer Mutter Daria und deren Mutter Lyudmila. Alle drei Frauen haben sich für ein Studium entschieden, das sie ehrgeizig zu Ende bringen. Die Autorin hat einen Generationskonflikt geschaffen, wie es ihn häufig gibt. Lyudmila hat traumatische Erfahrungen gemacht, musste ihr Land verlassen und sich in einer fremden Kultur alleine durchbeißen. Sie fordert von anderen ebensoviel wie von sich selbst, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ihre Tochter Daria hadert mit ihrer Mutter, weil sie sich ungewünscht fühlt. Sie erinnert ihre Mutter hart und selbstbezogen. Die Jüngste im Bunde, Lucy, fühlt sich von ihrer Mutter unterdrückt und emotional erpresst. Es wirkt, als habe jede Generation den roten Herkunftsfaden an die Nächste weitergegeben und nur die Lebenden können das Dilemma auflösen. Ich muss gestehen, dass ich kaum in die Geschichte hineingefunden habe. Alle drei Frauencharaktere sind dominant, selbstbezogen, überheblich und selbstüberschätzend. Diese emotionale Kühle zieht sich durch den gesamten Roman. Wenn Gefühle gezeigt werden könnten, werden sie von Pathos überdeckt. Die Autorin hat viele Beschreibungen chemischer Experimente, mathematischer Gleichungen und ebensolche Metaphern genutzt, die mich aus dem Lesefluss gehauen haben. Ich habe mehr gedacht als gefühlt und häufig den Kopf geschüttelt. Die Idee der Geschichte hat mir gefallen, aber die Umsetzung gar nicht.

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