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Veröffentlicht am 27.01.2025

Ein wichtiges, aber schwer zu ertragendes Buch

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
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Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, ...

Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, genau um 20.25 Uhr, erhält sie einen Anruf ihrer Mutter, Gisèle Pelicot. Ihr Vater Dominique wurde verhaftet, weil er ihre Mutter über etwa 10 Jahre hinweg betäubt, anderen Männern zum Missbrauch angeboten und die Taten ins Internet gestellt hat. Im Laufe der Ermittlungen soll sich herausstellen, dass auch sie auf Fotos ihres Vater zu sehen ist, ebenso wie ihre beiden Schwägerinnen.

„Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ wurde von Michaela Meßner und Grit Weirauch ins Deutsche übersetzt und enthält Caroline Darians tagebuchartige Aufzeichnungen vom 1.11.2020 bis zum 28.11.2021. Der Prozess gegen ihren Vater ist also nicht Bestandteil des Buches, wird aber im Vorwort kurz angesprochen. In der Ich-Form versucht die Autorin, das Geschehene zu verarbeiten; vor allem der Gedanke, Tochter des Opfers und des Täters gleichzeitig zu sein, beschäftigt sie. Immer wieder lässt sie in kursiver Schrift Erinnerungen an den Vater einfließen, gute und schlechte, und spricht ihn direkt an.

„Warum habe ich nichts von all dem geahnt?“, das fragen sich Caroline und ihre Familie, dabei gab es durchaus Anzeichen. Gisèle Pelicot hatte häufig Erinnerungslücken und gynäkologische Probleme. Der Vater geriet ständig in finanzielle Schwierigkeiten und das Ehepaar war bereits einmal geschieden, heiratete dann aber wieder. Gefasst wurde Dominique Pelicot nur, weil er drei Frauen unter den Rock fotografiert hatte und diese ihn anzeigten – eine mutige Tat, die seiner Ehefrau vermutlich das Leben rettete. Mutter und Tochter reagieren sehr unterschiedlich auf die Geschehnisse: Gisèle versucht, einzelne Dinge zu leugnen und bringt ihrem Peiniger sogar warme Kleidung ins Gefängnis; Caroline wütet und rechnet mit dem Verbrecher ab, der nicht länger ihr Vater ist. Dieser schreibt währenddessen Bittbriefe aus dem Gefängnis, inszeniert sich als Opfer und spricht von seiner Frau ironischerweise als der „Liebe meines Lebens“.

Dieses Buch ist nicht einfach zu lesen, aber es ist ein enorm wichtiges. „Die Schuld muss die Seite wechseln“, das sagt die Autorin in ihrem Text und aus diesem Grund wollte ihre Mutter auch, dass der Prozess in der Öffentlichkeit stattfindet. Caroline hat inzwischen einen Verein gegründet, um sich für die Opfer der so genannten „chemischen Unterwerfung“ einzusetzen – die in Deutschland übrigens keinen eigenen Straftatbestand darstellt!

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Spannender Jugendthriller auf engem Raum

Five Survive
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Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem ...

Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem Weg zum ersten Campingplatz verfahren sie sich und landen mit einem platten Reifen irgendwo im Nichts. Sie steigen aus, wechseln das Rad und wollen gerade wieder losfahren, da ertönen Schüsse. Nun sind alle Reifen zerfetzt und der Benzintank leer – doch wer lauert dort draußen auf sie und warum?

Ja, ihre Bücher mögen gehypt sein, aber Holly Jacksons Geschichten funktionieren einfach für mich. Schon ihre „A Good Girls’ Guide to Murder“-Trilogie fand ich sehr spannend und auch „Five Survive“ wartet mit vielen unerwarteten Wendungen und einer erdrückenden, aufgeladenen Stimmung zwischen den Figuren auf. Die deutsche Übersetzung stammt von Cherokee Moon Agnew. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Red, so dass wir als Leser*innen immer nur ihren Wissensstand haben – wobei von Beginn an klar ist, dass auch Red Dinge vor uns verbirgt.

Es ist eine bunt gemischte Truppe, die sich im Wohnmobil befindet. Red, deren Mutter ermordet wurde und die ihn ärmlichen Verhältnissen lebt, Maddy, ihre beste Freundin und deren älterer Bruder Oliver, die beide reich sind. Reyna, Olivers Freundin, die – wie Red – nie ganz dazugehören wird, weil sie ebenfalls aus eher prekären Verhältnissen stammt. Simon, der sich als Spaßmacher gibt und Arthur, ein Freund von ihm, den eigentlich keiner so genau kennt. Schließlich meldet sich der Schütze von außerhalb: einer der 6 Freunde hat ein Geheimnis und wenn er oder sie es nicht preisgibt, werden alle sterben.

Im Wohnmobil entwickelt sich eine unheimliche Machtdynamik. Aus anfänglicher Teamarbeit und ausgetüftelten Fluchtplänen werden schnell gegenseitige Anschuldigungen. Vor allem Red gerät in den Fokus und muss sich fragen, wem sie eigentlich noch trauen kann und ob es vielleicht nicht doch sie selbst ist, die mit dem schrecklichen Geheimnis gemeint ist. Ein wirklich spannender Jugendthriller, an einigen Stellen vielleicht etwas konstruiert.

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Veröffentlicht am 19.01.2025

Für Betroffene sicher hilfreich, aber auch sehr privilegiert

Der Club der hysterischen Frauen
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Ein Ausflug an den Badesee verändert Sarah Rameys Leben für immer. Eine Harnwegsinfektion und die darauffolgende Behandlung lösen eine ganze Lawine an schmerzhaften Eingriffen und mysteriösen Symptomen ...

Ein Ausflug an den Badesee verändert Sarah Rameys Leben für immer. Eine Harnwegsinfektion und die darauffolgende Behandlung lösen eine ganze Lawine an schmerzhaften Eingriffen und mysteriösen Symptomen aus. Sie hat katastrophale Erlebnisse mit traditionelle Medizinern und probiert alle möglichen alternativen Heilmethoden aus. Doch auch 20 Jahre später ist ihre Diagnose noch immer nicht in Stein gemeißelt. Doch warum leiden oft Frauen an solch mysteriösen Krankheiten und was können wir gegen dieses Ungleichgewicht unternehmen?

„Der Club der hysterischen Frauen“ ist der erste Roman der Schriftstellerin Sarah Ramey, die auch schon Reden für Barack Obamas Wahlkampf verfasste und unter dem Künstlernamen Wolf Larsen Musik macht. Die deutsche Übersetzung stammt von Sophia Lindsey und Katharina Martl. Das Buch ist in insgesamt drei Teile gegliedert: im ersten schildert die Autorin die ersten Jahre ihrer Leidensgeschichte bis zu einem gewissen Wendepunkt, im zweiten entdeckt sie neue Heilmethoden für sich und im dritten versucht sie, einen möglichen Weg aus dem Schmerz aufzuzeigen.

Es ist erschreckend, was Sarah Ramey über ihr Leben mit verschiedenen mysteriösen Krankheiten erzählt. Sie nennt sich selbst und ihre Leidensgenossinnen „WOMI“, also eine „woman with a mysterious illness“. Ärzte gehen über sie hinweg, ignorieren ihren Schmerz und finden es furchtbar unbequem, wenn sie – die an einem chronischen Schmerzsyndrom leidet – in ihrer Gegenwart weint. Ich denke, dass viele Menschen mit einer Autoimmun- oder einer anderen Erkrankung, sich durch dieses Buch gesehen fühlen und erkennen, dass sie nicht allein sind.

Ich habe jedoch auch Kritikpunkte. Die Ursache, dass das Leiden von Frauen anders beurteilt wird, sucht Ramey in einer seltsam spirituellen Theorie darüber, was „das Männliche“ und „das Weibliche“ ist; hier hätte ich mir Studien und Fakten gewünscht. Zudem erkennt die Autorin leider nicht, wie privilegiert sie ist. Ihre Eltern sind Ärzte, für Behandlungen zieht sie quer durchs Land und verbringt Jahre nur mit Recherche. Wer kann sich solch einen teuren Weg zur Heilung leisten?

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Was ist Traum und was Realität?

Unmöglicher Abschied
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Schriftstellerin Gyeongha lebt allein und ist des Lebens so müde geworden, dass sie bereits an ihrem Testament arbeitet. Doch dann erreicht sie eine Nachricht von ihrer Freundin Inseon. Die liegt nach ...

Schriftstellerin Gyeongha lebt allein und ist des Lebens so müde geworden, dass sie bereits an ihrem Testament arbeitet. Doch dann erreicht sie eine Nachricht von ihrer Freundin Inseon. Die liegt nach einem Unfall im Krankenhaus in Seoul und bittet Gyeongha, sich auf den Weg zu ihrem Haus in Jeju zu machen, wo sie ihren Vogel Ami zurücklassen musste und um den sich nun niemand kümmert. Gyeongha macht sich auf den beschwerlichen Weg, aber wird sie rechtzeitig ankommen?

„Unmöglicher Abschied“ ist der neuste Roman der frisch gebackenen Nobelpreisträgerin Han Kang, die deutsche Übersetzung stammt von Ki-Hyang Lee. Erzählt wird die Handlung hauptsächlich aus der Perspektive der Protagonistin in der Ich- und Vergangenheitsform. Immer wieder werden aber auch andere Stimmen eingeflochten, seien es Erzählungen Inseons oder Auszüge aus Dokumenten, die sich im Besitz der Familie befinden. Der Roman ist dabei in mehrere Teile gegliedert: Teil 1 beschreibt Gyeonghas mühsame Anreise nach Jeju (durch einen Schneesturm), Teil 2 gibt die Geschehnisse nach ihrer Ankunft wieder und Teil 3 schließt den Text auf mysteriöse Weise ab.

Inseons Familiengeschichte ist fest mit dem so genannten Jeju-Aufstand verknüpft, einem Massaker, bei dem Polizei und Militär zwischen April 1948 und August 1949 mindestens 27.000 Menschen töteten; die genaue Zahl ist unbekannt. Inseons Mutter entging dem Tod durch Zufall, musste aber hinterher die Leichen von Verwandten identifizieren; der ältere Bruder geriet in Gefangenschaft. Han Kang beschreibt sehr eindrücklich, wie diese Traumata eine ganze Familie geprägt haben, wie Inseons Mutter zeit ihres Lebens unter den Erinnerungen litt und bis zu ihrem Tode verzweifelt nach dem verschollenen Bruder suchte.

Thematisch schließt sich „Unmöglicher Abschied“ an Han Kangs „Menschenwerk“ an, welches sich mit dem Gwangju-Aufstand von 1980 befasste. In diesem neuen Roman verschwimmen nun aber noch stärker die Grenzen zwischen Traum und Realität, so dass über weite Strecken unklar bleibt, was nun eigentlich tatsächlich geschieht - dafür überzeugt die Autorin erneut mit ihrer poetischen Sprache.

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Veröffentlicht am 08.01.2025

Viel Potenzial verschenkt

A Bookboyfriend for Christmas
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Mia ist überglücklich, als sie bei einem Gewinnspiel ein Weihnachten in der Buchhandlung gewinnt. Mehrere Tage soll sie dort eingeschlossen werden – für Mia ein absoluter Traum. Sie will die Zeit mit Lesen ...

Mia ist überglücklich, als sie bei einem Gewinnspiel ein Weihnachten in der Buchhandlung gewinnt. Mehrere Tage soll sie dort eingeschlossen werden – für Mia ein absoluter Traum. Sie will die Zeit mit Lesen und Snacks verbringen und alles mit ihren Followerinnen auf Booktok teilen. Doch statt der Besitzerin selbst, erscheint ihr Bruder Nick, um die Buchhandlung aufzuschließen und beide werden gemeinsam dort eingeschneit. Wird der grimmige Arzt nun Mias perfektes Weihnachtsfest verderben?

Die Prämisse von „A Bookboyfriend for Christmas“ von Freya Miles klang für mich perfekt, denn welche Leseratte möchte nicht einmal ganz ausgiebig und ungestört in einer Buchhandlung herumstöbern? Auch der Blick auf Mia als Booktokerin versprach interessant zu werden. Leider tritt das Setting schon bald in den Hintergrund und überhaupt sind weder Bücher, noch Mias Account ein zentrales Thema. Dafür geht es fast ausschließlich an um das Verhältnis zwischen den beiden und der anfängliche Schlagabtausch entwickelt sich schon bald (zu bald?) zu einem Flirt.

Generell war die Anziehung zwischen Mia und Nick nur schwer zu greifen. Er ist ein erfolgreicher Arzt, der nur für den Job lebt und sich ziemlich arrogant verhält. Mia hingegen ist lebensfroh, auch wenn ihr Booktok-Account ihr mehr Freude bereitet, als ihr eigentlicher Job als Rechtsanwaltsgehilfin. Die Verbindung der beide ergibt sich nur aus Traumata, die beide erlebt haben und das wirft für mich die Frage auf, ob eine Beziehung auf so einer Basis stabil stehen kann. Auch Nicks Verhaltensänderung scheint nicht plausibel. Er kann sich also einer Fremden gegenüber auf einmal liebe- und verständnisvoll benehmen, zuvor war ihm das aber weder bei seiner Schwester, noch bei langjährigen Kolleg
innen möglich?

Der weitere Handlungsverlauf wirkt dann auch recht konstruiert, einschließlich eines Einbrechers, der plötzlich zum Helfer wird und eines guten Samariters aus der Nachbarschaft. Mir fehlt hier einfach Tiefe; was den Verlauf der Geschichte betrifft und besonders in Bezug auf die Charaktere. So bleiben Mia und Nick leider blass und ihr Schicksal lässt mich einfach kalt – schade, hier wurde viel Potenzial verschenkt!

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