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Nilchen

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Veröffentlicht am 16.11.2022

Keine Leiche, kein Verbrechen

Die letzte Tür vor der Nacht
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Es gibt zwar eine brutal ermordete Leiche, aber es handelt sich nicht um einen Krimi! Es verschwindet ein Geschäftsmann in Schwefelsäure und hat sich praktisch aufgelöst, aber das ist nicht der Fokus des ...

Es gibt zwar eine brutal ermordete Leiche, aber es handelt sich nicht um einen Krimi! Es verschwindet ein Geschäftsmann in Schwefelsäure und hat sich praktisch aufgelöst, aber das ist nicht der Fokus des Romans. Denn es ist klar wer die Mörder sind. Fünf Männer, die dubioser nicht sein könnten: ein zwielichter Rechtsanwalt und sein Bruder, ein sehr gewissenloser Kräuterhändler sowie zwei Geldeintreiber. Es ist ein fein ausgetüfteltes Psychogram dieser fünf Täter. Die anfängliche Gewalt dient António Lobo Antunes nur als Ausgangspunkt. Vor allem fußt dieser Leichenfund auf einer realen Begebenheit, die sich in der Nähe Portos zutrug.
Kein Roman, der sich nebenbei weglesen lies. Ich tat mich etwas schwer, vor allem wegen der Syntax. Oder besser, wegen der fehlenden Syntax. Wenig Satzenden, keine Anführungszeichen, nur Spiegelstriche, wenn gesprochen wird. Dann die doch sehr poetische offene mäandernde Sprache, die volle Aufmerksamkeit bedarf. Das machte mir den Lesefluss nicht sonderlich einfach.
Mich hat der Roman „Die letzte Tür vor der Nacht“ gereizt, weil der mittlerweile 80jährige António Lobo Antunes schon des Öfteren genannt wurde als Anwärter auf den Literaturnobelpreis! Der Portugiese hat schon viele Romane geschrieben und dies ist sage und schreibe der 29.! Spannend ist auch, dass er von Hause aus Psychiater ist und lange Zeit als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitete.
Und hier kommen wir zum großen Punkt der Überzeugung dieses Romans. Er ist ein Meister sich in die inneren psychischen Windungen anderer Menschen einzufüllen und zeichnet uns großartige nach in welchem Seelenzustand die Täter sind. Die abwechselnde Erzählperspektive lässt uns komplett eintauchen und wir ergründen sie alle.
Und da António Lobo Antunes in einem Interview mal sagte: „A good reader is hard to find“ (‚Ein guter Leser ist selten zu finden‘) überlasse ich es euch, ob ihr es wagen wollt!

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Veröffentlicht am 10.11.2022

Wie kam der Schmerz in die Familie?

Verbrenn all meine Briefe
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Alex Schulman ist einer DER schwedischen Autoren, die momentan große Aufmerksamkeit genießen. Im vergangenen Jahr erschien ins Deutsche übersetzt der Roman „Die Überlebenden“ und nun ist sein eigentliches ...

Alex Schulman ist einer DER schwedischen Autoren, die momentan große Aufmerksamkeit genießen. Im vergangenen Jahr erschien ins Deutsche übersetzt der Roman „Die Überlebenden“ und nun ist sein eigentliches Debüt übersetzt von Hanna Granz auch bei uns zu haben. Im Original ist diese autofiktionale Geschichte bereits 2018 erschienen und gibt uns einen intimen Einblick ins Schulmans Leben.
Drei Ebene hat der Roman und alle greifen ineinander und sind doch grundsätzlich verschieden. Sein Schreibstil entspannt wieder eine Sogwirkung in dem er sein eigenes psychologisches Familiendrama skizziert:
Analyse. Denn der erste Faden spielt in der Gegenwart und zeichnet ein von unvorhersehbarer Wut und vom Zorn gepackten Mann in Mitten seiner Familie. Alex Schulman schildert seine psychotherapeutischen Aufarbeitungen und macht sich auf die innere und äußere Spurensuche was ihn zu solch einem Verhalten leiten lässt. Schnell wird klar: Es liegt in der Familiengeschichte seiner Mutter begraben und er recherchiert.
Rekonstruktion. Strang Nummer 2 spielt im Jahr 1932, in dem seine Großmutter Karin (der auch das Buch gewidmet ist) ihrer großen Liebe Olof Lagercrantz begegnet, nur leider ist sie bereits verheiratet mit Sven Stolpe. Und dieses Drama entspinnt sich jahrzehntelang. Sven Stolpe macht seiner Frau das Leben zur Hölle und liefert sich einen erbitterten literarischen Kampf mit seinem Nebenbuhler. Olof und Karin lieben sich und doch kann es nicht sein und wird nie gelebt.
Erinnerung. Schulman taucht in seine eigene Kindheit ab und reflektiert wie er den narzisstischen, frauenverachtenden Mann, seinen Großvater, wahrgenommen hat. Mit Kinderaugen verfolgen wir die unheilvolle und kalte Stimmung im Hause der Großeltern.
Auch wenn hier viel vom Autor und all den bekannten schwedischen Literaten in seinem Umfeld enthalten ist, (Auch Karin war im Literaturbetrieb tätig als Übersetzerin ins Schwedische aus 4 Sprachen!) ist und bleibt es ein Roman, da ja doch viel unklar bleibt im Rückblick.
Schulman hat ein besonders ergreifenden Roman geschrieben, der mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt hat. Er hat die Gabe in seinen Texten die Beklemmung einer ganzen Familie darzustellen und zeigt uns wie weit das Unglück dreier Personen noch sehr lange nachhallen kann in den kommenden Generationen. Wirklich ein Stück gute Literatur!

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Veröffentlicht am 08.11.2022

Das Gefühl einer ganzen Generation

Connemara
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Wie kommt ein ur-französischer Roman zu einem Titel einer irischen Landschaft, dem Connemara? Fast zu einfach, es gibt ein französisches Lied, dass den Franzosen vertraut ist, wie uns so mancher Schlager ...

Wie kommt ein ur-französischer Roman zu einem Titel einer irischen Landschaft, dem Connemara? Fast zu einfach, es gibt ein französisches Lied, dass den Franzosen vertraut ist, wie uns so mancher Schlager zum Karneval, es ist „Les lacs du Connemara“ von Michel Sardou. Und genau dieser Grundton soll dem Roman als Basis dienen. Denn es geht um die jetzt 40jährigen, die Generation, der Nicolas Mathieus selbst angehört.
Es geht um Hélène, knapp 40 Jahre alt, hat Karriere gemacht als Unternehmensberaterin in Paris und kommt nun nach einem Burnout mit ihren beiden Kindern zurück in die Provinz. Sie, die es im fernen und feinen Paris in eine Liga geschafft hast, wo wenige mithalten können, ist nun zurück. Sie trifft auf ihre Jungendliebe Christophe, der in der Heimat blieb, bodenständig und immer noch ein toller Kerl. Tja, und dann sind wir auch schon in jenem Klischee, dass schon so oft in der französischen Literatur durchgearbeitet wurde: Paris, das allmächtige Zentral, dass seine fleißigen Bienchen irgendwann wieder ausspuckt und in die Provinz zurückkehren lässt und eben doch wieder „Connemara“ hören und auf die Spitze wird es getrieben durch das Finden der alten Jungendliebe.
Aber keine Sorge, Nicolas Mathieu hat nicht ohne Grund den Prix Goncourt gewonnen. Es ist wahrlich ein altes Sujet, aber es ist wahnsinnig gut erzählt. Natürlich auch mit moderner Färbung, wenn dann von jungen dynamischen Start Up Menschen geschrieben wird. Wir tauchen ab in den Figuren und leben die Emotionen mit. Atmosphärisch und plastisch ist diese Geschichte erzählt. Nicolas Mathieu schreibt großartig und so fein, dass man auf runde Charaktere trifft, einfach gut. Auch die Gegensätze, die sich durch die Personen manifestieren, die Moderne im Vergleich zur Tradition oder eben auch die Provinz im Vergleich zur Metropole sind gut eingefangen. Besonders spannend ist der Klassenaufstieg thematisiert. Sicherlich verdienen Lena Müller und André Hansen auch einen Applaus für eine sehr gelungene Übersetzung!
Fazit: Folgt man dieser Frau in die Provinz ist es mit Haut und Haaren und man erlebt ein großartiges Portrait der gegenwärtigen Generation um die 40 ohne Kitsch und wirklich lesenswert gut.

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Veröffentlicht am 05.11.2022

Gelungen

Am liebsten sitzen alle in der Küche
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Was ein nettes Hörbuch! Ich bin ja eher der Leser als die Hörerin, aber dieses hab ich in der Tat sehr konsequent (statt Podcasts) auf den Ohren gehabt, ob in der Ubahn, beim Aufräumen oder Spazieren. ...

Was ein nettes Hörbuch! Ich bin ja eher der Leser als die Hörerin, aber dieses hab ich in der Tat sehr konsequent (statt Podcasts) auf den Ohren gehabt, ob in der Ubahn, beim Aufräumen oder Spazieren. Eine wirklich gelungene Lesung von Ilka Teichmüller! Sie liest es so klasse, dass man gleich mit den drei tollen Frauen am Tisch sitzt!
Julia Karnick, die ich als Brigitte-Kolumnistin lieben gelernt habe für ihre spritzigen Texte nimmt uns mit in die grundverschiedenen Leben dreier Frauen: Yeliz, eine erfolgreiche Werberin mit Freund, aber ohne Kinder. Hier ist der Clasch der Kulturen zu erkennen und auch die große Frage ob die Männerwahl für den Rest des Lebens so die richtige ist. Dann ist da Tille, die resolute Urologin, schon immer alleinerziehend eines Sohnes und die soeben geschiedene und gut situierte Almut mit 3 Kindern, wobei nur noch das Nesthäkchen zu Hause wohnt. Und diese drei finden sich durch Zufall, sind alle Charakterstark, eine gute Kombination, bei der es aber auch mal knallt. Wie im echten Leben unter echten Frauen, die keine 20…keine 30 mehr sind. Sehr sehr gelungen!

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Veröffentlicht am 05.11.2022

Zu viel ist zu viel -unbedingt lesen!

Globale Überdosis
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Es stockt einem der Atem, wenn man dieses Sachbuch liest und ist konsterniert über diesen einen Stoff: Stickstoff! Einerseits ist das Leben ohne Stickstoff undenkbar, aber zu viel macht ein Gift daraus ...

Es stockt einem der Atem, wenn man dieses Sachbuch liest und ist konsterniert über diesen einen Stoff: Stickstoff! Einerseits ist das Leben ohne Stickstoff undenkbar, aber zu viel macht ein Gift daraus für uns und unsere Umwelt.
Früher war es mal eine Mangelware und musste kreativ wiedergewonnen werden, wie aus Vogelkot. Die Zeiten sind lange vorbei und das Buch erklärt uns wie es zu diesem extremen Verbrauch an Stickstoff und Einsatz als Düngemittel kam.
Vor allem erklärt dieses Sachbuch auch sehr gut wie der Stickstoff wo wirkt, also wenn z.B. Stickoxide in die Luft geblasen werden beim Autofahren mit dem Verbrennermotor und aus diesem Grund unsere niederländischen Nachbarn mittlerweile maximal 100 km/h auf der Autobahn fahren. Ein anderes Beispiel ist die Nitritbelastung des Grundwassers.
Erstaunliche Fakten werden einem serviert und wie der Stickstoff unsere Artenvielfalt kaputt macht, da genügsame Pflanzen keinen Raum mehr finden.
Positiv sind dann auch die praktischen Lösungen, die aufgezeigt werden und die politischen Anregungen, die es gibt. Wenn wir alle uns anstrengen Veränderungen herbeizuführen, dann können wir das Ruder rumreißen und die Welt gesunden lassen.
Geschrieben von Anne Preger, die von Hause aus Geoökologin ist, hat dieses Buch sehr fundiert recherchiert und dann angenehm leicht zu Papier gebracht. Sehr lesbar und vor allem: Das Wissen bleibt haften und bereichert das eigene Tun!
Fazit: Unbedingt lesen! Fahrt langsamer oder ÖPNV, iss weniger Fleisch! Auch hier auf allen Ebenen gewonnen!

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