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Veröffentlicht am 23.05.2025

Ein Roman, der unter die Haut geht

Maikäferjahre
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Das Buch beginnt im Kriegsjahr 1944. Längst glauben nur noch die Wenigsten an die Propaganda und den bevorstehenden Endsieg.
Anni, die kurz vor der Geburt steht, lebt bei ihren Eltern in Dresden. Ihr Mann ...

Das Buch beginnt im Kriegsjahr 1944. Längst glauben nur noch die Wenigsten an die Propaganda und den bevorstehenden Endsieg.
Anni, die kurz vor der Geburt steht, lebt bei ihren Eltern in Dresden. Ihr Mann Fritz ist an der Front, ihr Zwillingsbruder Tristan fliegt Jagdbombereinsätze über England und wird abgeschossen. Er hat Glück und überlebt schwer verletzt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit wird er in einem britischen Hospital gesundgepflegt. Er verdankt sein Leben einem wohlmeinenden schottischen Arzt, für den alle Leben gleich viel zählen, auch deutsche, und der jungen Krankenschwester Rosalie. Doch die beiden sind die Ausnahme, die meisten anderen bringen dem Deutschen Ablehnung und Hass entgegen. Rosalie und Tristan verlieben sich ineinander, sehr zum Entsetzen von Rosalies Familie.
Anni bringt ihr Kind, Clara, zur Welt und erlebt kurz danach den Horror der Dresdener Bombennacht, als die ganze Stadt ein einziges Feuermeer wurde. Sie entkommt dem Inferno nur knapp mit Hilfe des halbjüdischen Geigers Adam, den Annis Vater vor den Nazis versteckt hatte. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Odyssee auf der Suche nach einem sicheren Platz zum Leben. Sie landen in der Heimat von Annis Vater, Tirol, von wo auch ihr Ehemann Fritz stammt. Annis Schwiegereltern sind alles andere als begeistert, als Anni mit einem anderen Mann vor der Tür steht.
„Maikäferjahre“ hat mir wirklich sehr gut gefallen. Anhand der Einzelschicksale erlebt man hautnah die Grausamkeit der Bombenangriffe und der anschließenden Flucht von Millionen von Menschen. Hass und Ablehnung, Liebe und Versöhnung treffen aufeinander. Ein emotional sehr aufwühlendes Buch, das unter die Haut geht. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 17.05.2025

Zwölf Tage im Sommer

Flusslinien
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Die Hauptperson in diesem Generationenroman ist die über hundertjährige Margrit Raven, die in einer Seniorenresidenz an der Elbe lebt und sich gedanklich auf ihren bevorstehenden Tod vorbereitet, indem ...

Die Hauptperson in diesem Generationenroman ist die über hundertjährige Margrit Raven, die in einer Seniorenresidenz an der Elbe lebt und sich gedanklich auf ihren bevorstehenden Tod vorbereitet, indem sie Erinnerungen verarbeitet und sich mit dem Leben ihrer Mutter auseinandersetzt, die im Krieg ums Leben kam. Ihre Mutter wurde früh Witwe und erlebte ihre wohl glücklichste Zeit an der Seite der Landschaftsarchitektin Else, die den wunderbaren Römischen Garten am Ufer der Elbe anlegte. Dorthin lässt sich Margrit täglich von ihrem jungen Fahrer Arthur fahren. Arthur ist Student, Taucher und Erfinder von Sprachen. So macht er sich unter anderem Gedanken über die verschiedenen Arten von Stille und erfindet beispielsweise unterschiedliche Wörter zu Stille, wenn Besuch wieder gegangen ist oder Stille, wenn Freunde gemeinsam schweigen. Diesen Gedanken fand ich faszinierend und sehr originell.
Die dritte Protagonistin ist Margrits 18jährige Enkelin Luzie, die nach einem traumatischen Erlebnis während eines Auslandsaufenthalts die Schule kurz vor dem Abi schmeißt und sich als Tätowiererin selbstständig machen will. Margrit bietet sich als Übungsobjekt an, woraufhin ihr Luzie ein Ganzkörpertattoo des Römischen Gartens sticht. Das wiederum fand ich ziemlich abwegig, zumal die Prozedur zum Teil sehr schmerzhaft ist. Margrits Hintergedanke ist, dass Luzie sich ihr gegenüber während der Stunden des Tätowierens öffnet und ihr erzählt, was in Australien passiert ist. Dass sich andere Bewohner der Seniorenresidenz ihrem Beispiel anschließen und ebenfalls in hohem Alter plötzlich den Wunsch nach Tattoos verspüren, erscheint mir allerdings wenig glaubhaft.
„Flusslinien“ ist ein schwer zu beschreibender Roman, der das Leben der Protagonisten an zwölf aufeinanderfolgenden Tagen erzählt. Er ist poetisch und originell, aber teilweise auch etwas ausufernd. Im Großen und Ganzen habe ich ihn allerdings gerne gelesen, vor allem, als mehr und mehr über die Personen und ihre Beweggründe bekannt wird. Ein wenig seltsam finde ich, dass eine Hundertdreijährige eine 18jährige Enkelin haben soll, noch dazu aus der ersten Ehe ihres Sohnes, dessen jüngsten Kinder aus zweiter Ehe noch ganz klein sind. Aber alles in allem würde ich den Roman durchaus empfehlen, er lebt von den vielen einzelnen Geschichten, die sich wie ein Mosaik zusammenfügen, und hat mich auf emotionaler Ebene sehr berührt.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Teeniegeschichte

Stromlinien
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Die 17jährigen Zwillinge Enna und Jale wachsen bei ihrer Großmutter Ehmi in den Elbmarschen in der Nähe von Hamburg auf. Ihre Mutter Alea hatte an ihrem 18. Geburtstag einen Bootsunfall verursacht, bei ...

Die 17jährigen Zwillinge Enna und Jale wachsen bei ihrer Großmutter Ehmi in den Elbmarschen in der Nähe von Hamburg auf. Ihre Mutter Alea hatte an ihrem 18. Geburtstag einen Bootsunfall verursacht, bei dem viele Menschen ums Leben kamen, und sitzt seitdem im Gefängnis. Jetzt rückt der Zeitpunkt ihrer Entlassung näher und Jale und Enna zählen die Tage und Stunden. Als es dann endlich so weit ist, ist Jale verschwunden und Enna wartet vergeblich vor dem Gefängnis auf ihre Mutter. Verzweifelt sucht sie Jale und Alea. Sind sie gemeinsam verschwunden und wenn ja, warum? Auf ihrer Suche bekommt sie Hilfe von ihrem Klassenkameraden Luca, dessen Mutter ausgerechnet bei der Polizei arbeitet, und auf die Polizei ist Ehmi seit Aleas Verurteilung nicht gut zu sprechen. Nach und nach erfahren wir mehr über die Hintergründe von damals und die Familiengeschichte, die von Schiffskatastrophen geprägt ist. Am Ende fügen sich die losen Fäden zu einem Ganzen, aber so richtig überzeugend fand ich die Geschichte nicht.
Zum einen wissen Jale und Enna bis fast zuletzt nicht, warum ihre Mutter im Gefängnis sitzt. Möglich, dass man als Kind noch nicht nachfragt, aber als Teenager, will man doch wissen, warum die eigene Mutter einsitzt. Selbst wenn die Zwillinge selbst nicht nachgefragt haben sollten, hätten sie spätestens in der Schule von ihren Klassenkameraden die Geschichte, die ja im Dorf bekannt war, erfahren. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Großmutter Ehmi ist auch sehr seltsam und für mich wenig glaubhaft. Sie spricht so gut wie nichts mit ihren Enkelinnen, scheint vollkommen verbittert. Aber am unglaubwürdigsten war für mich das Verhalten von Alea nach ihrer Haftentlassung.
„Stromlinien“ liest sich wie ein Teenieroman. Ich lese gerne ab und zu Jugendromane und Coming-of-Age Geschichten, aber hier hat mich Ennas zickige Art und ihr in manchen Situationen ausgesprochen kindisches Verhalten doch sehr genervt. Die einzig sympathische Person im ganzen Roman ist in meinen Augen Luca. Ich habe das Buch beendet, weil ich wissen wollte, wie alles zusammenhängt, aber für mich war es kein Highlight.

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Von Oldsum nach Long Island

Das Licht in den Wellen
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Die junge Inge verlässt mit Anfang 20 von heute auf morgen ihre Heimatinsel Föhr mit dem Ziel New York. Da es in New York eine große Auswanderergemeinde aus Föhr gibt, findet sie sofort Anstellung in einem ...

Die junge Inge verlässt mit Anfang 20 von heute auf morgen ihre Heimatinsel Föhr mit dem Ziel New York. Da es in New York eine große Auswanderergemeinde aus Föhr gibt, findet sie sofort Anstellung in einem typischen New Yorker Deli. Der Grund für Inges überstürzte Ausreise wird lange Zeit nur angedeutet, erst gegen Schluss erfahren wir den Grund.
Inge scheint ein wahrer Tausendsassa zu sein, bald ist ihr „magic potato salad“ das Aushängeschild des Ladens und sie erhält das Angebot, ihr eigenes Restaurant zu führen. Obwohl sie anfangs von Heimweh geplagt wird und immer wieder eine Rückkehr nach Föhr in Erwägung zieht, schlägt sie Wurzeln in Long Island, zumal sie in der Zwischenzeit ihre große Liebe kennengelernt hat. Ihr neues Restaurant ist ein Riesenerfolg, sogar JFK und andere Berühmtheiten sind Gäste bei „Tante Inge“, wie sie von ihren Gästen genannt wird.
Für mich war dies der erste Roman von Janne Mommsen. Die Leseprobe versprach einen interessanten Roman über die Geschichte deutscher Auswanderer, ich war daher erstaunt, dass es sich mehr um einen Wohlfühl- und Frauenroman handelt. Über lange Zeit wird ausführlich geschildert, wie unglaublich tüchtig Inge ist und alles, was sie in die Hand nimmt, gelingt. Dabei erledigt sie einfach alles selbst: Restaurant renovieren, Lebensmittel einkaufen, kochen, Gäste bedienen, zwischendurch bleibt sogar noch Zeit für Ausflüge mit ihrem Hauke. Eigentlich müssten ihre Tage 48 Stunden haben.
Nach der Hälfte des Buchs habe ich mich ein wenig gelangweilt. Amüsiert hat mich, dass Inge ihrem Bruder einen amerikanischen Toaster als Hochzeitsgeschenk nach Föhr schickt. Ich hoffe, sie hat auch einen Transformator mitgeschickt, sonst hatte der Bruder wenig Freude an dem Geschenk. Dass sich Inges bisheriger Gönner plötzlich von ihr abwendet, das soll wohl Dramatik in die Geschichte bringen, die Erklärung für sein Handeln erscheint mir wenig glaubhaft.
Die Geschichte wechselt immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit. Inge ist mittlerweile 100 Jahre alt, lebt auf Föhr und will ihre Wahlheimat New York noch einmal sehen. Mit ihrer 20-jährigenUrenkelin Swantje besteigt sie ein Schiff in Richtung USA. Das Buch endet damit, dass die beiden in New York ankommen. Eine Fortsetzung ist wohl bereits in Arbeit, ich bin mir sicher, dass Swantje auch im Jahr 2022 alle Türen in New York offenstehen werden und sie einen kometenhaften Erfolg als Modedesignerin hinlegen wird!
Mein Fazit: ein netter Wohlfühlroman für zwischendurch, der von den anschaulichen Beschreibungen von Föhr und New York lebt. Trotz mancher Längen und obwohl ich etwas ganz anderes erwartet hatte, hat mich dieses Buch gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Landlust und Landfrust

Hier draußen
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Das Hamburger Ehepaar Ingo und Lara hat das Leben in der Stadt satt. Als sie in dem kleinen Dorf Fehrdorf eine Stunde außerhalb von Hamburg einen leerstehenden Bauernhof finden, scheint das Leben perfekt. ...

Das Hamburger Ehepaar Ingo und Lara hat das Leben in der Stadt satt. Als sie in dem kleinen Dorf Fehrdorf eine Stunde außerhalb von Hamburg einen leerstehenden Bauernhof finden, scheint das Leben perfekt. Die Kinder Erik und Erin sollen in der Natur, eingebettet in eine Dorfgemeinschaft, aufwachsen. Doch nach einer aufwändigen Renovierung stellt sich die Idylle nicht wie erwartet ein. Das tägliche Pendeln in die Stadt wird für Ingo immer mehr zur Belastung, Lara ist viel allein und kann ihren Job als Illustratorin nicht so ausüben, wie sie sich vorgestellt hatte.
Eines Abends fährt Ingo kurz vor Fehrdorf eine weiße Hirschkuh an. Der hinzugerufene Jäger Uwe besteht darauf, das Tier gemeinsam mit Ingo zu erschießen, da im Dorf erzählt wird, wer eine weiße Hirschkuh erschießt, habe nur noch ein Jahr zu leben. Diesen Fluch will Uwe nicht alleine tragen. Obwohl Ingo und Lara sich über den Aberglauben lustig machen, bleibt ein ungutes Gefühl zurück.
Ich hatte Probleme damit, in das Buch reinzukommen, nach etwa 100 Seiten war ich aber ganz in der Geschichte gefangen und es hat mir Spaß gemacht, die Bewohner von Fehrdorf kennenzulernen. Das Dorfleben ist alles andere als eine Idylle und geprägt von harter Arbeit, sei es im Schweinemastbetrieb oder auf der Hühnerfarm, die nur unter strengsten hygienischen Sicherheitsbedingungen betreten werden kann. Über Laras Anfrage, ob die Kinder sich nicht mal die süßen Küken anschauen können, können die Betreiber nur lachen, viel zu groß ist die Gefahr, Keime einzuschleppen. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen im Dorf werden beleuchtet. Tove ist zum Beispiel mit dem alten Griesgram Enno verheiratet, der sie praktisch als seinen Besitz ansieht. Das Geld, das sie bei ihrem Putzjob verdient, muss sie bei ihm abliefern, dass sie außerdem Tag und Nacht auf dem Hof schuftet, ist für Enno selbstverständlich. Doch Tove erkennt immer mehr, dass sie so nicht den Rest ihres Lebens verbringen will. „Hier Draußen“ ist ein äußerst interessanter Dorfroman ohne den romantisierenden Kitsch diverser Hochglanzmagazine, ein Buch, das ich nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gerne gelesen habe und gerne weiterempfehle.

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