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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.02.2025

Vom Erwachsen werden in der Baby-Boomer-Generation

Schwimmen im Glas
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Verlagstext:

„Lore ist zehn Jahre alt und wächst behütet auf dem Land auf. Ihr Vater ist Bürgermeister, ihre Mutter Sekretärin im Pfarramt, die beiden älteren Brüder interessieren sich hauptsächlich für ...

Verlagstext:

„Lore ist zehn Jahre alt und wächst behütet auf dem Land auf. Ihr Vater ist Bürgermeister, ihre Mutter Sekretärin im Pfarramt, die beiden älteren Brüder interessieren sich hauptsächlich für sich selbst. Lores engste Bezugspersonen sind die Großeltern. Und dann gibt es noch Tante Ursula. Die lebt in der Stadt, kommt nur zu Besuch aufs Land und sorgt mit ihren Ansichten regelmäßig für hitzige Diskussionen im Familienkreis. Außerdem erwartet sie ein Kind – dabei hat sie keinen Mann. Lore findet Ursula faszinierend und besucht sie regelmäßig in der Stadt, wo sie eine ganz neue Welt kennenlernt.

Die erwachsene Lore von heute steht mit beiden Beinen im Leben, als sie unerwartet mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird …“

Meine Meinung:

Eva Lugbauer hat mit diesem Roman die Kindheit der sogenannten Baby-Boomer-Generation trefflich beschrieben. Da ich selbst dazugehöre, habe ich die eine oder andere Situation ähnlich erlebt. Ich bin zwar in der Großstadt Wien aufgewachsen, aber viele der Stehsätze wie „Das verstehst du nicht“ usw. kommen mir sehr bekannt vor. Besonders die Sprachlosigkeit der Großväter, was den Krieg betrifft, ist vermutlich in jeder Familie anzutreffen. Großmütter, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen durften, sondern sich ausschließlich auf die drei Ks (Kinder, Küche, Kirche) jeweils in unterschiedlicher Ausprägung und Reihenfolge gekümmert haben.

Die Eltern der kleinen Lore sind im Dorf ein wenig privilegiert, da der Vater als Bürgermeister und die Mutter als Pfarramtssekretärin durchaus als Respektspersonen gelten. Allerdings macht das Stadt/Landgefälle wenig Unterschied in der patriarchalischen Ordnung in der überkommene Geschlechterrollen nach wie vor präsent sind.

Sehr gut hat mir Lore und ihre scheinbare Unsichtbarkeit gefallen. Sie hört und sieht viel mehr, als ihr die Erwachsenen zutrauen und zubilligen. Das trägt mitunter zu noch mehr Unsicherheit bei. Schade, dass sie sich nicht öfter mit Tante Ursula, dem Enfant Terrible der Familie treffen durfte. Die hätte ihr schon ein wenig mehr vom Leben erzählen können, als nur die neueste Nagellackfarbe.

„Schwimmen im Glas“ ist mein erstes Buch von Eva Lugbauer. Der Schreibstil ist unverkennbar und gefällt mir recht gut. Lores Geschichte rund um ihr Leben/Aufwachsen im Dorf inmitten ihrer Familie wechselt sich mit dem Mädchen und erwachsenen Frau ab.

Fazit:

Ein einfühlsames Buch vom Erwachsen werden in der Baby-Boomer-Generation, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Ein wichtiges Buch!

Die Kurden
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Dieses Buch schildert umfassend die Geschichte der Kurden vom 7. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Schreibstil ist sehr detailliert und zeigt die wechselhafte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. ...

Dieses Buch schildert umfassend die Geschichte der Kurden vom 7. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Schreibstil ist sehr detailliert und zeigt die wechselhafte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches wurde das Siedlungsgebiet der groteils nomadisch lebenden Kurden durch zahlreiche Staatsgrenzen durchtrennt. Ein staatenbildendes Volk der Kurden gibt es demnach nicht. Die Angst davor, sorgt bei jenen Staaten, in den Kurden leben, also in der Türkei, im Nahen Osten und Mittleren Osten, für Unterdrückung ihrer Sprache und Kultur. Manchmal scheint eine Autonomie in greifbarer Nähe zu sein, bis sich wieder zerschlägt.

Schon der häufig verwendete Begriff Kurdistan, der vielen von uns als 2. Buch von Karl May „Durchs wilde Kurdistan“ bekannt ist, ist irreführend. Dennoch verwendet das Autoren-Duo diese Bezeichnung der Einfachheit halber.

Das Autoren-Duo, Martin Strohmeier und Lale Yalçin-Heckmann nimmt uns in vier Abschnitten auf eine Reise nach Kurdistan mit, die uns durch die Türkei, Syrien, Libanon, Iran und Irak führt. Dabei kommen die Einmischungen ausländischer Mächte wie Großbritannien, die USA und die Sowjetunion (inklusive ihrer Nachfolgestaaten) zum Vorschein.

Sprachen und Kulturen
Geschichte der Kurden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Kurden im 20. und 21. Jahrhundert
Wirtschaft und Gesellschaft am Beispiel Südost-Anatoliens

Eine ausführliche Einleitung sowie Erläuterungen, Landkarten und weiterführende Literatur ergänzen das überarbeitete und aktualisierte Buch, das inzwischen seine 6. Auflage erfahren hat.

Martin Strohmeier ist Professor für Türkische Sprache, Kultur und Geschichte an der University of Cyprus in Nikosia/Zypern. Lale Yalçin-Heckmann ist Ethnologin und Privatdozentin an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

Meine Meinung:

Gleich vorweg - das Buch ist auf Grund seines Detailreichtums nichts für Zwischendurch. Hier ist konzentriertes Lesen angebracht. Zudem ist der Schreibstil wissenschaftlich. Manchmal sind die notwendigen Erklärungen nicht ganz konsistent angeführt. Einerseits sofort in Klammer gesetzt, andererseits erst im Anhang erklärt.

Trotzdem hat mich das Buch über die Kurden gefesselt. Spannend zu lesen ist Sicht der jeweiligen Gruppe z.B. aus der Türkei oder dem Iran oder dem Irak.

Ich habe vor einiger Zeit das Buch „Die Kurden - Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ von Kerem Schamberger und Michael Meyen gelesen, das sich ebenfalls mit der aktuellen Situation der Kurden beschäftigt. Beide Bücher ergänzen sich sehr sehr gut.

Fazit:

Ein wichtiges Buch, das zum Verständnis der Lage der Kurden beiträgt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Eine klare Leseempfehlung!

Hotel Silber – neue Zeit, alte Schuld
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Dass ausgerechnet im berüchtigten „Hotel Silber“, dem ehemaligen Sitz der Stuttgarter Gestapo, die neue Kriminalpolizei ihre Heimstatt haben soll, ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte, denn noch wenige ...

Dass ausgerechnet im berüchtigten „Hotel Silber“, dem ehemaligen Sitz der Stuttgarter Gestapo, die neue Kriminalpolizei ihre Heimstatt haben soll, ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte, denn noch wenige Tage vor dem Kriegsende haben die Schergen des NS-Regime Dutzende Menschen dort gefangen gehalten, gefoltert und ermordet.

Einer davon ist Paul Kramer, ehemaliger Polizist und Sozialist, der gerade noch mit dem Leben davon gekommen ist und daher von der US-Army prädestiniert ist, hier mitzuwirken. Natürlich sind Ideologie und Indoktrination nicht über Nacht verschwunden und die Entnazifizierungsverfahren sind mehr Schein als Sein. So trifft Paul Kramer wieder auf seine Widersacher und Peiniger, die alles daran setzen, sowohl ihn einzuschüchtern als auch ihre Verbrechen zu vertuschen.

So wird die Aufklärung des Mordes an Vera Wallner, die gemeinsam mit ihrer Familie fliehen wollte und verraten worden ist, die erste Bewährungsprobe für Paul Kramer.

Hilfe bei seiner Arbeit erhält Paul Kramer von Hilde, der Tochter eines eingefleischten Nazis, die sich von ihrer Familie lossagt, und als Schreibkraft bei der US-Army arbeitet.

Meine Meinung:

Autor Kai Bliesener lässt uns Leser in eine Zeit eintauchen, in der das Alte noch nicht wirklich weg ist und das Neue noch nicht Fuß gefasst hat. Doch wenn ich mit die aktuellen Nachrichten Nachrichten ansehe, scheint es, als hätte das ewig Gestrige nur einen Winterschlaf gehalten, um nun wieder sein böses Haupt zu erheben.

Sowie in Stuttgart das „Hotel Silber“ als Hauptquartier der Gestapo diente, war es in Wien das „Hotel Metropol“, das von 1938 bis 1945 als Haus des Schreckens bekannt war, mit dem Unterschied, dass es nach zahlreichen Beschädigungen durch alliierte Bombenangriffe im Jahr 1948 abgerissen worden ist. Die von Kai Bliesener penibel recherchierten und erschreckend realistisch beschriebenen Szenen haben sich so oder so ähnlich in allen anderen Städten des Deutschen Reiches abgespielt.

Das dunkle Cover mit dem imposanten Gebäude vermittelt schon ein beängstigendes Gefühl.

Fazit:

Diesem sauber aufgelösten, historischen Krimi gebe ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Hier ist wenig, wie es scheint

Haus der Geister
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Als Kriminalrat Gustav Heller und sein Assistent Schrumm in die baufällige Villa der Witwe Adele Blumfeld gerufen werden, um zu überprüfen, ob es beim plötzlichen Tod von Adam Wilhelm Gust mit rechten ...

Als Kriminalrat Gustav Heller und sein Assistent Schrumm in die baufällige Villa der Witwe Adele Blumfeld gerufen werden, um zu überprüfen, ob es beim plötzlichen Tod von Adam Wilhelm Gust mit rechten Dingen zugegangen ist, wissen sie noch nicht, welche Abgründe sich hier auftun und Heller beinahe selbst das Leben kosten werden.

Gust ist, oder war vielmehr, Teilnehmer einer Séance bei Adele Blumfeld, die in Dresden als Medium bekannt ist. Während Heller keinen Augenblick an Geister glaubt, ist Schrumm ein wenig verunsichert, ob es nicht doch welche gibt. Dazu trägt der morbide Charme der großen Villa, in der die Blumfeld mit ihrer stummen und entstellten Dienerin Hermina lebt, bei. Beide scheinen mehrere Geheimnisse zu haben.

Als dann mehrmals das Gerücht vom „Roten Verlies“ auftaucht, und Adam Wilhelm Gust nicht der einzige Tote bleiben wird, beschließt Gustav Heller an einer Séance teilzunehmen

Meine Meinung:

Frank Goldammer ist mit diesem 2. Fall für Kriminal Gustav Heller und seinen Assistenten Schrumm ein fesselnder und komplexer Kriminalroman gelungen. Stellenweise läuft einem ein wohlig-gruseliger Schauer über den Rücken, obwohl schnell klar ist, dass die Erscheinungen in der Villa von Menschen gemacht sind.

Adele Blumfeld ist ein intrigante und abscheuliche Person, die nicht leicht zu überführen ist, zumal so manche höher gestellte Persönlichkeit Dresdens ihre Aktivitäten deckt. Blumfelds scheinbare Mildtätigkeit verdeckt nur die eigene Grausamkeit. Ich habe mich mehrmals gefragt, warum sie der stummen, 16-jährigen Dienerin, die weder Lesen und Schreiben kann, was mehrmals extra betont wird, nicht dasselbe beigebracht hat? Wollte sie Hermina künstlich im Ungewissen lassen?

Es dauert eine geraume Zeit bis Heller hinter die Machenschaften der Blumfeld kommt. Seine ermittlungen wirken sich auch auf sein Familienleben aus.

Der Krimi ist spannend und besticht zur zahlreiche unerwartete Wendungen, die uns Leser dazu bringt, neue Theorien aufzustellen. Ich habe kurz an eine Zwillingsschwester von Hermina gedacht, doch die Auflösung ist so einfach wie komplex.

Gut gefällt mir, dass sich Kriminalrat Heller auch um seinen Assistenten Schrumm kümmert, der allen Anschein nach von seiner Zimmerwirtin übers Ohr gehauen wird.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem komplexen 2. Fall für Kriminalrat Gustav Heller 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 15.02.2025

Habe hier anderes erwartet

Der große Riss
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Große Bauvorhaben wie der Gotthardtunnel, der Suezkanal oder wie hier der Panamakanal, ziehen Abenteurer, Glücksritter und Verzweifelte an, die sich Arbeit und ein besserer Leben erhoffen. Nicht immer ...

Große Bauvorhaben wie der Gotthardtunnel, der Suezkanal oder wie hier der Panamakanal, ziehen Abenteurer, Glücksritter und Verzweifelte an, die sich Arbeit und ein besserer Leben erhoffen. Nicht immer erfüllen sich die Erwartungen. Daher war ich sehr gespannt, wie das Thema umgesetzt würde.

Gleich vorweg, der Bau rund 82 km langen Wasserstraße, die derzeit durch Trumps Allmachtsfantasien wieder in aller Munde ist, wird meiner Meinung nach, nur am Rande berührt. Vielmehr legt Autorin Cristina Henriquez ihren Fokus auf mehrere Personen, die direkt und indirekt mit der Baustelle zu tun haben. Da ist zum Einen Omar, der Sohn eines Fischers, der im Morast arbeitet oder der Arzt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Malaria auszurotten zu wollen und andererseits die beiden Frauen Lucille und Ada, die ihrem Schicksal aus Armut und gesellschaftlichen Konventionen kaum entrinnen können.

Anders als ich es von historischen Romanen rund um Großbaustellen kenne, gibt es kaum technische Detail zum Kanalbau, was mich ein wenig enttäuscht zurücklässt. Die Lebensgeschichten der Protagonistinnen und Protagonisten könnte überall spielen. Vorrangig wird der mühsame Alltag beschrieben, die Teilung der Gesellschaft in Besitzende und Mittellose sowie die untergeordnete Rolle der Frauen. Wie tief der Riss, der durch die Gesellschaft geht, zeigt die Episode als Ada Medikamente für ihre kranke Arbeitgeberin holen will und diese zunächst nicht erhält, weil sie als Arme erkennbar und als „Silberne“ nicht bedient wird.

Der Schreibstil ist gut zu lesen. Allerdings habe ich mich mit keinem der Charaktere so richtig anfreunden können. Gut herausgearbeitet ist der Konflikt zwischen Mittel- und Nordamerika herausgearbeitet sowie die Absiedlung ganzer Dörfer. Das kenne ich allerdings aus zahlreichen Geschichten von großen Bauvorhaben wie z.B. Stauseen in der Schweiz oder Italien.

Das Cover und der Titel sind gut gewählt. Vor allem der Titel kann mehrfach interpretiert werden. Der Riss in der Erdkruste, der zwei Meere miteinander verbindet, gleichzeitig aber die Gräben zwischen Mittel- und Nordamerika aufzeigt oder auch für die Spaltung der Gesellschaft steht.

Fazit:

Ein Roman, von dem ich etwas Anderes erwartet habe, weshalb er nur 3 Sterne erhält.